Das Lied der fernen Erde Arthur C. Clarke Die erste Version dieses Romans, eine Kurzgeschichte von 12500 Wörtern, wurde von Februar bis April 1957 geschrieben und in dem amerikanischen Magazin „IF“ (Juni 1958) und im englischen Magazin „Science Fantasy“ (Juni 1959) veröffentlicht. Einfacher findet man sie vielleicht in meinen bei Harcourt, Brace, Jovanovich erschienenen Sammlungen ‚The Other Side of the Sky‘ (1958) und ‚From the Ocean, Front the Stars‘ (1962). 1979 entwickelte ich das Thema in einem kurzen Filmentwurf, der im Magazin „Omni“ (Bd. 3, No. 12, 1980) erschienen ist. Seither wurde diese Version in der illustrierten Sammlung meiner Kurzgeschichten ‚The Sentinel‘ bei Byron Preiss/Berkley (1984) veröffentlicht, zusammen mit einer Einführung, die erklärt, wie sie entstanden ist und wie sie völlig unerwartet dazu führte, daß ‚2010: Odyssee Zwei‘ geschrieben und verfilmt wurde. Dieser Roman, die dritte und endgültige Fassung, wurde im Mai 1983 begonnen und im Juni 1985 fertiggestellt. Arthur C. Clarke Das Lied der fernen Erde      Tamara und Cherene, Valerie und Hector gewidmet — für ihre Liebe und Loyalität. Nirgendwo im gesamten Weltraum oder auf tausend Welten wird es Menschen geben, mit denen wir unsere Einsamkeit teilen können. Es mag Weisheit geben; es mag Macht geben; irgendwo im Weltraum stehen vielleicht große Instrumente — und starren vergeblich herüber auf unser schwebendes Wolkenwrack, und ihre Benutzer empfinden die gleiche Sehnsucht wie wir. Trotzdem, wir haben unsere Antwort bekommen, in der Natur des Lebens und in den Prinzipien der Evolution. Über Menschen, die anderswo leben und über diese Antwort hinaus werden wir nie etwas erfahren…      Loren Eiseley The Immense Journey (1957) Ich habe ein böses Buch geschrieben und fühle mich doch makellos wie das Lamm.      Melville an Hawthorne (1851) Roman Deutsche Erstausgabe WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN Titel der englischen Originalausgabe: Songs of a distant Earth Deutsche Übersetzung von Irene Holicki VORWORT DES AUTORS Dieser Roman basiert auf einer Idee, die ich vor fast dreißig Jahren in einer Kurzgeschichte mit dem gleichen Titel (Sie ist jetzt in meiner Sammlung ‚The Other Side of the Sky‘ enthalten) entwickelt habe. Die jetzige Fassung wurde jedoch direkt — und negativ — von der jüngsten Flut von Weltraumopern im Fernsehen und auf der Kinoleinwand inspiriert. (Frage: Was ist das Gegenteil von Inspiration — Expiration?) Ich bitte, mich nicht mißzuverstehen: Ich habe die besten ‚Star Trek‘-Folgen und die Lucas Spielberg Epen sehr genossen, um nur die berühmtesten Beispiele des Genres zu erwähnen. Aber diese Werke sind Fantasy, keine Science Fiction im strengen Sinne. Es scheint inzwischen fast sicher, daß wir im realen Universum die Lichtgeschwindigkeit niemals überschreiten können. Selbst die allernächsten Sternsysteme werden immer um Jahrzehnte oder Jahrhunderte auseinanderliegen; kein Flug mit Warp Sechs wird uns jemals rechtzeitig zur nächsten Folge in einer Woche von einer Episode zur anderen bringen. So hat der große Produzent im Himmel seine Programmplanung eben nicht eingerichtet. Im letzten Jahrzehnt kam es auch in der Einstellung der Wissenschaftler gegenüber dem Problem der extraterrestrischen Intelligenz zu einer bedeutsamen und ziemlich überraschenden Veränderung. Das ganze Thema gelangte (außer bei so dubiosen Typen wie zum Beispiel den Autoren von Science Fiction) erst ab etwa 1960 zu Ansehen: Schklowskiijs und Sagans ‚Intelligent Life in the Universe‘ (1966) ist hier der Meilenstein. Aber jetzt hat eine Gegenreaktion eingesetzt. Daß man in unserem Sonnensystem keine Spur von Leben gefunden und auch keinerlei interstellare Funksignale entdeckt hat, die unsere großen Antennen eigentlich mühelos auffangen müßten, hat einige Wissenschaftler zu der Behauptung veranlaßt: „Vielleicht sind wir wirklich allein im Universum…“ Dr. Frank Tipler, der bekannteste Vertreter dieser Meinung hat (zweifellos absichtlich) die Sagan-Anhänger schockiert, indem er eine seiner Abhandlungen mit dem provozierenden Titel ‚Es gibt keine intelligenten Extraterrestrier‘ versah. Carl Sagan und andere behaupten (und ich schließe mich ihnen an), daß es noch viel zu früh ist, um so weitreichende Schlüsse zu ziehen. Inzwischen tobt der Streit; wie ganz richtig gesagt wurde, wird jede Antwort ehrfurchteinflößend sein. Die Frage kann nur durch Beweismaterial entschieden werden, nicht durch irgendwelche logischen Ableitungen, so plausibel sie auch immer sein mögen. Ich sähe es gerne, wenn man die ganze Debatte ein oder zwei Jahr zehnte lang wohlwollend vernachlässigen würde, während die Radioastronomen, wie Goldgräber beim Sandwaschen, in aller Ruhe den Sturzbach von Geräuschen durchsieben, der sich aus dem Himmel über uns ergießt. Dieser Roman ist unter anderem ein Versuch von mir, ein völlig realistisches Stück Literatur über das Thema interstellare Raumfahrt zu schaffen — genau wie in ‚Prelude to Space‘ (1951) habe ich bekannte oder vorhersehbare Technologien verwendet, um die erste Reise der Menschheit von der Erde weg zu schildern. In diesem Buch gibt es nichts, was bekannten Prinzipien widerspricht oder sie leugnet; die einzige wirklich gewagte Extrapolation ist der ‚Quantenantrieb‘, und selbst der hat höchst achtbare Väter (Siehe Danksagungen). Sollte er sich als Hirngespinst herausstellen, so gibt es mehrere mögliche Alternativen; und wenn wir Primitiven aus dem 20. Jahrhundert sie uns vorstellen können, so wird die Wissenschaft der Zukunft ohne Zweifel etwas viel Besseres entdecken. Arthur C. Clarke Colombo, Sri Lanka 3.7.1985 Erster Teil Thalassa 1. Am Strand von Tarna Schon bevor das Boot durch das Riff kam, sah Mirissa, daß Brant wütend war. Die gespannte Haltung, in der er am Steuer stand — allein die Tatsache, daß er das letzte Stück der Durchfahrt nicht Kumars fähigen Händen überlassen hatte — zeigte, daß ihn etwas aus der Fassung gebracht hatte. Sie trat aus dem Schatten der Palmen und ging langsam zum Strand hinunter, der nasse Sand klebte an ihren Füßen. Als sie das Wasser erreichte, war Kumar schon dabei, das Segel einzurollen. Ihr kleiner Bruder — jetzt war er fast schon so groß wie sie und bestand nur aus Muskeln — winkte ihr fröhlich zu. Wie oft hatte sie sich gewünscht, daß auch Brant Kumars gelassene Gutmütigkeit hätte, die offenbar keine Krise jemals stören konnte… Brant wartete nicht ab, bis das Boot auf den Sand auflief, sondern sprang schon ins Wasser, als es ihm noch bis zur Taille reichte, und kam zornig spritzend auf sie zugewatet. Er hatte ein verbogenes Metallstück mit zerrissenen Drähten in der Hand und hielt es hoch, damit sie es sich ansehen konnte. „Schau nur!“ schrie er. „Jetzt haben sie es schon wieder gemacht.“ Mit der freien Hand deutete er zum nördlichen Horizont hinüber. „Diesmal lasse ich es ihnen nicht mehr durchgehen! Und die Bürgermeisterin kann, verdammt noch mal, sagen, was sie will!“ Mirissa trat beiseite, als der kleine Katamaran sich langsam, wie ein urzeitliches Seeungetüm bei seinem ersten Ansturm aufs feste Land, auf seinen rotierenden Außenbordrollen den Strand hinaufschob. Sobald es über der Hochwasserlinie war, schaltete Kumar den Motor ab, sprang heraus und trat neben seinen noch immer vor Wut kochenden Kapitän. „Ich sage es Brant immer wieder“, meinte er, „es muß ein Unfall gewesen sein — vielleicht ein nachschleifender Anker. Warum sollten die Nordleute so etwas schließlich absichtlich machen?“ „Das kann ich dir schon sagen“, gab Brant zurück. „Weil sie zu faul sind, um sich die Technik selbst zu erarbeiten. Weil sie Angst haben, daß wir zuviele Fische fangen. Weil…“ Er sah, wie der andere grinste und schleuderte das Durcheinander aus zerrissenen Drähten nach ihm. Kumar fing es mühelos auf. „Wie auch immer — selbst wenn es ein Unfall ist, sie sollten hier gar nicht ankern. Das Gebiet ist auf der Karte deutlich markiert: ZUTRITT VERBOTEN — FORSCHUNGSPROJEKT. Also werde ich trotzdem Protest einlegen.“ Brant hatte seine gute Laune schon wiedergefunden; selbst seine heftigsten Wutanfälle dauerten selten länger als ein paar Minuten. Um ihn in Stimmung zu halten, strich Mirissa ihm mit den Fingern über den Rücken und redete mit ihrer sanftesten Stimme auf ihn ein. „Habt ihr einen guten Fang gehabt?“ „Natürlich nicht“, antwortete Kumar. „Er ist ja nur hinter statistischen Daten her — Kilogramm pro Kilowatt — solchen Unsinn. Ein Glück, daß ich meine Angelrute mitgenommen habe. Zum Abendessen gibt es Thunfisch.“ Er griff ins Boot und zog einen fast einen Meter langen, stromlinienförmigen Fisch heraus, voll Kraft und Schönheit, seine Farben verblaßten schnell, und seine blicklosen Augen zeigten schon die glasige Starre des Todes. „So einen fängt man nicht oft“, sagte er stolz. Sie waren noch dabei, sein Paradestück zu bewundern, als die Geschichte nach Thalassa zurückkehrte und die einfache, sorglose Welt, die sie ihr ganzes, junges Leben lang gekannt hatten, unvermittelt zu Ende ging. Das Zeichen ihres Vergehens war in den Himmel geschrieben, als hätte eine Riesenhand ein Stück Kreide über die blaue Ätherkuppel gezogen. Noch während sie hinsahen, franste der leuchtende Kondensstreifen schon an den Rändern aus und zerfiel in Wolkenfetzen, bis es aussah, als sei von Horizont zu Horizont eine Brücke aus Schnee geschlagen worden. Und dann rollte ferner Donner vom Rand des Weltraums herab. Es war ein Laut, wie ihn Thalassa seit siebenhundert Jahren nicht mehr vernommen hatte, den aber jedes Kind sofort erkennen würde. Trotz der Wärme des Abends fröstelte Mirissa, und ihre Hand tastete nach der von Brant. Obwohl seine Finger sich um die ihren schlossen, schien er es kaum wahrzunehmen; er starrte noch immer in den gespaltenen Himmel. Selbst Kumar war beeindruckt, aber er ergriff als erster das Wort: „Eine von den Kolonien muß uns gefunden haben.“ Brant schüttelte langsam, aber nicht sehr überzeugt den Kopf. „Warum sollen sie sich die Mühe machen? Sie müssen die alten Landkarten haben — sie wissen sicher, daß Thalassa fast nur aus Ozean besteht. Es wäre sinnlos, hierherzukommen.“ „Wissenschaftliche Neugier?“ schlug Mirissa vor. „Um zu sehen, was aus uns geworden ist? Ich habe schon immer gesagt, wir sollten die Kommunikationsverbindung reparieren…“ Das war ein alter Streit, der alle paar Jahrzehnte neu entbrannte. Eines Tages, darüber waren sich die meisten Leute einig, sollte Thalassa die große Schüssel auf der Ostinsel wirklich wieder aufbauen, die vor vierhundert Jahren, beim Ausbruch des Mount Krakan, zerstört worden war. Aber inzwischen gab es soviel, was wichtiger — oder einfach amüsanter — war. „Ein Sternenschiff zu bauen ist ein gewaltiges Projekt“, sagte Brant nachdenklich. „Ich glaube nicht, daß eine Kolonie das tun würde — wenn sie nicht müßte. Wie die Erde…“ Seine Stimme verklang. Auch nach so vielen Jahren war es noch schwer, diesen Namen auszusprechen. Wie ein Mann wandten sie sich nach Osten, wo die Äquatornacht schnell über das Meer hereinkam. Ein paar der helleren Sterne waren schon aufgegangen, und gerade jetzt stieg die unverwechselbare, kompakte, kleine Gruppe des Dreiecks über den Palmen herauf. Seine drei Sterne waren fast gleich groß — aber einmal hatte ein paar Wochen lang ein weit hellerer Eindringling nahe der Südspitze der Konstellation aufgeleuchtet. Seine jetzt zusammengeschrumpfte Schale war mit einem mäßig starken Teleskop immer noch zu sehen. Aber den ihn umkreisenden Schlackebrocken, der einst der Planet Erde gewesen war, konnte kein Instrument sichtbar machen. 2. Das kleine Neutralteilchen Mehr als tausend Jahre später hatte ein großer Historiker die Zeit von 1901 bis 2000 ‚das Jahrhundert, in dem alles passierte‘ genannt. Er fügte hinzu, daß die Menschen dieser Zeit ihm darin zugestimmt hätten — aber aus den völlig falschen Gründen. Sie hätten, oft mit berechtigtem Stolz, auf die naturwissenschaftlichen Leistungen dieser Ära verwiesen — die Eroberung des Luftraums, die Freisetzung der Atomenergie, die Entdeckung der Grundprinzipien des Lebens, die Revolution in der Elektronik und den Kommunikationswissenschaften, die Anfänge der künstlichen Intelligenz und — am spektakulärsten — auf die Erforschung des Sonnensystems und die erste Landung auf dem Mond. Aber, so erklärte der Historiker mit der hundertprozentigen Sicherheit, die man im Rückblick immer hat, nicht einer von tausend Menschen hätte von der Entdeckung, die all diese Ereignisse übertraf, indem sie drohte, sie völlig bedeutungslos zu machen, auch nur gehört. Diese Entdeckung schien so harmlos und von den menschlichen Belangen so weit entfernt wie die verschwommene photographische Platte in Becquerels Labor, die kaum fünfzig Jahre später zum Feuerball über Hiroshima führte. Sie war sogar ein Nebenprodukt desselben Forschungszweiges und begann genauso unschuldig. Die Natur ist ein sehr strenger Buchhalter und gleicht ihre Bücher immer aus. So waren die Physiker äußerst verwirrt, als sie gewisse nukleare Reaktionen entdeckten, in denen, nachdem alle Bruchstücke zusammengezählt waren, auf einer Seite der Gleichung etwas zu fehlen schien. Wie ein Buchhalter, der in aller Eile das Kleingeld auffüllt, um den Revisoren einen Sprung voraus zu sein, waren die Physiker gezwungen, ein neues Teilchen zu erfinden. Und, um die Diskrepanz zu erklären, mußte es ein ganz besonderes Teilchen sein — es durfte weder Masse noch Ladung besitzen und mußte von so fantastischer Durchschlagskraft sein, daß es ohne merkliche Schwierigkeiten eine Milliarden von Kilometern dicke Bleiwand durchdringen konnte. Dieses Phantom bekam den Spitznamen ‚Neutrino‘ — Neutron plus Bambino. Es schien hoffnungslos, etwas so wenig Faßbares jemals zu entdecken; aber im Jahre 1956 hatten die Physiker mit ihren Instrumenten Heldentaten vollbracht und die ersten Exemplare erwischt. Das war auch ein Triumph für die Theoretiker, die nun ihre unwahrscheinlichen Gleichungen bestätigt fanden. Die Welt als Ganzes wußte nichts davon und kümmerte sich auch nicht darum; aber der Countdown zum Jüngsten Tag hatte begonnen. 3. Im Gemeinderat Tarnas örtliches Sendenetz war nie zu mehr als fünfundneunzig Prozent einsatzbereit — aber andererseits funktionierten auch zu keinem Zeitpunkt weniger als fünfundachtzig Prozent. Wie die meisten Geräte auf Thalassa war es von lange verstorbenen Genies konstruiert worden, so daß katastrophale Ausfälle praktisch unmöglich waren. Selbst wenn viele Komponenten versagten, würde das System immer noch einigermaßen vernünftig so lange weiterarbeiten, bis jemand sich ausreichend darüber ärgerte, um es zu reparieren. Die Ingenieure nannten dies ‚charmante Degeneration — ein Ausdruck, der, wie einige Zyniker erklärt hatten, die lassanische Lebensweise ziemlich genau beschrieb. Dem Zentralcomputer zufolge bewegte sich die Leistungsfähigkeit des Netzes im Moment wie üblich um die neunzig Prozent, und Bürgermeisterin Waldron hätte sich gerne mit weniger zufriedengegeben. Während der letzten halben Stunde hatte der größte Teil des Dorfes bei ihr angerufen, mindestens fünfzig Erwachsene und Kinder trieben sich im Ratszimmer herum — und das war mehr, als es bequem fassen konnte, von Sitzplätzen ganz zu schweigen. Für die Beschlußfähigkeit einer gewöhnlichen Sitzung waren zwölf Leute erforderlich, und manchmal bedurfte es drakonischer Maßnahmen, um auch nur so viele lebendige Menschen an einem Ort zusammenzubekommen. Die übrigen fünfhundertsechzig Einwohner von Tarna zogen es vor, in der bequemen Umgebung ihres Heims zuzusehen — und abzustimmen, falls sie dafür genügend Interesse aufbrachten. Es waren auch zwei Anrufe vom Provinzgouverneur gekommen, einer vom Präsidentenbüro und einer vom Nachrichtendienst der Nordinsel, und alle hatten die gleiche, völlig unnötige Frage gestellt. Jeder Anrufer hatte die gleiche, kurze Antwort erhalten: Natürlich werden wir euch sagen, wenn etwas geschieht… und vielen Dank für euer Interesse. Bürgermeisterin Waldron mochte keine Aufregungen, und ihre einigermaßen erfolgreiche Karriere als Gemeindeoberhaupt beruhte darauf, daß sie ihnen aus dem Wege ging. Manchmal war das natürlich unmöglich; ihr Einspruch hätte wohl kaum den Hurrikan von '09 abgelenkt, der — bis heute — das denkwürdigste Ereignis dieses Jahrhunderts gewesen war. „Ruhe, alle miteinander!“ schrie sie. „Reena — laß die Muscheln in Ruhe! — jemand hat sich eine Menge Arbeit damit gemacht, sie aufzustellen! Sowieso Zeit für dich, ins Bett zu gehen! Billy — runter vom Tisch! Sofort!“ Die überraschende Schnelligkeit, mit der Ordnung geschaffen wurde, zeigte, daß die Dorfbewohner ausnahmsweise einmal gespannt waren zu hören, was ihre Bürgermeisterin zu sagen hatte. Sie schaltete das hartnäckig piepsende Armbandtelefon ab und legte den Anruf zum Nachrichtenzentrum um. „Offen gestanden weiß ich nicht viel mehr als Sie — und es ist unwahrscheinlich, daß wir innerhalb der nächsten Stunden weitere Informationen bekommen. Sicher ist aber, daß es irgendein Raumschiff war, und daß es schon wiedereingetreten — oder vielmehr eingetreten — war, als es über uns hinwegflog. Da es auf Thalassa sonst nirgendwo hinkann, wird es vermutlich früher oder später zu den Drei Inseln zurückkommen. Das kann Stunden dauern, wenn es um den ganzen Planeten herumfliegt.“ „Hat man schon versucht, Funkkontakt aufzunehmen?“ fragte jemand. „Ja, aber bisher ohne Erfolg.“ „Sollten wir es denn überhaupt versuchen?“ fragte eine ängstliche Stimme. Ein kurzes Schweigen senkte sich über die ganze Versammlung; dann stieß Gemeinderat Simmons, nach Ansicht von Bürgermeisterin Waldron der schlimmste Nörgler, ein verächtliches Schnauben aus. „Das ist lächerlich. Ganz egal, was wir tun, sie können uns in ungefähr zehn Minuten ausfindig machen. Wahrscheinlich wissen sie ohnehin schon genau, wo wir sind.“ „Ich schließe mich der Meinung des Gemeinderates voll an“, sagte die Bürgermeisterin und kostete diese seltene Gelegenheit aus. „Ein Kolonialschiff hat sicherlich Karten von Thalassa. Sie mögen tausend Jahre alt sein — aber der Erste Landeplatz ist sicher verzeichnet.“ „Aber angenommen — nur einmal angenommen — daß es doch Aliens sind?“ Die Bürgermeisterin seufzte; sie hatte gedacht, diese These sei schon vor Jahrhunderten an schierer Erschöpfung zugrundegegangen. „Es gibt keine Aliens“, sagte sie fest. „Wenigstens keine, die intelligent genug sind, um Raumfahrt zu betreiben. Natürlich können wir nie hundertprozentig sicher sein — aber die Erde hat mit allen nur vorstellbaren Instrumenten Tausende von Jahren gesucht.“ „Es gibt noch eine Möglichkeit“, sagte Mirissa, die mit Brant und Kumar ziemlich weit hinten im Raum stand. Alle Köpfe wandten sich ihr zu, aber Brant wirkte leicht verärgert. Trotz seiner Liebe zu Mirissa gab es Zeiten, in denen er sich wünschte, daß sie nicht ganz so gut informiert, und daß ihre Familie nicht während der letzten fünf Generationen für die Archive verantwortlich gewesen wäre. „Wie meinen Sie das, meine Liebe?“ Jetzt war Mirissa an der Reihe, sich zu ärgern, obwohl sie sich ihre Gereiztheit nicht anmerken ließ. Sie mochte es nicht, wenn sie von oben herab behandelt wurde, und auch noch von jemandem, der eigentlich nicht sehr intelligent war, wenn auch zweifellos raffiniert — oder vielleicht war ‚gerissen‘ das richtigere Wort. Die Tatsache, daß Bürgermeisterin Waldron Brant immer schöne Augen machte, störte Mirissa nicht im mindesten; darüber amüsierte sie sich nur, und sie brachte für die ältere Frau sogar ein gewisses Mitgefühl auf. „Es könnte auch ein Roboter-Saatschiff sein, wie das, welches die Genmuster unserer Vorfahren nach Thalassa gebracht hat.“ „Aber jetzt noch — so spät?“ „Warum nicht? Die ersten Saatschiffe erreichten nur ein paar Prozent Lichtgeschwindigkeit. Die Erde hat sie ständig verbessert — bis zu dem Augenblick, in dem sie vernichtet wurde. Da die späteren Modelle fast zehnmal schneller waren, konnten sie die früheren innerhalb eines Jahrhunderts oder so überholen; viele von ihnen müssen immer noch unterwegs sein. Meinst du nicht auch, Brant?“ Mirissa war immer sorgsam darauf bedacht, ihn in jede Diskussion mit einzubeziehen und ihm, wenn möglich, das Gefühl zu geben, der Anstoß dazu sei von ihm gekommen. Sie war sich seiner Minderwertigkeitsgefühle durchaus bewußt und wollte sie nicht noch verstärken. Manchmal war es ziemlich einsam, der intelligenteste Mensch in Tarna zu sein; obwohl sie per Sendenetz mit einem halben Dutzend geistig Gleichgestellter auf den Drei Inseln Kontakte pflegte, kam es selten zu persönlichen Begegnungen, und an die reichte auch nach so vielen Jahrtausenden keine Kommunikationstechnik wirklich heran. „Eine interessante Vorstellung“, sagte Brant. „Könnte sein, daß du recht hast.“ Obwohl Geschichte nicht Brant Falconers starke Seite war, war er mit der technischen Seite der komplizierten Serie von Ereignissen, die zur Kolonisierung von Thalassa geführt hatten, vertraut. „Und was sollen wir tun“, fragte er, „wenn es ein Saatschiff ist und es uns gleich noch einmal kolonisieren will? Sagen wir: ‚Vielen Dank, aber heute nicht?‘“ Ein paar Leute kicherten nervös; dann bemerkte Gemeinderat Simmons nachdenklich: „Ich bin sicher, mit einem Saatschiff könnten wir fertigwerden, wenn es nötig würde. Aber wären Roboter nicht intelligent genug, ihr Programm zu löschen, wenn sie sähen, daß die Sache schon erledigt ist?“ „Vielleicht. Aber vielleicht meinen sie auch, sie könnten es besser. Ob es nun ein Relikt von der Erde oder ein späteres Modell von einer der Kolonien ist, irgendein Roboter muß es auf jeden Fall sein.“ Es war nicht nötig, das genauer auszuführen; jedermann wußte, welche fantastischen Schwierigkeiten und Kosten mit der bemannten interstellaren Raumfahrt verbunden waren. Auch wenn sie technisch möglich war, war sie völlig sinnlos. Roboter konnten die Arbeit tausendmal billiger durchführen. „Roboter oder Relikt — was fangen wir damit an?“ wollte einer der Dorfbewohner wissen. „Vielleicht ist das gar nicht unser Problem“, sagte die Bürgermeisterin. „Offenbar nimmt jeder an, daß es zum Ersten Landeplatz will, aber warum denn eigentlich? Die Nordinsel ist doch schließlich viel wahrscheinlicher.“ Die Bürgermeisterin war schon oft widerlegt worden, aber noch nie so prompt. Diesmal war das Geräusch, das am Himmel über Tarna anschwoll, kein ferner Donner aus der Ionosphäre, sondern das durchdringende Pfeifen einer tief und schnell fliegenden Düsenmaschine. Alles stürzte in unschicklicher Hast aus dem Ratszimmer; nur die ersten kamen noch rechtzeitig, um zu sehen, wie der stumpfnasige Deltaflügler die Sterne verdeckte und zielsicher auf die Stelle zuflog, die immer noch als letzte Verbindung mit der Erde heiliggehalten wurde. Die Bürgermeisterin blieb kurz stehen, um der Zentrale Meldung zu machen, dann ging sie zu den anderen, die draußen herumliefen. „Brant — du kannst als erster dort sein. Nimm den Drachen!“ Tarnas Chefingenieur für Maschinenbau blinzelte; das war das erstemal, daß er einen so direkten Befehl von der Bürgermeisterin erhielt. Dann machte er ein etwas beschämtes Gesicht. „Vor ein paar Tagen hat eine Kokosnuß den Flügel durchschlagen. Wegen dieser Sache mit den Fischfallen hatte ich bisher keine Zeit, ihn zu reparieren. Außerdem ist er ohnehin nicht für Nachtflüge eingerichtet.“ Die Bürgermeisterin warf ihm einen langen, strengen Blick zu. „Hoffentlich funktioniert mein Wagen“, sagte sie sarkastisch. „Natürlich“, antwortete Brant gekränkt. „Voll aufgetankt und fahrbereit.“ Es war höchst ungewöhnlich, daß der Wagen der Bürgermeisterin irgendwohin fuhr; man konnte Tarna in zwanzig Minuten der Länge nach zu Fuß durchqueren, und Nahrungsmittel und Geräte wurden innerhalb des Ortes mit kleinen Sandrollern transportiert. In den siebzig Jahren, seit er als Dienstfahrzeug eingesetzt war, hatte der Wagen weniger als hunderttausend Kilometer zusammengebracht, und wenn er keinen Unfall hatte, müßte er mindestens noch weitere hundert Jahre gut in Schuß sein. Die Lassaner hatten fröhlich die meisten Unarten ausprobiert; aber geplanter Verschleiß und Prestigekäufe gehörten nicht dazu. Niemand hätte erraten können, daß das Fahrzeug älter war als jeder einzelne seiner Insassen, als es die historisch bedeutsamste Fahrt antrat, die es jemals machen würde. 4. Das Alarmsignal Niemand hörte die ersten Schläge der Sterbeglocke für die Erde — nicht einmal die Wissenschaftler, die die verhängnisvolle Entdeckung machten, tief unter der Erde, in einer verlassenen Goldmine in Colorado. Es war ein kühnes Experiment, vor der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts überhaupt nicht vorstellbar. Nachdem das Neutrino entdeckt worden war, erkannte man schnell, daß die Menschheit mit ihm ein neues Fenster zum Universum hatte. Etwas mit solcher Durchschlagskraft, daß es einen Planeten so leicht durchdrang wie Licht eine Glasplatte, konnte man verwenden, um damit ins Herz von Sonnen zu schauen. Besonders ins Herz der Sonne. Die Astronomen waren überzeugt, daß sie die Reaktionen, die die Energie für den Sonnenofen lieferten und von denen alles Leben auf der Erde letztlich abhängig war, durchschauten. Bei dem enormen Druck und den Temperaturen im Kern der Sonne wurde Wasserstoff in einer Reihe von Reaktionen zu Helium verschmolzen, wobei riesige Energiemengen freigesetzt wurden. Und, als zufälliges Nebenprodukt — Neutrinos. Diese solaren Neutrinos, für die die Trillionen Tonnen Materie, die ihnen im Weg lagen, kein größeres Hindernis darstellten als ein Rauchwölkchen, rasten von ihrem Entstehungsort mit Lichtgeschwindigkeit nach oben. Nur zwei Sekunden später kamen sie in den Weltraum und breiteten sich über das Universum aus. Auf wieviele Sterne und Planeten sie auch immer trafen, die meisten von ihnen würden der Gefangennahme durch den körperlosen Geist der ‚festen‘ Materie immer noch entgangen sein, wenn die Zeit selbst an ihr Ende kam. Acht Minuten nachdem die Neutrinos die Sonne verlassen hatten, fegte ein winziger Bruchteil des solaren Sturzbachs durch die Erde — und ein noch kleinerer Bruchteil wurde von den Wissenschaftlern in Colorado abgefangen. Sie hatten ihre Geräte mehr als einen Kilometer tief in der Erde vergraben, so daß alle weniger durchschlagskräftigen Strahlungen ausgefiltert wurden und sie die seltenen, echten Boten aus dem Herzen der Sonne einfangen konnten. Durch das Zählen der eingefangenen Neutrinos hofften sie, die Bedingungen an einer Stelle, die, wie jeder Philosoph leicht beweisen konnte, dem menschlichen Wissen und der menschlichen Beobachtung auf immer versperrt war, in allen Einzelheiten studieren zu können. Das Experiment funktionierte; man entdeckte solare Neutrinos. Aber — es waren viel zu wenige. Es hätten dreioder viermal so viele vorhanden sein müssen, wie man sie mit den schweren Instrumenten hatte einfangen können. Hier stimmte eindeutig etwas nicht, und während der siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts eskalierte der „Fall der fehlenden Neutrinos‘ zu einem wissenschaftlichen Skandal größeren Ausmaßes. Die Geräte wurden immer wieder überprüft, Theorien wurden revidiert und das Experiment Dutzende von Malen wiederholt — immer mit dem gleichen, rätselhaften Ergebnis. Zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts sahen sich die Astrophysiker gezwungen, einen beunruhigenden Schluß zu akzeptieren — aber seine volle Bedeutung erkannte immer noch niemand. Mit der Theorie war alles in Ordnung und mit den Geräten auch. Die Schwierigkeiten lagen im Innern der Sonne. Die erste Geheimsitzung in der Geschichte der „Internationalen Astronomischen Union‘ fand im Jahre 2008 in Aspen, Colorado statt — nicht weit vom ursprünglichen Schauplatz des Experiments entfernt, das jetzt in einem Dutzend Ländern wiederholt worden war. Eine Woche später war das IAU-Sonderkommunique 55/08 mit dem bewußt zurückhaltenden Titel: ‚Anmerkungen zu den Sonnenreaktionen‘ in den Händen jeder Regierung auf der Erde. Als die Nachricht langsam durchsickerte, hätte man meinen können, die Verkündigung des Endes der Welt würde eine gewisse Panik auslösen. In Wirklichkeit war die allgemeine Reaktion ein betäubtes Schweigen — dann ein Achselzucken und schließlich eine Wiederaufnahme der normalen Alltagsgeschäfte. Nur wenige Regierungen hatten jemals weiter als eine Wahlperiode in die Zukunft vorausgeschaut, wenige Individuen über die Lebensspannen ihrer Enkel hinaus. Und überhaupt, vielleicht täuschten sich die Astronomen ja auch… Auch wenn die Menschheit zum Tode verurteilt war, das Datum der Hinrichtung stand noch nicht fest. Wenigstens in den nächsten tausend Jahren würde die Sonne noch nicht explodieren — und wer konnte schon um die vierzigste Generation seiner Nachkommen weinen? 5. Nächtliche Fahrt Noch war keiner der beiden Monde aufgegangen, als der Wagen sich mit Brant, Bürgermeisterin Waldron, Gemeinderat Simmons und zwei älteren Bürgern des Dorfes auf Tarnas berühmtester Straße auf den Weg machte. Obwohl Brant wie gewöhnlich mühelos und gekonnt fuhr, schwelte die Zurechtweisung der Bürgermeisterin immer noch leise in ihm. Die Tatsache, daß ihr molliger Arm rein zufällig über seinen nackten Schultern lag, verbesserte die Sache auch nur wenig. Aber die friedliche Schönheit der Nacht und der hypnotisch gleichmäßige Rhythmus, mit dem die Palmen durch den vorbeiziehenden Lichtfächer des Wagens rauschten, stellten seine normale, gute Laune schnell wieder her. Außerdem, wie konnte man zulassen, daß sich solch kleinliche, persönliche Gefühle in einem so historischen Augenblick dazwischendrängten? In zehn Minuten würden sie am Ersten Landeplatz und damit am Beginn ihrer Geschichte eintreffen. Was erwartete sie dort wohl? Sicher war nur eines: der Besucher hatte sich an dem noch funktionierenden Funkfeuer des alten Saatschiffs orientiert. Er wußte, wo er suchen mußte, also kam er wohl von irgendeiner anderen menschlichen Kolonie in diesem Raumsektor. Andererseits — plötzlich überfiel Brant ein beunruhigender Gedanke. Irgend jemand — etwas — konnte dieses Funkfeuer entdeckt haben, das dem ganzen Universum signalisierte, daß hier einmal intelligente Wesen vorbeigekommen waren. Er erinnerte sich, daß es vor ein paar Jahren einen Antrag gegeben hatte, das Signal abzuschalten, mit der Begründung, es diene keinem nützlichen Zweck und könne durchaus Schaden anrichten. Der Antrag war mit knapper Mehrheit abgelehnt worden, aus eher sentimentalen und gefühlsmäßigen als logischen Gründen. Vielleicht würde Thalassa diese Entscheidung bald bereuen, aber jetzt war es sicher viel zu spät, um noch etwas dagegen zu unternehmen. Gemeinderat Simmons beugte sich vom Rücksitz nach vorne und sprach leise mit der Bürgermeisterin. „Helga“, sagte er — und Brant hörte zum erstenmal, daß er die Bürgermeisterin mit dem Vornamen anredete — „glauben Sie, wir können uns noch verständigen? Robotersprachen entwickeln sich ja sehr schnell.“ Die Bürgermeisterin wußte es nicht, aber sie verstand sich sehr gut darauf, Unwissenheit zu verbergen. „Das ist unser geringstes Problem; warten wir doch ab, bis es auftaucht. Brant — könntest du ein klein wenig langsamer fahren? Ich möchte gerne lebend ankommen.“ Die Geschwindigkeit, mit der sie fuhren, war auf dieser vertrauten Straße völlig ungefährlich, aber Brant ging pflichtschuldigst auf vierzig Stundenkilometer herunter. Er fragte sich, ob die Bürgermeisterin wohl den Augenblick der Konfrontation hinausschieben wollte; es war eine eindrucksvolle Verantwortung, dem zweiten Raumschiff von der Außenwelt in der Geschichte des Planeten gegenüberzutreten. Ganz Thalassa würde zusehen. „Krakan!“ fluchte einer der Passagiere auf dem Rücksitz. „Hat jemand eine Kamera dabei?“ „Zum Umkehren ist es zu spät“, antwortete Gemeinderat Simmons. „Außerdem wird es zum Fotografieren noch genug Zeit geben. Ich glaube nicht, daß sie gleich wieder starten, nachdem sie ‚Guten Tag!‘ gesagt haben.“ Seine Stimme klang ein klein wenig hysterisch, und Brant konnte ihm das kaum verübeln. Wer wußte schon, was gleich hinter der nächsten Bergkuppe auf sie wartete? „Ich werde mich sofort melden, wenn es etwas zu berichten gibt, Herr Präsident.“ Die Bürgermeisterin sprach über Autofunk. Brant hatte den Anruf gar nicht mitbekommen; er war zu sehr in seinen eigenen Tagträumen versunken gewesen. Zum erstenmal in seinem Leben wünschte er, etwas mehr Geschichte gelernt zu haben. Natürlich war er mit den wichtigsten Fakten ausreichend vertraut; jedes Kind auf Thalassa wuchs damit auf. Er wußte, wie die Diagnose der Astronomen, während die Jahrhunderte gnadenlos weitertickten, immer sicherer geworden war, das Datum ihrer Vorhersage ständig genauer. Im Jahre 3600, plus oder minus fünfundsiebzig Jahre, würde die Sonne eine Nova werden. Keine sehr spektakuläre — aber groß genug… Ein alter Philosoph hatte einmal gesagt, es beruhige den Geist des Menschen auf wunderbare Weise, wenn er wisse, daß er am nächsten Morgen gehängt werde. So ähnlich erging es während der letzten Jahre des vierten Jahrtausends dem gesamten Menschengeschlecht. Wenn es einen einzigen Augenblick gab, in dem sich die Menschheit der Wahrheit endlich resigniert und gleichzeitig entschlossen stellte, so war es in jener Dezembernacht, als aus dem Jahre 2999 das Jahr 3000 wurde. Niemand, der jene erste 3 erscheinen sah, konnte vergessen, daß es eine 4 niemals geben würde. Aber es blieb noch mehr als ein halbes Jahrtausend übrig; die dreißig Generationen, die, wie vor ihnen ihre Ahnen, noch auf der Erde leben und sterben würden, konnten noch vieles tun. Zum allermindesten konnten sie das Wissen der Gattung und die größten Schöpfungen der menschlichen Kunst bewahren. Schon im Morgengrauen des Raumzeitalters hatten die ersten Robotsonden, die das Sonnensystem verließen, Aufzeichnungen von Musik, Botschaften und Bildern für den Fall mitgeführt, daß sie jemals auf andere Erforscher des Kosmos treffen sollten. Und obwohl in der Heimatgalaxis niemals irgendwelche Anzeichen außerirdischer Zivilisationen entdeckt worden waren, glaubten selbst die größten Pessimisten, daß irgendwo in den Milliarden anderer Inseluniversen, die sich soweit erstreckten, wie das stärkste Teleskop reichte, Intelligenz existieren mußte. Jahrhundertelang wurde Terabyte um Terabyte menschlichen Wissens und menschlicher Kultur zum Andromeda-Nebel und seinen ferneren Nachbarn hin abgestrahlt. Natürlich würde niemand je erfahren, ob die Signale empfangen wurden oder — falls sie empfangen wurden — ob man sie deuten konnte. Aber dahinter stand eine Motivation, die die meisten Menschen teilen konnten; es war der Impuls, eine letzte Botschaft zu hinterlassen — irgendein Zeichen, das besagte: ‚Schau — auch ich habe einmal gelebt!‘ Im Jahre 3000 glaubten die Astronomen, daß ihre um die Erde kreisenden Riesenteleskope alle Planetensysteme im Umkreis von fünfhundert Lichtjahren von der Sonne gefunden hatten. Dutzende von Welten, etwa annähernd so groß wie die Erde, waren entdeckt worden, und einige der nächstgelegenen hatte man grob vermessen. Mehrere hatten Atmosphären mit jenem unverwechselbaren Erkennungszeichen des Lebens, einem anormal hohen Prozentsatz an Sauerstoff. Es gab eine vernünftige Chance, daß die Menschen dort überleben konnten — wenn sie sie zu erreichen vermochten. Die Menschen konnten es nicht, aber der Mensch konnte es. Die ersten Saatschiffe waren primitiv, aber trotzdem beanspruchten sie die technologischen Möglichkeiten bis an die äußerste Grenze. Mit den im Jahre 2500 verfügbaren Antriebssystemen konnten sie mit ihrer kostbaren Fracht gefrorener Embryos die nächstgelegenen Planetensysteme in zweihundert Jahren erreichen. Aber das war noch die geringste Aufgabe, die sie hatten. Sie mußten auch die automatische Ausrüstung befördern, die diese potentiellen Menschen wiederbeleben und aufziehen und ihnen beibringen würde, wie sie in einer unbekannten, aber wahrscheinlich feindlichen Umgebung überleben konnten. Es wäre sinnlos — ja, grausam — nackte, unwissende Kinder auf Welten auszusetzen, die so unfreundlich waren wie die Sahara oder die Antarktis. Sie mußten erzogen werden und Werkzeuge bekommen, man mußte ihnen zeigen, wie sie örtliche Bodenschätze, finden und sich zunutze machen konnten. Wenn das Saatschiff gelandet und zum Mutterschiff geworden war, mußte es seine Brut möglicherweise generationenlang hegen und pflegen. Nicht nur Menschen mußten mitgenommen werden, sondern eine vollständige ‚biota‘, Pflanzen (obwohl niemand wußte, ob es Humus für sie geben würde), Nutztiere und eine überraschende Vielfalt von lebenswichtigen Insekten und Mikroorganismen mußten ebenfalls befördert werden für den Fall, daß die üblichen Systeme zur Nahrungsmittelerzeugung versagten und es notwendig wurde, auf grundlegende, landwirtschaftliche Techniken zurückzugreifen. Einen Vorteil hatte solch ein neuer Anfang. Alle Krankheiten und Parasiten, die die Menschheit seit Anbeginn der Zeiten gequält hatten, würde man zurücklassen, sie würden im sterilisierenden Feuer von Nova Solis untergehen. Datenbanken, ‚Expertensysteme‘, die in der Lage waren, mit jeder nur vorstellbaren Situation fertigzuwerden, Roboter, Reparaturund Hilfsmechanismen — sie alle mußten geplant und gebaut werden. Und sie mußten über eine Zeitspanne hinweg funktionieren, die mindestens so lang war wie die zwischen der Unabhängigkeitserklärung und der ersten Mondlandung. Obwohl die Aufgabe kaum zu bewältigen schien, war sie so mitreißend, daß sich fast die gesamte Menschheit zusammentat, um sie zu erfüllen. Hier war ein Langzeitziel — das letzte Langzeitziel — das dem Leben einen Sinn geben konnte, selbst nachdem die Erde zerstört worden war. Das erste Saatschiff verließ das Sonnensystem im Jahre 2553 in Richtung auf Alpha Centauri A, den nähergelegenen Zwilling der Sonne. Obwohl das Klima auf dem erdgroßen Planeten Pasadena wegen der nahegelegenen Centauri B heftigen Extremen unterworfen war, das nächste wahrscheinliche Ziel war mehr als doppelt so weit entfernt. Die Reisezeit nach Sirius X würde mehr als vierhundert Jahre betragen; wenn das Saatschiff dort eintraf, existierte die Erde vielleicht schon nicht mehr. Aber wenn es gelang, Pasadena zu kolonisieren, würde reichlich Zeit zur Verfügung stehen, um die gute Nachricht zurückzuschicken. Zweihundert Jahre für die Reise, fünfzig Jahre, um sicher Fuß zu fassen und einen kleinen Sender zu installieren, und nicht mehr als vier Jahre, bis das Signal zur Erde zurückgelangte — nun, mit etwas Glück würde es um das Jahr 2800 Geschrei auf den Straßen geben… Es war sogar schon 2786 soweit; Pasadena war besser geglückt als vorausgesagt. Die Nachricht elektrisierte alle und gab dem Saatprogramm neuen Auftrieb. Inzwischen hatte man zwanzig Schiffe gestartet, jedes technisch fortgeschrittener als sein Vorgänger. Die neuesten Modelle konnten auf ein Zwanzigstel Lichtgeschwindigkeit kommen, und mehr als fünfzig Ziele lagen in ihrer Reichweite. Auch als das Funkfeuer von Pasadena verstummte, nachdem es lediglich die Nachricht der ersten Landung abgestrahlt hatte, hielt die Enttäuschung nicht lange an. Was man einmal geschafft hatte, konnte man wiederholen — immer wieder — mit größerer Aussicht auf sicheres Gelingen. Im Jahre 2700 ging man von dem primitiven Verfahren mit den gefrorenen Embryos ab. Die genetische Information, die die Natur in der Spiralstruktur des DNS-Moleküls verschlüsselt aufbewahrte, konnte man nun leichter, sicherer und sogar kompakter in den Speichern der letzten Computer lagern, so daß man in einem Saatschiff, das nicht größer war als ein gewöhnliches Flugzeug für tausend Passagiere, eine Million Genotypen befördern konnte. Eine ganze Nation von Ungeborenen mit allen Geräten zum Kopieren, die nötig waren, um eine neue Zivilisation zu errichten, konnten in ein paar hundert Kubikmetern verpackt zu den Sternen gebracht werden. Dies, so wußte Brant, war vor siebenhundert Jahren auf Thalassa geschehen. Schon jetzt waren sie, während die Straße sich in die Berge hinaufzog, an einigen der Narben vorbeigekommen, die die ersten Robotbagger auf der Suche nach dem Rohmaterial hinterlassen hatten, aus dem ihre Vorfahren geschaffen worden waren. Gleich würden sie die seit langem verlassenen Aufbereitungsanlagen sehen und… „Was ist das?“ flüsterte Gemeinderat Simmons verblüfft. „Halt!“ befahl die Bürgermeisterin. „Stell den Motor ab, Brant!“ Sie griff nach dem Automikrofon. „Hier Bürgermeisterin Waldron. Wir befinden uns an der Sieben-Kilometer-Marke. Vor uns ist ein Lichtwir können es durch die Bäume sehen — soweit ich sagen kann, befindet es sich genau am Ersten Landeplatz. Hören können wir nichts. Wir fahren jetzt weiter.“ Brant wartete die Anweisung gar nicht ab, sondern drückte den Gashebel sanft nach vorne. Das war das Zweitaufregendste, was ihm bisher in seinem Leben passiert war, es kam gleich nach dem Hurrikan von '09, in den er hineingeraten war. Das war mehr als aufregend gewesen; er hatte Glück gehabt, daß er mit dem Leben davongekommen war. Vielleicht bestand auch hier Gefahr, aber das glaubte er eigentlich nicht. Konnten sich Roboter feindselig verhalten? Es gab doch bestimmt nichts, was irgendwelche Außenweltler von Thalassa wollen konnten außer Wissen und Freundschaft… „Wissen Sie“, sagte Gemeinderat Simmons, „ich konnte das Ding gut sehen, ehe es über die Bäume wegflog, und ich bin sicher, daß es irgendeine Art von Flugzeug war. Saatschiffe waren natürlich niemals stromlinienförmig und hatten keine Flügel. Und sehr klein war es auch.“ „Was immer es ist“, sagte Brant, „in fünf Minuten wissen wir Bescheid. Sehen Sie sich das Licht an — es ist im Erdenpark niedergegangen — die naheliegendste Stelle. Sollen wir anhalten und das letzte Stück zu Fuß gehen?“ Der Erdenpark war ein sorgfältig gepflegtes Rasenoval auf der Ostseite des Ersten Landeplatzes, und er wurde jetzt durch die schwarze, hochaufragende Säule des Mutterschiffs, des ältesten und am meisten verehrten Denkmals auf dem Planeten, ihren direkten Blicken entzogen. Um den immer noch fleckenlosen Zylinder herum quoll eine Flut von Licht, offenbar aus einer einzigen, sehr starken Quelle. „Halt den Wagen an, kurz bevor wir das Schiff erreichen!“ befahl die Bürgermeisterin. „Dann steigen wir aus und schauen vorsichtig herum. Schalte die Lichter aus, damit sie uns erst sehen, wenn wir das wollen!“ „Sie — oder Es?“ fragte einer der Mitfahrenden ein klein wenig hysterisch. Keiner beachtete ihn. Der Wagen kam im gewaltigen Schatten des Schiffs zum Stehen, und Brant wendete ihn um hundertachtzig Grad. „Nur, damit wir schnell verschwinden können“, erklärte er halb im Ernst, halb schelmisch; er konnte noch immer nicht glauben, daß sie wirklich in Gefahr waren. Ja, es gab Augenblicke, in denen er sich fragte, ob alles, was hier geschah, Wirklichkeit war. Vielleicht schlief er noch, und es war nur ein lebhafter Traum. Sie stiegen leise aus dem Wagen, gingen auf das Schiff zu und umrundeten es, bis sie an die scharf abgegrenzte Lichtwand kamen. Brant hielt sich die Hand über die Augen und spähte gegen das grelle Licht um den Rand herum. Gemeinderat Simmons hatte völlig recht gehabt. Es war wirklich ein Flugzeug — oder ein Raumflugzeug — und noch dazu ein sehr kleines. Konnten die Nordleute…? — Nein, das war absurd. In dem begrenzten Gebiet der Drei Inseln konnte man sich keine Verwendung für so ein Fahrzeug vorstellen, und seine Entwicklung hätte unmöglich geheimgehalten werden können. Das Fahrzeug hatte die Form einer stumpfen Pfeilspitze und mußte vertikal gelandet sein, denn auf dem Gras im Umkreis waren keine Spuren zu sehen. Das Licht kam aus einer einzigen Quelle in einem stromlinienförmigen Gehäuse auf dem Rücken, und gleich darüber war ein kleines, rotes Leuchtfeuer, das ständig anund ausging. Insgesamt war es eine beruhigend, ja enttäuschend gewöhnliche Maschine. Man konnte sich keinesfalls vorstellen, daß sie die zwölf Lichtjahre zur nächsten, bekannten Kolonie zurückgelegt haben sollte. Plötzlich ging das große Licht aus, und die kleine Gruppe der Beobachter war einen Moment lang geblendet. Als Brant wieder im Dunkeln sehen konnte, stellte er fest, daß im vorderen Teil der Maschine Fenster waren, die durch eine Innenbeleuchtung schwach erhellt wurden. Ja, es sah fast aus wie ein bemanntes Fahrzeug, nicht wie eine Robotmaschine, wie sie angenommen hatten! Bürgermeisterin Waldron war zu genau der gleichen, erstaunlichen Schlußfolgerung gelangt. „Das ist kein Roboter — da sind Leute drin! Wir wollen keine Zeit mehr verschwenden. Richte deine Taschenlampe auf mich, Brant, damit sie uns sehen können.“ „Helga!“ protestierte Gemeinderat Simmons. „Seien Sie kein Esel, Charlie. Gehen wir, Brant.“ Was hatte doch vor fast zweitausend Jahren der erste Mann auf dem Mond gesagt: „Ein kleiner Schritt…“ Sie hatten fast zwanzig davon gemacht, als sich in der Seite des Fahrzeugs eine Tür öffnete, eine Doppelgelenkrampe schnell herunterklappte und zwei Humanoide herauskamen, die auf sie zugingen. Das war Brants erste Reaktion. Dann begriff er, daß er sich durch ihre Hautfarbe hatte täuschen lassen — jedenfalls, so viel er durch den flexiblen, durchsichtigen Film, der diese Wesen von Kopf bis Fuß einhüllte, davon sehen konnte. Das waren keine Humanoiden — es waren Menschen. Wenn er nie mehr in die Sonne ginge, würde er vielleicht fast genauso ausgebleicht werden wie sie. Die Bürgermeisterin streckte in der althergebrachten ‚Seht her — keine Waffen‘ — Geste, die so alt war wie die Geschichte, die Hände aus. „Ich nehme nicht an, daß Sie mich verstehen“, sagte sie. „Aber willkommen auf Thalassa.“ Die Besucher lächelten, und der ältere der beiden, ein gutaussehender, grauhaariger Mann Ende der Sechzig — hob seinerseits die Hände. „Im Gegenteil!“ antwortete er mit einer der tiefsten und klangvollsten Stimmen, die Brant je gehört hatte, „wir verstehen Sie ausgezeichnet. Wir freuen uns sehr, Sie kennenzulernen.“ Einen Augenblick lang stand das Begrüßungskomitee betäubt und stumm da. Aber es war albern, dachte Brant, überrascht zu sein. Schließlich hatten sie doch nicht die geringsten Schwierigkeiten, die Sprache von Menschen zu verstehen, die vor zweitausend Jahren gelebt hatten. Als die Schallaufzeichnung erfunden wurde, konservierte sie die Grundphonemmuster aller Sprachen. Der Wortschatz mochte sich vergrößern, Syntax und Grammatik mochten sich verändern — aber die Aussprache blieb über Jahrtausende hinweg stabil. Die Bürgermeisterin faßte sich als erste. „Nun, das erspart uns sicher eine Menge Schwierigkeiten“, sagte sie ziemlich lahm. „Aber wo kommen Sie her? Ich fürchte, wir haben den Kontakt mit — unseren Nachbarn — verloren, seit unsere Tiefenraumantenne zerstört wurde.“ Der ältere Mann warf seinem viel größeren Gefährten einen Blick zu, eine stumme Botschaft ging zwischen den beiden hin und her. Dann wandte er sich wieder der wartenden Bürgermeisterin zu. Die Traurigkeit in dieser schönen Stimme war unüberhörbar, als er seine groteske Behauptung vorbrachte. „Es fällt Ihnen vielleicht schwer, mir zu glauben“, sagte er. „Aber wir sind nicht von einer der Kolonien. Wir kommen direkt von der Erde.“ Zweiter Teil Die ‚Magellan‘ 6. Über dem Planeten Noch ehe Loren die Augen öffnete, wußte er genau, wo er war, und das fand er ziemlich überraschend. Nach einem zweihundert Jahre dauernden Schlaf wäre eine gewisse Verwirrung verständlich gewesen, aber es kam ihm so vor, als sei es erst gestern gewesen, daß er seinen letzten Eintrag im Logbuch des Schiffes gemacht hatte. Und, soweit er sich erinnern konnte, hatte er kein einzigesmal geträumt. Dafür war er dankbar. Er ließ die Augen noch geschlossen und konzentrierte sich nacheinander auf seine anderen Sinneskanäle. Er konnte leises Stimmengemurmel hören, sanft und beruhigend. Da war das vertraute Seufzen der Luftaustauscher, und er spürte einen kaum wahrnehmbaren Luftzug, der angenehm antiseptische Gerüche über sein Gesicht streichen ließ. Das einzige, was er nicht spürte, war Schwere. Er hob mühelos seinen rechten Arm: er schwebte in der Luft und wartete auf seinen nächsten Befehl. „Hallo, Mr. Lorenson“, sagte eine fröhliche, tyrannische Stimme. „Sie haben sich also dazu herbeigelassen, wieder zu uns zu stoßen. Wie fühlen Sie sich?“ Loren öffnete endlich die Augen und versuchte, sie auf die verschwommene Gestalt einzustellen, die neben seinem Bett schwebte. „Hallo… Doktor. Mir geht's gut. Und ich habe Hunger.“ „Das ist immer ein gutes Zeichen. Sie können sich anziehen — bewegen Sie sich eine Zeitlang noch nicht zu hastig. Und später können Sie dann entscheiden, ob Sie diesen Bart behalten wollen.“ Loren dirigierte seine immer noch schwebende Hand an sein Kinn; er war überrascht, wie viele Stoppeln er dort vorfand. Wie die meisten Männer hatte er die Möglichkeit der permanenten Enthaarung niemals wahrgenommen — über dieses Thema waren ganze Bände von psychologischen Abhandlungen verfaßt worden. Vielleicht war es Zeit, es sich noch einmal zu überlegen; komisch, wie solche Nebensächlichkeiten sich im Geist ansammelten, sogar in einem solchen Augenblick. „Sind wir sicher angekommen?“ „Natürlich — sonst würden Sie noch schlafen. Alles ist planmäßig gelaufen. Vor einem Monat hat das Schiff angefangen, uns aufzuwecken — wir sind jetzt über Thalassa im Orbit. Die Wartungsmannschaften haben alle Systeme überprüft; jetzt sind Sie an der Reihe, ein wenig zu arbeiten. Und wir haben auch eine kleine Überraschung für Sie.“ „Eine angenehme, hoffe ich.“ „Wir hoffen das auch. Kapitän Bey hält in zwei Stunden im Hauptsitzungssaal eine Einsatzbesprechung ab. Wenn Sie sich noch nicht bewegen wollen, können Sie auch von hier aus zusehen.“ „Ich gehe in den Sitzungssaal — ich möchte doch alle begrüßen. Aber kann ich vorher frühstücken? Ist schon lange her…“ Kapitän Sirdar Bey wirkte müde, aber zufrieden, als er die fünfzehn Männer und Frauen begrüßte, die soeben wiederbelebt worden waren, und sie den dreißig Leuten vorstellte, die die gegenwärtige Aund B-Mannschaft bildeten. Dem Schiffsreglement zufolge sollte die C-Mannschaft eigentlich schlafen — aber mehrere Gestalten drückten sich im hinteren Teil des Sitzungssaales herum und taten so, als seien sie gar nicht da. „Ich freue mich, daß Sie zu uns gestoßen sind“, sagte der Kapitän zu den Neuankömmlingen. „Es ist schön, ein paar neue Gesichter zu sehen. Und noch schöner ist es, einen Planeten zu sehen und zu wissen, daß unser Schiff die ersten zweihundert Jahre seiner Mission ohne größere Abweichungen hinter sich gebracht hat. Hier ist Thalassa, genau nach Plan.“ Alle wandten sich der optischen Anzeige zu, die den größten Teil einer Wand einnahm. Vieles davon waren Daten und Informationen über den Zustand des Schiffes, aber der größte Abschnitt hätte ein Fenster in den Weltraum hinaus sein können. Er war völlig ausgefüllt von der fantastischen, fast ganz beleuchteten Abbildung eines blauweißen Globus. Wahrscheinlich hatte jeder im Raum die zu Herzen gehende Ähnlichkeit mit der Erde bemerkt, wie man sie von oberhalb des Pazifiks aus sah — fast lauter Wasser, nur ein paar vereinzelte Landmassen. Und auch hier gab es Land — eine kompakte Gruppe von drei Inseln, von einem Wolkenschleier teilweise verborgen. Loren dachte an Hawaii, das er nie gesehen hatte und das nicht mehr existierte. Aber es gab einen grundlegenden Unterschied zwischen den beiden Planeten. Die zweite Hemisphäre der Erde war größtenteils Festland; die zweite Hemisphäre von Thalassa war ganz Meer. „Da ist es“, sagte der Kapitän stolz. „Genau, wie es die Missionsplaner vorausgesagt haben. Aber mit einer Einzelheit haben sie nicht gerechnet, und die wird sicher Einfluß auf unsere Operationen haben. Sie erinnern sich vielleicht, daß Thalassa von einer Mark 3A-Kapsel mit fünfzigtausend Einheiten besät wurde, die 2751 von der Erde startete und 3109 hier ankam. Alles ging gut, und die ersten Übertragungen wurden einhundertsechzig Jahre später empfangen. Sie wurden mit Unterbrechungen fast zweihundert Jahre lang fortgesetzt, dann hörten sie plötzlich auf, nach einem kurzen Funkspruch, der einen größeren Vulkanausbruch meldete. Danach hörte man nie wieder etwas und nahm an, unsere Kolonie auf Thalassa sei zerstört worden — oder jedenfalls in Barbarei zurückgefallen, wie es offenbar in mehreren anderen Fällen geschehen ist. Für die neu Hinzugekommenen möchte ich wiederholen, was wir vorgefunden haben. Natürlich haben wir alle Frequenzen abgehört, als wir in das System eintraten. Nichts — nicht einmal austretende Strahlung von Energiesystemen. Als wir näher kamen, stellten wir fest, daß das überhaupt nichts zu bedeuten hatten. Thalassa hat eine sehr dichte Ionosphäre. Darunter konnte auf Mittelund Kurzwelle eine Menge gequasselt werden, ohne daß man draußen jemals etwas davon erfuhr. Mikrowellen würden natürlich durchgehen, aber vielleicht brauchen sie die nicht, oder wir hatten nicht genug Glück, um einen Strahl abzufangen. Jedenfalls befindet sich da unten eine gut entwickelte Zivilisation. Wir sahen die Lichter ihrer Städte — kleine Städte wenigstens — sobald wir einen guten Blick auf die Nachtseite hatten. Es gibt eine Menge kleiner Industriebetriebe, ein wenig Küstenverkehr — keine großen Schiffe — und wir haben sogar ein paar Flugzeuge entdeckt, die bis zu fünfhundert Stundenkilometer flogen, womit man in fünfzehn Minuten überallhin kommt. Offensichtlich braucht man in einer so kompakten Gemeinde nicht viel durch die Luft zu befördern, und sie haben ein gutes Straßensystem. Aber wir konnten immer noch keine Kommunikationseinrichtungen entdekken. Und auch keine Satelliten — nicht einmal Wettersatelliten, von denen man doch annehmen könnte, daß sie die brauchten… aber vielleicht auch nicht, da sich ihre Schiffe vermutlich nie außer Sichtweite vom Land entfernen. Natürlich gibt es sonst einfach kein Land, wohin man fahren könnte. Hier sind wir also. Es ist eine interessante Situation — und eine sehr angenehme Überraschung. Ich hoffe wenigstens, daß es so sein wird. Hat jetzt jemand Fragen? Ja, Mr. Lorenson?“ „Haben wir schon versucht, mit ihnen Verbindung aufzunehmen, Sir?“ „Noch nicht. Wir hielten es nicht für ratsam, bis wir genau wissen, auf welcher kulturellen Stufe sie stehen. Was immer wir tun, es könnte ein beträchtlicher Schock sein.“ „Wissen sie, daß wir hier sind?“ „Wahrscheinlich nicht.“ „Aber… unser Antrieb — das müssen sie doch sicher gesehen haben!“ Das war eine vernünftige Frage, da ein Quantenstrahltriebwerk mit voller Leistung eines der dramatischsten Schauspiele bot, die der Mensch jemals zustandegebracht hatte. Es strahlte so grell wie eine Atombombe, und die Strahlung hielt viel länger an — Monate anstatt Millisekunden. „Möglicherweise, aber ich bezweifle es. Wir befanden uns während des größten Teils der Bremsmanöver jenseits der Sonne. In ihrem grellen Schein hätten sie uns nicht sehen können.“ Dann sprach jemand die Frage aus, die sich in Gedanken alle gestellt hatten. „Kapitän, welchen Einfluß wird das auf unsere Mission haben?“ Sirdar Bey schaute den Sprecher nachdenklich an. „In diesem Stadium kann man dazu noch gar nichts sagen. Ein paar hunderttausend weitere Menschen — wie groß die Bevölkerung eben ist — könnten uns alles viel einfacher machen. Oder wenigstens viel angenehmer. Andererseits, wenn sie uns nicht mögen…“ Er zuckte die Achseln. „Mir ist soeben wieder eingefallen, welchen Rat ein alter Forscher einem seiner Kollegen gab. Wenn man davon ausgeht, daß die Eingeborenen freundlich sind, dann sind sie es gewöhnlich auch. Und umgekehrt. Solange sie uns nicht das Gegenteil beweisen, werden wir also davon ausgehen, daß sie uns freundlich gesinnt sind. Und wenn nicht…“ Die Züge des Kapitäns wurden hart, und seine Stimme wurde die eines Kommandanten, der soeben ein großes Schiff fünfzig Lichtjahre weit durch den Weltraum geführt hatte. „Ich habe nie behauptet, daß Macht gleich Recht ist, aber es ist immer sehr beruhigend, wenn man sie hat.“ 7. Die Herren der Letzten Tage Es war schwer zu glauben, daß er wirklich und wahrhaftig wach war, und daß das Leben neu beginnen konnte. Kapitänleutnant Loren Lorenson wußte, daß er der Tragödie, die mehr als vierzig Generationen überschattet und ihren Höhepunkt während seines eigenen Lebens erreicht hatte, niemals ganz entrinnen konnte. Während seines ersten, neuen Tages, ließ ihn eine Angst nicht los. Nicht einmal die vielversprechende, schöne, geheimnisvolle Ozeanwelt, die da unter der ‚Magellan‘ hing, konnte diesen Gedanken fernhalten: welche Träume werden über mich kommen, wenn ich heute nacht zum erstenmal seit zweihundert Jahren meine Augen schließe, um natürlich zu schlafen? Er hatte Szenen miterlebt, die niemand je vergessen konnte und die die Menschheit bis ans Ende der Zeiten heimsuchen würden. Durch die Teleskope des Schiffes hatte er den Tod des Sonnensystems beobachtet. Mit eigenen Augen hatte er es gesehen: die Vulkane des Mars, die zum erstenmal in einer Milliarde Jahren ausbrachen; die Venus, kurz einmal nackt, als ihre Atmosphäre in den Weltraum gerissen wurde, ehe der Planet selbst verbrannte; die Gasriesen, die zu weißglühenden Feuerbällen explodierten. Aber das waren leere, bedeutungslose Schauspiele verglichen mit der Tragödie der Erde. Auch sie hatte er beobachten können, durch die Linsen von Kameras, die ein paar Minuten länger überlebt hatten als die hingebungsvollen Menschen, die die letzten Augenblicke ihres Lebens geopfert hatten, um sie aufzubauen. Er hatte gesehen… … wie die Große Pyramide in dumpfem Rot aufglühte, ehe sie zu einer Pfütze aus geschmolzenem Stein zusammensank… … wie der Boden des Atlantik innerhalb von Sekunden steinhart gebacken und dann wieder überflutet wurde, von der Lava, die aus den Vulkanen des Grabenbruchs mitten im Ozean sprudelte… … wie der Mond über den lodernden Wäldern Brasiliens aufging und jetzt, bei seinem letzten Untergang selbst fast so hell leuchtete wie vorher die Sonne, nur Minuten, ehe… der so lange begrabene Kontinent Antarktis kurz auftauchte, als das kilometerdicke, uralte Eis weggebrannt wurde… wie der mächtige Mittelbogen der Brücke von Gibraltar schmolz, während er durch die brennende Luft nach unten stürzte… In jenem letzten Jahrhundert wurde die Erde von Geistern heimgesucht — nicht von Geistern der Verstorbenen, sondern von den Geistern derer, die niemals geboren werden konnten. Fünfhundert Jahre lang hatte man die Geburtenrate so niedrig gehalten, daß die menschliche Bevölkerung auf ein paar Millionen reduziert sein würde, wenn schließlich das Ende kam. Ganze Städte — sogar Länder — lagen verlassen da, als sich die Menschheit zum letzten Akt der Geschichte eng zusammendrängte. Es war eine Zeit voll seltsamer Paradoxien, wilder Schwankungen zwischen Verzweiflung und fieberhafter Hochstimmung. Viele suchten natürlich mit den altbekannten Methoden Vergessen, mit Drogen, Sex und gefährlichen Sportarten — dazu gehörten auch regelrechte Miniaturkriege, die sorgfältig überwacht und mit vorher vereinbarten Waffen ausgefochten wurden. Gleichermaßen beliebt war das ganze Spektrum der elektronischen Katharsis, von endlosen Videospielen und Interaktionsdramen bis zu direkter Stimulation der Lustzentren des Gehirns. Da es keinen Grund mehr gab, auf die Zukunft dieses Planeten Rücksicht zu nehmen, konnten die Schätze der Erde und der in den vergangenen Epochen angehäufte Reichtum ruhigen Gewissens verschwendet werden. Nach materiellen Werten gerechnet waren alle Menschen Millionäre, so reich, wie es sich ihre Vorfahren, von deren Mühen sie nun die Früchte ernteten, in ihren kühnsten Träumen nicht vorgestellt hatten. Sie nannten sich ironisch, aber nicht ohne einen gewissen Stolz, die Herren der Letzten Tage. Aber obwohl Myriaden von Menschen Vergessen suchten, fanden noch mehr ihre Befriedigung, wie es einige immer getan hatten, darin, für Ziele zu arbeiten, die außerhalb ihres eigenen Lebens lagen. Man betrieb weiterhin wissenschaftliche Forschung in großem Ausmaß, mit den gewaltigen Mitteln, die jetzt frei verfügbar geworden waren. Wenn ein Physiker für ein Experiment hundert Tonnen Gold brauchte, dann war das lediglich ein geringfügiges, logistisches Problem, aber kein finanzielles. Drei Themen dominierten. Das erste war die ständige Überwachung der Sonne — nicht, weil noch irgendwelche Zweifel bestanden hätten, sondern um den Augenblick der Explosion auf das Jahr, den Tag, die Stunde vorauszusagen… Zweitens wurde die Suche nach außerirdischer Intelligenz, die nach jahrelangen, erfolglosen Bemühungen vernachlässigt geworden war, nun mit verzweifelter Dringlichkeit wiederaufgenommen — und bis zum Ende war ihr kein größerer Erfolg beschieden als zuvor. Auf alle Fragen des Menschen gab das Universum weiterhin nichts als Staub zur Antwort. Und drittens wollte man natürlich die nahegelegenen Sterne besäen, in der Hoffnung, daß die menschliche Rasse nicht mit dem Untergang ihrer Sonne ausgelöscht würde. Als das letzte Jahrtausend heraufdämmerte, hatte man immer schnellere und höherentwickelte Saatschiffe zu mehr als fünfzig Zielen ausgeschickt. Die meisten waren, wie erwartet, gescheitert, aber zehn hatten über Funk zumindest Teilerfolge gemeldet. Noch größere Hoffnungen setzte man auf die späteren und fortgeschritteneren Modelle, auch wenn sie ihre fernen Ziele erst erreichen würden, nachdem die Erde schon lange aufgehört hatte zu existieren. Die allerletzten, die gestartet wurden, konnten mit einem Zwanzigstel Lichtgeschwindigkeit fliegen und würden in neunhundertfünfzig Jahren einen Planeten erreichen — wenn alles gutging. Loren konnte sich noch an den Start der ‚Excalibur‘ von ihrem Baugerüst am Lagrange-Punkt zwischen Erde und Mond erinnern. Obwohl er erst fünf war, wußte er schon damals, daß dieses Saatschiff das allerletzte seiner Art sein würde. Aber warum das seit Jahrhunderten laufende Programm genau in dem Augenblick eingestellt wurde, als es technologisch ausgereift war, das hatte er damals noch nicht verstehen können. Und er hatte sich auch nicht denken können, wie sein eigenes Leben durch die fantastische Entdeckung verändert werden sollte, die die gesamte Situation verwandelt und der Menschheit in den allerletzten Jahrzehnten irdischer Geschichte neue Hoffnung gegeben hatte. Obwohl man unzählige theoretische Studien durchgeführt hatte, hatte nie jemand plausible Argumente für bemannte Raumflüge selbst zum nächsten Stern vorbringen können. Daß eine solche Reise hundert Jahre dauern konnte, war nicht der entscheidende Faktor; dieses Problem konnte man mit Hibernation lösen. Ein Rhesusaffe hatte im Louis-Pasteur-Satellitenhospital fast tausend Jahre geschlafen, und seine Gehirntätigkeit war immer noch völlig normal. Es gab keinen Grund für die Annahme, daß das bei Menschen nicht genauso möglich sein sollte — obwohl der Rekord, den ein an einer besonders rätselhaften Form von Krebs leidender Patient hielt, noch unter zweihundert Jahren lag. Das biologische Problem war gelöst, als unüberwindlich erwies sich das technische. Ein Schiff, das Tausende von schlafenden Passagieren und alles, was sie für ein neues Leben auf einer anderen Welt brauchten, befördern konnte, mußte so groß sein wie einer der riesigen Ozeandampfer, die einst die Meere der Erde beherrscht hatten. Es wäre nicht weiter schwierig, jenseits der MarsUmlaufbahn ein solches Schiff zu bauen und dazu die überreich vorhandenen Bodenschätze des Asteroidengürtels zu verwenden. Es war jedoch unmöglich, Triebwerke zu konstruieren, die es in einer vernünftigen Zeit zu den Sternen bringen konnten. Selbst bei einem Zehntel Lichtgeschwindigkeit waren die vielversprechendsten Ziele mehr als fünfhundert Jahre entfernt. Eine solche Geschwindigkeit hatten Robotsonden erreicht — die durch nahegelegene Sternensysteme rasten und ihre Beobachtungen während ein paar hektischer Transitstunden zur Erde funkten. Aber es gab keine Möglichkeit, sie für ein Rendezvous oder eine Landung abzubremsen; falls es nicht zu einem Unfall kam, würden sie ewig weiter durch die Galaxis rasen. Das war das Grundproblem bei den Raketen — und niemand hatte für den Antrieb im Weltraum je eine Alternative dazu gefunden. Es war genauso schwierig, Geschwindigkeit zu verlieren wie sie zu bekommen, und die Mitführung des notwendigen Treibstoffs für die Bremsmanöver verdoppelte die Schwierigkeit einer Mission nicht nur; sie quadrierte sie. Ein ausgewachsenes Hibernationsschiff konnte durchaus so gebaut werden, daß es ein Zehntel Lichtge schwindigkeit erreichte. Dazu waren ungefähr eine Million Tonnen einigermaßen exotischer Elemente als Treibstoff erforderlich; schwierig, aber nicht unmöglich. Aber um diese Geschwindigkeit am Ende der Reise wieder aufzuheben, mußte das Schiff nicht mit einer Million — sondern mit der absurden Menge von einer Million Millionen Tonnen Treibstoff starten. Das stand natürlich so vollständig außer Frage, daß es seit Jahrhunderten niemand mehr ernsthaft in Erwägung gezogen hatte. Und dann bekam, durch eine der größten Ironien der Geschichte, die Menschheit den Schlüssel zum Universum — und hatte kaum noch hundert Jahre Zeit, um ihn zu benützen. 8. Erinnerung an eine verlorene Liebe Wie bin ich froh, dachte Moses Kaldor, daß ich dieser Versuchung nie erlegen bin — dieser verführerischen Verlockung, die Kunst und Technologie der Menschheit vor mehr als tausend Jahren erstmals geschenkt hatten. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich Evelyns elektronischen Geist mit ins Exil nehmen können, eingesperrt in ein paar Gigabytes Programmierung. Sie hätte vor ir gendeinem Hintergrund, den wir beide liebten, vor mir erscheinen und eine so völlig überzeugende Unterhaltung mit mir führen können, daß kein Außenstehender jemals erraten hätte, daß da eigentlich niemand — nichts war. Aber ich selbst hätte es nach fünf oder zehn Minuten gewußt, es sei denn, ich hätte mich durch einen bewußten Willensakt selbst getäuscht. Und dazu wäre ich niemals fähig. Obwohl ich immer noch nicht genau weiß, warum meine Instinkte sich dagegen auflehnen, habe ich mich immer geweigert, den falschen Trost eines Dialogs mit den Toten zu akzeptieren. Ich besitze nicht einmal eine einfache Aufzeichnung ihrer Stimme. Es ist viel besser so, wenn ich ihr zusehe, wie sie lautlos in dem kleinen Garten unseres letzten Heims herumgeht, und wenn ich weiß, daß das keine Illusion der Bildermacher ist, sondern daß es wirklich so war, vor zweihundert Jahren, auf der Erde. Und die einzige Stimme ist dabei die meine, hier und jetzt, und sie spricht mit der Erinnerung, die in meinem eigenen, lebendigen, menschlichen Gehirn existiert. Privataufzeichnung Eins, Alpha-Zerhacker, Autolöschprogramm. Du hattest recht, Evelyn, und ich hatte unrecht. Obwohl ich der älteste Mann auf dem Schiff bin, hat es den Anschein, als könnte ich noch nützlich sein. Als ich erwachte, stand Kapitän Bey neben mir. Ich fühlte mich geschmeichelt — sobald ich fähig war, überhaupt etwas zu fühlen. „Nun, Kapitän“, sagte ich, „das ist ja eine Überraschung. Ich habe fast erwartet, daß Sie mich als nutzlose Masse in den Weltraum werfen lassen würden.“ Er lachte und antwortete: „Das könnte immer noch passieren, Moses; die Reise ist noch nicht vorüber. Aber jetzt brauchen wir Sie jedenfalls. Die Missionsplaner waren klüger, als Sie ihnen zugetraut hätten.“ „Sie haben mich im Schiffsmanifest als — Gänsefüßchen auf — Botschafter-Berater — Gänsefüßchen zu — eingetragen. In welcher Eigenschaft werde ich benötigt?“ „Wahrscheinlich in beiden. Und vielleicht in Ihrer noch besser bekannten Rolle als…“ „Zögern Sie nicht, wenn Sie Religionsführer sagen wollten, obwohl ich das Wort nie mochte und mich selbst nie als Anführer irgendeiner Bewegung betrachtet habe. Ich habe nur versucht, die Leute dazu zu bringen, daß sie selbst dachten — ich wollte nie, daß jemand mir blind folgte. Die Geschichte hat zu viele Führer gesehen.“ „Ja, aber nicht alle waren schlecht. Denken Sie doch an Ihren Namensvetter.“ „Er wird stark überschätzt, obwohl ich verstehen kann, wenn Sie ihn bewundern. Schließlich haben auch Sie die Aufgabe, heimatlose Stämme in ein Gelobtes Land zu führen. Ich nehme an, daß ein kleines Problem aufgetaucht ist.“ Der Kapitän antwortete lächelnd: „Es freut mich, zu sehen, daß Sie völlig wach sind. Im augenblicklichen Stadium haben wir noch nicht einmal ein Problem, und es besteht auch kein Grund, warum es eines werden sollte. Aber es ist eine Situation entstanden, auf die niemand gefaßt war, und Sie sind unser offizieller Diplomat. Sie haben wohl als einziger die Fähigkeit, die zu brauchen wir niemals erwartet hätten.“ Ich kann dir sagen, Evelyn, das versetzte mir einen Schock. Kapitän Bey muß meine Gedanken sehr deutlich gelesen haben, als er sah, wie mir die Kinnlade herunterklappte. „Oh“, sagte er schnell. „Wir sind nicht etwa auf Aliens gestoßen! Aber es hat sich herausgestellt, daß die menschliche Kolonie auf Thalassa doch nicht zerstört ist, wie wir gedacht hatten. In Wirklichkeit geht es ihr prächtig.“ Das war natürlich wieder eine Überraschung, wenn auch eine recht angenehme. Thalassa — das Meer, das Meer! — war eine Welt, die zu Gesicht zu bekommen ich nie erwartet hätte. Wenn ich erwachte, sollte sie schon Lichtjahre hinter uns und Jahrhunderte in der Vergangenheit liegen. „Was sind es für Menschen? Haben Sie schon Kontakt mit ihnen aufgenommen?“ „Noch nicht. Das ist Ihre Aufgabe. Sie wissen besser als jeder andere, welche Fehler in der Vergangenheit gemacht wurden. Wir wollen sie hier nicht wiederholen. Wenn Sie jetzt bereit sind, auf die Brücke zu kommen, dürfen Sie unsere lange verschollenen Vettern aus der Vogelperspektive betrachten.“ Das ist eine Woche her, Evelyn; wie angenehm ist es doch, nach Jahrzehnten unumstößlicher — und allzu wörtlicher — letzter Fristen nicht unter Zeitdruck zu stehen! Wir wissen jetzt so viel über die Thalassaner, wie wir nur hoffen können, solange wir ihnen nicht wirklich von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten. Und das werden wir heute abend tun. Wir haben eine gemeinsame Stelle gewählt, um zu zeigen, daß wir uns der Verwandtschaft bewußt sind. Der Platz der ersten Landung ist deutlich sichtbar und wurde gut gepflegt, wie ein Park — möglicherweise ein Heiligtum. Das ist ein sehr gutes Zeichen: ich hoffe nur, daß unsere Landung dort nicht als Frevel aufgefaßt wird. Vielleicht wird sie bestätigen, daß wir Götter sind, und das müßte es uns eigentlich leichter machen. Wenn die Thalassaner überhaupt Götter erfunden haben — und das ist ein Punkt, den ich gerne klären möchte. Ich beginne wieder zu leben, mein Schatz. Ja, ja — du warst weiser als ich, der sogenannte Philosoph! Kein Mensch hat das Recht zu sterben, solange er seinen Mitmenschen noch helfen kann. Es war egoistisch von mir, daß ich es anders wollte — daß ich hoffte, auf immer neben dir an der Stelle zu liegen, die wir vor so langer Zeit, so weit entfernt ausgesucht hatten… Jetzt kann ich sogar die Tatsache akzeptieren, daß du mit allem, was ich jemals auf der Erde geliebt habe, über das ganze Sonnensystem verstreut bist. Aber jetzt gibt es viel zu tun; und während ich mit der Erinnerung an dich spreche, bist du noch lebendig. 9. Die Suche nach dem Superraum Von allen psychologischen Hammerschlägen, die auf die Wissenschaftler des zwanzigsten Jahrhunderts niederprasselten, war der vielleicht vernichtendste — und unerwartetste — die Entdeckung, daß es nirgendwo mehr Gedränge gab als im leeren Weltraum. Die alte aristotelische Lehre, daß die Natur ein Vakuum verabscheut, war absolut richtig. Selbst wenn aus einem gegebenen Volumen jedes Atom scheinbar fester Materie entfernt war, blieb ein brodelndes Inferno von Energien übrig, von einer Intensität und einem Ausmaß, wie es für den menschlichen Geist unvorstellbar war. Im Vergleich dazu war selbst die kondensierteste Form von Materie — die hundert Millionen Tonnen pro Kubikzentimeter eines Neutronensterns — ein flüchtiger Geist, ein kaum wahrnehmbarer Wirbel in der unvorstellbar dichten, aber doch schaumartigen Struktur des ‚Superraums‘. Daß hinter dem Raum viel mehr steckte, als die naive Intuition nahelegte, wurde erstmals durch das klassische Werk von Lamb und Rutherford im Jahre 1949 enthüllt. Als sie das einfachste Element — das Wasserstoffatom — studierten, entdeckten sie, daß etwas sehr Sonderbares geschah, wenn das einzelne Elektron den Kern umkreiste. Weit davon entfernt, sich in einer glatten Kurve zu bewegen, verhielt es sich so, als würde es von unaufhörlichen Wellen in submikroskopischem Ausmaß ständig hinund hergestoßen. So schwer es fiel, diese Vorstellung zu erfassen, es gab Fluktuationen im Vakuum selbst. Seit den Griechen waren die Philosophen in zwei Schulen gespalten — in jene, die glaubte, daß die Vorgänge in der Natur sich glatt und fließend abspielten, und in die andere, die behauptete, das sei Illusion; in Wirklichkeit vollziehe sich alles in einzelnen sprunghaften Zukkungen, die zu klein seien, um im täglichen Leben wahrgenommen zu werden. Die Aufstellung der Atomtheorie war ein Triumph für die zweite Denkschule; und als Plancks Quantentheorie demonstrierte, daß sogar Licht und Energie in kleinen Bündeln und nicht in kontinuierlichen Strömen auftraten, ging der Streit schließlich zu Ende. In letzter Analyse war die Welt der Natur granular — nicht kontinuierlich. Selbst wenn das bloße, menschliche Auge zwischen einem Wasserfall und einem Regen von Ziegelsteinen einen sehr großen Unterschied sah, waren sie in Wirklichkeit doch ziemlich gleich. Die winzigen H2O-‚Steine‘ waren zu klein, um für die Sinne ohne Hilfsmittel erkennbar zu sein, aber mit den Instrumenten der Physiker waren sie leicht zu unterscheiden. Und jetzt wurde die Analyse noch einen Schritt weitergetrieben. Was die granulare Struktur des Raumes so schwer vorstellbar machte, waren nicht nur ihre subsubmikroskopischen Ausmaße — sondern ihre ungestüme Heftigkeit. Niemand konnte sich wirklich ein Millionstel eines Zentimeters vorstellen, aber wenigstens die Zahl selbst — tausendmal Tausend — war von solch menschlichen Dingen wie Haushaltsplänen und Bevölkerungsstatistiken her vertraut. Wenn man sagte, man brauche eine Million Viren, um einen Abstand von einem Zentimeter zu überbrücken, dann konnte man dem Geist damit einen Anhaltspunkt geben. Aber ein Million-Millionstel eines Zentimeters? Das war mit der Größe eines Elektrons vergleichbar, und das ging schon weit über alles hinaus, was man sich vorstellen konnte. Man mochte es rein intellektuell erfassen, aber gefühlsmäßig nicht. Und doch war das Ausmaß der Vorgänge in der Struktur des Raumes noch unglaublich viel kleiner — um so viel, daß, verglichen damit, eine Ameise und ein Elefant praktisch die gleiche Größe hatten. Wenn man sich ihn als blasenwerfende, schaumartige Masse vorstellte (fast hoffnungslos irreführend, aber doch eine erste Annäherung an die Wahrheit), hatten diese Blasen einen Durchmesser von… … einem Tausendstel eines Millionstels eines Millionstels eines Millionstels eines Millionstels eines Millionstels… … eines Zentimeters. Und nun muß man sich vorstellen, daß diese Blasen beständig explodierten und dabei Energien freisetzten, die denen von Atombomben vergleichbar waren — und daß sie diese Energien wieder absorbierten und wieder ausspuckten, und so weiter, immer und ewig. Das war, grob vereinfacht, das Bild, das einige Physiker gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts von der Fundamentalstruktur des Raumes entwickelt hatten. Daß die ihm innewohnenden Energien jemals angezapft werden könnten, muß zu dieser Zeit ein völlig lächerlicher Gedanke gewesen sein. Aber das hatte, ein Menschenleben früher, auch für die Idee gegolten, man könne die neu entdeckten Kräfte des Atomkerns freisetzen; und doch war es in weniger als einem halben Jahrhundert so weit gewesen. Die ‚Quantenfluktuationen‘ zu zügeln, die die Energien des Raumes selbst verkörperten, das war eine Aufgabe, die ganze Größenordnungen schwieriger war — und der Lohn dementsprechend größer. Unter anderem würde sich die Menschheit damit frei im Universum bewegen können. Ein Raumschiff konnte buchstäblich unbegrenzt lange beschleunigen, da es keinen Treibstoff mehr brauchte. Die einzige praktische Grenze für die Geschwindigkeit würde, paradoxerweise, die gleiche sein, mit der auch die ersten Flugzeuge zu kämpfen hatten — die Reibung des umgebenden Mediums. Der Raum zwischen den Sternen enthielt meßbare Mengen von Wasserstoff und anderen Atomen, die Schwierigkeiten machen konnten, lange bevor man die letzte Grenze erreichte, die die Lichtgeschwindigkeit setzte. Der Quantenantrieb hätte jederzeit nach dem Jahre 2500 entwickelt werden können, und dann wäre die Geschichte der Menschheit ganz anders verlaufen. Leider verzögerten — wie es im Zickzackkurs der Wissenschaft schon oft geschehen war — fehlerhafte Beobachtungen und falsche Theorien den endgültigen Durchbruch um fast tausend Jahre. Die fieberhaften Jahrhunderte der letzten Tage brachten viele brillante — wenn auch oft dekadente — Kunstwerke hervor, aber nur wenig neues, fundamentales Wissen. Darüber hinaus hatte inzwischen die lange Reihe von gescheiterten Versuchen fast jedermann davon überzeugt, daß es mit dem Anzapfen der Energien des Raumes genauso war wie mit dem Perpetuum Mobile, unmöglich selbst in der Theorie, von der Praxis ganz zu schweigen. Jedoch war es — anders als beim Perpetuum Mobile — noch nicht bewiesen worden, daß es unmöglich war, und bis das jenseits allen Zweifels klargestellt war, blieb immer noch etwas Hoffnung. Erst einhundertfünfzig Jahre vor dem Ende verkündete eine Gruppe von Physikern im NullschwerkraftForschungssatelliten Lagrange Eins, daß sie endlich einen solchen Beweis gefunden hätten; es gab fundamentale Gründe, warum die gewaltigen Energien des Superraums, obwohl sie nur allzu wirklich waren, niemals angezapft werden konnten. Niemand interessierte sich im mindesten für diese Aufräumarbeiten in einer obskuren Ecke der Wissenschaft. Ein Jahr später schallte verlegenes Hüsteln von Lagrange Eins herunter. Man hatte einen kleinen Fehler in der Beweisführung gefunden. Etwas, das in der Vergangenheit oft genug passiert war, wenn auch nie mit so folgenschweren Konsequenzen. Ein Minuszeichen war versehentlich in ein Plus umgewandelt worden. Mit einem Schlag war die ganze Welt verändert. Der Weg zu den Sternen war aufgetan — fünf Minuten vor Mitternacht. Dritter Teil Die Südinsel 10. Der erste Kontakt Vielleicht hätte ich es ihnen schonender beibringen sollen, sagte sich Moses Kaldor; sie scheinen alle unter Schock zu stehen. Aber das ist an sich schon sehr lehrreich; selbst wenn diese Menschen technologisch rückständig sind (man braucht sich ja nur diesen Wagen anzusehen!), müssen sie doch begreifen, daß nur ein Wunder der Technik uns von der Erde nach Thalassa gebracht haben konnte. Zuerst werden sie sich fragen, wie wir das gemacht haben, und dann werden sie anfangen zu überlegen, warum. Tatsächlich war das die erste Frage, die Bürgermeisterin Waldron in den Sinn gekommen war. Diese beiden Männer in dem kleinen Fahrzeug waren offensichtlich nur die Vorhut. Da droben im Orbit mochten Tausende sein — Millionen sogar. Und die Bevölkerung von Thalassa war, dank strenger Vorschriften, schon bei neunzig Prozent des ökologischen Optimums angelangt… „Mein Name ist Moses Kaldor“, sagte der ältere der beiden Besucher. „Und das ist Kapitänleutnant Loren Lorenson, stellvertretender Chefingenieur des Sternenschiffs ‚Magellan‘. Wir möchten uns wegen dieser Blasenanzüge entschuldigen — Sie sehen sicher ein, daß sie für die Sicherheit beider Seiten erforderlich sind. Auch wenn wir in freundlicher Absicht kommen, unsere Bakterien könnten andere Vorstellungen haben.“ Was für eine schöne Stimme, sagte die Bürgermeisterin bei sich — und das mit Recht. Es war einmal die bekannteste Stimme der Welt gewesen, sie hatte in den Jahrzehnten vor dem Ende Millionen getröstet — und manchmal provoziert. Der notorisch schweifende Blick der Bürgermeisterin blieb jedoch nicht lange auf Moses Kaldor haften; er war offensichtlich hoch in den Sechzigern und ein wenig zu alt für sie. Der jüngere Mann war viel mehr nach ihrem Geschmack, auch wenn sie nicht sicher war, ob sie sich an diese häßliche, bleiche Hautfarbe jemals wirklich gewöhnen konnte. Loren Lorenson (was für ein hübscher Name!) war fast zwei Meter groß, und sein Haar war so blond, daß es fast silbern wirkte. Er war nicht so stämmig wie… nun, wie Brant, aber er sah auf jeden Fall besser aus. Die Bürgermeisterin konnte sowohl Männer wie auch Frauen gut beurteilen, und sie ordnete Lorenson sehr schnell ein. Hier waren Intelligenz, Entschlossenheit, vielleicht sogar Skrupellosigkeit — sie wollte ihn nicht gerne zum Feind haben, war aber unbedingt daran interessiert, ihn zum Freund zu haben. Oder noch besser… Gleichzeitig zweifelte sie nicht daran, daß Kaldor ein wesentlich netterer Mensch war. In seinem Gesicht und seiner Stimme erkannte sie schon jetzt Weisheit, Mitgefühl und auch eine tiefe Traurigkeit. Kein Wunder in Anbetracht des Schattens, unter dem er sein ganzes Leben verbracht haben mußte. Alle übrigen Mitglieder des Begrüßungskomitees waren jetzt nähergetreten und wurden nacheinander vorgestellt. Brant marschierte, nach den kürzestmöglichen Höflichkeitsfloskeln, schnurstraks auf das Flugzeug zu und begann, es von vorne bis hinten zu mustern. Loren folgte ihm: er erkannte sofort, wenn er einen Ingenieurskollegen vor sich hatte, und er würde aus den Reaktionen des Thalassaners viel erfahren können. Er erriet, wonach Brant zuerst fragen würde. Trotzdem warf es ihn aus dem Gleichgewicht. „Was ist das für ein Antriebssystem? Diese Düsenöffnungen sind lächerlich klein — wenn es überhaupt welche sind.“ Das war eine sehr scharfe Beobachtung; diese Menschen waren technologisch gesehen nicht so primitiv, wie es auf den ersten Blick den Anschein gehabt hatte. Aber er konnte es sich keinesfalls erlauben, sich anmerken zu lassen, daß er beeindruckt war. Lieber zum Gegenangriff übergehen und ihn direkt zwischen die Augen treffen. „Das ist ein herabgesetztes Quantenstrahltriebwerk, an den Atmosphärenflug angepaßt, indem es als Betriebsflüssigkeit Luft verwendet. Zapft die Planck-Fluktuationen an — Sie wissen schon, zehn hoch minus dreiunddreißig Zentimeter. Hat daher natürlich unbegrenzte Reichweite, sowohl in der Luft wie im Weltraum.“ Loren war mit dem ‚natürlich‘ recht zufrieden. Wieder konnte er Brant seinen Respekt nicht versagen; der Lassaner zuckte kaum mit der Wimper und brachte sogar ein „Sehr interessant“ heraus, das sich so anhörte, als ob er es ehrlich meinte. „Darf ich hinein?“ Loren zögerte. Vielleicht wirkte es unhöflich, wenn er ablehnte, und schließlich waren sie ja bestrebt, so schnell wie möglich Freundschaft zu schließen. Und, was eventuell noch wichtiger war, damit wurde klargestellt, wer hier wirklich die Herren waren. „Natürlich“, antwortete er. „Aber achten Sie darauf, nichts anzurühren.“ Brant war viel zu interessiert, um das Fehlen eines ‚Bitte‘ wahrzunehmen. Loren ging voran in die winzige Luftschleuse des Raumflugzeugs. Hier war gerade Platz genug für sie beide, und es erforderte komplizierte, gymnastische Übungen, um Brant in den Reserveblasenanzug einzuschweißen. „Hoffentlich brauchen wir die Dinger nicht lange“, erklärte Loren. „Aber wir müssen sie tragen, bis die mikrobiologischen Prüfungen abgeschlossen sind. Schließen Sie die Augen, bis wir den Sterilisationszyklus hinter uns haben.“ Brant nahm ein schwach violettes Leuchten wahr, dann zischte ein kurzer Gasstoß. Schließlich öffnete sich die Innentür, und sie traten in die Kontrollkabine. Als sie sich nebeneinandersetzten, hinderte sie der zähe, aber kaum sichtbare Film, der sie umgab, so gut wie nicht in ihren Bewegungen. Und doch trennte er sie so wirkungsvoll voneinander, als wären sie auf verschiedenen Welten — was in vieler Hinsicht ja auch immer noch zutraf. Brant lernte schnell, das mußte Loren zugeben. Wenn man ihm ein paar Stunden Zeit ließ, konnte er mit dieser Maschine umgehen — auch wenn er die dahinterstehende Theorie niemals begreifen würde. Übrigens wurde behauptet, nur eine Handvoll Leute hätten die Geodynamik des Superraums jemals wirklich begriffen — und die waren jetzt schon seit Jahrhunderten tot. Sie vertieften sich schnell so gründlich in technische Gespräche, daß sie die Außenwelt fast vergaßen. Plötzlich ertönte eine leicht beunruhigte Stimme etwa aus der Richtung der Schalttafel: „Loren? Hier Schiff. Was ist los? Wir haben seit einer halben Stunde nichts von Ihnen gehört.“ Loren griff träge nach einem Schalter. „Nachdem ihr uns auf sechs Videound fünf Audiokanälen überwacht, halte ich das für leicht übertrieben.“ Er hoffte, daß Brant begriffen hatte, was er damit sagen wollte: Wir haben die Situation voll im Griff und nehmen nichts als gegeben hin. „Übergebe an Moses — er hat das Reden übernommen, wie üblich.“ Durch die gewölbten Fenster sahen sie, daß Kaldor und die Bürgermeisterin sich immer noch ernsthaft unterhielten, und daß Gemeinderat Simmons sich von Zeit zu Zeit ins Gespräch mischte. Loren legte einen Schalter um, und plötzlich erfüllten die von Lautsprechern verstärkten Stimmen die Kabine, lauter, als wenn die Leute neben ihnen gestanden hätten. „… unsere Gastfreundschaft. Sie sind sich aber natürlich darüber im klaren, daß unsere Welt, was die Landflächen angeht, außergewöhnlich klein ist. Wie viele Menschen sind an Bord Ihres Schiffes, sagten Sie?“ „Ich glaube nicht, daß ich eine Zahl nannte, Frau Bürgermeisterin. Auf jeden Fall werden nur sehr wenige von uns jemals nach Thalassa herunterkommen, so schön es hier auch ist. Ich habe volles Verständnis für ihre… ah… Besorgnis, aber es besteht keinerlei Anlaß zu den geringsten Befürchtungen. Wenn alles gut geht, sind wir in ein oder zwei Jahren schon wieder unterwegs. Andererseits ist das nicht nur ein Höflichkeitsbesuch — schließlich haben wir nie damit gerechnet, hier jemandem zu begegnen! Aber ein Sternenschiff bremst nicht von halber Lichtgeschwindigkeit ab, wenn es nicht sehr gute Gründe dafür hat. Sie haben hier etwas, was wir brauchen, und wir haben etwas, was wir Ihnen geben können.“ „Darf ich fragen, was?“ „Von uns, wenn Sie sie annehmen wollen, die künstlerischen und wissenschaftlichen Errungenschaften aus den letzten Jahrhunderten der Menschheit. Aber ich muß Sie warnen — bedenken Sie, was so ein Geschenk Ihrer eigenen Kultur antun kann. Vielleicht ist es gar nicht klug, alles anzunehmen, was wir Ihnen bieten können.“ „Ich weiß Ihre Ehrlichkeit zu schätzen — und Ihr Verständnis. Sie müssen unbezahlbare Schätze haben. Was können wir dafür bieten?“ Kaldor ließ sein klangvolles Lachen ertönen. „Das ist glücklicherweise kein Problem. Sie würden es nicht einmal bemerken, wenn wir es nähmen, ohne zu fragen. Alles, was wir von Thalassa wollen, sind hunderttausend Tonnen Wasser. Oder, genauer gesagt, Eis.“ 11. Eine Delegation Der Präsident von Thalassa war erst seit zwei Monaten im Amt und hatte sich mit seinem Mißgeschick immer noch nicht abgefunden. Aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als während der drei Jahre, in denen er diesen schlechten Posten bekleiden mußte, das Beste daraus zu machen. Es hatte auf jeden Fall keinen Sinn, eine Nachzählung zu verlangen; das Selektionsprogramm, mit dem auch tausendstellige, willkürlich gewählte Ziffern erzeugt und gemischt wurden, kam einer rein zufälligen Auswahl so nahe, wie es dem menschlichen Erfindungsgeist nur möglich war. Es gab genau fünf Möglichkeiten, der Gefahr, in den Präsidentenpalast (zwanzig Zimmer, davon eines groß genug für fast hundert Gäste) verschleppt zu werden, aus dem Wege zu gehen. Man konnte unter dreißig und über siebzig sein; man konnte unheilbar krank sein; man konnte schwachsinnig sein; oder man konnte ein schweres Verbrechen begangen haben. Die einzige Möglichkeit, die Präsident Edgar Farradine wirklich offenstand, war die letzte, und er hatte sie ernsthaft in Erwägung gezogen. Er mußte jedoch zugeben, daß diese Regierungsform, trotz der persönlichen Unannehmlichkeiten, die sie ihm verursacht hatte, wahrscheinlich die beste war, die die Menschheit jemals ersonnen hatte. Der Mutterplanet hatte etwa zehntausend Jahre gebraucht, um sie über Versuche und oft abscheuliche Irrtümer zu vervollkommnen. Sobald die gesamte erwachsene Bevölkerung soviel Erziehung genossen hatte, wie ihr Intellekt zu fassen vermochte (manchmal leider auch mehr), wurde eine echte Demokratie möglich. Der letzte Schritt erforderte die Entwicklung einer unmittelbaren, persönlichen Kommunikationsmöglichkeit in Verbindung mit einem Zentralcomputer. Den Historikern zufolge wurde die erste wahre Demokratie auf der Erde im (terranischen) Jahr 2011 in einem Land namens Neuseeland eingeführt. Danach war die Wahl eines Staatsoberhaupts eine relativ unwichtige Angelegenheit. Sobald einmal allgemein akzeptiert wurde, daß jeder, der dieses Amt bewußt anstrebte, automatisch disqualifiziert werden mußte, war fast jedes System gleichermaßen geeignet, und eine Lotterie war das einfachste Verfahren. „Herr Präsident“, sagte die Kabinettssekretärin, „die Besucher warten in der Bibliothek.“ „Danke, Lisa. Und ohne Blasenanzüge?“ „Ja — alle Mediziner sind sich einig, daß nicht die geringste Gefahr besteht. Aber ich möchte Sie lieber warnen, Sir. Sie… ah… sie riechen ein wenig sonderbar.“ „Krakan! Inwiefern?“ Die Sekretärin lächelte. „Ach, es ist nicht unangenehm — ich finde wenigstens nicht. Es muß mit ihrer Ernährung zusammenhängen; nach tausend Jahren könnte sich unsere biochemische Zusammensetzung auseinanderentwickelt haben. ‚Aromatisch‘ ist wahrscheinlich der beste Ausdruck.“ Der Präsident war sich nicht ganz sicher, was das bedeutete, und rang mit sich, ob er nachfragen sollte, als ihm ein beunruhigender Gedanke kam. „Und wie, glauben Sie“, sagte er, „finden sie wohl unseren Geruch?“ Zu seiner Erleichterung zeigten seine fünf Gäste keinerlei Anzeichen von olfaktorischer Beeinträchtigung, als sie ihm nacheinander vorgestellt wurden. Aber seine Sekretärin Elisabeth Ishihara hatte sicher gut daran getan, ihn zu warnen; jetzt wußte er genau, was mit dem Wort ‚aromatisch‘ gemeint war. Sie hatte auch mit der Feststellung recht behalten, daß der Geruch nicht unangenehm war, vielmehr erinnerte er ihn an die Gewürze, die seine Frau verwendete, wenn sie an der Reihe war, das Kochen im Palast zu übernehmen. Als sich der Präsident von Thalassa an der Biegung des hufeisenförmigen Konferenztisches niederließ, dachte er wehmütig über das Verhältnis von Zufall und Schicksal nach — Themen, die ihn in der Vergangenheit nie viel gekümmert hatten. Aber der Zufall in seiner reinsten Form hatte ihn in seine gegenwärtige Stellung gebracht. Nun hatte er — oder sein Bruder, das Schicksal — wieder zugeschlagen. Wie seltsam, daß er, ein Sportartikelfabrikant ohne jeden Ehrgeiz, auserwählt worden war, den Vorsitz bei diesem historischen Treffen zu führen! Nun ja, jemand mußte es tun; und er mußte zugeben, daß es ihm allmählich sogar Spaß machte. Zumindest konnte ihn niemand daran hindern, seine Begrüßungsrede zu halten… Es war eigentlich eine recht gute Rede, wenn auch vielleicht etwas länger als nötig, selbst für einen Anlaß wie diesen. Gegen Ende merkte er, daß die höflich aufmerksamen Blicke seiner Zuhörer ein klein wenig starr wurden, deshalb ließ er einen Teil der Produktivitätsstatistik und den ganzen Abschnitt über das neue Energienetz auf der Südinsel weg. Als er sich wieder setzte, war er überzeugt davon, daß er das Bild einer tatkräftigen, fortschrittlichen Gesellschaft auf hohem, technischem Niveau gezeichnet hatte. Allen oberflächlich gegensätzlichen Eindrücken zum Trotz war Thalassa weder rückständig noch dekadent, und es bewahrte die besten Traditionen seiner Vorfahren immer noch. Et cetera. „Vielen Dank, Herr Präsident“, sagte Kapitän Bey in der respektvollen Pause, die darauf folgte. „Es war wirklich eine angenehme Überraschung, als wir entdeckten, daß Thalassa nicht nur bewohnt war, sondern auch prächtig gedieh. Dadurch wird unser Aufenthalt hier noch viel angenehmer werden, und wir hoffen, daß auf beiden Seiten nichts als Wohlwollen herrscht, wenn wir wieder abreisen.“ „Entschuldigen Sie meine Direktheit — es mag sogar unhöflich wirken, diese Frage schon aufzuwerfen, wenn Gäste eben erst angekommen sind — aber wie lange rechnen Sie denn damit, hier zu sein? Wir möchten es so bald wie möglich wissen, damit wir die nötigen Vorbereitungen treffen können.“ „Ich verstehe durchaus, Herr Präsident. Wir können es in diesem Stadium noch nicht ganz genau sagen, weil es zum Teil davon abhängt, in welchem Maße Sie uns unterstützen können. Ich würde schätzen, mindestens eines von Ihren Jahren — wahrscheinlicher sind zwei.“ Edgar Farradine verstand sich, wie die meisten Lassaner, nicht besonders gut darauf, seine Gefühle zu verbergen, und Kapitän Bey erschrak über den vergnügten — man konnte sogar sagen, gerissenen — Ausdruck, der plötzlich auf dem Gesicht des Staatsoberhauptes erschien. „Ich hoffe, Euer Exzellenz, daß dadurch keine Probleme entstehen?“ fragte er besorgt. „Ganz im Gegenteil“, sagte der Präsident und rieb sich dabei praktisch die Hände. „Sie haben vielleicht noch nicht davon gehört, aber in zwei Jahren sind unsere zweihundertsten Olympischen Spiele fällig.“ Er hüstelte bescheiden. „Ich habe eine Bronzemedaille über tausend Meter gewonnen, als ich noch jung war, und deshalb hat man mir die Organisation übertragen. Wir könnten Konkurrenz von außerhalb gut gebrauchen.“ „Herr Präsident“, sagte die Kabinettssekretärin, „ich bin nicht sicher, ob die Regeln…“ „Die ich aufstelle“, fuhr der Präsident entschieden fort. „Kapitän, bitte betrachten Sie dies als Einladung. Oder als Herausforderung, wenn Ihnen das lieber ist.“ Der Kommandant des Sternenschiffs ‚Magellam war an schnelle Entscheidungen gewöhnt, aber hier wurde er ausnahmsweise völlig überrumpelt. Ehe ihm eine passende Antwort einfiel, sprang sein Chefmediziner in die Bresche. „Das ist sehr freundlich von Ihnen, Herr Präsident“, sagte Oberstabsärztin Mary Newton. „Aber ich möchte Sie als Medizinerin darauf hinweisen, daß wir alle über dreißig sind und völlig untrainiert — und daß die Schwerkraft von Thalassa um sechs Prozent höher ist als auf der Erde, wodurch wir stark im Nachteil wären. Falls also bei Ihnen nicht auch Schach oder Kartenspiele zu den olympischen Disziplinen gehören…“ Der Präsident machte ein enttäuschtes Gesicht, faßte sich aber schnell wieder. „Tja, nun — dann, Kapitän Bey, wäre es mir lieb, wenn Sie wenigstens einige Preise erreichen würden.“ „Mit Vergnügen“, sagte der Kommandant etwas verdutzt. Er hatte das Gefühl, daß ihm diese Begegnung allmählich über den Kopf wuchs und beschloß, zur Tagesordnung zurückzukehren. „Dürfte ich Ihnen erklären, Herr Präsident, was wir hier vorhaben?“ „Natürlich“, lautete die ziemlich desinteressierte Antwort. Seine Exzellenz schien mit den Gedanken noch immer anderswo zu sein. Vielleicht durchlebte er noch einmal die Triumphe seiner Jugend. Dann konzentrierte er sich mit offenkundiger Anstrengung auf die Gegenwart. „Wir waren geschmeichelt, aber ziemlich überrascht von Ihrem Besuch. Es gibt doch allem Anschein nach nur sehr wenig, was diese Welt Ihnen bieten kann. Ich hörte, daß von Eis gesprochen wurde; das war doch sicher ein Scherz?“ „Nein, Herr Präsident — es war uns völlig ernst damit. Das ist alles, was wir von Thalassa brauchen, obwohl, nachdem wir inzwischen einige von Ihren Lebensmitteln versucht haben — ich denke da besonders an den Käse und den Wein, den wir zum Mittagessen bekamen — könnte es sein, daß unsere Anforderungen beträchtlich steigen. Aber Eis ist das wichtigste; lassen Sie es mich erklären. Erstes Bild, bitte.“ Das Sternenschiff ‚Magellan‘ schwebte in einer Länge von zwei Metern vor dem Präsidenten. Es sah so wirklich aus, daß er beinahe die Hand ausgestreckt hätte, um es zu berühren, und er hätte das sicher auch getan, wären da nicht so viele Zuschauer gewesen, die dieses naive Verhalten beobachten konnten. „Sie werden sehen, daß das Schiff ungefähr zylindrisch ist. — Länge vier, Durchmesser ein Kilometer. Da unser Antriebssystem die Energien des Raumes selbst anzapft, besteht bis zur Lichtgeschwindigkeit theoretisch keine Geschwindigkeitsgrenze. Aber in der Praxis kommen wir schon bei etwa einem Fünftel dieser Geschwindigkeit in Schwierigkeiten, aufgrund von interstellarem Staub und Gas. So fein diese auch sein mögen, ein Gegenstand, der sich mit sechzigtausend Kilometern pro Sekunde oder noch mehr hindurchbewegt, trifft dabei auf eine überraschend große Menge Materie — und bei dieser Geschwindigkeit kann sogar ein einzelnes Wasserstoffatom beträchtlichen Schaden anrichten. Daher trägt die ‚Magellan‘, genau wie die ersten, primitiven Raumschiffe, einen Reibungsschild vor sich her. Fast jedes Material wäre dafür tauglich, solange wir genug davon verwenden. Und bei den fast bei Null liegenden Temperaturen zwischen den Sternen kann man kaum etwas Besseres finden als Eis. Billig, leicht zu bearbeiten und überraschend stark! So wie dieser stumpfe Kegel sah unser kleiner Eisberg aus, als wir vor zweihundert Jahren das Sonnensystem verließen. Und das ist er heute.“ Das Bild flackerte, dann kam es wieder. Das Schiff war unverändert, aber der Kegel, der vor ihm herschwebte, war zu einer dünnen Scheibe zusammengeschrumpft. „Das kommt davon, wenn man fünfzig Lichtjahre lang ein Loch durch diesen ziemlich staubigen Galaxisabschnitt gebohrt hat. Ich freue mich, feststellen zu können, daß die Abriebsmenge innerhalb von fünf Prozent des Schätzwertes liegt, wir waren also niemals in Gefahr — obwohl natürlich immer die entfernte Möglichkeit bestand, daß wir auf etwas wirklich Großes trafen. Dagegen könnte uns kein Schild schützen — ob er nun aus Eis oder auch aus bestem Panzerstahl bestünde. Der Schild könnte noch weitere zehn Lichtjahre halten, aber das reicht nicht aus. Unser Endziel ist der Planet Sagan Zwei — und der ist noch fünfundsiebzig Lichtjahre entfernt. Sie verstehen nun, Herr Präsident, warum wir auf Thalassa zwischengelandet sind. Wir möchten uns gerne etwa hunderttausend Tonnen Wasser von Ihnen ausleihen — nun, sagen wir lieber, erbitten, da wir kaum versprechen können, es zurückzugeben. Wir müssen einen neuen Eisberg bauen da oben in der Umlaufbahn, der den Weg vor uns freifegt, wenn wir weiter zu den Sternen fliegen.“ „Wie können wir Ihnen dabei helfen? Sie müssen uns doch technisch um Jahrhunderte voraus sein.“ „Das bezweifle ich — abgesehen vom Quantenantrieb. Vielleicht kann Ihnen Vizekapitän Malina unsere Pläne kurz erläutern — Ihre Zustimmung natürlich vorausgesetzt.“ „Bitte, nur zu.“ „Zuerst müssen wir einen Standort für die Gefrieranlage bestimmen. Dafür gibt es viele Möglichkeiten, sie könnte auf jedem einsamen Küstenstreifen stehen. Sie wird ökologisch nicht die geringste Störung verursachen, aber wenn Sie wollen, werden wir sie auf die Ostinsel stellen — und hoffen, daß Krakan nicht ausbricht, ehe wir fertig sind! Der Plan für die Anlage ist praktisch komplett, es sind nur kleinere Veränderungen zur Anpassung an den Standort notwendig, den wir schließlich wählen. Die meisten der Hauptkomponenten können sofort in die Produktion gehen. Sie sind alle sehr einfach — Pumpen, Kühlsysteme, Wärmeaustauscher, Kräne — gute, altmodische Technik aus dem zweiten Jahrtausend! Wenn alles glattgeht, könnten wir in neunzig Tagen das erste Eis haben. Wir wollen Blöcke in Standardgröße machen, jeden mit einem Gewicht von sechshundert Tonnen — flache, sechseckige Platten — jemand hat sie ‚Schneeflocken‘ getauft, und der Name ist offenbar hängengeblieben. Wenn die Produktion angelaufen ist, wollen wir jeden Tag eine Schneeflocke nach oben transportieren. Sie werden im Orbit zusammengesetzt und verankert, bis der Schild aufgebaut ist. Vom ersten Hebevorgang bis zum letzten Haltbarkeitstest dürften wir wohl zweihundertfünfzig Tage brauchen. Dann sind wir startbereit.“ Als der Vizekapitän geendet hatte, saß Präsident Farradine eine Weile schweigend da, einen abwesenden Ausdruck in den Augen. Dann sagte er fast ehrfürchtig: „Eis — ich habe noch nie welches gesehen, außer am Boden eines Trinkglases.“ Als der Präsident den Besuchern zum Abschied die Hände schüttelte, fiel ihm etwas Merkwürdiges auf. Der aromatische Geruch war jetzt kaum noch wahrnehmbar. Hatte er sich schon daran gewöhnt — oder verlor er seinen Geruchssinn? Obwohl beide Antworten zutrafen, hätte er gegen Mitternacht nur die zweite akzeptiert. Er erwachte mit tränenden Augen und einer so verstopften Nase, daß er Mühe hatte, Luft zu bekommen. „Was ist los, mein Lieber?“ fragte die Frau Präsidentin besorgt. „Ruf den — hatschiii! — Doktor“, antwortete das Staatsoberhaupt. „Unseren — und den oben vom Schiff. Ich glaube zwar nicht, daß sie, verdammt noch mal, auch nur das geringste machen können, aber ich möchte ihnen doch — hatschiii! — gründlich meine Meinung sagen. Und ich hoffe nur, daß es dich nicht auch erwischt hat.“ Die Gattin des Präsidenten wollte ihn gerade beruhigen, wurde aber von einem Niesen unterbrochen. Beide setzten sich im Bett auf und sahen sich unglücklich an. „Ich glaube, es hat sieben Tage gedauert, bis man es überstanden hatte“, schniefte der Präsident. „Aber vielleicht hat die medizinische Wissenschaft während der letzten paar Jahrhunderte Fortschritte gemacht.“ Seine Hoffnung wurde zwar erfüllt, aber nur knapp. Mit heldenhaften Bemühungen und ohne Todesfälle wurde die Epidemie niedergekämpft — in sechs elenden Tagen. Es war kein glückverheißender Anfang für den ersten Kontakt in fast tausend Jahren zwischen den Vettern von verschiedenen Sternen. 12. Das Erbe Wir sind jetzt seit zwei Wochen hier, Evelyn — obwohl es einem gar nicht so vorkommt, weil es nur elf thalassanische Tage sind. Früher oder später müssen wir den alten Kalender aufgeben, aber mein Herz wird immer im uralten Rhythmus der Erde schlagen. Es war eine arbeitsreiche Zeit und insgesamt eine angenehme. Das einzige wirkliche Problem war medizinischer Natur; trotz aller Vorsichtsmaßnahmen brachen wir die Quarantäne zu früh ab, und etwa zwanzig Prozent der Lassaner erwischten irgendeinen Virus. Was unser Schuldbewußtsein noch vergrößerte, war, daß keiner von uns irgendwelche Symptome zeigte. Glücklicherweise ist niemand gestorben, obwohl ich leider sagen muß, daß das nicht allzusehr auf das Konto der hiesigen Ärzte zu buchen ist. Die Medizin ist hier eindeutig eine rückständige Wissenschaft; man hat sich daran gewöhnt, sich auf automatische Systeme zu verlassen, und zwar so sehr, daß man mit allem, was irgendwie aus dem Rahmen fällt, nicht mehr zurechtkommt. Aber man hat uns verziehen; die Lassaner sind sehr gutmütige, unkomplizierte Menschen. Sie hatten unglaubliches Glück — zuviel Glück vielleicht! — mit ihrem Planeten; dadurch wird der Kontrast zu Sagan Zwei noch trostloser. Ihr einziger wirklicher Nachteil ist, daß sie zu wenig Land haben, und sie waren klug genug, die Bevölkerung weit unterhalb des erträglichen Maximums zu halten. Wenn sie je in Versuchung kommen sollten, es zu überschreiten, dann können ihnen die Aufzeichnungen von den städtischen Slums auf der Erde als schreckliche Warnung dienen. Weil sie so hübsche, reizende Menschen sind, ist es eine große Versuchung, ihnen zu helfen, statt sie ihre Kultur auf ihre eigene Weise entwickeln zu lassen. In gewissem Sinne sind sie unsere Kinder — und allen Eltern fällt es schwer, einzusehen, daß sie früher oder später aufhören müssen, sich einzumischen. In gewissem Maße kommen wir natürlich nicht daran vorbei, uns einzumischen; das geschieht schon allein durch unsere Anwesenheit. Wir sind unerwartete — aber glücklicherweise nicht unwillkommene — Gäste auf diesem Planeten. Und sie können nie vergessen, daß gleich außerhalb der Atmosphäre die ‚Magellan‘ kreist, der letzte Abgesandte aus der Welt ihrer eigenen Vorfahren. Ich habe den Ersten Landeplatz — ihren Geburtsort — mehrmals besucht und die Führung mitgemacht, an der jeder Lassaner mindestens einmal in seinem Leben teilnimmt. Der Platz ist eine Kombination aus Museum und Heiligtum, der einzige Ort auf dem ganzen Planeten, auf den das Wort ‚heilig‘ entfernt anwendbar ist. Nichts hat sich in siebenhundert Jahren verändert. Das Saatschiff, obwohl es jetzt nur noch eine leere Hülle ist, sieht aus, als sei es eben erst gelandet. Ringsum stehen die stummen Geräte — die Bagger, die Baumaschinen und die chemischen Aufbereitungsanlagen mit ihren Bedienungsrobotern. Und natürlich die Kinderhorte und die Schulen von Generation Eins. Es gibt fast keine Aufzeichnungen über diese ersten Jahrzehnte — vielleicht absichtlich nicht. Trotz des Könnens und trotz aller Vorsichtsmaßnahmen der Planer muß es biologische Unfälle gegeben haben, die vom Kontrollprogramm rücksichtslos eliminiert wurden. Und die Zeit, als jene, die keine natürlichen Eltern hatten, von denen abgelöst wurden, die welche hatten, muß voll psychologischer Traumata gewesen sein. Aber die tragischen, traurigen Genesis-Jahrzehnte liegen nun Jahrhunderte zurück. Wie die Gräber aller Pioniere wurden sie von denen, die die neue Gesellschaft aufbauten, vergessen. Ich würde mit Freuden den Rest meines Lebens hier verbringen; auf Thalassa gibt es Material für eine ganze Armee von Anthropologen, Psychologen und Sozialwissenschaftlern. Wie sehr wünschte ich mir vor allem, einige meiner lange verstorbenen Kollegen zu treffen und ihnen mitzuteilen, wie viele unserer endlosen Streitfragen schließlich gelöst wurden! Es ist möglich, eine rationale und menschliche Kultur aufzubauen, die völlig frei ist von der Bedrohung durch übernatürliche Zwänge. Obwohl ich im Prinzip ein Gegner der Zensur bin, scheint es mir, daß jene, die die Archive für die thalassanische Kolonie zusammenstellten, eine fast unmögliche Aufgabe erfolgreich bewältigten. Sie reinigten die Geschichte und die Literatur von zehntausend Jahren, und das Ergebnis hat ihre Bemühungen gerechtfertigt. Wir müssen sehr vorsichtig sein, ehe wir etwas zurückbringen, was verloren war — ganz gleich, wie schön, wie rührend so ein Kunstwerk auch sein mag. Die Thalassaner wurden niemals von den Fäulnisprodukten toter Religionen vergiftet, und in siebenhundert Jahren ist hier auch kein Prophet erstanden, um einen neuen Glauben zu predigen. Sogar das Wort ‚Gott‘ ist aus ihrer Sprache fast verschwunden, und sie sind ziemlich überrascht — oder belustigt — wenn wir es zufällig verwenden. Befreundete Naturwissenschaftler behaupten gerne, daß ein Beispiel eine sehr schlechte Statistik abgibt, deshalb frage ich mich, ob das völlige Fehlen jeglicher Religion in dieser Gesellschaft wirklich etwas beweist. Wir wissen, daß die Thalassaner auch genetisch sehr sorgfältig ausgewählt wurden, um so viele unerwünschte soziale Merkmale zu eliminieren wie nur möglich. Ja, ja — ich weiß, daß nur etwa fünfzehn Prozent des menschlichen Verhaltens von den Genen bestimmt werden — aber dieser Bruchteil ist sehr wichtig. Die Lassaner scheinen jedenfalls bemerkenswert frei von so unerfreulichen Eigenschaften wie Eifersucht, Intoleranz, Neid und Zorn zu sein. Ist das ausschließlich das Ergebnis kultureller Konditionierung? Wie gerne wüßte ich, was mit den Saatschiffen geschehen ist, die im sechsundzwanzigsten Jahrhundert von diesen religiösen Gruppen ausgeschickt wurden! Die ‚Bundeslade‘ der Mormonen, das ‚Schwert des Propheten‘ — es gab ein halbes Dutzend davon. Ich frage mich, ob eines davon Erfolg hatte, und wenn ja, welche Rolle die Religion bei seinem Erfolg oder seinem Scheitern spielte. Vielleicht werden wir eines Tages, wenn hier das Kommunikationsnetz errichtet ist, herausfinden, was aus diesen frühen Pionieren geworden ist. Eine Folge von Thalassas absolutem Atheismus ist ein gravierender Mangel an Kraftausdrücken. Wenn einem Lassaner etwas auf die Zehen fällt, fehlen ihm die Worte. Selbst die üblichen Verweise auf bestimmte Körperfunktionen helfen nicht weiter, weil man sie alle als selbstverständlich ansieht. Fast der einzige AllzweckAusruf ist ‚Krakan!‘, und der wird arg überstrapaziert. Aber er zeigt doch, welchen großen Eindruck Mount Krakan machte, als er vor vierhundert Jahren ausbrach. Ich hoffe, ich bekomme vor unserer Abreise von hier Gelegenheit, ihn zu besuchen. Die liegt noch viele Monate in der Zukunft, aber ich fürchte mich schon jetzt davor. Nicht wegen der möglichen Gefahren — wenn dem Schiff etwas zustößt, werde ich es nie erfahren. Sondern weil sie bedeutet, daß dann wieder eine Verbindung zur Erde abgerissen wird — und, mein Liebstes, zu dir. 13. Spezialeinsatz „Das wird dem Präsidenten nicht gefallen“, sagte Bürgermeisterin Waldron genüßlich. „Er hat sein Herz daran gehängt, Sie auf die Nordinsel zu setzen.“ „Ich weiß“, antwortete Vizekapitän Malina. „Und es tut uns auch leid, ihn zu enttäuschen — er hat uns sehr geholfen. Aber die Nordinsel ist viel zu felsig; die einzigen Küstengebiete, die sich eignen, wurden schon entwickelt. Aber es gibt, nur neun Kilometer von Tarna entfernt, eine völlig verlassene Bucht mit einem sanft abfallenden Strand — die wäre optimal.“ „Klingt zu schön, um wahr zu sein. Warum ist das Gebiet verlassen, Brant?“ „Das war das Mangrovenprojekt. Alle Bäume gingen ein — wir wissen immer noch nicht, warum — und niemand hat sich überwinden können, die Schweinerei wegzuschaffen. Sieht schrecklich aus und riecht noch schlimmer.“ „Das ist also schon ein ökologisches Katastrophengebiet — bitte bedienen Sie sich, Kapitän! Sie können die Lage nur verbessern.“ „Ich kann Ihnen versichern, daß unsere Anlage sehr gut aussehen und die Umwelt nicht im mindesten schädigen wird. Und natürlich werden wir sie restlos abbauen, wenn wir aufbrechen. Es sei denn, Sie wollen sie behalten.“ „Vielen Dank — aber ich bezweifle, ob wir für mehrere tausend Tonnen Eis pro Tag Verwendung hätten. Und was kann Tarna inzwischen für Sie tun — Unterkunft, Verpflegung, Transportmöglichkeiten? — wir sind Ihnen gerne behilflich. Ich nehme an, daß ziemlich viele von Ihnen herunterkommen werden, um hier zu arbeiten.“ „Wahrscheinlich ungefähr hundert, und wir wissen die angebotene Gastfreundschaft zu schätzen. Ich fürchte jedoch, wir wären höchst unbequeme Gäste: wir werden zu jeder Tagesund Nachtzeit Besprechungen mit dem Schiff haben. Deshalb müssen wir zusammenbleiben — und sobald wir unser kleines Fertighausdorf montiert haben, ziehen wir mit all unseren Geräten dort ein. Es tut mir leid, wenn das unhöflich wirkt, aber jedes andere Arrangement wäre einfach nicht zweckmäßig.“ „Vermutlich haben Sie recht.“ Die Bürgermeisterin seufzte. Sie hatte schon überlegt, wie sie das Protokoll hinbiegen und die als Gästesuite dienenden Räume dem atemberaubenden Kapitänleutnant Lorenson anstatt dem Vizekapitän Malina anbieten könnte. Das Problem war ihr unlösbar erschienen; nun würde es leider nicht einmal entstehen. Sie fühlte sich so entmutigt, daß sie fast versucht war, auf der Nordinsel anzurufen und ihren letzten, offiziellen Gatten zu einem Urlaubsaufenthalt einzuladen. Aber der Schuft würde wahrscheinlich wieder ablehnen, und das konnte sie einfach nicht ertragen. 14. Mirissa Noch als sie schon eine sehr alte Frau war, konnte sich Mirissa Leonidas genau an den Augenblick erinnern, in dem sie Loren zum erstenmal gesehen hatte. Sonst gab es niemanden — nicht einmal Brant — auf den das zutraf. Das hatte nichts mit dem Reiz des Neuen zu tun; sie hatte schon mehrere Erdenmenschen kennengelernt, ehe sie Loren begegnete, und die hatten keinen besonderen Eindruck auf sie gemacht. Die meisten von ihnen hätte man für Lassaner halten können, wenn sie ein paar Tage lang der Sonne ausgesetzt worden wären. Anders Loren; seine Haut wurde nie braun, und sein auffallendes Haar färbte sich, wenn überhaupt, nur noch silbriger. Sicherlich war es das, was zuerst ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, als er mit zweien seiner Kollegen aus dem Büro von Bürgermeisterin Waldron kam — alle hatten diesen leicht frustrierten Gesichtsausdruck, der bei einer Sitzung mit Tarnas lethargischer und fest verwurzelter Bürokratie gewöhnlich herauskam. Ihre Blicke waren sich begegnet, aber nur einen Augenblick lang. Mirissa machte noch ein paar Schritte; dann blieb sie, ohne daß sie das bewußt gewollt hätte, plötzlich stehen und schaute über die Schulter zurück, nur um festzustellen, daß der Besucher sie anstarrte. Und schon in diesem Augenblick wußten sie beide, daß ihr Leben sich unwiderruflich verändert hatte. Später an diesem Abend, nachdem sie sich geliebt hatten, fragte sie Brant: „Haben sie gesagt, wie lange sie hierbleiben werden?“ „Du suchst dir auch immer den unpassendsten Zeitpunkt aus“, brummte er schläfrig. „Wenigstens ein Jahr. Vielleicht auch zwei. Noch einmal — gute Nacht.“ Sie war klug genug, keine weiteren Fragen mehr zu stellen, obwohl sie noch hellwach war. Lange Zeit lag sie mit offenen Augen da und sah zu, wie die flinken Schatten des inneren Mondes über den Fußboden strichen, während der geliebte Körper neben ihr sanft in Schlaf sank. Sie hatte vor Brant so einige Männer gekannt, aber seit sie mit ihm zusammen war, stand sie allen anderen völlig gleichgültig gegenüber. Warum also jetzt dieses plötzliche Interesse — sie tat immer noch so, als sei es nicht mehr — an einem Mann, den sie nur ein paar Sekunden lang flüchtig gesehen hatte und von dem sie nicht einmal den Namen wußte? Mirissa tat sich etwas darauf zugute, ehrlich und klarsichtig zu sein; sie schaute auf Frauen — oder auch Männer — herab, die sich von ihren Gefühlen beherrschen ließen. Ein Teil der Anziehung, dessen war sie ganz sicher, bestand im Element des Neuen, im Glanz riesiger, neuer Horizonte. Daß man mit jemandem sprechen konnte, der tatsächlich durch die Städte der Erde gegangen war — die letzten Stunden des Sonnensystems miterlebt hatte — und der jetzt auf dem Weg zu neuen Sonnen war, das war ein Wunder, das ihre kühnsten Träume übertraf. Es rief ihr wieder einmal jene tiefsitzende Unzufriedenheit mit dem gemächlichen Tempo des Lebens auf Thalassa ins Bewußtsein, obwohl sie mit Brant glücklich war. Oder war es nur Zufriedenheit und nicht wahres Glück? Was wollte sie wirklich? Ob sie es bei diesen Fremden von den Sternen finden konnte, wußte sie nicht, aber ehe sie Thalassa für immer verließen, wollte sie es ausprobieren. Am selben Morgen hatte auch Brant die Bürgermeisterin besucht, die ihn nicht ganz mit der gewohnten Herzlichkeit begrüßte, als er die Trümmer seiner Fischfalle auf ihrem Schreibtisch ablud. „Ich weiß, du hast Wichtigeres zu tun“, sagte er, „aber was wollen wir dagegen unternehmen?“ Die Bürgermeisterin betrachtete das wirre Durcheinander von Drähten ohne rechte Begeisterung. Es fiel schwer, sich nach den berauschenden Aufregungen interstellarer Politik wieder auf die Alltagsroutine zu konzentrieren. „Was ist denn deiner Meinung nach passiert?“ fragte sie. „Es war eindeutig Absicht — sieh nur, wie dieser Draht so lange gedreht wurde, bis er abbrach. Und das Netz ist nicht nur beschädigt, es sind ganze Stücke davon weggenommen worden. Ich bin sicher, daß niemand auf der Südinsel so etwas machen würde. Was für ein Motiv sollte er auch haben? Außerdem würde ich früher oder später auf jeden Fall dahinterkommen…“ Brants bedeutungsschwangeres Schweigen ließ keinen Zweifel daran, was dann geschehen würde. „Wen hast du im Verdacht?“ „Seit ich angefangen habe, mit elektrischen Fallen zu experimentieren, hatte ich nicht nur gegen die Umweltschützer zu kämpfen, sondern auch gegen diese Verrückten, die glauben, alle Lebensmittel müßten synthetisch sein, weil es schlecht ist, Lebewesen aufzufressen wie Tiere — oder sogar Pflanzen.“ „Wenigstens die Umweltschützer haben vielleicht nicht so unrecht. Wenn die Falle so leistungsfähig ist, wie du behauptest, könnte sie das ökologische Gleichgewicht stören, von dem sie immer reden.“ „Die regelmäßige Riff-Zählung würde uns schon sagen, wenn das passieren würde, und dann würden wir die Falle eben einfach eine Weile abschalten. Außerdem bin ich eigentlich hinter den Meerestieren her; mein Kraftfeld scheint sie aus einer Entfernung von drei oder vier Kilometern anzulocken. Und selbst wenn alle Leute auf den Drei Inseln nichts als Fisch äßen, könnten wir in den Bestand im Ozean nicht einmal eine Delle machen.“ „Da hast du sicher recht — soweit die einheimischen Pseudofische betroffen sind. Und das hilft uns nicht viel, nachdem die meisten von ihnen so giftig sind, daß es sich nicht lohnt, sie aufzubereiten. Aber bist du auch sicher, daß der terranische Bestand gut angegangen ist? Du könntest der letzte Tropfen sein, der das Faß zum Überlaufen bringt, wie eine alte Redewendung sagt.“ Brant schaute die Bürgermeisterin voller Respekt an; ständig überraschte sie ihn mit solch schlauen Fragen. Er war nie auf die Idee gekommen, daß sie ihre Stellung nicht so lange hätte halten können, wenn sie nicht einiges mehr auf dem Kasten gehabt hätte, als auf den ersten Blick zu erkennen war. „Ich fürchte, die Thunfische werden nicht überleben; es dauert noch ein paar Milliarden Jahre, bis die Meere für sie salzig genug sind. Aber den Forellen und Lachsen geht es sehr gut.“ „Und sie schmecken auch köstlich; vielleicht besiegen sie sogar die moralischen Bedenken der Synthetiker. Nicht, daß ich deine interessante Theorie wirklich akzeptieren würde. Diese Leute reden vielleicht, aber sie unternehmen doch nichts.“ „Vor ein paar Jahren haben sie auf einer Versuchsfarm eine ganze Rinderherde freigelassen.“ „Du meinst, sie haben es versucht — die Kühe sind schnurstracks wieder nach Hause gegangen. Alle haben so darüber gelacht, daß jegliche weiteren Demonstrationen abgeblasen wurden. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß sie sich so viel Mühe machen würden.“ Sie zeigte auf das zerrissene Netz. „So schwierig wäre das gar nicht — ein kleines Boot bei Nacht, ein paar Taucher — das Wasser ist nur zwanzig Meter tief.“ „Tja, ich werde Erkundigungen einziehen. Inzwischen möchte ich, daß du zwei Dinge tust.“ „Was?“ fragte Brant, bemüht, nicht argwöhnisch zu klingen, aber ohne jeden Erfolg. „Du sollst das Netz reparieren — im Techniklager bekommst du alles, was du brauchst. Und du, sollst keine Anschuldigungen mehr vorbringen, solange du nicht hundertprozentig sicher bist. Wenn du dich irrst, stehst du dumm da und mußt dich vielleicht noch entschuldigen. Wenn du recht hast, verscheuchst du am Ende die Täter, ehe wir sie fangen können. Verstanden?“ Brant fiel die Kinnlade ein wenig herunter. So scharfsinnig hatte er die Bürgermeisterin noch nicht erlebt. Er sammelte Beweisstück A ein und verabschiedete sich einigermaßen ernüchtert. Vielleicht wäre er noch mehr ernüchtert — oder auch nur belustigt — gewesen, wenn er gewußt hätte, daß die Bürgermeisterin nicht mehr ganz so verliebt in ihn war. Loren Lorenson, der stellvertretende Chefingenieur, hatte an diesem Vormittag auf mehr als einen Bürger von Tarna Eindruck gemacht. 15. Terra Nova Ein Name, der so an die Erde gemahnte, war für die neue Siedlung nicht sehr glücklich gewählt, und niemand wollte die Verantwortung dafür übernehmen. Aber er war etwas glanzvoller als ‚Basislager‘ und wurde schnell angenommen. Der Komplex von Fertighäusern war mit erstaunlicher Schnelligkeit in die Höhe geschossen — buchstäblich über Nacht. Tarna erlebte hier zum erstenmal Erdenbewohner — oder vielmehr Erdenroboter — in Aktion, und die Dorfbewohner waren tief beeindruckt. Selbst Brant, der immer gefunden hatte, Roboter machten mehr Schwierigkeiten, als sie wert seien, außer bei riskanten oder monotonen Arbeiten, bekam erste Zweifel. Es gab da eine elegante, bewegliche Allzweckbaumaschine, die so verblüffend schnell arbeitete, daß man ihren Bewegungen oft gar nicht folgen konnte. Wo immer sie hinging, folgte ihr eine bewundernde Menge kleiner Lassaner. Wenn sie ihr in den Weg kamen, unterbrach sie, was immer sie gerade tat, bis die Bahn wieder frei war. Brant entschied, daß er genau so einen Assistenten brauchte; vielleicht konnte er die Besucher irgendwie dazu bringen… Nach etwa einer Woche war Terra Nova ein voll funktionsfähiger Mikrokosmos des großen Schiffs, das außerhalb der Atmosphäre kreiste. Es gab einfache, aber bequeme Unterkünfte für hundert Besatzungsmitglieder, mit allen lebenserhaltenden Systemen, die sie brauchten — außerdem einer Bibliothek, Sporthalle, Schwimmbad und Theater. Die Lassaner billigten alle diese Einrichtungen und beeilten sich, ausgiebigen Gebrauch davon zu machen. Infolgedessen betrug die Bevölkerung von Terra Nova gewöhnlich wenigstens das Doppelte der nominalen Hundert. Die meisten Gäste — ob eingeladen oder nicht — waren bestrebt, sich nützlich zu machen, und entschlossen, ihren Besuchern einen so angenehmen Aufenthalt wie nur möglich zu bereiten. Diese Freundlichkeit war, wenn auch sehr willkommen und hoch geschätzt, doch oft peinlich. Die Lassaner waren von unersättlicher Neugier, und der Begriff Privatsphäre war ihnen fast unbekannt. Ein ‚Bitte nicht Stören‘-Zeichen wurde oft als persönliche Herausforderung betrachtet, was zu interessanten Komplikationen führte. „Sie alle sind höhere Offiziere und hochintelligente Erwachsene“, hatte Kapitän Bey bei der letzten Personalbesprechung an Bord des Schiffes gesagt. „Deshalb sollte es eigentlich gar nicht notwendig sein, Ihnen das zu sagen. Versuchen Sie, sich nicht in irgendwelche Techtelmechtel verwickeln zu lassen, bis wir genau wissen, wie die Lassaner über so etwas denken. Sie sind allem Anschein nach sehr unkompliziert, aber das kann auch täuschen. Sind Sie nicht auch dieser Ansicht, Dr. Kaldor?“ „Ich kann nach einer so kurzen Beobachtungszeit nicht behaupten, eine Autorität für lassanische Sitten zu sein, Kapitän. Aber es gibt ein paar interessante, historische Parallelen zu der Zeit, als die alten Segelschiffe auf der Erde nach langen Seereisen in den Hafen einliefen — ich nehme an, viele von Ihnen haben ‚Meuterei auf der Bounty‘, dieses klassische, antike Video gesehen.“ „Ich hoffe doch, Dr. Kaldor, daß Sie mich nicht mit Kapitän Cook — ich meine, Bligh — vergleichen wollen.“ „Das wäre keine Beleidigung. Der wirkliche Bligh war ein brillanter Seemann und wurde auf höchst unfaire Weise verleumdet. In diesem Stadium brauchen wir nicht mehr als gesunden Menschenverstand, gute Manieren und — wie Sie schon andeuteten — Vorsicht walten zu lassen.“ Hatte Kaldor in seine Richtung geblickt, fragte sich Loren, als er diese Bemerkung machte? Es war doch bestimmt noch nicht so offensichtlich… Schließlich führten ihn seine dienstlichen Pflichten ein dutzendmal am Tag mit Brant Falconer zusammen. Es war unmöglich, einer Begegnung mit Mirissa auszuweichen — selbst wenn er das gewollt hätte. Sie waren bisher nie miteinander allein gewesen und hatten nur ein paar höfliche Worte gewechselt. Aber schon jetzt war es gar nicht nötig, mehr zu sagen. 16. Partyspiele „Man nennt es ein Baby“, sagte Mirissa, „und allem Anschein zum Trotz wird es eines Tages zu einem völlig normalen, menschlichen Wesen heranwachsen.“ Sie lächelte, aber ihre Augen waren feucht. Bis sie merkte, wie fasziniert Loren war, war es ihr noch nie in den Sinn gekommen, daß es in dem kleinen Dorf Tarna wahrscheinlich mehr Kinder gab als während der letzten Jahrzehnte mit einer Geburtenrate von praktisch Null auf dem ganzen Planeten Erde. „Ist es… Ihres?“ fragte er ruhig. „Nun, zuallererst einmal ist es kein Es; es ist ein Er. Brants Neffe, Lester — wir kümmern uns um ihn, solange seine Eltern auf der Nordinsel sind.“ „Er ist wunderschön. Darf ich ihn halten?“ Wie ein Stichwort begann Lester zu schreien. „Das wäre keine gute Idee.“ Mirissa lachte, nahm ihn hastig auf und steuerte auf das nächste Badezimmer zu. „Ich kenne die Anzeichen. Lassen Sie sich von Brant oder Kumar herumführen, bis die anderen Gäste kommen.“ Die Lassaner liebten Parties und ließen keine Gelegenheit vorübergehen, welche zu veranstalten. Die Ankunft der ‚Magellan‘ war eine Chance, wie man sie im wahrsten Sinne des Wortes nur einmal im Leben — ja, in vielen Leben — bekam. Wenn die Besucher so unvorsichtig gewesen wären, alle Einladungen anzunehmen, die sie erhielten, so hätten sie jeden wachen Augenblick damit verbracht, von einem offiziellen oder inoffiziellen Empfang zum nächsten zu stolpern. Keinen Augenblick zu früh hatte der Kapitän eine seiner seltenen, aber scharfen Anweisungen herausgegeben — ‚Bey-Blitzschläge‘ — oder einfach ‚Bey-Schläge‘, wie sie ironisch genannt wurden — und seinen Offizieren maximal eine Party in fünf Tagen gestattet. Es gab einige, die der Ansicht waren, in Anbetracht der Zeit, die man oft brauchte, um sich von der lassanischen Gastfreundschaft zu erholen, sei dies viel zu großzügig bemessen. Das Wohnhaus der Leonidas, das im Augenblick von Mirissa, Kumar und Brant bewohnt wurde, war ein großes, ringförmiges Gebäude, das die Familie seit sechs Generationen beherbergte. Ein Stockwerk hoch — in Tarna gab es nicht viele Obergeschosse — umschloß es einen grasbewachsenen Innenhof mit ungefähr dreißig Metern Durchmesser. Direkt im Zentrum lag ein kleiner Teich samt winziger Insel, die über eine pittoreske Holzbrücke zugänglich war. Und auf der Insel stand eine einzelne Palme, die nicht im besten Zustand zu sein schien. „Man muß sie ständig ersetzen“, sagte Brant entschuldigend. „Einige terranische Pflanzen gedeihen hier sehr gut — andere schwinden einfach dahin, trotz aller chemischen Aufputschmittel, die wir ihnen verpassen. Das gleiche Problem haben wir mit den Fischen, die wir einführen wollten. Süßwasserfarmen funktionieren natürlich gut, aber wir haben nicht genügend Platz dafür. Es ist frustrierend, wenn man daran denkt, daß es eine Million mal soviel Ozean gibt, wenn wir ihn nur vernünftig nützen könnten.“ Loren fand, daß Brant Falconer ziemlich langweilig wurde, wenn er anfing, über das Meer zu sprechen. Er mußte jedoch zugeben, daß es ein weniger gefährliches Gesprächsthema war als Mirissa, der es nun gelungen war, Lester loszuwerden, und die jetzt die neu eintreffenden Gäste begrüßte. Hätte er sich je träumen lassen, fragte sich Loren, daß er sich einmal in einer solchen Situation befinden würde? Verliebt war er schon öfter gewesen, aber die Erinnerungen — sogar die Namen — waren glücklicherweise durch die Löschprogramme, denen sie sich alle unterzogen hatten, ehe sie das Sonnensystem verließen, un deutlich geworden. Er wollte nicht einmal versuchen, sie zurückzurufen; warum sollte er sich mit Bildern aus einer Vergangenheit quälen, die völlig zerstört worden war? Sogar Kitanis Gesicht verschwamm allmählich, obwohl er sie erst vor einer Woche im Hibernakulum gesehen hatte. Sie gehörte zu einer Zukunft, die sie geplant hatten, aber vielleicht niemals teilen würden: Mirissa gab es hier und jetzt — sie war voller Leben und Lachen, nicht in einem ein halbes Jahrtausend währenden Schlaf eingefroren. Sie hatte bewirkt, daß er sich noch einmal als ganzer Mensch fühlte und voll Freude feststellte, daß ihn die Belastungen und die Erschöpfungen der letzten Tage schließlich doch nicht seiner Jugend beraubt hatten. Jedesmal, wenn sie beisammen waren, spürte er die Spannung, die ihm sagte, daß er wieder ein Mann war; solange die nicht gelöst wurde, würde er wenig Frieden finden und nicht einmal seine Arbeit so verrichten können, wie es sich gehörte. Es hatte Zeiten gegeben, da hatte sich Mirissas Gesicht über die Pläne für die Mangrovenbucht und die Flußdiagramme geschoben, und er hatte dem Computer einen PAUSE-Befehl geben müssen, ehe sie ihr gemeinsames, geistiges Gespräch hatten fortsetzen können. Es war eine besonders köstliche Folter, einige Stunden lang nicht mehr als ein paar Meter von ihr entfernt zu sein und doch nur über höfliche Nichtigkeiten mit ihr sprechen zu können. Zu Lorens Erleichterung entschuldigte sich Brant plötzlich und eilte davon. Loren entdeckte schnell den Grund dafür. „Kapitän Lorenson!“ sagte Bürgermeisterin Waldron. „Ich hoffe, Tarna behandelt Sie gut.“ Loren stöhnte innerlich. Er wußte, daß er der Bürgermeisterin gegenüber höflich zu sein hatte, aber seine gesellschaftlichen Talente waren nie besonders ausgeprägt gewesen. „Sehr gut, vielen Dank. Ich glaube, Sie haben diese Herren noch nicht kennengelernt…“ Er rief, viel lauter als eigentlich nötig, quer über den Patio hinweg eine Gruppe von Kollegen an, die soeben eingetroffen waren. Glücklicherweise waren es lauter Leutnants; selbst außer Dienst hatten höhere Ränge ihre Privilegien, und er zögerte auch nie, das auszunützen. „Bürgermeisterin Waldron, das ist Leutnant Fletcher — zum erstenmal hier unten, nicht wahr, Owen? Leutnant Werner Ng, Leutnant Ranjit Winson, Leutnant Karl Bosley…“ Typisch für den Marsklüngel, dachte er, ständig kleben sie aneinander. Nun, dadurch gaben sie ein großartiges Ziel ab, und sie waren eine Gruppe von recht sympathischen, jungen Männern. Er glaubte, daß die Bürgermeisterin es gar nicht bemerkte, als er seinen strategischen Rückzug antrat. Doreen Chang hätte viel lieber mit dem Kapitän gesprochen, aber der hatte in Höchstgeschwindigkeit einen Scheinauftritt inszeniert, ein Glas getrunken, sich bei seinen Gastgebern entschuldigt und war wieder aufgebrochen. „Warum will er sich nicht von mir interviewen lassen?“ fragte sie Kaldor, der keine derartigen Hemmungen kannte und sich schon an mehreren Tagen im Rundfunk und auf Video hatte aufnehmen lassen. „Kapitän Sirdar Bey“, antwortete er, „ist in einer privilegierten Stellung. Anders als wir übrigen braucht er keine Erklärungen abzugeben — und sich auch nicht zu entschuldigen.“ „Ich entdecke einen leichten Hauch von Sarkasmus in Ihrer Stimme“, sagte die Starreporterin der Thalassanischen Rundfunkgesellschaft. „Das war nicht beabsichtigt. Ich bewundere den Kapitän außerordentlich und akzeptiere sogar seine Meinung über mich — mit Einschränkungen natürlich. Äh… zeichnen Sie auf?“ „Im Augenblick nicht. Zu viele Nebengeräusche.“ „Ihr Glück, daß ich so vertrauensselig bin, ich könnte es unmöglich feststellen, wenn Sie es doch täten.“ „Ganz bestimmt inoffiziell, Moses. Was hält er denn nun von Ihnen?“ „Er hört sich gerne meine Ansichten an und bedient sich meiner Erfahrung, aber er nimmt mich nicht sehr ernst. Ich weiß nicht genau, warum. Er hat einmal gesagt: ‚Moses — Sie mögen die Macht, aber nicht die Verantwortung. Ich genieße beides.‘ Das war eine sehr treffende Feststellung; sie faßt die Unterschiede zwischen uns beiden zusammen.“ „Was haben Sie geantwortet?“ „Was hätte ich sagen können? Er hatte völlig recht. Das einzige Mal, als ich mich in die praktische Politik hineinziehen ließ, war… nun ja, keine Katastrophe, aber richtig gefallen hat es mir nie.“ „Die Kaldor-Kampagne?“ „Ach — Sie wissen davon? Alberner Name — hat mich geärgert. Und das war auch ein Punkt, in dem der Kapitän und ich nicht übereinstimmten. Er dachte — und das denkt er immer noch, da bin ich sicher — daß die Anweisung, die von uns verlangt, alle Planeten zu meiden, auf denen Leben möglich wäre, nichts als sentimentaler Unsinn ist. Noch ein Zitat von unserem guten Kapitän: ‚Gesetz, das verstehe ich. Metagesetz ist… ah… blanker Unsinn.‘“ „Das ist hochinteressant — das müssen Sie mich einmal aufzeichnen lassen.“ „Ganz bestimmt nicht. Was ist denn da drüben eigentlich los?“ Doreen Chang war eine hartnäckige Frau, aber sie wußte, wann sie aufgeben mußte. „Oh, das ist Mirissas Lieblings-Gasskulptur. Auf der Erde gab es so etwas doch sicher auch.“ „Natürlich. Und da wir immer noch inoffiziell miteinander sprechen, ich halte es nicht für Kunst. Aber es ist amüsant.“ In einem Teil des Innenhofs war die Hauptbeleuchtung ausgeschaltet worden, und etwa ein Dutzend Gäste hatten sich um etwas versammelt, was wie eine sehr große Seifenblase mit fast einem Meter Durchmesser aussah. Als Chang und Kaldor darauf zugingen, sahen sie, wie sich im Innern die ersten Farbwirbel bildeten, wie bei der Geburt eines Spiralnebels. „Es heißt ‚Leben‘“, sagte Doreen, „und ist seit zweihundert Jahren im Besitz von Mirissas Familie. Aber das Gas strömt allmählich aus; ich kann mich erinnern, daß es früher viel heller war.“ Trotzdem war es eindrucksvoll. Die Batterie von Elektronenkanonen und Lasern in der Bodenplatte war von einem geduldigen, schon lange verstorbenen Künstler so programmiert worden, daß sie eine Serie von geometrischen Formen erzeugte, die sich langsam zu organischen Strukturen entwickelten. Aus dem Zentrum der Kugel erschienen immer kompliziertere Formen, dehnten sich aus, bis sie nicht mehr zu sehen waren, und wurden durch andere ersetzt. In einer witzigen Sequenz wurden einzellige Geschöpfe gezeigt, die eine Wendeltreppe hinaufstiegen, welche sofort als Darstellung des DNS-Moleküls erkennbar war. Mit jeder Stufe kam etwas Neues hinzu; innerhalb von wenigen Minuten wurde die vier Milliarden Jahre dauernde Odyssee von der Amöbe bis zum Menschen dargestellt. Dann versuchte der Künstler, noch weiterzugehen, und Kaldor konnte ihm nicht mehr folgen. Die Spiralen des fluoreszierenden Gases wurden zu komplex und zu abstrakt. Vielleicht würde sich ein Muster herausschälen, wenn man die Vorführung ein paarmal öfter sah… „Was ist mit dem Ton passiert?“ fragte Doreen, als der Mahlstrom von brodelnden Farben in der Blase unvermittelt erlosch. „Früher war doch sehr gute Musik dabei, besonders am Ende.“ „Ich habe schon befürchtet, daß jemand danach fragen würde“, sagte Mirissa und lächelte bedauernd. „Wir wissen nicht genau, ob der Fehler im Playback-Mechanismus liegt oder im Programm selbst.“ „Sie haben doch sicher ein Ersatzteil!“ „O, ja, natürlich. Aber das Reserveelement liegt irgendwo in Kumars Zimmer, wahrscheinlich unter Teilen seines Kanus vergraben. Wer seine Höhle noch nicht gesehen hat, begreift nicht, was Entropie wirklich bedeutet.“ „Es ist kein Kanu — es ist ein Kajak“, protestierte Kumar, der gerade herangekommen war, an jedem Arm ein hübsches, einheimisches Mädchen. „Und was ist Entropie?“ Einer der jungen Marsianer war so unvorsichtig, eine Erklärung zu versuchen, indem er zwei Getränke von verschiedener Farbe in dasselbe Glas schüttete. Ehe er noch sehr weit gekommen war, ging seine Stimme in einem Schwall von Musik aus der Gasskulptur unter. „Seht ihr!“ schrie Kumar mit offensichtlichem Stolz über das Getöse hinweg. „Brant bringt einfach alles in Ordnung!“ Alles? dachte Loren. Ich weiß nicht… ich weiß nicht… 17. Der Dienstweg Von: Kapitän An: Alle Besatzungsmitglieder ZEITEINTEILUNG Da es in dieser Angelegenheit schon viel unnötige Verwirrung gegeben hat, möchte ich folgendes feststellen: 1) Alle Aufzeichnungen und Terminpläne des Schiffs orientieren sich weiterhin nach Erdzeit — unter Berücksichtigung der Auswirkungen der Relativität — bis zum Ende der Reise. Alle Uhren und Zeitmeß-Systeme an Bord laufen weiterhin auf EZ. 2) Aus praktischen Gründen wird die Bodenmannschaft, wenn nötig, Thalassa-Zeit (TZ) verwenden, wird aber alle Aufzeichnungen nach EZ durchführen, mit TZ in Klammern. 3) Zur Erinnerung: Die Dauer des Mittleren Thalassanischen Sonnentages beträgt 29,4325 Stunden EZ. Das Thalassanische Sternenjahr, welches in 11 Monate zu je 28 Tagen unterteilt ist, besteht aus 313,1561 thalassanischen Tagen. Der Januar entfällt im Kalender, aber die fünf zusätzlichen Tage, die zur Gesamtzahl von 313 fehlen, folgen unmittelbar nach dem letzten (28.) Tag im Dezember. Alle sechs Jahre werden Schalttage eingeschoben, aber während unseres Aufenthaltes steht keiner an. 4) Da der thalassanische Tag 22 % länger ist als der Erdentag und die Zahl dieser Tage im Jahr um 14 % geringer, ist das Jahr auf Thalassa tatsächlich nur um ungefähr 5 % länger als auf der Erde. Wie Sie alle wissen, hat das einen praktischen Vorteil in bezug auf Geburtstage. Das chronologische Alter bedeutet auf Thalassa fast das gleiche wie auf der Erde. Ein 21jähriger Thalassaner hat so lange gelebt wie ein 20jähriger Erdenmensch. Der lassanische Kalender beginnt mit der Ersten Landung, die im Jahre 3109 EZ stattfand. Wir befinden uns jetzt im Jahre 718 TZ, was 754 Erdenjahre entspricht. 5) Schließlich — und auch dafür dürfen wir dankbar sein — braucht man sich auf Thalassa nur um eine Zeitzone zu kümmern. Sirdar Bey (Kapt.) 3827.02.27.21.30 EZ 718.00.02.15.00 TZ „Wer hätte gedacht, daß etwas so Einfaches so kompliziert sein kann!“ Mirissa lachte, als sie den Ausdruck durchgelesen hatte, der an der Nachrichtentafel von Terra Nova angeschlagen war. „Ich nehme an, das ist einer der berühmten Beyschläge. Was für ein Mensch ist der Kapitän? Ich hatte noch nie richtig Gelegenheit, mit ihm zu sprechen.“ „Es ist nicht leicht, ihn kennenzulernen“, antwortete Moses Kaldor. „Ich glaube, ich habe nicht mehr als ein dutzendmal privat mit ihm gesprochen. Und er ist der einzige Mann auf dem Schiff, den jeder mit ‚Sir‘ anspricht — immer. Außer vielleicht Vizekapitän Malina, wenn die beiden allein sind… Übrigens war diese Notiz bestimmt kein echter Beyschlag — viel zu technisch. Das müssen Wissenschaftsoffizier Varley und Sekretär LeRoy aufgesetzt haben. Kapitän Bey versteht bemerkenswert viel von technischen Prinzipien — viel mehr als ich —, aber er ist in erster Linie Manager. Und gelegentlich, wenn es sein muß, Oberbefehlshaber.“ „Mir wäre so viel Verantwortung zuwider.“ „Jemand muß auch das machen. Routineprobleme können gewöhnlich dadurch gelöst werden, indem man die höheren Offiziere oder die Datenbanken zu Rate zieht. Aber manchmal muß eine Entscheidung von einer Einzelperson getroffen werden, die auch genug Autorität hat, um sie durchzusetzen. Dazu braucht man einen Kapitän. Man kann ein Schiff nicht von einem Komitee führen lassen — wenigstens nicht ständig.“ „Ich glaube, so arbeiten wir auf Thalassa. Können Sie sich vorstellen, daß Präsident Farradine irgendwann als Kapitän auftritt?“ „Diese Pfirsiche sind köstlich“, sagte Kaldor taktvoll und nahm sich noch einen, obwohl er sehr wohl wußte, daß sie für Loren bestimmt waren. „Aber Sie hatten Glück; seit siebenhundert Jahren keine wirklichen Krisen! Hat nicht einer Ihrer eigenen Leute einmal gesagt: ‚Thalassa hat keine Geschichte — nur Statistikern?“ „Oh, das ist nicht wahr! Was ist mit dem Mount Krakan?“ „Das war eine Naturkatastrophe — und auch wirklich keine große. Ich spreche von… ah… politischen Krisen, Bevölkerungsunruhen, solchen Dingen.“ „Das haben wir der Erde zu verdanken. Sie hat uns eine Jefferson Mark Drei-Verfassung gegeben — jemand hat sie einmal als Utopie in zwei Megabytes bezeichnet — und sie hat erstaunlich gut funktioniert. Seit dreihundert Jahren ist das Programm nicht mehr verändert worden. Wir sind immer noch nicht weiter als beim Sechsten Verfassungszusatz.“ „Mögen Sie lange dabei bleiben“, sagte Kaldor inbrünstig. „Es wäre mir höchst unangenehm, wenn wir für einen Siebenten verantwortlich sein sollten.“ „Wenn das geschieht, wird er zuerst in den Datenbanken des Archivs vorbereitet. Wann kommen Sie uns wieder besuchen? Es gibt so vieles, was ich Ihnen zeigen möchte.“ „Nicht so viel, wie ich gern sehen würde. Sie müssen eine Menge Dinge haben, die uns auf Sagan Zwei nützlich sein werden, auch wenn das eine ganz anders geartete Welt ist.“ Und eine viel weniger attraktive, fügte er im stillen hinzu. Während sie sich unterhielten, hatte Loren, offenbar auf dem Weg von der Sporthalle zu den Duschen, leise den Empfangsraum betreten. Er trug kurze Shorts und hatte sich ein Handtuch um die nackten Schultern gelegt. Bei seinem Anblick wurde es Mirissa schwach in den Knien. „Vermutlich haben Sie sie wieder alle besiegt, wie üblich“, sagte Kaldor. „Wird das nicht langweilig?“ Loren grinste spöttisch. „Einige der jungen Lassaner zeigen recht vielversprechende Ansätze. Einer hat mir gerade drei Punkte abgenommen. Natürlich habe ich mit der linken Hand gespielt.“ „Für den höchst unwahrscheinlichen Fall, daß er es Ihnen noch nicht erzählt hat“, bemerkte Kaldor zu Mirissa, „Loren war einmal Tischtennismeister der Erde.“ „Übertreiben Sie nicht, Moses. Ich war nur etwa Nummer Fünf — und gegen Ende war das Niveau elend niedrig. Jeder chinesische Spieler aus dem dritten Jahrtausend hätte Kleinholz aus mir gemacht.“ „Vermutlich haben Sie noch nicht daran gedacht, Brant Unterricht zu geben“, sagte Kaldor boshaft. „Das müßte interessant sein.“ Ein kurzes Schweigen trat ein. Dann antwortete Loren selbstgefällig, aber zutreffend: „Das wäre nicht fair.“ „Zufällig“, sagte Mirissa, „möchte Brant Ihnen gerne etwas zeigen.“ „Ach ja?“ „Sie sagten, Sie seien noch nie auf einem Boot gewesen.“ „Das ist richtig.“ „Dann sind Sie hiermit eingeladen, sich mit Brant und Kumar auf Pier Drei zu treffen — morgen früh, acht Uhr dreißig.“ Loren wandte sich an Kaldor. „Glauben Sie, da kann ich gefahrlos hingehen?“ fragte er gespielt ernsthaft. „Ich kann nicht schwimmen.“ „Da würde ich mir keine Sorgen machen“, antwortete Kaldor hilfsbereit. „Auch wenn man keine Rückfahrt für Sie eingeplant hat, wird das überhaupt nichts ausmachen.“ 18. Kumar Nur ein Mißgeschick hatte die achtzehn Lebensjahre von Kumar Leonidas überschattet: er würde immer zehn Zentimeter kleiner bleiben, als er es sich von Herzen wünschte. Da war es nicht verwunderlich, daß man ihm den Spitznamen ‚Der kleine Löwe‘ gegeben hatte — obwohl nur sehr wenige Leute wagten, ihn in seinem Beisein so zu nennen. Um den Mangel an Länge auszugleichen, hatte er mit Feuereifer an der Breite und Tiefe seines Körpers gearbeitet. Mirissa hatte oft belustigt und gereizt gesagt: „Kumar — wenn du so viel Zeit auf die Ausbildung deines Gehirns verwenden würdest wie auf deinen Körper, dann wärst du das größte Genie auf Thalassa.“ Was sie ihm nie gesagt hatte — und was sie auch sich selbst kaum eingestand —, war, daß der Anblick seiner regelmäßigen morgendlichen Übungen oft höchst unschwesterliche Gefühle in ihrer Brust aufkeimen ließ, zusammen mit einer gewissen Eifersucht auf all die anderen Bewunderer, die sich versammelt hatten, um zuzusehen. Gelegentlich hatten dazu die meisten von Kumars Altersgenossen gehört. Wenn auch das aus Neid geborene Gerücht, er habe mit allen Mädchen und der Hälfte der Jungen in Tarna geschlafen, eine maßlose Übertreibung war, so enthielt es doch ein beträchtliches Stück Wahrheit. Aber Kumar war, trotz des geistigen Abstands zwischen ihm und seiner Schwester, kein hirnloser Muskelprotz. Wenn ihn etwas wirklich interessierte, gab er sich erst zufrieden, wenn er es bewältigt hatte, ganz gleich, wie lange das dauerte. Er war ein großartiger Seemann und baute nun schon seit über zwei Jahren, gelegentlich von Brant unterstützt, an einem ganz besonderen VierMeter-Kajak. Der Rumpf war fertig, aber mit dem Deck hatte er noch nicht angefangen. Eines Tages, so schwor er, würde er es vom Stapel lassen, und dann würde allen das Lachen vergehen. Inzwischen bezeichnete man mit dem Ausdruck ‚Kumars Kajak‘ jede unvollendete Arbeit in ganz Tarna — und davon gab es in der Tat eine ganze Menge. Abgesehen von dieser allgemein verbreiteten, lassanischen Neigung, Dinge aufzuschieben, waren Kumars Hauptschwächen eine abenteuerlustige Natur und eine Vorliebe für manchmal riskante Streiche. Das würde ihn, so glaubte man weithin, eines Tages ernstlich in Schwierigkeiten bringen. Aber es war unmöglich, selbst über seine ausgefallensten Streiche wütend zu werden, denn es steckte keinerlei Bosheit dahinter. Kumar war völlig offen, ja, durchschaubar; niemand konnte sich vorstellen, daß er je eine Lüge erzählte. Dafür konnte man ihm viel verzeihen und tat es auch häufig. Die Ankunft der Besucher war natürlich das aufregendste Ereignis seines Lebens gewesen. Er war begeistert von ihren Geräten, den Ton—, Videound Sensoraufzeichnungen, die sie mitgebracht hatten, den Geschichten, die sie erzählten — einfach von allem, was mit ihnen zu tun hatte. Und weil er Loren öfter zu sehen bekam als alle anderen, war es nicht verwunderlich, daß Kumar sich an ihn hängte. Das war nun eine Entwicklung, von der Loren nicht ganz vorbehaltlos angetan war. Wenn es etwas gab, was noch unwillkommener war als ein störender Partner, dann war es der traditionelle Spielverderber, ein gar zu anhänglicher, kleiner Bruder. 19. Die schöne Polly „Ich kann es immer noch nicht glauben, Loren“, sagte Brant Falconer. „Sie waren wirklich noch nie auf einem Boot — oder einem Schiff?“ „Ich glaube mich zu erinnern, daß ich einmal in einem Gummischlauchboot über einen kleinen Teich gepaddelt bin. Damals muß ich ungefähr fünf Jahre alt gewesen sein.“ „Dann wird es Ihnen jetzt sicher gefallen. Keine Spur von Seegang, der Ihnen den Magen umdrehen könnte. Vielleicht können wir Sie überreden, mit uns zu tauchen.“ „Nein, danke — eine Erfahrung nach der anderen. Außerdem habe ich gelernt, anderen Leuten nie im Wege zu stehen, wenn sie zu arbeiten haben.“ Brant hatte recht; er begann es wirklich zu genießen, als die Hydrodüsen den kleinen Trimaran fast lautlos hinaus und auf das Riff zutrieben. Aber kurz nachdem er eingestiegen war und gesehen hatte, wie die feste, sichere Küstenlinie sich schnell entfernte, hatte er einen Augenblick lang fast Panik verspürt. Nur ein Gefühl für die Lächerlichkeit der Situation hatte ihn davor bewahrt, ein Schauspiel zu geben. Er hatte fünfzig Lichtjahre zurückgelegt — die längste Reise, die Menschen jemals unternommen hatten — um diesen Ort zu erreichen. Und j etzt machte er sich Sorgen wegen der paar hundert Meter zum nächsten Festland. Aber es gab keine Möglichkeit, die Herausforderung abzulehnen. Während er entspannt im Heck lag und Falconer am Steuer beobachtete (woher hatte er diese weiße Narbe quer über den Schultern? — ach ja, er hatte etwas von einem Absturz mit einem Mikroflieger erzählt, schon vor Jahren…), fragte er sich, was dem Lassaner wohl im Augenblick durch den Sinn ging. Es fiel schwer, zu glauben, daß irgendeine menschliche Gesellschaft, auch wenn sie noch so vernünftig und unkompliziert war, völlig frei von Eifersucht oder irgendeiner Form sexuellen Besitzstrebens sein sollte. Nicht daß es — bis jetzt, leider! — viel gegeben hätte, worauf Brant hätte eifersüchtig sein können. Loren bezweifelte, ob er mit Mirissa überhaupt schon hundert Worte gesprochen hatte; bei den meisten davon war ihr Ehemann dabeigewesen. Korrektur: Auf Thalassa wurden die Begriffe Ehemann und Ehefrau erst von der Geburt des ersten Kindes an verwendet. Wurde ein Junge gewählt, dann nahm die Mutter gewöhnlich — aber nicht ausnahmslos — den Namen des Vaters an. War das Erstgeborene ein Mädchen, dann behielten beide den Namen der Mutter — wenigstens bis zur Geburt des zweiten, und letzten, Kindes. Es gab wirklich nur sehr wenig, was die Lassaner schockieren konnte. Grausamkeit — besonders gegenüber Kindern — gehörte dazu. Und eine dritte Schwangerschaft auf dieser Welt, die nur zwanzigtausend Quadratkilometer Land hatte, war ein weiteres Beispiel. Die Kindersterblichkeit war so niedrig, daß Mehrlingsgeburten ausreichten, um die Bevölkerungszahl konstant zu halten. Es hatte einen berühmten Fall gegeben — den einzigen in der ganzen Geschichte von Thalassa — da war eine Familie zweimal mit Fünflingen gesegnet — oder geschlagen — worden. Obwohl man der armen Mutter kaum einen Vorwurf machen konnte, war die Erinnerung an sie jetzt mit einem Hauch toller Verruchtheit umgeben, wie er einst Lukrezia Borgia, Messalina oder Faustina eingehüllt hatte. Ich muß meine Karten sehr, sehr vorsichtig ausspielen, sagte sich Loren. Daß Mirissa ihn attraktiv fand, wußte er schon. Er konnte es in ihrem Gesicht lesen und im Ton ihrer Stimme. Und er hatte noch stärkere Beweise, zufällige Handkontakte und sanfte Berührungen der Körper, die länger gedauert hatten, als es strenggenommen notwendig gewesen wäre. Beide wußten, daß es nur eine Frage der Zeit war. Und das, dessen war Loren ziemlich sicher, wußte auch Brant. Aber trotz der Spannung, die sie beide zwischen sich spürten, gingen sie doch noch recht freundlich miteinander um. Das Pulsieren der Düsen erstarb und das Boot kam dicht neben einer großen Glasboje, die sanft im Wasser aufund abhüpfte, zum Stillstand. „Das ist unser Energielieferant“, sagte Brant. „Wir brauchen nur ein paar hundert Watt, deshalb kommen wir mit Solarzellen aus. Ein Vorteil der Süßwassermeere — auf der Erde würde es nicht funktionieren. Die Ozeane dort waren viel zu salzig — sie hätten Kilowatt um Kilowatt verschlungen.“ „Willst du deine Meinung wirklich nicht ändern, Onkel?“ Kumar grinste. Loren schüttelte den Kopf. Obwohl es ihn zuerst überrascht hatte, hatte er sich jetzt ziemlich an die Anredeform gewöhnt, die die jüngeren Lassaner allgemein verwendeten. Es war eigentlich ganz nett, plötzlich massenweise Nichten und Neffen zu haben. „Nein, danke. Ich bleibe hier und sehe durch das Unterwasserfenster zu, nur für den Fall, daß euch die Haie auffressen.“ „Haie!“ sagte Kumar wehmütig. „Wunderbare, herrliche Tiere — ich wünschte, wir hätten einige hier. Das Tauchen würde viel aufregender.“ Loren sah mit dem Interesse des Technikers zu, wie Brant und Kumar ihre Geräte anlegten. Verglichen mit der Ausrüstung, die man im Weltraum tragen mußte, waren sie vergleichsweise einfach — und der Drucktank war ein winziges Ding, das leicht in die Fläche einer Hand paßte. „Dieser Sauerstofftank“, sagte er, „ich hätte nicht gedacht, daß er länger als für ein paar Minuten reichen könnte.“ „Sauerstoff!“ schnaubte Brant. „In einer Tiefe von mehr als zwanzig Metern ist das ein tödliches Gift. Diese Flasche enthält Luft — und das ist nur der Notvorrat, reicht fünfzehn Minuten.“ Er zeigte auf die kiemenähnliche Konstruktion auf dem Rucksack, den Kumar schon trug. „Aller Sauerstoff, den man braucht, ist im Meerwasser aufgelöst, man muß ihn nur herausziehen. Aber das erfordert Energie, und deshalb braucht man eine Energiezelle, die die Pumpen und die Filter betreibt. Mit diesem Gerät könnte ich eine Woche lang unten bleiben, wenn ich wollte.“ Er tippte auf die grünlich fluoreszierende Computeranzeige an seinem linken Handgelenk. „Die gibt mir alle Information, die ich brauche — Tiefe, Zustand der Energiezelle, Zeit zum Auftauchen, Stops zur Dekompression…“ Loren riskierte noch eine dumme Frage. „Warum tragen Sie eine Taucherbrille und Kumar nicht?“ „Aber ich trage doch eine.“ Kumar grinste. „Sieh mal genau hin.“ „Ach ja… ich sehe. Sehr raffiniert.“ „Aber lästig“, sagte Brant, „außer, wenn man praktisch im Wasser lebt, wie Kumar. Ich habe es einmal mit einer Kontaktmaske versucht und festgestellt, daß sie meinen Augen schadet. Deshalb bleibe ich bei der guten, alten Taucherbrille — viel unproblematischer. Fertig?“ „Fertig, Skipper.“ Sie rollten sich gleichzeitig backbords und steuerbords aus dem Boot, ihre Bewegungen waren so gut synchronisiert, daß das Boot kaum schwankte. Durch die dicke, im Kiel eingelassene Glasscheibe konnte Loren sehen, wie sie mühelos zum Riff hinunterglitten. Es war, wie er wußte, mehr als zwanzig Meter weit unten, sah aber viel näher aus. Werkzeuge und Kabel waren dort schon abgeladen worden, und die beiden Taucher machten sich schnell daran, die zerrissenen Netze zu reparieren. Gelegentlich tauschten sie verschlüsselte, einsilbige Bemerkungen aus, aber meistens arbeiteten sie völlig schweigend. Jeder kannte seine Aufgabe — und seinen Partner — so gut, daß es nicht notwendig war, zu sprechen. Für Loren verging die Zeit sehr schnell; ihm war, als schaue er in eine neue Welt — was er ja auch tat. Obwohl er zahllose in den irdischen Ozeanen aufgenommene Video-Filme gesehen hatte, waren ihm fast alle Lebewesen, die sich jetzt unter ihm tummelten, völlig unbekannt. Da gab es wirbelnde Scheiben und pulsierende Gallertmassen, wogende Teppiche und korkenzieherförmige Spiralen — aber nur ganz wenige Geschöpfe, die man, so sehr man seine Fantasie auch anstrengte, wirklich als Fische bezeichnen konnte. Nur einmal erhaschte er, nahe am Rand seines Blickfeldes, einen flüchtigen Blick auf einen flink vorbeiziehenden Torpedo, den er — da war er sicher — zu erkennen glaubte. Wenn er recht hatte, war das auch ein von der Erde Verbannter. Er dachte schon, daß Brant und Kumar ihn völlig vergessen hätten, als ihn eine Nachricht aus der Unterwasser-Sprechanlage aufschrecken ließ. „Wir kommen jetzt rauf. In zwanzig Minuten sind wir bei Ihnen. Alles in Ordnung?“ „Wunderbar“, antwortete Loren. „War das ein Fisch von der Erde, den ich gerade gesehen habe?“ „Mir ist nichts aufgefallen.“ „Onkel hat recht, Brant — eine mutierte Zwanzig-KiloForelle ist vor fünf Minuten vorbeigeschwommen. Dein Schweißbogen hat sie verscheucht.“ Sie hatten inzwischen den Meeresboden verlassen und stiegen an den zierlichen Gliedern der Ankerkette entlang langsam nach oben. Ungefähr fünf Meter unter der Oberfläche hielten sie an. „Das ist der langweiligste Teil bei jedem Tauchgang“, sagte Brant. „Hier müssen wir fünfzehn Minuten warten. Kanal zwei, bitte — danke — aber nicht ganz so laut.“ Die Musik zur Dekompression hatte wahrscheinlich Kumar ausgesucht; ihr hektischer Rhythmus schien gar nicht zu der friedlichen Unterwasserszene zu passen. Loren war von Herzen froh, daß er nicht darin schwamm, und schaltete das Gerät gerne aus, als die beiden Taucher sich wieder nach oben bewegten. „Das war gute Arbeit für einen Vormittag“, sagte Brant, als er auf Deck kletterte. „Spannung und Strom normal. Jetzt können wir heimfahren.“ Lorens ungeübte Hilfe beim Ablegen der Ausrüstung wurde dankbar angenommen. Beide Männer waren müde und unterkühlt, erholten sich aber nach mehreren Tassen der heißen, süßen Flüssigkeit, die die Lassaner ‚Tee‘ nannten, obwohl sie mit irgendeinem irdischen Getränk dieses Namens nur wenig Ähnlichkeit hatte, schnell wieder. Kumar ließ den Motor an und fuhr los, während Brant in dem Durcheinander auf dem Bootsboden herumkramte und eine kleine, bunte Schachtel zutage förderte. „Nein, danke“, sagte Loren, als Brant ihm eine der schwach narkotisierenden Tabletten reichte. „Ich will mir hier nichts angewöhnen, was ich später nicht mehr so leicht ablegen kann.“ Er bedauerte die Bemerkung, sobald er sie ausgesprochen hatte; sie mußte durch irgendeinen perversen Impuls seines Unterbewußtseins ausgelöst worden sein — oder vielleicht durch sein Schuldgefühl. Aber Brant hörte offensichtlich keine tiefere Bedeutung heraus, er legte sich zurück, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und starrte hinauf in den wolkenlosen Himmel. „Man kann die ‚Magellan‘ auch untertags sehen“, sagte Loren, bestrebt, das Thema zu wechseln, „wenn man genau weiß, wo man suchen muß. Aber ich selbst habe es nie probiert.“ „Mirissa schon — oft“, warf Kumar dazwischen. „Und sie hat mir auch gezeigt, wie es geht. Man braucht nur Astronetz anzurufen, um die Transitzeit zu erfahren, dann geht man hinaus und legt sich auf den Rücken. Sie sieht aus wie ein heller Stern, direkt über einem, und sie scheint sich überhaupt nicht zu bewegen. Aber wenn man auch nur eine Sekunde wegschaut, hat man sie schon verloren.“ Unerwartet drosselte Kumar den Motor, kreuzte ein paar Minuten lang mit niedriger Geschwindigkeit und brachte das Boot schließlich ganz zum Stehen. Loren blickte sich um, um sich zu orientieren, und sah überrascht, daß sie jetzt mindestens einen Kilometer von Tarna entfernt waren. Neben ihnen im Wasser schaukelte eine andere Boje mit einem großen P darauf und einer roten Flagge. „Warum halten wir an?“ fragte Loren. Kumar lachte leise und begann, einen kleinen Eimer über die Seite auszuleeren. Glücklicherweise war er bisher fest verschlossen gewesen; der Inhalt sah verdächtig nach Blut aus, roch aber viel schlimmer. Loren rückte in dem engen Raum des Bootes so weit weg wie nur möglich. „Nur ein Besuch bei einer alten Freundin“, sagte Brant sehr leise. „Sitzen Sie still — kein Geräusch machen. Sie ist ziemlich nervös.“ Sie? dachte Loren. Was geht hier vor? Mindestens fünf Minuten lang geschah überhaupt nichts; Loren hätte es nicht für möglich gehalten, daß Kumar so lange stillsitzen konnte. Dann bemerkte er, daß ein paar Meter vom Boot entfernt, dicht unterhalb der Wasseroberfläche, ein dunkles, gewundenes Band erschienen war. Er folgte ihm mit den Augen und stellte fest, daß es einen Ring bildete und sie einkreiste. Etwa im selben Augenblick bemerkte er auch, daß Brant und Kumar nicht dieses Band beobachteten; sie beobachteten ihn. Sie wollen mir also eine Überraschung bereiten, sagte er sich; nun, wir werden schon sehen… Trotzdem brauchte Loren seine ganze Willenskraft, um einen Aufschrei schieren Entsetzens zu unterdrükken, als etwas, das aussah wie eine Mauer von leuchtend—, nein, faulig-rosa Fleisch aus dem Meer auftauchte. Die Mauer stieg tropfend immer höher, bis sie etwa halb so groß war wie ein Mensch, und sie bildete eine durchgehende Barriere um das Boot herum. Und, um der Abscheulichkeit die Krone aufzusetzen, war ihre Oberfläche fast völlig mit sich ringelnden Schlangen in tiefen Rotund Blautönen bedeckt. Ein gewaltiges, mit Fühlern gesäumtes Maul war aus der Tiefe aufgestiegen und würde sie verschlingen… Aber sie waren ganz offensichtlich nicht in Gefahr; das merkte er an den belustigten Gesichtern seiner Gefährten. „Was in Gottes… in Krakans Namen ist das denn?“ flüsterte er, bemüht, seine Stimme nicht überschnappen zu lassen. „Sie haben gut reagiert“, sagte Brant bewundernd. „Manche Leute verstecken sich am Bootsboden. Das ist Polly — für Polyp. Die schöne Polly. Ein wirbelloser Kolonialbewohner. Milliarden von spezialisierten Zellen, die alle zusammenarbeiten. Auf der Erde hatten Sie ganz ähnliche Tiere, aber ich glaube nicht, daß sie auch nur annähernd so groß waren.“ „Das waren sie sicher nicht“, antwortete Loren aus tiefster Seele. „Und wie, wenn ich fragen darf, kommen wir hier wieder raus?“ Brant nickte Kumar zu, der die Motoren auf volle Leistung hochjagte. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit für ein so riesiges Wesen sank die lebende Mauer, die sie umgab, ins Meer zurück, und auf der Oberfläche war nur noch ein öliges Kräuseln zu sehen. „Die Vibrationen haben sie erschreckt“, erklärte Brant. „Sehen Sie durch das Schauglas — jetzt können Sie Polly ganz sehen.“ Unter ihnen trat eine Art zehn Meter dicker Baumstamm den Rückzug zum Meeresboden an. Jetzt erkannte Loren, daß die sich ringelnden ‚Schlangen‘, die er auf der Oberfläche gesehen hatte, dünne Tentakel waren; in ihrem normalen Element schwebten sie wieder gewichtslos hin und her und durchsuchten das Wasser nach etwas — oder jemanden — das oder den sie verschlingen konnten. „Was für ein Ungeheuer!“ hauchte er und entspannte sich zum erstenmal innerhalb von vielen Minuten. Ein warmes Gefühl des Stolzes — sogar der Freude — überkam ihn. Er wußte, daß er wieder einen Test bestanden hatte; er hatte Brants und Kumars Anerkennung gewonnen und nahm sie dankbar an. „Ist dieses Ding nicht — gefährlich?“ fragte er. „Natürlich; deshalb haben wir ja auch die Warnboje.“ „Offen gestanden, ich wäre versucht, es zu töten.“ „Warum?“ fragte Brant ehrlich erschrocken. „Welchen Schaden richtet Polly denn an?“ „Tja — ein Geschöpf von dieser Größe fängt doch sicher eine Riesenmenge Fische?“ „Ja, aber nur lassanische — keine Fische, die wir essen können. Und jetzt kommt noch etwas Interessantes. Wir haben uns lange Zeit gefragt, wie sie die Fische — selbst die dummen von hier — dazu bringen konnte, in ihren Rachen zu schwimmen. Schließlich fanden wir heraus, daß sie ein chemisches Lockmittel absondert, und dadurch sind wir auf die elektrischen Fallen gekommen. Dabei fällt mir ein…“ Brant griff nach seinem Komgerät. „Tarna Drei ruft Tarna Autoaufzeichnung — hier Brant. Wir haben das Netz repariert. Alles funktioniert normal. Bestätigung nicht nötig. Ende der Nachricht.“ Aber zu aller Überraschung antwortete sofort eine bekannte Stimme. „Hallo, Brant, Dr. Lorenson. Freut mich, das zu hören. Und ich habe interessante Neuigkeiten für euch. Möchtet ihr sie hören?“ „Natürlich, Bürgermeisterin“, sagte Brant, während die beiden Männer belustigte Blicke austauschten. „Raus damit!“ „Das Zentralarchiv hat etwas Überraschendes ausgegraben. Das ist alles schon einmal passiert. Vor zweihundertfünfzig Jahren hat man versucht, vor der Nordinsel mittels Elektro-Ausfällung ein Riff aufzubauen — eine Technik, die auf der Erde gut funktioniert hatte. Aber nach ein paar Wochen waren die Unterwasserkabel zerrissen — einige davon gestohlen. Die Sache wurde nie weiterverfolgt, weil das Experiment ohnehin ein absoluter Fehlschlag war. Nicht genug Mineralien im Wasser, als daß es sich gelohnt hätte. Da hast du es — die Umweltschützer kannst du nicht verantwortlich machen. Die gab es damals noch gar nicht.“ Brants Gesicht war ein solches Bild des Erstaunens, daß Loren laut herausplatzte. „Und Sie wollten mich überraschen“, sagte er. „Tja, jedenfalls haben Sie bewiesen, daß es im Meer Dinge gibt, an die ich im Traum nicht gedacht hätte. Aber jetzt sieht es so aus, als gäbe es auch ein paar Dinge, an die Sie nie gedacht hätten.“ 20. Eine Idylle Die Tarnaner fanden es sehr komisch und taten so, als glaubten sie ihm nicht. „Zuerst waren Sie noch nie auf einem Schiff — und jetzt behaupten Sie, Sie können nicht radfahren?“ „Sie sollten sich schämen“, hatte Mirissa ihn augenzwinkernd gescholten. „Die wirksamste Transportmethode, die jemals erfunden wurde — und Sie haben es nie ausprobiert!“ „In Raumschiffen bringt sie nicht viel, und in Städten ist sie zu gefährlich“, hatte Loren zurückgegeben. „Außerdem, was gibt es da schon groß zu lernen?“ Bald entdeckte er, daß es doch einiges gab. Radfahren war nicht so einfach, wie es aussah. Obwohl es wirklich eine Leistung war, von den Fahrzeugen mit den kleinen Rädern und dem niedrigen Schwerpunkt tatsächlich herunterzufallen — er schaffte es mehrmals. Seine ersten Versuche waren frustrierend. Er hätte auch nicht weitergemacht, hätte ihm Mirissa nicht versichert, das sei die beste Möglichkeit, die Insel zu erkunden — und hätte er selbst nicht die Hoffnung gehabt, es sei auch der beste Weg, Mirissa zu erkunden. Der Trick, so erkannte er nach einigen weiteren Stürzen, war, das Problem völlig zu ignorieren und die Sache dem Körper und seinen Reflexen zu überlassen. Das war nur logisch, denn wenn man über jeden Schritt hätte nachdenken müssen, den man machte, wäre normales Gehen unmöglich. Obwohl Loren das verstandesmäßig akzeptierte, dauerte es einige Zeit, ehe er seinen Instinkten trauen konnte. Sobald er diese Hürde einmal genommen hatte, machte er schnelle Fortschritte. Und schließlich bot ihm Mirissa, wie er gehofft hatte, an, ihm die abgelegeneren Schlupfwinkel der Insel zu zeigen. Man hätte leicht glauben können, sie beide seien die einzigen Menschen auf der Welt, als sie kaum mehr als fünf Kilometer vom Dorf entfernt waren. Gefahren waren sie sicher viel weiter, aber der schmale Radweg war so angelegt, daß er der malerischsten Route folgte, und die war, wie sich herausstellte, auch die längste. Obwohl Loren sich mit dem Positionssucher in seinem Komge- rät sofort hätte orientieren können, machte er sich diese Mühe nicht. Es machte Spaß, so zu tun, als habe man sich verirrt. Mirissa wäre es noch lieber gewesen, wenn er das Komgerät gar nicht mitgenommen hätte. „Warum müssen Sie dieses Ding dabeihaben?“ hatte sie gefragt und dabei auf das mit Schaltern gespickte Band an seinem linken Unterarm gezeigt. „Manchmal ist es doch ganz schön, von den Menschen wegzukommen.“ „Zugegeben, aber die Schiffsvorschriften sind sehr streng. Wenn Kapitän Bey mich sehr schnell brauchte und ich nicht antwortete…“ „Nun — was würde er dann tun? Sie in Ketten legen?“ „Das wäre mir lieber als die Strafpredigt, die er mir zweifellos halten würde. Jedenfalls habe ich auf Schlafstellung geschaltet. Wenn das Schiffskom auch das aufhebt, ist es ein wirklicher Notfall — und da möchte ich auf jeden Fall informiert werden.“ Wie fast alle Terraner seit mehr als tausend Jahren hätte sich Loren weit eher ohne seine Kleider als ohne sein Komgerät wohlgefühlt. Die Geschichte der Erde war voll von Erzählungen über leichtsinnige oder tollkühne Personen, die — oft nur Meter von der Rettung entfernt — den Tod gefunden hatten, weil sie den roten NOTRUF-Knopf nicht erreichen konnten. Der Radweg war ganz klar nach Sparsamkeitserwägungen und nicht für Schwerverkehr angelegt. Er war weniger als einen Meter breit, und anfangs hatte der unerfahrene Loren das Gefühl, sich auf einem Seil zu bewegen. Er mußte sich auf Mirissas Rücken konzentrieren (keine unangenehme Aufgabe), um nicht herunterzufallen. Aber nach ein paar Kilometern gewann er mehr Selbstvertrauen und konnte auch andere Ausblicke genießen. Wenn sie jemandem begegneten, der aus der entgegengesetzten Richtung kam, mußten alle absteigen; der Gedanke an einen Zusammenstoß war zu entsetzlich, um ihn sich auszumalen. Es wäre ein langer Marsch nach Hause, wenn man auch noch die kaputten Räder tragen mußte. Die meiste Zeit fuhren sie in völligem Schweigen, das nur unterbrochen wurde, wenn Mirissa auf einen ungewöhnlichen Baum oder eine besonders schöne Stelle hinwies. Die Stille selbst war schon etwas, das Loren in seinem ganzen Leben noch nicht erfahren hatte; auf der Erde war er immer von Geräuschen umgeben gewesen — und an Bord des Schiffes lebte man in einer ganzen Symphonie beruhigender, mechanischer Laute, und gelegentlich schrillte ein Alarm, bei dem einem das Herz fast stehenblieb. Hier umgaben die Bäume sie mit einer unsichtbaren, schallschluckenden Decke, so daß jedes Wort, sobald es ausgesprochen wurde, in die Stille hineingesaugt zu werden schien. Zuerst genoß Loren dieses Gefühl schon allein deshalb, weil es so neu war, aber jetzt sehnte er sich allmählich nach etwas, das das akustische Vakuum füllen konnte. Er war sogar versucht, ein wenig Musik zur Untermalung aus seinem Komgerät abzurufen, war aber ziemlich sicher, daß Mirissa das nicht gut finden würde. Er war daher sehr überrascht, als weiter vorne aus den Bäumen inzwischen bekannte, thalassanische Tanzmusik ertönte. Da die schmale Straße selten mehr als zweioder dreihundert Meter weit geradeaus führte, konnte er nicht sehen, woher die Musik kam, bis sie um eine scharfe Kurve bogen und sich einem Wohlklang verbreitenden, mechanischen Ungetüm gegenübersahen, das die ganze Fahrbahn einnahm und ihnen in langsamem Fußgängertempo entgegenrückte. Es sah einer Roboterraupe ziemlich ähnlich. Als sie abstiegen und es vorbeizockeln ließen, erkannte Loren, daß es ein Straßenreparaturautomat war. Er hatte schon ziemlich viele rauhe Stellen und sogar Schlaglöcher entdeckt und sich gefragt, wann die Bauabteilung der Südinsel sich wohl aufraffen und etwas dagegen unternehmen würde. „Wozu die Musik?“ fragte er. „Eine Maschine wie diese weiß sie doch wohl kaum zu schätzen.“ Er hatte seinen kleinen Scherz kaum ausgesprochen, als der Roboter mit strenger Stimme das Wort an ihn richtete: „Bitte fahren Sie innerhalb der nächsten hundert Meter von mir nicht auf der Fahrbahn, sie ist noch nicht fest. Bitte fahren Sie innerhalb der nächsten hundert Meter nicht auf der Fahrbahn, sie ist noch nicht fest. Danke.“ Mirissa lachte über sein verdutztes Gesicht. „Sie haben natürlich recht — sehr intelligent ist sie nicht. Die Musik soll den entgegenkommenden Verkehr warnen.“ „Wäre da so etwas wie eine Sirene nicht wirkungsvoller?“ „Ja, schon, aber das wäre doch so — unfreundlich!“ Sie schoben ihre Fahrräder von der Straße und warteten, bis die Reihe von miteinander verbundenen Tanks, Kontrollgeräten und Straßenbaumaschinen langsam vorübergezogen war. Loren konnte es sich nicht verkneifen, die frisch aufgebrachte Oberfläche zu berühren; sie war warm und gab ein wenig nach, auch sah sie feucht aus, obwohl sie sich völlig trocken anfühlte. Innerhalb von Sekunden war sie jedoch steinhart geworden; Loren bemerkte den schwachen Abdruck seines Fingers und dachte wehmütig: Ich habe Thalassa mein Zeichen aufgedrückt — bis der Roboter das nächstemal hier vorbeikommt. Jetzt führte die Straße aufwärts in die Hügel, und Loren spürte, wie bisher unbekannte Muskeln in seinen Oberschenkeln und Waden allmählich auf sich aufmerksam machten. Ein wenig Hilfsenergie wäre ihm nicht unwillkommen gewesen, aber Mirissa hatte die elektrischen Modelle als zu dekadent abgetan. Sie hatte ihr Tempo nicht im mindesten verringert, deshalb blieb Loren nichts anderes übrig, als tief durchzuatmen und mit ihr Schritt zu halten. Was kam da von vorne für ein schwaches Dröhnen? Im Innern der Südinsel würde doch sicher niemand Raketenmotoren testen? Das Geräusch wurde ständig lauter, während sie weiterstrampelten; Loren konnte es erst Sekunden, ehe es in Sicht kam, identifizieren. Nach terranischen Maßstäben war der Wasserfall nicht sehr eindrucksvoll — vielleicht hundert Meter hoch und zwanzig breit. Eine kleine, vom Spritzwasser feucht glänzende Metallbrücke überspannte das brodelnde, schäumende Becken, in das er sich ergoß. Zu Lorens Erleichterung stieg Mirissa ab und schaute ihn recht verschmitzt an. „Fällt Ihnen etwas — Besonderes auf?“ fragte sie mit einer Handbewegung zu der Szene vor ihnen. „In welcher Beziehung?“ fragte Loren, während er nach Anhaltspunkten suchte. Alles, was er sah, war eine lückenlose Wand aus Bäumen und Pflanzen, durch die sich auf der anderen Seite des Wasserfalls die Straße schlängelte. „Die Bäume — die Bäume!“ „Was ist damit? Ich bin kein — Botaniker.“ „Ich auch nicht, aber das dürfte unübersehbar sein. Schauen Sie doch hin!“ Er gehorchte, immer noch verständnislos. Und endlich begriff er, weil ein Baum ein Produkt natürlicher Technik ist — und weil er Techniker war. Auf der anderen Seite des Wasserfalls war ein anderer Konstrukteur am Werk gewesen. Obwohl Loren keinen der Bäume, zwischen denen er stand, benennen konnte, waren sie ihm unbestimmt vertraut, und er war sicher, daß sie von der Erde stammten… Ja, das war bestimmt eine Eiche, und irgendwann, vor langer Zeit, hatte er auch die schönen, gelben Blüten an jenem niedrigen Busch schon gesehen. Jenseits der Brücke begann eine andere Welt. Die Bäume — waren es wirklich Bäume? — wirkten primitiv und unfertig. Einige hatten kurze, faßförmige Stämme, aus denen ein paar dornige Äste herauswuchsen; andere ähnelten gewaltigen Farnen; wieder andere sahen aus wie riesige Knochenfinger mit stacheligen Höfen an den Gelenken. Und sie hatten keine Blüten… „Jetzt begreife ich. Das ist Thalassas einheimische Vegetation.“ „Ja — erst vor ein paar Millionen Jahren aus dem Meer gekommen. Wir nennen das hier die Große Trennungslinie. Aber es ist mehr ein Schlachtfeld zwischen zwei Armeen, und niemand weiß, welche Seite siegen wird. Keine, wenn es nach uns geht! Die Vegetation von der Erde ist fortgeschrittener; aber die einheimischen Pflanzen sind der chemischen Zusammensetzung hier besser angepaßt. Von Zeit zu Zeit marschiert eine Seite bei der anderen ein — und dann gehen wir mit Schaufeln dazwischen, ehe sie Fuß fassen kann.“ Wie sonderbar, dachte Loren, während sie ihre Fahrräder über die schmale Brücke schoben. Zum erstenmal, seit wir auf Thalassa gelandet sind, habe ich das Gefühl, wirklich auf einer fremden Welt zu sein… Diese plumpen Bäume und die groben Farne hätten das Rohmaterial für die Kohleflöze sein können, die die Energie für die Industrielle Revolution geliefert hatten — gerade noch rechtzeitig, um die menschliche Rasse zu retten. Er konnte sich durchaus vorstellen, daß jeden Augenblick ein Dinosaurier aus dem Unterholz gestürmt kommen könnte; dann erinnerte er sich, daß diese schrecklichen Echsen noch hundert Millionen Jahre in der Zukunft gewesen waren, als solche Pflanzen auf der Erde gediehen… Sie wollten gerade wieder aufsteigen, als Loren ausrief: „Krakan und Verdammnis!“ „Was ist los?“ Loren ließ sich auf eine offenbar von der Vorsehung geschickte, dicke Schicht drahtigen Mooses fallen. „Ein Krampf!“ murmelte er mit zusammengebissenen Zähnen und knetete seine verknoteten Wadenmuskeln. „Darf ich mal?“ sagte Mirissa mit besorgter, aber selbstsicherer Stimme. Unter ihrer angenehmen, wenn auch etwas amateurhaften Behandlung verebbten die Krämpfe langsam. „Danke“, sagte Loren nach einer Weile. „Jetzt ist es viel besser. Aber bitte nicht aufhören.“ „Hast du wirklich geglaubt, das würde ich tun?“ flüsterte sie. Und schließlich wurden sie, zwischen zwei Welten, eins. Vierter Teil Krakan 21. Die Akademie Die Mitgliederzahl der thalassanischen Akademie der Wissenschaften war streng auf die hübsche, runde Binärzahl 100000000 — oder für die, die lieber an den Fingern abzählten, 256, beschränkt. Der Wissenschaftsoffizier der ‚Magellan‘ hielt diese Exklusivität für gut; dadurch wurde das Niveau gewahrt. Und die Akademie nahm ihre Verantwortung sehr ernst; der Präsident hatte ihr gestanden, daß es im Augenblick nur 241 Mitglieder gab, weil es sich als unmöglich herausgestellt habe, alle freien Stellen mit qualifiziertem Personal zu besetzen. Von diesen 241 waren nicht weniger als 105 persönlich im Hörsaal der Akademie anwesend, und 116 hatten sich mit ihren Komgeräten zugeschaltet. Es war eine Rekordbeteiligung, und Dr. Anne Varley fühlte sich in höchstem Maße geschmeichelt — obwohl sie eine flüchtige Neugier bezüglich der fehlenden 20 nicht unterdrücken konnte. Es war ihr auch nicht ganz geheuer, als einer der führenden Astronomen der Erde vorgestellt zu werden — obwohl das, leider, zum Zeitpunkt des Starts der ‚Magellan‘ nur allzu wahr gewesen war. Zeit und Schicksal hatten der ehemaligen Leiterin des — ehemaligen — Schklowskij-Mondobservatoriums diese einmalige Chance zu überleben geboten. Sie wußte sehr wohl, daß sie nicht mehr als kompetent war, verglichen mit dem Wissensstand solcher Größen wie Ackerley oder Chandrasekhar oder Herschel — und noch weniger im Vergleich zu Galilei, Kopernikus oder Ptolemäus. „Hier ist es“, begann sie. „Sicher haben Sie diese Karte von Sagan Zwei alle gesehen — die bestmögliche Rekonstruktion nach Überflügen und Funkhologrammen. Der Ausschnitt ist natürlich sehr klein — bestenfalls zehn Kilometer — aber er reicht aus, um uns die grundlegenden Fakten zu vermitteln. Durchmesser — fünfzehntausend Kilometer, etwas größer als die Erde. Dichte Atmosphäre — fast ausschließlich Stickstoff. Und — glücklicherweise — kein Sauerstoff.“ Dieses ‚glücklicherweise‘ weckte immer die Aufmerksamkeit; es riß das Publikum ruckartig hoch. „Ich verstehe ihre Überraschung; die meisten Menschen sind zugunsten des Atmens voreingenommen. Aber in den Jahrzehnten vor dem Exodus ist viel geschehen, was unsere Sicht des Universums verändert hat. Das Fehlen anderer Lebewesen — in Vergangenheit und Gegenwart — im Sonnensystem und das Scheitern der SETI-Programme, trotz sechzehnhundert Jahre lang fortgesetzter Bemühungen, hat praktisch jeden davon überzeugt, daß Leben anderswo im Universum sehr selten und daher sehr kostbar sein muß. Daraus folgte, daß alle Lebensformen Achtung verdienten und gehegt werden sollten. Es wurde sogar verlangt, nicht einmal virulente Pathogene und Seuchenüberträger auszurotten, sondern sie unter strengen Sicherheitsvorkehrungen zu schützen. ‚Ehrfurcht vor dem Leben‘ wurde während der letzten Tage eine sehr beliebte Wendung — und nur wenige bezogen sie ausschließlich auf menschliches Leben. Sobald das Prinzip der biologischen Nichteinmischung allgemein akzeptiert war, folgten bestimmte, praktische Konsequenzen. Man war sich schon seit langem darüber einig, daß wir nicht versuchen sollten, Planeten mit intelligenten Lebensformen zu besiedeln; das Sündenregister der menschlichen Rasse auf ihrer Heimatwelt war schon schlimm genug. Glücklicheroder unglücklicherweise ist diese Situation niemals eingetreten. Aber die Argumentation wurde noch weitergeführt. Angenommen, wir fänden einen Planeten, auf dem tierisches Leben in seinen ersten Anfängen vorhanden war. Sollten wir beiseitetreten und der Evolution ihren Lauf lassen, weil die Möglichkeit bestand, daß — in Megajahren — Intelligenz entstehen könnte? Um noch weiter zurückzugehen — angenommen, es gab nur pflanzliches Leben? Nur einzellige Mikroben? Es mag für Sie überraschend sein, daß sich die Menschen in einer Zeit, in der die ganze Existenz der menschlichen Rasse auf dem Spiel stand, damit abgaben, über solch abstrakte moralische und philosophische Fragen zu diskutieren. Aber der Tod konzentriert das Denken auf die Dinge, die wirklich wichtig sind: warum sind wir hier, und was sollen wir tun? Der Gedanke des ‚Metagesetzes‘ — diesen Ausdruck haben Sie sicher alle schon gehört — wurde sehr populär. War es möglich, einen Gesetzesund Moralkodex zu entwickeln, der auf alle intelligenten Wesen anwendbar war, nicht nur auf die zweibeinigen, luftatmenden Säugetiere, die kurzzeitig den Planeten Erde beherrscht hatten? Übrigens war Dr. Kaldor einer der Anführer dieser Diskussion. Das machte ihn bei den Leuten, die der Ansicht waren, nachdem der H. sapiens die einzig bekannte, intelligente Spezies sei, habe sein Überleben Vorrang vor allen anderen Erwägungen, ziemlich unbeliebt. Jemand erfand den einprägsamen Slogan: ‚Wenn es gilt, zwischen dem Menschen und dem Schleimpilz zu entscheiden, dann stimme ich für den Menschen!‘ Glücklicherweise ist es nie zu einer direkten Konfrontation gekommen — soweit wir wissen. Es kann noch Jahrhunderte dauern, bis wir Berichte von allen Saatschiffen bekommen, die gestartet sind. Und wenn einige stumm bleiben — nun, dann haben vielleicht die Schleimpilze gewonnen… Im Jahre 3505, bei der letzten Sitzung des Weltparlaments, wurden bestimmte Richtlinien — die berühmte Genfer Direktive — für die künftige Kolonisierung von Planeten aufgestellt. Viele fanden sie zu idealistisch, und es gab keinerlei Möglichkeit, sie jemals durchzusetzen. Aber sie waren eine Absichtserklärung — eine letzte Geste des guten Willens gegenüber einem Universum, das vielleicht niemals in der Lage sein würde, sie zu schätzen. Nur eine Richtlinie dieser Direktive betrifft uns hier — aber sie wurde am meisten gefeiert und führte zu heftigen Streitigkeiten, da sie einige der vielversprechendsten Ziele ausschaltete. Das Vorhandensein von mehr als ein paar Prozent Sauerstoff in einer Planetenatmosphäre ist ein eindeutiger Beweis dafür, daß dort Leben existiert. Dieses Element ist viel zu reaktionsfreudig, um in freier Form vorzukommen, außer, wenn es ständig von Pflanzen — oder ihren Äquivalenten — ergänzt wird. Natürlich bedeutet Sauerstoff nicht notwendigerweise tierisches Leben, aber er bereitet den Boden dafür. Und auch wenn tierisches Leben nur selten zu Intelligenz führt, so wurde doch nie ein anderer, plausibler Weg dorthin theoretisch entwickelt. Deshalb wurde, den Prinzipien des Metagesetzes zufolge, die Landung auf Sauerstoff enthaltenden Welten verboten. Ich bezweifle offen gestanden, ob man eine so drastische Entscheidung getroffen hätte, wenn wir durch den Quantenantrieb nicht unbegrenzte Reichweite — und Energie — bekommen hätten. Lassen Sie mich nun unseren Operationsplan beschreiben, nachdem wir Sagan Zwei erreicht haben. Wie Sie auf der Karte sehen werden, sind mehr als fünfzig Prozent der Oberfläche von Eis bedeckt, in einer geschätzten Dicke von drei Kilometern. So viel Sauerstoff, wie wir jemals brauchen werden! Wenn die ‚Magellan‘ ihre endgültige Umlaufbahn erreicht hat, wird sie den Quantenantrieb mit einem kleinen Bruchteil der vollen Leistung als Fackel einsetzen. Damit werden wir das Eis abbrennen und gleichzeitig den Dampf in Sauerstoff und Wasserstoff aufspalten. Der Wasserstoff wird schnell in den Weltraum entweichen; wenn nötig, können wir auch mit funkgesteuerten Lasern nachhelfen. In nicht mehr als zwanzig Jahren wird Sagan Zwei eine zehnprozentige O2-Atmosphäre haben, aber diese wird zu viele Stickstoffoxide und andere Gifte enthalten, um atembar zu sein. Etwa zu dieser Zeit werden wir anfangen, speziell entwickelte Bakterien und bald darauf Pflanzen abzusetzen, um den Prozeß zu beschleunigen. Aber der Planet wird immer noch viel zu kalt sein; selbst wenn man die Wärmemenge berücksichtigt, die wir hineingepumpt haben, wird die Temperatur überall unter dem Gefrierpunkt liegen, ausgenommen ein paar Stunden um die Mittagszeit, nahe dem Äquator. Und nun setzen wir den Quantenantrieb wahrscheinlich zum letztenmal ein. Die ‚Magellan‘, die ihre gesamte Existenz im Weltraum verbracht hat, wird schließlich auf die Oberfläche eines Planeten niedergehen. Und dann wird, ungefähr fünfzehn Minuten jeden Tag, zur geeigneten Zeit, der Antrieb eingeschaltet, mit der Maximalleistung, die der Schiffskörper — und das Grundgestein, auf dem er ruht — aushalten können. Bis wir die ersten Tests gemacht haben, wissen wir nicht, wie lange die Operation dauern wird. Vielleicht wird es auch notwendig, das Schiff noch einmal zu versetzen, wenn sich der erste Landeplatz als geologisch instabil herausstellt. Nach einer ersten Schätzung sieht es so aus, als müßten wir den Antrieb dreißig Jahre lang laufen lassen, um den Planeten so abzubremsen, daß er weit genug sonnenwärts fällt, um ein gemäßigtes Klima zu bekommen. Und dann müssen wir den Antrieb noch einmal fünfundzwanzig Jahre lang laufen lassen, um eine kreisförmige Umlaufbahn zu bekommen. Aber während eines großen Teils dieser Zeit wird Sagan Zwei schon einigermaßen bewohnbar sein — obwohl die Winter grimmig kalt sein werden, bis die endgültige Umlaufbahn erreicht ist. Und dann haben wir einen jungfräulichen Planeten, größer als die Erde, mit ungefähr vierzig Prozent Ozean und einer mittleren Temperatur von fünfundzwanzig Grad. Die Atmosphäre wird einen Sauerstoffgehalt von siebzig Prozent des Erdwerts haben — der aber noch ansteigt. Dann wird es Zeit, die neunhunderttausend Menschen zu wecken, die noch im Tiefschlaf liegen, und ihnen eine neue Welt zu präsentieren. So lautet das Drehbuch — vorausgesetzt, es gibt keine unerwarteten Entwicklungen — oder Entdeckungen — die uns zwingen, davon abzuweichen. Und wenn es zum schlimmsten kommt…“ Dr. Varley zögerte, dann lächelte sie grimmig. „Nein — was immer auch geschieht, Sie werden uns nicht wiedersehen! Wenn Sagan Zwei sich als unmöglich erweist, gibt es ein anderes Ziel, dreißig Lichtjahre weiter. Vielleicht ist es sogar besser. Möglicherweise werden wir mit der Zeit beide Welten kolonisieren. Aber das wird die Zukunft entscheiden.“ Es dauerte eine Weile, bis die Diskussion in Gang kam; die meisten Akademiemitglieder wirkten betäubt, obwohl ihr Applaus sicherlich aufrichtig war. Der Präsident, der aus langer Erfahrung immer ein paar Fragen vorbereitet hatte, brachte den Ball ins Rollen. „Ein nebensächlicher Punkt, Dr. Varley — aber nach wem oder was ist Sagan Zwei benannt?“ „Nach einem Autor wissenschaftlicher Romane aus dem frühen dritten Jahrtausend.“ Damit war das Eis gebrochen, genau wie der Präsident es beabsichtigt hatte. „Sie sagten, Doktor, daß Sagan Zwei mindestens einen Satelliten hat. Was wird damit geschehen, wenn Sie die Umlaufbahn des Planeten verändern?“ „Nichts — von ganz leichten Störungen abgesehen. Er wird sich synchron mit seinem Hauptplaneten bewegen.“ „Wenn die Direktive von — wann war das noch, 3500…“ „3505.“ „…früher ratifiziert worden wäre, wären wir dann hier? Ich meine, Thalassa wäre doch ein verbotener Planet gewesen!“ „Das ist eine sehr gute Frage, und wir haben oft darüber diskutiert. Die Aussaatmission von 2751 — Ihr Mutterschiff auf der Südinsel — wäre sicher im Widerspruch zur Direktive gestanden. Glücklicherweise ist das Problem gar nicht entstanden. Da Sie hier keine Landtiere haben, wurde das Prinzip der Nichteinmischung nicht verletzt.“ „Das ist aber ziemlich spekulativ“, sagte eines der jüngsten Akademiemitglieder — zur offensichtlichen Belustigung vieler älterer. „Vorausgesetzt, Sauerstoff bedeutet Leben, wie können Sie sicher sein, daß auch die Umkehrung der Aussage zutrifft? Man kann sich alle möglichen Geschöpfe vorstellen — sogar intelligente — auf einem Planeten ohne Sauerstoff, sogar ohne Atmosphäre. Wenn unsere evolutionären Nachfolger intelligente Maschinen sind, wie viele Philosophen es behauptet haben, so würden sie eine Atmosphäre bevorzugen, in der sie nicht rosten könnten. Haben Sie eine Ahnung, wie alt Sagan Zwei ist? Vielleicht hat es das sauerstoffbiologische Zeitalter schon hinter sich; möglicherweise werden Sie dort von einer Maschinenzivilisation erwartet.“ Ein paar Andersdenkende im Publikum stöhnten laut auf, und jemand brummte voll Abscheu: „Science Fiction!“ Dr. Varley wartete, bis sich die Unruhe gelegt hatte, dann antwortete sie kurz: „Das hat uns noch kaum schlaflose Nächte bereitet. Und wenn wir wirklich auf eine Maschinenzivilisation stoßen würden, dann wäre das Prinzip der Nichteinmischung kaum von Bedeutung. Ich würde mir viel mehr Sorgen darüber machen, was sie uns antun könnte, also umgekehrt!“ Ein sehr alter Mann — der älteste Mensch, den Dr. Varley auf Thalassa gesehen hatte — stand hinten im Raum langsam auf. Der Vorsitzende kritzelte schnell eine Notiz und reichte sie ihr hinüber. „Prof. Derek Winslade — 115 — G. A. M. der t. Wissenschaft — Historiker.“ Dr. Varley rätselte ein paar Sekunden lang herum, was G.A.M. wohl heißen könnte, bis ein geheimnisvoller Geistesblitz ihr sagte, daß es für ‚Großer Alter Mann‘ stand. Und es ist typisch, dachte sie, daß der rangälteste Vertreter der lassanischen Wissenschaft ein Historiker ist. In ihrer ganzen siebenhundertjährigen Geschichte hatten die Drei Inseln nicht mehr als eine Handvoll origineller Denker hervorgebracht. Aber das war nicht unbedingt kritikwürdig. Die Lassaner waren gezwungen gewesen, die Infrastruktur der Zivilisation von Null aufzubauen; es hatte wenig Gelegenheit oder Anreiz für irgendwelche Forschungen gegeben, die nicht direkt praktisch anwendbar waren. Und es gab ein wichtigeres, diffizileres Problem — das der Bevölkerungszahl. Ganz gleich, zu welcher Zeit und in welcher wissenschaftlichen Disziplin, nie gab es genügend Arbeitende auf Thalassa, um die ‚kritische Masse‘ zu erreichen, die minimale Anzahl reaktionsfähiger Köpfe, die notwendig war, damit es in einem neuen Wissensbereich zur Grundlagenforschung kommen konnte. Nur in der Mathematik — wie auch in der Musik — gab es seltene Ausnahmen von dieser Regel. Ein einsames Genie — ein Ramanujan oder ein Mozart — konnte aus dem Nichts aufsteigen und sich allein auf fremde Meere des Denkens hinauswagen. Das berühmte Beispiel in der lassanischen Wissenschaft war Francis Zoltan (214–242); sein Name wurde fünfhundert Jahre später immer noch verehrt, aber Dr. Varley hatte gewisse Bedenken, sogar hinsichtlich seiner unzweifelhaften Fähigkeiten. Niemand, so schien es ihr, hatte seine Entdeckungen im Bereich der hypertransfiniten Zahlen wirklich verstanden; noch weniger, sie weiter ausgedehnt — der wahre Test für jeden echten Durchbruch. Bis auf den heutigen Tag konnte seine berühmte ‚Letzte Hypothese‘ weder bewiesen noch widerlegt werden. Sie hatte den Verdacht — war aber viel zu taktvoll, um das ihren lassanischen Freunden gegenüber zu erwähnen — daß Zoltans tragisch früher Tod seinen Ruf übertrieben und sein Andenken mit wehmütigen Hoffnungen auf das, was hätte sein können, ausgeschmückt hatte. Die Tatsache, daß er beim Schwimmen vor der Nordinsel verschwunden war, hatte den Anstoß zur Entstehung von Legionen romantischer Mythen und Theorien gegeben — enttäuschte Liebe, eifersüchtige Rivalen, Unfähigkeit, wichtige Beweise zu finden, Entsetzen vor dem Hyperunendlichen selbst — für nichts davon gab es auch nur die geringste, faktische Begründung. Aber alles hatte zu dem populären Bild von Thalassas größtem Genie beigetragen, das auf der Höhe seiner Leistungen aus dem Leben gerissen worden war. Was sagte der alte Professor da? O je — in jeder Fragestunde gab es jemanden, der ein völlig bedeutungsloses Thema anschnitt oder die Gelegenheit ergriff, seine Lieblingstheorie zu entwickeln. Aufgrund langer Praxis verstand sich Dr. Varley recht gut darauf, mit solchen Schwätzern fertigzuwerden, und gewöhnlich brachte sie auf deren Kosten die Lacher auf ihre Seite. Aber zu einem G.A.M., auf seinem eigenen Territorium, umgeben von ehrfurchtsvollen Kollegen mußte sie höflich sein. „Professor… ah… Winsdale“ — ‚Winslade‘ flüsterte der Vorsitzende drängend, aber sie entschied, daß eine Korrektur die Sache nur noch verschlimmern würde —, „die Frage, die Sie gestellt haben, ist sehr wichtig, müßte aber eigentlich Thema eines anderen Vortrags sein. Oder einer Vortragsreihe; selbst dann könnte man das Thema kaum ankratzen. Aber um auf Ihren ersten Punkt einzugehen. Wir haben diese Kritik schon mehrmals gehört — sie trifft einfach nicht zu. Wir haben keinen Versuch gemacht, das ‚Geheimnis‘, wie Sie es nennen, des Quantenantriebs für uns zu behalten. Die vollständige Theorie befindet sich in den Schiffsarchiven und ist bei dem Material, das in Ihre Archive überspielt wird. Aber nachdem ich das gesagt habe, möchte ich keine falschen Hoffnungen erwecken. Offen gestanden gibt es unter der aktiven Besatzung des Schiffes niemanden, der den Antrieb wirklich versteht. Wir können damit umgehen — das ist alles. Es gibt drei Wissenschaftler im Tiefschlaf, die angeblich Experten für den Antrieb sind. Wenn wir sie aufwecken müssen, ehe wir Sagan Zwei erreichen, geraten wir wirklich in ernste Schwierigkeiten. Es gab Menschen, die wahnsinnig wurden bei dem Versuch, sich die geometrodynamische Struktur des Superraums vorzustellen, und beim Grübeln über der Frage, warum das Universum ursprünglich elf Dimensionen hatte, anstatt einer glatten Zahl wie zehn oder zwölf. Als ich den Antriebsgrundkurs machte, sagte mein Dozent: ‚Wenn Sie den Quantenantrieb verstehen könnten, wären Sie nicht hier — dann wären Sie oben auf Lagrange Eins im Institut für Höhere Forschung/ Und er brachte einen nützlichen Vergleich, der mir half, wieder einzuschlafen, wenn ich Alpträume hatte, weil ich mir vorstellen wollte, was zehn hoch minus dreiunddreißig Zentimeter wirklich bedeutet. ‚Die Besatzung der Magellan braucht nur zu wissen, was der Antrieb macht‘, sagte mir mein Dozent. ‚Wie Ingenieure, die für ein elektrisches Verteilernetz verantwortlich sind. Sie müssen wissen, wie sie die Energie zu schalten haben, brauchen aber keineswegs zu wissen, wie sie erzeugt wird. Vielleicht kommt sie aus einer einfachen Quelle wie einem mit Öl betriebenen Dynamo, einem Sonnenkollektor oder einer Wasserturbine. Die Prinzipien, die dahinterstehen, würden sie sicher begreifen — aber sie würden sie nicht brauchen, um ihre Arbeit absolut korrekt zu erledigen. Die Elektrizität könnte auch aus einer komplizierteren Quelle kommen, zum Beispiel aus einem Kernreaktor, einem thermonuklearen Fusionskraftwerk, einem Muon-Katalysator, einem Penrose-Knoten oder einem Hawking-Schwarzschild-Kern — Sie verstehen, was ich meine? Irgendwann müßten sie jegliche Hoffnung, das Prinzip zu verstehen, aufgeben; trotzdem wären sie absolut kompetente Ingenieure und durchaus in der Lage, elektrischen Strom zu dem Zeitpunkt an den Ort zu leiten, wo er gebraucht wird.‘ Genauso können wir die ‚Magellan‘ von der Erde nach Thalassa bringen — und, wie ich hoffe, auch weiter nach Sagan Zwei —, ohne genau zu wissen, was wir da tun. Aber eines Tages, in Jahrhunderten vielleicht, werden wir wieder fähig sein, es dem Genie gleichzutun, das den Quantenantrieb hervorgebracht hat. Und — wer weiß? — vielleicht kommen Sie uns zuvor. Vielleicht wird auf Thalassa ein moderner Francis Zoltan geboren. Und dann kommen vielleicht Sie zu uns auf Besuch.“ Sie glaubte nicht wirklich daran. Aber es war ein hübscher Abschluß, und er brachte ihr einen gewaltigen Applaus von allen Seiten ein. 22. Krakan „Das können wir natürlich ohne Schwierigkeiten machen“, sagte Kapitän Bey nachdenklich. „Die Planung ist im wesentlichen abgeschlossen — das Vibrationsproblem bei den Kompressoren scheint gelöst — die Standortvorbereitung ist dem Zeitplan voraus. Es besteht kein Zweifel, daß wir die Männer und die Geräte entbehren können — aber ist es wirklich eine gute Idee?“ Er blickte seine fünf höheren Offiziere an, die im Personalkonferenzraum von Terra Nova um den ovalen Tisch saßen; wie auf ein Zeichen blickten alle Dr. Kaldor an, und der seufzte und breitete resigniert die Hände aus. „Es ist also kein rein technisches Problem. Sagen Sie mir alles, was ich wissen muß.“ „Die Situation ist folgende“, erklärte Vizekapitän Malina. Die Lichter gingen langsam aus, und die Drei Inseln bedeckten den Tisch, schwebten den Bruchteil eines Zentimeters darüber wie ein herrliches, in allen Einzelheiten ausgeführtes Modell. Aber das war kein Modell, denn wenn man es stark genug vergrößerte, konnte man die Lassaner beobachten, wie sie ihren Geschäften nachgingen. „Ich glaube, die Lassaner fürchten den Mount Krakan immer noch, obwohl er wirklich ein sehr manierlicher Vulkan ist — schließlich hat er nie wirklich jemanden getötet! Und er ist der Schlüssel zum interinsularen Kommunikationssystem. Sein Gipfel liegt sechstausend Meter über dem Meeresspiegel — natürlich der höchste Punkt auf dem ganzen Planeten. Daher ist er der ideale Standort für einen Antennenpark; alle Fernnetze werden hier durchgeleitet und zu den beiden anderen Inseln zurückgestrahlt.“ „Mir ist es immer ein wenig seltsam vorgekommen“, sagte Kaldor sanft, „daß wir in zweitausend Jahren nichts Besseres gefunden haben als Radiowellen.“ „Das Universum ist eben nur mit einem elektromagnetischen Spektrum ausgestattet, Dr. Kaldor — wir müssen das Beste daraus machen. Und die Lassaner haben Glück; weil selbst die äußersten Enden der Nordund der Südinsel nicht mehr als dreihundert Kilometer auseinanderliegen, kann der Mount Krakan sie beide abdecken. Sie kommen sehr gut ohne Kom-Satelliten zurecht. Das einzige Problem ist die Zugänglichkeit — und das Wetter. Man erzählt sich hier den Witz, Mount Krakan sei der einzige Ort auf dem ganzen Planeten, auf dem es überhaupt welches gibt. Alle paar Jahre muß jemand auf den Berg steigen, ein paar Antennen reparieren, ein paar Solarzellen und Batterien austauschen — und eine Menge Schnee wegschaufeln. Eigentlich kein Problem, aber viel schwere Arbeit.“ „Welcher“, warf Oberstabsärztin Newton dazwischen, „die Lassaner aus dem Wege gehen, wo sie nur können. Nicht daß ich ihnen einen Vorwurf daraus mache, wenn sie ihre Energien für wichtigere Dinge aufsparen — wie Sport und Spiel.“ Sie hätte noch ‚miteinander schlafen‘ anführen können, aber das war bei vielen ihrer Kollegen inzwischen schon ein heikles Thema, und die Bemerkung wäre vielleicht nicht besonders gut aufgenommen worden. „Warum müssen sie denn überhaupt auf den Berg hinaufsteigen?“ fragte Kaldor. „Warum fliegen sie nicht einfach auf den Gipfel? Sie haben doch Senkrechtstarter.“ „Ja, aber da oben ist die Luft dünn — und das bißchen, was da ist, ist oft stürmisch. Nach mehreren, schweren Unfällen haben die Lassaner beschlossen, lieber den beschwerlicheren Weg zu nehmen.“ „Ich verstehe“, sagte Kaldor nachdenklich. „Das alte Problem der Nichteinmischung also. Werden wir ihre Selbständigkeit untergraben? Nur in einem minimalen Ausmaß, würde ich sagen. Und wenn wir einer solch bescheidenen Bitte nicht stattgeben, rufen wir Verärgerung hervor. Und die wäre noch dazu berechtigt, in Anbetracht der Unterstützung, die sie uns bei der Eisanlage leisten.“ „Ich bin genau der gleichen Meinung. Irgendwelche Einwände? Sehr schön. Mr. Lorenson — treffen Sie bitte die Vorbereitungen! Sie können jeden Raumtransporter benützen, den Sie für geeignet halten, solange er nicht für die Operation Schneeflocke benötigt wird.“ Moses Kaldor hatte Berge immer geliebt; sie gaben ihm das Gefühl, dem Gott näher zu sein, gegen dessen Nichtexistenz er sich manchmal immer noch wehrte. Vom Rand des großen Kraters aus konnte er in ein Lavameer hinunterschauen, das schon lange erstarrt war, aber aus einem Dutzend Spalten immer noch Rauchwolken ausstieß. Dahinter, weit im Westen, lagen deutlich sichtbar die beiden großen Inseln wie dunkle Wolken am Horizont. Die schneidende Kälte und die Tatsache, daß jeder einzelne Atemzug zählte, erfüllte ihn jeden Augenblick mit noch mehr Begeisterung. Vor langer Zeit war Kaldor in einem alten Reiseoder Abenteuerbuch auf eine Wendung gestoßen: ‚Luft wie Wein‘. Damals hätte er den Autor am liebsten gefragt, wieviel Wein er denn wohl in letzter Zeit geatmet hätte; aber jetzt fand er den Ausdruck gar nicht mehr so lächerlich. „Alles ist abgeladen, Moses. Wir können zurückfliegen.“ „Danke, Loren. Ich wollte gerne hier warten, bis Sie am Abend alle wieder abholen, aber vielleicht ist es gefährlich, zu lange in dieser Höhe zu bleiben.“ „Die Ingenieure haben natürlich Sauerstoffflaschen mitgebracht.“ „Ich meinte nicht nur das. Mein Namensvetter ist einmal auf einem Berg in große Schwierigkeiten geraten.“ „Tut mir leid — das verstehe ich nicht.“ „Lassen Sie nur; das ist lange, lange her.“ Als der Raumtransporter vom Kraterrand abhob, winkte ihm der Arbeitstrupp fröhlich nach. Nachdem jetzt alle Werkzeuge und Maschinen ausgeladen waren, beschäftigten sie sich mit der für jedes lassanische Projekt lebenswichtigen Vorarbeit. Jemand kochte Tee. Loren wich dem komplizierten Wald von Antennen praktisch jeder bekannten Bauart sorgfältig aus, während er langsam in den Himmel stieg. Sie waren alle auf die beiden Inseln gerichtet, die im Westen undeutlich zu sehen waren; wenn er ihre Vielzahl von Strahlen unterbrach, würden zahllose Gigabits Information unwiederbringlich verloren sein, und die Lassaner würden es bereuen, daß sie ihn jemals um Hilfe gebeten hatten. „Sie fliegen nicht nach Tarna?“ „Gleich. Zuerst möchte ich mir den Berg ansehen. Ach — da ist er ja!“ „Was? Ach so, ich verstehe. Krakan!“ Das entlehnte Schimpfwort paßte in zweifacher Hinsicht. Unter ihnen hatte sich die Erde zu einer tiefen, etwa hundert Meter breiten Schlucht gespalten. Und am Boden dieser Schlucht lag die Hölle. Hier, dicht unter der Oberfläche, brannten noch die Feuer aus dem Herzen dieser jungen Welt. Ein glühender, gelber Strom mit roten Flecken wälzte sich träge auf das Meer zu. Wie konnten sie sicher sein, fragte sich Kaldor, daß der Vulkan sich wirklich beruhigt hatte und nicht nur den rechten Augenblick für seinen nächsten Ausbruch abwartete? Aber der Lavastrom war nicht ihr Ziel. Dahinter lag ein kleiner Krater, ungefähr einen Kilometer im Durchmesser, an dessen Rand der Stumpf eines einzelnen, verfallenen Turmes stand. Als sie näherkamen, sahen sie, daß es einmal drei solche Türme gegeben hatte, gleichmäßig verteilt um den Rand des Kraters, aber von den beiden anderen waren nur die Fundamente übrig. Der Kraterboden war mit einem Wirrwarr von verhedderten Kabeln und Metallblechen bedeckt, offensichtlich die Überreste des großen Radioreflektors, der hier einst aufgehängt war. In der Mitte lagen die Trümmer des Sendeund Empfangsgeräts, teilweise überflutet von einem kleinen See, der durch die häufigen Gewitter über dem Berg entstanden war. Sie umkreisten die Trümmer der letzten Verbindung mit der Erde, keiner wollte die Gedanken des anderen stören. Endlich brach Loren das Schweigen. „Ein übles Durcheinander — aber es wäre gar nicht so schwer, die Station zu reparieren. Sagan Zwei liegt nur zwölf Grad nördlich — näher am Äquator, als es die Erde war. Mit einer versetzten Antenne könnte man den Strahl sogar noch leichter dahin richten.“ „Großartige Idee. Wenn wir mit unserem Schild fertig sind, könnten wir ihnen helfen, die Arbeiten in Gang zu bringen. Nicht daß sie viel Hilfe brauchen dürften, eilig ist es ja wirklich nicht. Schließlich wird es fast vierhundert Jahre dauern, ehe sie wieder von uns hören können — selbst wenn wir sofort zu senden beginnen, wenn wir ankommen.“ Loren beendete die Aufzeichnung der Szene und schickte sich an, den Berghang hinunterzufliegen, ehe er zur Südinsel einschwenkte. Er war nur knapp tausend Meter tiefergegangen, als Kaldor erstaunt fragte: „Was ist das da drüben im Nordosten für ein Rauch? Sieht aus wie ein Signal.“ Auf halbem Wege zum Horizont stieg vor dem wolkenlosen Blau des thalassanischen Himmels eine dünne, weiße Säule auf. Vor ein paar Minuten war sie sicher noch nicht dagewesen. „Sehen wir mal nach! Vielleicht ist ein Boot in Schwierigkeiten.“ „Wissen Sie, woran mich das erinnert?“ fragte Kaldor. Loren antwortete mit einem Achselzucken. „An einen blasenden Wal. Wenn die großen Cetaceen zum Atmen heraufkamen, stießen sie eine Säule Wasserdampf aus. Das sah ganz ähnlich aus wie dies hier.“ „An Ihrer interessanten Theorie stimmen zwei Dinge nicht“, sagte Loren. „Diese Säule ist jetzt mindestens einen Kilometer hoch. Das wäre ein Wal!“ „Zugegeben. Und Walfontänen dauerten auch nur ein paar Sekunden — die hier hält an. Was ist Ihr zweiter Einwand?“ „Der Karte nach ist das kein offenes Wasser. Soviel zu Ihrer Bootstheorie.“ „Aber das ist lächerlich — ganz Thalassa ist doch Ozean — ach so, ich verstehe. Die Große Östliche Prärie. Ja — da fängt sie an. Man könnte fast glauben, daß da unten Land ist.“ Der schwimmende Kontinent aus Meerespflanzen, der einen großen Teil des thalassanischen Ozeans bedeckte und praktisch den gesamten Sauerstoff in der Atmosphäre des Planeten erzeugte, kam schnell auf sie zu. Es war eine durchgehende, leuchtend — fast giftig - grüne Schicht, und sie sah so fest aus, als könne man darauf gehen. Nur das völlige Fehlen von Hügeln oder anderen Unebenheiten verriet, woraus sie wirklich bestand. Aber in einem etwa einen Kilometer breiten Abschnitt war die schwimmende Prärie weder flach noch durchgehend. Unter der Oberfläche brodelte etwas und spuckte große Dampfwolken und gelegentliche wirre Pflanzenmassen aus. „Ich hätte es wissen müssen“, sagte Kaldor. „Krakans Kind.“ „Natürlich“, antwortete Loren. „Jetzt ist er zum erstenmal, seit wir hier angekommen sind, aktiv. So sind also die anderen Inseln entstanden.“ „Ja — die vulkanische Rauchfahne bewegt sich stetig nach Osten. Vielleicht werden die Lassaner in ein paar tausend Jahren ein ganzes Archipel haben.“ Sie kreisten noch ein paar Minuten, dann wendeten sie und flogen zurück zur Ostinsel. Für die meisten Zuschauer wäre dieser unterseeische Vulkan, der noch um seine Entstehung kämpfte, ein eindrucksvoller Anblick gewesen. Aber nicht für Männer, die die Zerstörung eines Sonnensystems gesehen hatten. 23. Das Eisfest Die Präsidentenjacht, die ‚Inselfähre Nummer Eins‘, hatte sicher in keinem früheren Stadium ihrer dreihundertjährigen Karriere so hübsch ausgesehen. Nicht nur, daß sie mit bunten Wimpeln gesäumt war, sie hatte auch einen neuen, weißen Anstrich bekommen. Leider hatte sich entweder die Farbe oder die Arbeitskraft erschöpft, ehe die Aufgabe ganz vollendet war, deshalb mußte der Kapitän darauf achten, so zu ankern, daß von Land aus nur die Steuerbordseite zu sehen war. Auch Präsident Farradine war dem Anlaß entsprechend gekleidet, er trug eine (von der Frau Präsidentin entworfene) eindrucksvolle Uniform, in der er aussah wie eine Kreuzung zwischen einem römischen Kaiser und einem Astronautenpionier. Er schien sich darin nicht so ganz wohlzufühlen; Kapitän Sirdar Bey war froh, daß seine Uniform aus den schlichten, weißen Shorts, dem Hemd mit offenem Kragen und Schulterstücken und der Kappe mit Goldlitze bestand, weil er sich darin völlig zu Hause fühlte — auch wenn er sich nur schwer erinnern konnte, wann er sie zum letztenmal getragen hatte. Obwohl der Präsident immer wieder über seine Toga stolperte, war der offizielle Rundgang sehr gut verlaufen, und das herrliche Bordmodell der Gefrieranlage hatte tadellos funktioniert. Es hatte einen unbeschränkten Vorrat an sechseckigen Eisscheibchen produziert, genau in der richtigen Größe für einen Becher mit einem kühlen Drink. Aber man konnte es den Besuchern kaum verübeln, daß sie nicht verstanden, wie passend der Name Schneeflocke dafür war; schließlich hatten nur wenige Leute auf Thalassa jemals Schnee gesehen. Und jetzt hatten sie das Modell zurückgelassen, um das Original zu inspizieren, das mehrere Hektar des Küstengebiets von Tarna bedeckte. Es hatte einige Zeit gedauert, bis man den Präsidenten und sein Gefolge, Kapitän Bey und seine Offiziere und all die anderen Gäste von der Jacht zur Küste übergesetzt hatte. Jetzt standen sie im schwindenden Tageslicht respektvoll um den Rand eines sechseckigen Eisblocks von zwanzig Meter Durchmesser und zwei Meter Dicke herum. Das war nicht nur die größte Masse gefrorenen Wassers, die irgend jemand je gesehen hatte — es war wahrscheinlich auch die größte auf dem Planeten. Selbst an den Polen kam es nur selten zur Bildung von Eis. Da es keine größeren Kontinente gab, die den Kreislauf blockierten, brachten die sich schnell bewegenden Strömungen aus den Äquatorgegenden alle Anfänge von Treibeis schnell zum Schmelzen. „Warum hat es diese Form?“ fragte der Präsident. Vizekapitän Malina seufzte; er war ganz sicher, daß das schon mehrmals erklärt worden war. „Es ist das alte Problem, wie man eine Oberfläche mit identischen Platten bedeckt“, sagte er dann geduldig. „Man hat nur drei Möglichkeiten — Quadrate, Dreiecke oder Sechsecke. In unserem Fall ist das Sechseck ein klein wenig geeigneter und leichter zu handhaben. Die Blöcke — mehr als zweihundert, jeder mit einem Gewicht von sechshundert Tonnen — werden ineinander eingepaßt, aus ihnen setzt sich der Schild zusammen. Er wird eine Art Eis-Sandwich aus drei Schichten sein. Wenn wir beschleunigen, verschmelzen alle Blöcke miteinander und bilden eine einzige, riesige Scheibe. Oder einen stumpfen Kegel, um genau zu sein.“ „Sie haben mich auf eine Idee gebracht.“ Der Präsident zeigte sich lebhafter als den ganzen Nachmittag über. „Auf Thalassa gab es noch nie Eislauf. Das war ein wunderbarer Sport — und es gab auch ein Spiel namens Eishockey, obwohl ich nicht sicher bin, daß ich das Wiederaufleben lassen möchte, nach den Vids, die ich davon gesehen habe. Aber es wäre großartig, wenn Sie uns rechtzeitig für die Olympiade eine Eisbahn machen könnten. Wäre das möglich?“ „Ich werde darüber nachdenken“, antwortete Vizekapitän Malina ziemlich leise. „Eine sehr interessante Idee. Vielleicht könnten Sie mir mitteilen, wie viel Eis Sie brauchen würden?“ „Mit Vergnügen. Und es wird eine ausgezeichnete Verwendungsmöglichkeit für diese gesamte Gefrieranlage sein, wenn sie ihren Zweck erfüllt hat.“ Eine plötzliche Explosion enthob Malina einer Antwort. Das Feuerwerk hatte begonnen, und während der nächsten zwanzig Minuten erstrahlte der Himmel über der Insel in vielfarbigem Glühen. Die Lassaner liebten Feuerwerke und schwelgten zu jeder Gelegenheit darin. In der Vorführung waren auch Laserbilder enthalten — noch spektakulärer und beträchtlich sicherer, aber es fehlte ihnen einfach der Pulvergeruch, der jenen letzten, magischen Hauch dazugab. Als alle Festlichkeiten vorüber und die VIPs zum Schiff aufgebrochen waren, sagte Kapitän Malina nachdenklich: „Der Präsident steckt voller Überraschungen, obwohl er sehr eingleisig denkt. Ich habe es satt, ständig von dieser verdammten Olympiade zu hören — aber diese Eisbahn ist eine ausgezeichnete Idee und müßte uns eine Menge Wohlwollen einbringen.“ „Und ich habe meine Wette gewonnen“, sagte Kapitänleutnant Lorenson. „Was war das für eine Wette“, wollte Kapitän Bey wissen. Malina lachte. „Ich hätte es nie für möglich gehalten. Manchmal kennen die Lassaner offenbar überhaupt keine Neugier — sie halten alles für selbstverständlich. Aber vermutlich sollten wir uns geschmeichelt fühlen, weil sie so großes Vertrauen in unsere technologischen Fähigkeiten haben. Vielleicht glauben sie, daß wir die Antischwerkraft haben! Es war Lorens Idee, daß ich diesen Punkt bei der Erläuterung weglassen sollte — und er hatte recht. Präsident Farradine hat sich nicht um eine Frage gekümmert, die ich als allererste gestellt hätte — wie wir hundertfünfzigtausend Tonnen Eis zur ‚Magellan‘ hinaufschaffen wollen.“ 24. Das Archiv Moses Kaldor hielt sich gerne so viele Stunden oder Tage, wie er nur erübrigen konnte, allein in der kirchenartigen Stille des Ersten Landeplatzes auf. Er fühlte sich wieder wie ein junger Student, der sich mit all der Kunst und dem Wissen der Menschheit konfrontiert sah. Dieses Erlebnis war gleichzeitig erfreulich und deprimierend; ein ganzes Universum lag vor ihm, er brauchte nur die Hand danach auszustrecken, aber der Bruchteil davon, den er in seinem ganzen Leben erforschen konnte, war so minimal gering, daß er manchmal fast von Verzweiflung überwältigt wurde. Er war wie ein Hungernder, dem man eine Festtafel präsentierte, die sich erstreckte, so weit das Auge reichte — ein so umwerfendes Mahl, daß es ihm völlig den Appetit verdarb. Und doch war dieser ganze Reichtum an Weisheit und Kultur nur ein winziger Bruchteil des Erbes der Menschheit. Vieles, was Moses Kaldor kannte und liebte, fehlte hier — nicht, wie er sich wohl bewußt war, zufällig, sondern aufgrund überlegter Planung. Vor tausend Jahren hatten geniale, wohlmeinende Menschen die Geschichte umgeschrieben und die Bibliotheken der Erde durchgesehen, um zu bestimmen, was erhalten und was den Flammen überlassen werden sollte. Das Auswahlkriterium war einfach, wenn auch oft sehr schwer anzuwenden. Nur wenn es zum Überleben und zur gesellschaftlichen Stabilität auf den neuen Welten beitrug, wollte man ein literarisches Werk oder sonst eine Aufzeichnung der Vergangenheit in die Speicher der Saatschiffe einspeisen. Die Aufgabe war natürlich ebenso unmöglich wie zu Herzen gehend. Mit Tränen in den Augen hatten die Auswahlgremien die Veden, die Bibel, das Tripitaka, den Koran und den ganzen, gewaltigen Literaturkomplex — Belletristik wie Sachliteratur — der auf diesen Büchern basierte, weggeworfen. Trotz all des Reichtums an Schönheit und Weisheit, der in diesen Werken enthalten war, konnte man nicht zulassen, daß sie jungfräuliche Planeten von neuem mit den alten Giften des religiösen Hasses, des Glaubens an das Übernatürliche und mit dem frommen Quatsch infizierten, mit dem zahllose Milliarden von Männern und Frauen sich einst um den Preis der Vernebelung ihres Verstandes getröstet hatten. Bei der großen Säuberung gingen auch praktisch alle Werke der besten Romanciers, Lyriker und Dramatiker verloren, die ohne ihren philosophischen und kulturellen Hintergrund in jedem Fall ohne Sinn gewesen wären. Homer, Shakespeare, Milton, Tolstoi, Melville, Proust — der letzte große Erzähler, ehe die elektronische Revolution über die gedruckten Seiten hereinbrach — übrig blieben nur ein paar hunderttausend sorgfältig ausgewählte Ausschnitte. Ausgeschlossen wurde alles, was von Krieg, Verbrechen, Gewalt und den zerstörerischen Leidenschaften handelte. Wenn die neu entworfenen — und, wie man hoffte, verbesserten — Nachfolger des H. sapiens all das wiederentdeckten, würden sie als Reaktion darauf zweifellos ihre eigene Literatur entwikkeln. Es bestand keine Notwendigkeit, sie schon vorher dazu zu ermutigen. Der Musik — abgesehen von der Oper — war es besser ergangen, ebenso den bildenden Künsten. Trotzdem war allein schon der Umfang des Materials so überwältigend, daß eine Auswahl unumgänglich, wenn auch manchmal willkürlich gewesen war. Künftige Generationen auf vielen Welten würden sich über die ersten achtunddreißig Symphonien von Mozart, Beethovens Zweite und Vierte und Sibelius' Dritte bis Sechste wundern. Moses Kaldor war sich seiner Verantwortung zutiefst bewußt, und auch seiner Unzulänglichkeit — oder der Unzulänglichkeit jedes Menschen, ganz gleich, wie begabt er sein mochte —, die Aufgabe zu bewältigen, vor die er sich gestellt sah. Da oben, an Bord der ‚Magellan‘, sicher gespeichert in ihren gigantischen Datenbanken, war vieles, was die Menschen von Thalassa niemals kennengelernt hatten, und sicher auch vieles, was sie gierig annehmen und genießen würden, selbst wenn sie es nicht ganz verstanden. Die großartige Nachschöpfung der ‚Odyssee‘ aus dem fünfundzwanzigsten Jahrhundert, die Kriegsklassiker, die voll Schmerz über ein halbes Jahrtausend Frieden zurückblickten, die großen Shakespeare-Tragödien in Feinbergs wundervoller Lingua-Übersetzung, Lee Chows ‚Krieg und Frieden‘ — es würde Stunden und Tage dauern, auch nur alle Möglichkeiten aufzuzählen. Manchmal, wenn er in der Bibliothek im Komplex des Ersten Landeplatzes saß, war Kaldor versucht, für diese einigermaßen glücklichen und bei weitem nicht unschuldigen Menschen Gott zu spielen. Dann verglich er die Auflistungen aus den Datenbanken hier mit denen an Bord des Schiffes und stellte fest, was ausgesondert oder zusammengefaßt worden war. Obwohl er im Prinzip jede Art von Zensur ablehnte, mußte er oft zugestehen, daß die Streichungen klug waren — wenigstens in den Tagen, als die Kolonie gegründet wurde. Aber jetzt, nachdem sie sich erfolgreich etabliert hatte, wäre ein wenig Unruhe, ein kleiner Schuß Kreativität, vielleicht gar nicht schlecht… Gelegentlich wurde er selbst gestört, entweder durch Anrufe vom Schiff oder durch Gruppen junger Lassaner, die Führungen zurück zum Anfang ihrer Geschichte erhielten. Er hatte nichts gegen diese Unterbrechungen, und eine davon hieß er stets vorbehaltlos willkommen. An den meisten Nachmittagen, außer wenn das, was man auf Tarna für dringende Angelegenheiten hielt, sie daran hinderte, kam Mirissa auf Bobby, ihrem schönen Palomino-Wallach den Hügel heraufgeritten. Die Besucher waren sehr überrascht gewesen, als sie auf Thalassa Pferde vorfanden, da sie auf der Erde niemals lebendige gesehen hatten. Aber die Lassaner liebten Tiere und hatten aus den riesigen Karteien mit genetischem Material, die sie geerbt hatten, viele neugezüchtet. Manchmal waren sie ganz nutzlos — oder sogar lästig, wie die reizenden Totenkopfäffchen, die ständig kleine Gegenstände aus den Haushalten von Tarna stahlen. Mirissa brachte immer etwas zum Naschen mit — gewöhnlich Obst oder eine der vielen, heimischen Käsesorten — und Kaldor nahm es dankbar an. Aber noch dankbarer war er für ihre Gesellschaft; wer hätte gedacht, daß er, der oft zu fünf Millionen Menschen gesprochen hatte — mehr als der Hälfte der letzten Generation — jetzt mit einem einzigen Zuhörer zufrieden war… „Weil Sie aus einer langen Reihe von Bibliothekaren abstammen“, sagte Moses Kaldor, „denken Sie nur in Megabytes. Aber darf ich Sie daran erinnern, daß der Name ‚Bibliothek‘ von einem Wort kommt, das ‚Buch‘ bedeutet. Haben Sie auf Thalassa Bücher?“ „Aber natürlich“, sagte Mirissa gekränkt; sie hatte noch nicht gelernt, zu erkennen, wann Kaldor nur scherzte. „Millionen… nun ja, Tausende. Auf der Nordinsel gibt es einen Mann, der pro Jahr ungefähr zehn druckt, in Auflagen von ein paar hundert. Sie sind schön — und sehr teuer. Alle werden zu besonderen Gelegenheiten verschenkt. Ich bekam eines zu meinem einundzwanzigsten Geburtstag — ‚Alice im Wunderland‘.“ „Das würde ich irgendwann gerne einmal sehen. Ich habe Bücher immer geliebt und habe auf dem Schiff oben fast hundert Stück davon. Vielleicht dividiere ich deshalb, so oft ich jemanden in Bytes reden höre, im Geiste durch eine Million und denke an ein Buch… ein Gigabyte entspricht tausend Büchern und so weiter. Nur auf diese Weise kann ich erfassen, worum es wirklich geht, wenn die Leute über Datenbanken und Informationstransfer sprechen. Nun, wie groß ist Ihre Bibliothek hier?“ Ohne den Blick von Kaldor zu wenden, ließ Mirissa ihre Finger über die Tastatur ihres Kontrollpultes wandern. „Das ist auch so etwas, was ich nie konnte“, sagte er bewundernd. „Jemand hat einmal gesagt, nach dem einundzwanzigsten Jahrhundert habe sich die Menschheit in zwei Spezies aufgespalten — in die Verbalen und die Digitalen. Natürlich kann ich mit einer Tastatur umgehen, wenn ich muß — aber ich spreche lieber mit meinen elektronischen Kollegen.“ „Nach der letzten, stündlichen Bestandsaufnahme“, sagte Mirissa, „sind es sechshundertfünfundvierzig Terabyte.“ „Hm — fast eine Milliarde Bücher. Und wie groß war die Bibliothek ursprünglich?“ „Das kann ich Ihnen sagen, ohne nachzusehen. Sechshundertvierzig.“ „Also wurden in siebenhundert Jahren…“ „Ja, ja — wir haben nur ein paar Millionen Bücher zustandegebracht.“ „Ich will nicht kritisieren; schließlich ist Qualität wichtiger als Quantität. Ich möchte gerne, daß Sie mir die Werke zeigen, die Sie für die besten der lassanischen Literatur halten — und auch Werke der Musik. Das Problem, das wir lösen müssen, ist, was wir Ihnen geben sollen. Die ‚Magellan‘ hat mehr als tausend Megabücher an Bord, im allgemein zugänglichen Speicher. Sind Sie sich klar, was das bedeutet?“ „Wenn ich ja sagte, würde ich Sie daran hindern, es mir zu sagen. So grausam bin ich nicht.“ „Danke, meine Liebe. Im Ernst, es ist ein entsetzliches Problem, das mich seit Jahren verfolgt. Manchmal glaube ich, daß die Erde keinen Augenblick zu früh zerstört wurde; die Menschheit wurde von den Informationen erdrückt, die sie ständig erzeugte. Am Ende des zweiten Jahrtausends produzierte sie nur — nur! — den Gegenwert von einer Million Bücher pro Jahr. Und ich beziehe mich dabei nur auf Informationen, die, wie man annahm, bleibenden Wert besaßen, und die man deshalb unbegrenzt speicherte. Bis zum dritten Jahrtausend hatte sich diese Zahl mit wenigstens Hundert multipliziert. Seit der Zeit, als die Schrift erfunden wurde, bis zum Ende der Erde wurden schätzungsweise zehntausend Millionen Bücher produziert. Und, wie ich Ihnen sagte, etwa zehn Prozent davon haben wir an Bord. Würden wir das alles bei Ihnen abladen, selbst einmal angenommen, Sie hätten die Speicherkapazität dafür, so würden Sie darin ertrinken. Wir würden Ihnen keinen Gefallen tun — Ihr kulturelles und wissenschaftliches Wachstum würde nur behindert. Und das meiste Material würde für Sie überhaupt nichts bedeuten. Sie würden Jahrhunderte brauchen, um den Weizen von der Spreu zu trennen.“ Seltsam, sagte sich Kaldor, daß mir diese Analogie nicht früher eingefallen ist. Das ist genau die Gefahr, die die Gegner von SETI ständig beschworen. Nun, wir sind nie mit extraterrestrischer Intelligenz in Verbindung getreten, haben sie nicht einmal entdeckt. Aber die Lassaner haben eben genau dies getan — und die Extraterrestrier sind wir. Aber trotz ihrer völlig verschiedenen Herkunft hatten er und Mirissa so viel gemeinsam. Ihre Neugier und Intelligenz waren Wesenszüge, die es zu fördern galt; nicht einmal unter seinen Besatzungskollegen gab es jemanden, mit dem er sich so anregend unterhalten konnte. Manchmal trieb sie Kaldor mit ihren Fragen so in die Enge, daß ihm als Verteidigung nur noch der Gegenangriff blieb. „Es erstaunt mich“, sagte er nach einem besonders gründlichen Kreuzverhör über solare Politik zu ihr, „daß Sie nie die Stellung Ihres Vaters übernommen und ganztags hier gearbeitet haben. Das wäre genau die richtige Aufgabe für Sie.“ „Gereizt hat es mich schon. Aber er hat sein ganzes Leben lang die Fragen anderer Leute beantwortet und Karteien für die Bürokraten auf der Nordinsel zusammengestellt. Er hatte nie Zeit, selbst etwas zu tun.“ „Und Sie?“ „Ich sammle gerne Fakten, aber ich möchte auch gerne, daß sie verwendet werden. Deshalb hat man mich zum Vizedirektor des Entwicklungsprojekts Tarna gemacht.“ „Das, wie ich fürchte, durch unsere Tätigkeit ein wenig sabotiert wurde. Das sagte mir jedenfalls der Direktor, als ich ihn vor dem Büro der Bürgermeisterin traf.“ „Sie wissen, daß Brant das nicht ernst gemeint hat. Es ist ein Langzeitplan mit nur ungefähren Fertigstellungsterminen. Wenn das Olympische Eisstadion wirklich hier gebaut wird, dann muß das Projekt vielleicht abgeändert werden — zum Besseren, wie die meisten von uns glauben. Natürlich wollen die Nordleute es auf ihrer Seite haben — sie glauben, der Erste Landeplatz sei wirklich genug für uns.“ Kaldor lachte leise; er wußte alles über die seit Generationen bestehenden Rivalitäten zwischen den beiden Inseln. „Nun — stimmt das nicht? Noch dazu jetzt, wo Sie uns noch als zusätzliche Attraktion haben. Sie dürfen auch nicht zu gierig sein.“ Sie kannten — und mochten — einander jetzt so weit, daß sie über Thalassa und die ‚Magellan‘ mit gleicher Unvoreingenommenheit scherzen konnten. Und es gab keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen; sie konnten offen über Loren und Brant sprechen, und schließlich entdeckte Kaldor, daß er auch von der Erde reden konnte. „Oh, ich weiß gar nicht mehr, wie viele verschiedene Berufe ich hatte, Mirissa — die meisten davon waren ohnehin nicht sehr wichtig. Am längsten war ich Professor für politische Wissenschaften in Cambridge, Mars. Und Sie können sich nicht vorstellen, welche Verwirrung das anrichtete, weil es eine ältere Universität in einem Ort namens Cambridge, Mass. — und eine noch ältere in Cambridge, England gab. Aber gegen Ende wurden Evelyn und ich immer mehr in die unmittelbaren gesellschaftlichen Probleme hineingezogen, und in die Planung für den Letzten Exodus. Offenbar hatte ich eine… nun, Begabung zum Redner und konnte den Menschen helfen, der Zukunft ins Auge zu sehen, die ihnen noch blieb. Aber wir glaubten niemals wirklich, daß das Ende in unserer Zeit kommen würde — wer könnte das schon! Und wenn man mir jemals erzählt hätte, daß ich die Erde und alles, was ich liebte, verlassen sollte…“ Ein schmerzliches Zucken ging über sein Gesicht, und Mirissa wartete in mitfühlendem Schweigen, bis er seine Gelassenheit wiedergefunden hatte. Es gab so viele Fragen, die sie stellen wollte, daß es vielleicht ein ganzes Leben dauern mochte, sie alle zu beantworten; und sie hatte nur ein Jahr Zeit, ehe die ‚Magellan‘ erneut zu den Sternen aufbrach. „Als man mir sagte, ich würde gebraucht, wendete ich alle meine philosophischen und rhetorischen Fähigkeiten auf, um das Gegenteil zu beweisen. Ich war zu alt; alles, was ich wußte, war auch in den Datenbanken gespeichert; andere Menschen konnten mehr leisten — alles, nur nicht den wirklichen Grund. Schließlich traf Evelyn die Entscheidung für mich; es ist wahr, Mirissa, in mancher Beziehung sind Frauen viel stärker als Männer — aber warum erzähle ich das Ihnen? ‚Sie brauchen dich‘, lautete ihre letzte Botschaft. ‚Wir haben vierzig Jahre miteinander verbracht, und jetzt ist nur noch ein Monat übrig. Geh, meine Liebe begleitet dich. Versuche nicht, mich zu finden.‘ Ich werde nie erfahren, ob sie das Ende der Erde so sah wie ich — als wir das Sonnensystem verließen.“ 25. Der Skorp Er hatte Brant schon einmal entkleidet gesehen, damals, als sie jene denkwürdige Bootsfahrt unternommen hatten, aber bisher war ihm nie aufgegangen, welch eindrucksvolle Muskeln der junge Mann hatte. Loren hatte auf seinen Körper zwar immer gut achtgegeben, aber seit sie die Erde verlassen hatten, war nicht mehr viel Gelegenheit für Sport oder sonstige körperliche Betätigung gewesen. Brant hingegen hatte wahrscheinlich jeden Tag seines Lebens mit schwerer körperlicher Arbeit zu tun — und das sah man ihm an. Loren hätte absolut keine Chance gegen ihn, höchstens, wenn er einige der berühmten Kampftechniken der alten Erde heraufbeschwören konnte — von denen er keine je beherrscht hatte. Die ganze Sache war absolut lächerlich. Da standen seine Offizierskollegen und grinsten blöde. Da stand Kapitän Bey mit einer Stoppuhr. Und da stand Mirissa mit einem Gesichtsausdruck, den man nur als süffisant bezeichnen konnte. „… zwei… eins… null… los!“ sagte der Kapitän. Brant bewegte sich wie eine zustoßende Kobra. Loren wollte der Attacke ausweichen, stellte aber mit Entsetzen fest, daß er keine Kontrolle über seinen Körper hatte. Die Zeit schien sich verlangsamt zu haben. Seine Beine waren wie Blei und wollten ihm nicht gehorchen. Er stand kurz davor, nicht nur Mirissa zu verlieren, sondern auch seine Männlichkeit… An diesem Punkt war er glücklicherweise aufgewacht, aber der Traum quälte ihn noch immer. Woher er kam, war offensichtlich, aber das machte ihn nicht weniger beunruhigend. Loren überlegte, ob er ihn Mirissa erzählen sollte. Brant, der ihm immer noch mit unerschütterlicher Freundlichkeit begegnete, dessen Gesellschaft ihm aber peinlich war, würde er bestimmt niemals davon erzählen. Heute jedoch war Loren richtig froh, daß der andere dabei war; wenn er recht hatte, wurden sie nun mit etwas konfrontiert, was sehr viel bedeutsamer war als ihre Privatangelegenheiten. Er konnte es kaum erwarten zu sehen, wie Brant reagierte, wenn er den unerwarteten Besucher kennenlernte, der während der Nacht eingetroffen war. Der mit Beton ausgegossene Kanal, durch den Seewasser in die Gefrieranlage floß, war hundert Meter lang und endete in einem kreisförmigen Becken, das gerade genug Wasser für eine Schneeflocke faßte. Da reines Eis kein besonders gutes Baumaterial war, mußte man es verstärken, und die langen Tangsträhnen aus der Großen Östlichen Prärie gaben eine billige und geeignete Armierung ab. Der gefrorenen Mischung hatte man den Spitznamen Eisbeton gegeben, sie sollte während der Wochen und Monate, in denen die ‚Magellan‘ beschleunigte, garantiert nicht zu fließen anfangen wie ein Gletscher. „Da ist er.“ Loren stand mit Brant Falconer am Rand des Beckens und schaute durch eine Lücke in dem Teppich von verfilzten Meerespflanzen hinunter. Das Geschöpf, das den Tang fraß, war ungefähr nach dem gleichen Plan gebaut wie ein irdischer Hummer — war aber mehr als doppelt so groß wie ein Mensch. „Haben Sie so etwas schon einmal gesehen?“ „Nein“, antwortete Brant zutiefst überzeugt. „Und das tut mir auch überhaupt nicht leid. Was für ein Ungeheuer! Wie haben Sie es gefangen?“ „Überhaupt nicht. Es ist vom Meer her durch den Kanal hereingeschwommen — oder — gekrochen. Dann hat es den Tang entdeckt und beschlossen, sich zum Mittagessen einzuladen.“ „Kein Wunder, daß es solche Scheren hat. Diese Stengel sind wirklich zäh.“ „Tja. Wenigstens ist es Vegetarier.“ „Ich weiß nicht, ob ich das wirklich herausfinden möchte.“ „Ich hatte gehofft, Sie könnten uns etwas darüber erzählen.“ „Wir kennen nicht den hundertsten Teil der Wesen, die im lassanischen Meer leben. Eines Tages werden wir Forschungs-U-Boote bauen und ins tiefe Wasser vordringen. Aber es gibt so viele andere Prioritäten, und es interessieren sich auch nicht genügend Leute dafür.“ Das wird sich bald ändern, dachte Lorenson grimmig. Mal sehen, wie lange es dauert, bis Brant selbst dahinterkommt… „Wissenschaftsoffizier Varley hat in den Aufzeichnungen nachgesehen. Sie sagt, daß es vor Millionen von Jahren auf der Erde etwas sehr Ähnliches gegeben hat. Die Paläontologen haben ihm einen schönen Namen zugeteilt — Meeresskorpion. Diese alten Ozeane müssen aufregende Gegenden gewesen sein.“ „Genau das, was Kumar gerne jagen würde“, sagte Brant. „Was werden Sie damit anfangen?“ „Genau studieren und dann freilassen.“ „Wie ich sehe, haben Sie es schon etikettiert.“ Brant hat es also bemerkt, dachte Loren. Nicht schlecht. „Nein — das haben wir nicht. Sehen Sie nur genauer hin!“ Brant machte ein verdutztes Gesicht, als er an der Seite des Beckens niederkniete. Der Riesenskorpion beachtete ihn überhaupt nicht, sondern schnippelte weiter mit seinen bedrohlichen Scheren den Seetang ab. Eine dieser Scheren war nicht ganz so, wie die Natur sie vorgesehen hatte. Um das Scharnier der rechten Zange war mehrmals eine Drahtschlinge herumgebogen, wie ein primitives Armband. Brant erkannte den Draht. Die Kinnlade fiel ihm herunter, und einen Augenblick lang fand er keine Worte. „Ich habe also richtig geraten“, sagte Lorenson. „Jetzt wissen Sie, was mit Ihrer Fischfalle passiert ist. Ich glaube, wir sollten noch einmal mit Dr. Varley sprechen — von Ihren eigenen Wissenschaftlern ganz zu schweigen.“ „Ich bin Astronomin“, hatte Anne Varley in ihrem Büro an Bord der ‚Magellan‘ protestiert. „Was Sie brauchen ist eine Mischung aus Zoologen, Paläontologen, Ethologen — und noch ein paar Disziplinen, von denen ich gar nicht reden will. Aber ich habe getan, was ich konnte, und ein Suchprogramm aufgestellt, Sie finden das Ergebnis in Ihrem Speicher Zwei unter dem Datenblock mit dem Titel ‚Skorp‘. Jetzt brauchen Sie nur das noch durchzusuchen — viel Glück dabei.“ Trotz ihrer Proteste hatte Dr. Varley tüchtig wie immer die fast unendliche Ansammlung von Wissen in den Hauptdatenspeichern des Schiffes gesichtet. Allmählich wurde ein Muster erkennbar; inzwischen graste der Gegenstand dieser ganzen Aufmerksamkeit friedlich in seinem Becken und nahm keinerlei Notiz von dem anhaltenden Strom von Besuchern, die kamen, um ihn genau zu studieren oder auch nur anzustarren. Trotz seines erschreckenden Aussehens — die Scheren waren fast einen halben Meter lang und sahen so aus, als könnten sie mit einem einzigen Schlag einem Menschen den Kopf abtrennen — schien das Wesen nicht im mindesten aggressiv zu sein. Es machte keinen Fluchtversuch, vielleicht weil es eine so reichliche Nahrungsquelle gefunden hatte. Es wurde sogar allgemein angenommen, daß ein chemisches Spurenelement im Tang dafür verantwortlich sei, weshalb es hierhergelockt worden war. Wenn es schwimmen konnte, so zeigte es keinerlei Neigung dazu, sondern gab sich damit zufrieden, auf seinen sechs stämmigen Beinen herumzukriechen. Sein vier Meter langer Körper war von einem leuchtend gefärbten, gegliederten Exoskelett umgeben, das ihm eine überraschende Beweglichkeit gestattete. Weiterhin war der Saum von Palpi oder kleinen Fangarmen bemerkenswert, der den schnabelartigen Mund umgab. Sie hatten eine auffallende — ja, unangenehme Ähnlichkeit mit kurzen, menschlichen Fingern und schienen genauso geschickt zu sein. Obwohl sie offenbar hauptsächlich dazu dienten, mit Nahrung umzugehen, waren sie eindeutig zu viel mehr fähig, und es war faszinierend zu beobachten, wie der Skorp sie zusammen mit seinen Zangen einsetzte. Seine zwei Augenpaare — das eine groß und offensichtlich für schwaches Licht geeignet, da es während des Tages geschlossengehalten wurde — verliehen ihm wohl ein ausgezeichnetes Sehvermögen. Insgesamt war das Wesen großartig darauf spezialisiert, seine Umgebung mit Sehund Greifwerkzeugen zu erfassen — die wichtigsten Voraussetzungen für Intelligenz. Aber niemand hätte in einem solch bizarren Geschöpf Intelligenz vermutet, wäre da nicht der zu einem bestimmten Zweck um die rechte Zange gewundene Draht gewesen. Das bewies jedoch noch gar nichts. Wie die Aufzeichnungen zeigten, hatte es auf der Erde Tiere gegeben, die fremde Gegenstände — oft von Menschenhand gemacht — sammelten und auf ungewöhnliche Weise benützten. Wäre es nicht vollständig dokumentiert gewesen, niemand hätte an den Tick der australischen Webervögel oder der nordamerikanischen Buschschwanzratte geglaubt, die glänzende oder farbige Gegenstände sammelten und sogar künstlerisch anordneten. Die Erde war voll gewesen von solchen Rätseln, die jetzt nie mehr gelöst werden würden. Vielleicht folgte der thalassanische Skorp nur der gleichen, sinnlosen Tradition, und aus ebenso unerklärlichen Gründen. Es gab mehrere Theorien. Die populärste — weil sie die wenigsten Anforderungen an die Mentalität des Skorps stellte — lautete, das Drahtarmband sei nur ein Schmuck. Es mußte einige Geschicklichkeit erfordert haben, es zu befestigen, und es wurde viel darüber diskutiert, ob das Wesen dies ohne Hilfe hatte bewerkstelligen können. Diese Hilfe hätte natürlich auch von menschlicher Seite kommen können. Vielleicht war der Skorp das entflohene Haustier eines exzentrischen Wissenschaftlers, aber das schien sehr unwahrscheinlich. Da auf Thalassa jeder jeden kannte, hätte man so ein Geheimnis nicht lange bewahren können. Es gab noch eine andere Theorie, die am weitesten hergeholte von allen — und doch die gedanklich provozierendste. Vielleicht war das Armband ein Rangabzeichen. 26. Der Aufstieg der Schneeflocke Es war eine hochspezialisierte Tätigkeit mit ausgedehnten, langweiligen Pausen, die Leutnant Owen Fletcher viel Zeit zum Nachdenken ließen. Viel zu viel Zeit eigentlich. Er war Angler und holte mit einer Leine von fast unvorstellbarer Festigkeit einen Sechshunderttonnenfang ein. Einmal am Tag senkte sich die selbststeuernde Fesselsonde auf Thalassa hinunter und zog das Kabel in einer komplizierten, dreißigtausend Kilometer langen Kurve hinter sich her. Sie steuerte automatisch die wartende Nutzlast an, und wenn alle Überprüfungen abgeschlossen waren, konnte das Hochhieven beginnen. Die kritischen Augenblicke waren der Start, wenn die Schneeflocke aus der Gefrieranlage gerissen wurde, und die letzte Annäherung an die ‚Magellan‘, wenn das riesige Eis-Sechseck nur einen Kilometer vom Schiff entfernt abgesetzt werden mußte. Der Hebevorgang begann um Mitternacht und dauerte von Tarna bis zu dem stationären Orbit, in dem die ‚Magellan‘ schwebte, knapp sechs Stunden. Wenn die ‚Magellan‘ sich während des Rendezvous und der Montage im Tageslicht befand, war das Allerwichtigste, die Schneeflocke im Schatten zu halten, damit die heißen Strahlen von Thalassas Sonne die kostbare Ladung nicht in den Raum verdampften. Sobald sie sicher hinter dem großen Strahlungsschild war, konnten die Zangen der ferngesteuerten Bedienungsroboter die Isolierfolie wegreißen, die das Eis während seines Aufstiegs in die Umlaufbahn geschützt hatte. Als nächstes mußte das Hebegerüst entfernt und für die nächste Ladung nach unten geschickt werden. Manchmal klebte die riesige, wie ein von einem exzentrischen Koch entworfener, sechseckiger Topfdeckel geformte Metallplatte am Eis, und man mußte sie sorgfältig dosiert ein wenig erwärmen, um sie zu lösen. Schließlich schwebte die geometrisch vollkommene Eisscholle bewegungslos hundert Meter von der ‚Magellan‘ entfernt, und nun begann der wirklich heikle Teil. Die Kombination von sechshundert Tonnen Masse und Gewichtslosigkeit überstieg völlig jede instinktive, menschliche Reaktion; nur Computer konnten bestimmen, welcher Schub in welche Richtung und in welchem Augenblick notwendig war, um den künstlichen Eisberg an der richtigen Stelle einzufügen. Aber es bestand immer die Möglichkeit eines Notfalls oder unerwarteter Probleme, die über die Fähigkeiten selbst des intelligentesten Roboters hinausgingen; obwohl Fletcher bisher noch nicht hatte eingreifen müssen, würde er bereit sein, wenn es dazu kam. Ich helfe mit, sagte er sich, eine riesige Eiswabe zu bauen. Die erste Wabenschicht war jetzt fast vollendet, und noch zwei weitere mußten angefertigt werden. Wenn nichts dazwischenkam, würde der Schild in weiteren hundertfünfzig Tagen fertig sein. Man würde ihn bei geringer Beschleunigung testen, um sicherzustellen, daß alle Blöcke richtig zusammengeschweißt worden waren; und dann würde die ‚Magellan‘ die letzte Etappe ihrer Reise zu den Sternen antreten. Fletcher tat seine Arbeit immer noch gewissenhaft — aber nur mit dem Kopf, nicht mit dem Herzen. Das hatte er schon an Thalassa verloren. Er war auf dem Mars geboren, und diese Welt hatte alles, was jenem öden Planeten gefehlt hatte. Er hatte gesehen, wie die Arbeit von Generationen seiner Vorfahren in Flammen aufgegangen war; warum sollten sie, in Jahrhunderten, wieder auf einer anderen Welt neu anfangen — wenn das Paradies hier lag? Und natürlich wartete auch ein Mädchen auf ihn, unten auf der Südinsel. Er hatte schon fast beschlossen, heimlich abzuheuern, wenn die Zeit kam. Die Terraner mochten ohne ihn Weiterreisen, um gegen die widerspenstigen Felsen von Sagan Zwei ihre Kraft und ihre Geschicklichkeit einzusetzen — und sich vielleicht Herz und Körper zu brechen. Er wünschte ihnen Glück; wenn er seine Pflicht getan hatte, war seine Heimat hier. Dreißigtausend Kilometer unter ihm hatte auch Brant Falconer eine wichtige Entscheidung getroffen. „Ich gehe auf die Nordinsel.“ Mirissa lag da und schwieg; dann, nach sehr langer Zeit, wie es Brant vorkam, sagte sie: „Warum?“ In ihrer Stimme war keine Überraschung, kein Bedauern zu hören. So viel, dachte er, hat sich verändert. Aber ehe er antworten konnte, fügte sie hinzu: „Dort gefällt es dir doch nicht.“ „Vielleicht besser als hier — so wie die Dinge jetzt liegen. Ich bin hier nicht mehr zu Hause.“ „Du wirst hier immer zu Hause sein.“ „Nicht, solange die ‚Magellan‘ im Orbit ist.“ Mirissa streckte im Dunkeln die Hand nach dem Fremden an ihrer Seite aus. Wenigstens rückte er nicht weg. „Brant“, sagte sie. „Ich habe das nicht gewollt. Und Loren auch nicht, da bin ich ganz sicher.“ „Das nützt nicht viel, oder? Offen gestanden, ich verstehe nicht, was du an ihm findest.“ Mirissa mußte fast lächeln. Wieviele Männer, fragte sie sich, hatten das im Lauf der menschlichen Geschichte zu wievielen Frauen gesagt? Und wieviele Frauen hatten gefragt: Was findest du nur an ihr? Es gab natürlich keine Antwort darauf; selbst wenn sie es versuchte, würde das alles nur noch schlimmer machen. Aber sie hatte manchmal, zu ihrer eigenen Befriedigung, versucht, herauszufinden, was sie und Loren von dem Augenblick an zueinander hingezogen hatte, als sie sich zum erstenmal sahen. Der größte Teil war die rätselhafte Chemie der Liebe, die sich jeder rationalen Analyse entzog, und die man niemandem, der nicht an derselben Illusion teilhatte, erklären konnte. Aber es gab noch andere Elemente, die klar zu definieren und logisch zu erklären waren. Es war nützlich, sie zu kennen; eines Tages (nur allzu bald!) würde dieses Wissen ihr vielleicht helfen, den Augenblick des Abschieds zu ertragen. Erstens war da dieser tragische Glanz, der alle Terraner umgab; sie unterschätzte seine Bedeutung nicht, aber Loren teilte ihn mit allen seinen Kameraden. Was war so Besonderes an ihm, was sie bei Brant nicht finden konnte? Als Liebhaber gab es kaum Unterschiede zwischen den beiden; vielleicht war Loren fantasievoller, Brant leidenschaftlicher — aber hatte er in den letzten paar Wochen nicht ein wenig nachgelassen? Sie wäre mit dem einen so zufrieden gewesen wie mit dem anderen. Nein, das war es nicht. Vielleicht suchte sie nach einem Bestandteil, der gar nicht existierte. Es gab kein einzelnes Element, sondern eine ganze Konstellation von Eigenschaften. Ihr Instinkt hatte unterhalb der Ebene des bewußten Denkens alles zusammengezählt, und Loren war ein paar Punkte vor Brant gelegen. So einfach konnte es sein. Es gab sicher einen Bereich, in dem Loren Brant weit überstrahlte; er hatte Schwung, Ehrgeiz — genau das, was auf Thalassa so selten war. Zweifellos war er wegen dieser Eigenschaften ausgewählt worden; er würde sie in den kommenden Jahrhunderten brauchen. Brant hatte überhaupt keinen Ehrgeiz, obwohl es ihm nicht an Unternehmungsgeist mangelte; sein immer noch unvollendetes Fischfallen-Projekt war dafür der Beweis. Er verlangte vom Universum nicht mehr, als daß es ihm interessante Maschinen lieferte, mit denen er spielen konnte; Mirissa dachte manchmal, daß er zu dieser Kategorie auch sie rechnete. Im Gegensatz dazu stand Loren in der Tradition der großen Forscher und Abenteurer. Er würde mithelfen, Geschichte zu machen, statt sich einfach ihren Befehlen zu unterwerfen. Und doch konnte er — nicht oft genug, aber doch immer häufiger — warmherzig und menschlich sein. Während er das Wasser Thalassas in Eis verwandelte, begann sein Herz aufzutauen. „Was willst du auf der Nordinsel anfangen?“ flüsterte Mirissa. Sie hatte seine Entscheidung schon als gegeben hingenommen. „Man will mich dort haben, weil ich mithelfen soll, die ‚Calypso‘ auszurüsten. Die Nordleute kennen sich mit dem Meer nicht so richtig aus.“ Mirissa war erleichtert; Brant lief nicht einfach weg — er hatte eine Aufgabe. Eine Aufgabe, die ihm helfen würde, zu vergessen — bis, vielleicht, die Zeit kam, sich wieder zu erinnern. 27. Im Spiegel der Vergangenheit Moses Kaldor hielt das Modul ins Licht und spähte hinein, als könne er den Inhalt lesen. „Es wird mir immer wie ein Wunder vorkommen“, sagte er, „daß ich eine Million Bücher zwischen Daumen und Zeigefinger halten kann. Ich wüßte gerne, was Caxton und Gutenberg wohl dazu gesagt hätten.“ „Wer?“ fragte Mirissa. „Die Männer, die die Menschheit zum Lesen brachten. Aber es gibt einen Preis für unsere eigene Genialität, den wir jetzt bezahlen müssen. Manchmal habe ich einen Alptraum und stelle mir vor, daß eines dieser Module irgendeine absolut wichtige Information enthält — sagen wir, das Mittel gegen eine gerade wütende Seuche — aber die Aufschrift ist verlorengegangen. Es steht auf einer dieser Milliarden Seiten, aber wir wissen nicht, auf welcher. Wie frustrierend, wenn man die Antwort in der Hand hält und sie doch nicht finden kann!“ „Ich sehe nicht, wo das Problem liegt!“ sagte die Sekretärin des Kapitäns. Als Expertin für Informationsspeicherung und — abruf hatte Joan LeRoy bei den Überspielungen zwischen Thalassas Archiven und dem Schiff mitgeholfen. „Sie kennen doch die Schlüsselbegriffe; Sie brauchen also nur ein Suchprogramm einzurichten. Selbst eine Milliarde Seiten könnten in ein paar Sekunden abgesucht werden.“ „Sie haben mir meinen Alptraum verdorben.“ Kaldor seufzte. Dann hellte sich sein Gesicht auf. „Aber oft kennt man nicht einmal die Schlüsselbegriffe. Wie oft stößt man auf etwas, von dem man gar nicht wußte, daß man es brauchte — bis man es dann fand?“ „Dann sind Sie schlecht organisiert.“ Sie genossen diese kleinen, scherzhaften Wortwechsel, und Mirissa war nicht immer sicher, wann sie sie ernstnehmen sollte. Joan und Moses wollten sie nicht bewußt aus ihren Gesprächen ausschließen, aber ihre Erfahrungswelten waren so völlig verschieden von ihrer eigenen, daß sie manchmal das Gefühl hatte, einem Dialog in einer unbekannten Sprache zuzuhören. „Auf jeden Fall ist damit der Hauptindex komplett. Jeder weiß, was der andere hat; jetzt müssen wir nur noch — nur noch! — entscheiden, was wir überspielen wollen. Es könnte sonst unpraktisch, um nicht zu sagen teuer werden, wenn wir fünfundsiebzig Lichtjahre voneinander getrennt sind.“ „Dabei fällt mir etwas ein“, sagte Mirissa. „Ich sollte es Ihnen vermutlich nicht sagen — aber letzte Woche war eine Abordnung von der Nordinsel hier. Der Präsident der wissenschaftlichen Akademie und ein paar Physiker.“ „Lassen Sie mich raten. Der Quantenantrieb.“ „Richtig.“ „Wie haben sie reagiert?“ „Sie schienen erfreut — und überrascht —, daß er wirklich da war. Natürlich haben sie eine Kopie gemacht.“ „Ich wünsche ihnen viel Glück; sie werden es brauchen. Und Sie könnten ihnen vielleicht noch etwas sagen. Jemand hat einmal erklärt, der eigentliche Zweck des QA sei nichts so Triviales wie die Erforschung des Universums. Wir werden seine Energien eines Tages brauchen, um den Kosmos davor zu bewahren, daß er in das schwarze Ur-Loch zurückfällt — und um den nächsten Existenzzyklus einzuleiten.“ Ehrfürchtiges Schweigen trat ein; dann brach Joan LeRoy den Bann. „Aber nicht mehr unter dieser Regierung. Zurück an die Arbeit! Wir müssen noch Megabytes hinter uns bringen, ehe wir Schlafengehen.“ Es war nicht alles Arbeit, und manchmal gab es Zeiten, da mußte Moses Kaldor einfach die Bibliothekssektion des Ersten Landeplatzes verlassen, um sich zu entspannen. Dann schlenderte er hinüber in die Kunstgalerie, machte die Computerführung durch das Mutterschiff mit (nie zweimal die gleiche Route — er wollte soviel mitbekommen wie nur möglich) oder ließ sich vom Museum in der Zeit zurücktragen. Es stand immer eine lange Reihe von Besuchern an — hauptsächlich Studenten oder Kinder mit ihren Eltern —, die die Terrama-Darstellungen sehen wollten. Manchmal fühlte sich Moses Kaldor ein wenig schuldig, wenn er seine privilegierte Stellung dazu benützte, sich an die Spitze der Schlange zu stellen. Dann tröstete er sich mit dem Gedanken, daß die Lassaner diese Panoramen der Welt, die sie nie gekannt hatten, ihr Leben lang genießen konnten; ihm standen nur Monate zur Verfügung, um seine verlorene Heimat noch einmal zu besuchen. Es fiel ihm sehr schwer, seine neuen Freunde davon zu überzeugen, daß Moses Kaldor nie an den Schauplätzen gewesen war, die sie sich manchmal gemeinsam anschauten. Alles, was sie sahen, lag mindestens achthundert Jahre in seiner eigenen Vergangenheit, denn das Mutterschiff hatte die Erde im Jahre 2751 verlassen — und er wurde 3541 geboren. Aber gelegentlich kam es zu einem erschrockenen Wiedererkennen, und irgendeine Erinnerung brach mit fast unerträglicher Gewalt über ihn herein. Die ‚Straßencafe‘-Darstellung war am unheimlichsten und beschwor am meisten herauf. Er saß dabei an einem kleinen Tisch unter einer Markise und trank Wein oder Kaffee, während das Leben einer Stadt an ihm vorbeiströmte. Solange er nicht vom Tisch aufstand, hatten seine Sinne überhaupt keine Möglichkeit, die Darstellung von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Im Mikrokosmos wurden die großen Städte der Erde wieder zum Leben erweckt. Rom, Paris, London, New York — im Sommer und im Winter, bei Tag und Nacht sah er den Touristen und Geschäftsleuten, den Studenten und den Liebenden zu, wie sie ihrer Wege gingen. Oft hatten sie gemerkt, daß sie aufgezeichnet wurden und lächelten ihm über die Jahrhunderte hinweg zu, und es war unmöglich, nicht zurückzulächeln. Andere Panoramen zeigten überhaupt keine Menschen, nicht einmal irgendwelche Werke des Menschen. Moses Kaldor betrachtete wieder, wie damals, in jenem anderen Leben, den niederstürzenden Dunst der Viktoriafälle, den Mond, der über dem Grand Canyon aufstieg, den Schnee des Himalaya und die Eisklippen der Antarktis. Anders als die Städteansichten hatten sich diese Dinge in den tausend Jahren nach der Aufzeichnung nicht verändert. Und obwohl sie lange vor dem Menschen existiert hatten, hatten sie ihn nicht überlebt. 28. Der versunkene Wald Der Skorp schien es nicht eilig zu haben; er ließ sich gemächlich zehn Tage Zeit, um fünfzig Kilometer zurückzulegen. Eine merkwürdige Tatsache wurde schnell durch den Sonarsender enthüllt, den man, nicht ohne Schwierigkeiten, auf dem Rückenschild des zornig um sich schlagenden Wesens befestigt hatte. Der Weg, auf dem es sich über den Meeresboden bewegte, war absolut gerade, als wisse es genau, wo es hinwolle. Was immer sein Ziel sein mochte, in einer Tiefe von zweihundertfünfzig Metern war es offenbar angelangt. Danach bewegte es sich zwar noch weiter herum, aber in einem sehr begrenzten Bereich. Das ging noch zwei Tage so; dann brachen die Signale aus dem UltraschallPiepser plötzlich mitten im Ton ab. Daß der Skorp von etwas gefressen worden war, was noch größer und gräßlicher war als er selbst, war eine viel zu naive Erklärung. Der Piepser war von einem festen Metallzylinder umgeben. Jede vorstellbare Anordnung von Zähnen, Scheren oder Tentakeln würde — allermindestens — Minuten brauchen, um ihn zu zerstören, und wenn irgendein Geschöpf das Ding verschluckt hatte, würde es in seinem Inneren lustig weiterfunktionieren. Damit blieben nur zwei Möglichkeiten, und die erste wurde von der Belegschaft des Nordinsel-Unterwasserlabors gekränkt abgestritten. „Für jede einzelne Komponente war ein Ersatzelement vorhanden“, sagte der Direktor. „Außerdem haben wir nur zwei Sekunden vorher einen Diagnoseimpuls bekommen, alles war normal; es kann also unmöglich technisches Versagen gewesen sein.“ Damit blieb nur die unmögliche Erklärung übrig. Der Piepser war ausgeschaltet worden. Und dazu mußte man eine Verriegelung entfernen. Das konnte nicht zufällig passieren; nur durch neugieriges Herumspielen — oder ganz bewußt geplant. Die zwanzig Meter lange, doppelrümpfige ‚Calypso‘ war nicht nur das größte, sondern das einzige, ozeanographische Forschungsschiff auf Thalassa. Normalerweise lag es auf der Nordinsel, und Loren konstatierte belustigt das gutmütige Geplänkel zwischen der wissenschaftlichen Besatzung und ihren Passagieren aus Tarna, die sie vorgeblich als unwissende Fischer behandelten. Die von der Südinsel ließen ihrerseits keine Gelegenheit aus, vor den Nordleuten damit zu prahlen, daß sie diejenigen seien, die die Skorps entdeckt hätten. Loren erinnerte sie nicht daran, daß das nicht so ganz genau mit den Tatsachen in Einklang stand. Es war ein kleiner Schock, Brant wiederzutreffen, obwohl Loren damit hätte rechnen müssen, da der andere ja zum Teil für die neue Ausstattung der ‚Calypso‘ verantwortlich war. Sie begrüßten sich mit kühler Höflichkeit, ohne die neugierigen oder amüsierten Blicke der anderen Fahrgäste zu beachten. Es gab auf Thalassa nur wenige Geheimnisse; inzwischen wußten wohl alle, wer das Hauptgästezimmer des Leonidas-Hauses bewohnte. Der kleine Unterwasserschlitten auf dem Achterdeck wäre jedem Ozeanographen der letzten fast zweitausend Jahre bekannt gewesen. Sein Metallrahmen trug drei Fernsehkameras, einen Drahtkorb für Proben, die der ferngesteuerte Arm gesammelt hatte, und Wasserdüsen, die so angeordnet waren, daß sie Bewegungen in jede Richtung erlaubten. Sobald der Schlitten über die Seite hinuntergelassen worden war, konnte der Forschungsroboter Bilder und Informationen über ein faseroptisches Kabel zurückschicken, das nicht viel dicker war als eine Bleistiftmine. Die Technik war Jahrhunderte alt — und immer noch völlig ausreichend. Jetzt war die Küste endlich verschwunden, und Loren sah sich zum erstenmal vollständig von Wasser umgeben. Er erinnerte sich an seine Angst auf der Fahrt mit Brant und Kumar, bei der sie sich kaum einen Kilometer vom Strand entfernt hatten. Diesmal stellte er erfreut fest, daß er sich trotz der Anwesenheit seines Rivalen etwas wohler fühlte. Vielleicht lag es daran, daß er auf einem viel größeren Boot war. „Das ist sonderbar“, sagte Brant. „Ich habe noch nie so weit im Westen Tang gesehen.“ Zuerst sah Loren gar nichts; dann bemerkte er den dunklen Flecken weiter vorne im Wasser. Ein paar Minuten später schob sich das Boot durch eine lockere Masse schwimmender Pflanzen, und der Kapitän reduzierte die Geschwindigkeit, bis sie nur noch krochen. „Wir sind ohnehin fast da“, sagte er. „Hat keinen Sinn, unsere Einlaßöffnungen mit dem Zeug zu verstopfen. Einverstanden, Brant?“ Brant stellte den Cursor auf dem Schirm ein und las die Anzeige ab. „Ja — wir sind nur fünfzig Meter von der Stelle entfernt, wo wir den Piepser verloren haben. Tiefe zweihundertzehn. Über Bord mit dem Fisch.“ „Einen Augenblick noch“, sagte einer der Nord-Wissenschaftler. „Wir haben für diese Maschine eine Menge Zeit und Geld aufgewendet, und sie ist die einzige auf der ganzen Welt. Was ist, wenn sie in dem verdammten Tang hängenbleibt?“ Nachdenkliches Schweigen trat ein; dann meldete sich Kumar, der bisher ungewöhnlich schweigsam gewesen war — vielleicht eingeschüchtert durch die hochkarätigen Talente von der Nordinsel — zaghaft zu Wort. „Es sieht von hier viel schlimmer aus. In zehn Meter Tiefe gibt es fast keine Blätter mehr — nur die großen Stämme, und da ist genügend Platz dazwischen. Es ist wie ein Wald.“ Ja, dachte Loren, ein unterseeischer Wald, wo die Fische zwischen den schlanken, gewundenen Stämmen herumschwimmen. Während die anderen Wissenschaftler den Videoschirm und die vielfältigen Instrumentenanzeigen beobachteten, hatte er eine Vollsichtbrille aufgesetzt, die alles bis auf die Szene vor dem langsam sinkenden Roboter aus seinem Blickfeld ausschloß. Psychologisch gesehen befand er sich nicht mehr auf dem Deck der ‚Calypso‘; die Stimmen seiner Gefährten schienen aus einer anderen Welt zu kommen, die nichts mit ihm zu tun hatte. Er war ein Forscher, der in ein fremdes Universum eindrang, ohne zu wissen, was ihm dort begegnen mochte. Es war ein eingeschränktes, fast einfarbiges Universum; die einzigen Farben waren weiche Blauund Grüntöne, und die Sichtweite betrug weniger als dreißig Meter. Ständig konnte er ein Dutzend schlanker Stämme sehen, in regelmäßigen Abständen von gasgefüllten Blasen gestützt, die ihnen Auftrieb gaben, sie ragten aus den düsteren Tiefen herauf und verschwanden oben im lichterfüllten ‚Himmel‘. Manchmal war ihm, als ginge er an einem trüben, nebligen Tag durch einen kleinen Wald aus Bäumen; dann zerstörte eine vorbeiflitzende Fischschule diese Illusion. „Zweihundertfünfzig Meter“, hörte er jemanden rufen. „Bald müßten wir den Boden sehen. Sollen wir die Lichter anschalten? Die Bildqualität läßt nach.“ Loren hatte kaum eine Veränderung festgestellt, weil die Automatik die Bildschärfe konstant gehalten hatte. Aber er begriff, daß es in dieser Tiefe fast dunkel sein mußte — ein menschliches Auge wäre praktisch nutzlos gewesen. „Nein — wir wollen niemanden aufstören, wenn es nicht sein muß. Solange die Kamera noch funktioniert, begnügen wir uns lieber mit dem verfügbaren Licht.“ „Da ist der Boden! Hauptsächlich Felsen — nicht viel Sand.“ „Natürlich. ‚Macrocystis thalassi‘ braucht Felsen, um sich anzuklammern — es ist anders als das frei schwimmende ‚Sargassum‘.“ Loren sah, was der Sprecher meinte. Die schlanken Stämme endeten in einem Netz von Wurzeln, die sich so fest um Felsvorsprünge schlossen, daß weder Stürme noch Oberflächenströmungen sie losreißen konnten. Die Analogie zu einem Wald an Land war noch zutreffender, als er gedacht hätte. Sehr vorsichtig arbeitete sich der Beobachtungsroboter in den unterseeischen Wald vor und zog sein Kabel hinter sich her. Es schien nicht in Gefahr, sich in den schlangenförmigen Stämmen zu verheddern, die bis zur unsichtbaren Oberfläche hinaufreichten, denn zwischen den Riesenpflanzen war genügend Abstand. Ja, sie hätten auch bewußt… Die Wissenschaftler, die auf den Monitorschirm schauten, erkannten die unglaubliche Wahrheit nur ein paar Sekunden später als Loren. „Krakan!“ flüsterte einer von ihnen. „Das ist kein natürlicher Wald — es ist eine Plantage!“ 29. Der Sabra Sie nannten sich Sabras, nach den Pionieren, die sich, anderthalb Jahrtausende früher, eine fast ebenso feindselige Wildnis auf der Erde Untertan gemacht hatten. Die Sabras vom Mars hatten in einer Hinsicht Glück gehabt; sie hatten keine menschlichen Feinde, die sich ihnen entgegengestellt hätten — nur das unwirtliche Klima, die kaum wahrnehmbare Atmosphäre, die über den ganzen Planeten tobenden Sandstürme. Alle diese Hindernisse hatten sie bewältigt; sie sagten gerne, sie hätten nicht nur überlebt, sie hätten obsiegt. Dieses Zitat war eine der zahllosen Entlehnungen von der Erde, was sie aber in ihrer leidenschaftlichen Unabhängigkeit nur selten einzugestehen vermochten. Mehr als tausend Jahre lang hatten sie im Schatten einer Illusion — fast einer Religion — gelebt. Und diese hatte, wie jede Religion, eine wesentliche Rolle in ihrer Gesellschaft gespielt; sie hatte ihnen Ziele gegeben, die außerhalb der eigenen Person lagen, und ihr Leben mit Sinn erfüllt. Bis die Berechnungen das Gegenteil bewiesen, hatten sie geglaubt — oder wenigstens gehofft —, der Mars könne vielleicht dem tödlichen Schicksal der Erde entgehen. Natürlich nur ganz knapp; der zusätzliche Abstand würde die Strahlung bloß um fünfzig Prozent verringern — aber das könnte ausreichen. Geschützt durch das kilometerdicke, uralte Eis an den Polen konnten die Marsianer vielleicht überleben, wo die Menschen es nicht konnten. Es kam sogar die Wahnvorstellung auf — an die jedoch nur ein paar Romantiker wirklich geglaubt hatten —, das Abschmelzen der Polkappen würde dem Planeten seine verlorenen Ozeane wiedergeben. Und dann würde die Atmosphäre vielleicht so dicht werden, daß die Menschen sich frei draußen bewegen konnten — mit einfachen Atemgeräten und Wärmeisolierung. Diese Hoffnungen waren schwer auszurotten gewesen, unerbittliche Gleichungen hatten ihnen schließlich den Garaus gemacht. Keine Geschicklichkeit, keine Anstrengung, ganz gleich, wie groß, würde den Sabras die Rettung ermöglichen. Auch sie würden mit der Mutterwelt untergehen, deren Weichlichkeit sie so oft mit Verachtung straften. Jetzt aber breitete sich unter der ‚Magellan‘ ein Planet aus, der alle Hoffnungen und Träume der letzten Generation von Marskolonisten in sich verkörperte. Wenn Owen Fletcher auf die endlosen Meere von Thalassa hinunterblickte, hämmerte ein Gedanke in seinem Kopf. Den Sternensonden nach war Sagan Zwei dem Mars sehr ähnlich — was ja genau der Grund war, warum man ihn und seine Landsleute für diese Reise ausgewählt hatte. Aber warum sollte man in dreihundert Jahren, und fünfundsiebzig Lichtjahre entfernt, wieder zu kämpfen anfangen, wenn der Sieg schon hier und jetzt errungen war. Fletcher dachte nicht länger nur an Desertion; das würde bedeuten, daß er viel zu viel zurücklassen mußte. Es wäre nicht weiter schwierig, sich auf Thalassa zu verstecken; aber wie würde ihm zumute sein, wenn die ‚Magellan‘ abflog, mit den letzten Freunden und Gefährten seiner Jugend? Zwölf Sabras lagen noch im Tiefschlaf. Von den fünfen, die wach waren, hatte er zwei schon vorsichtig ausgehorcht und eine positive Antwort erhalten. Und wenn die beiden anderen ebenfalls einverstanden waren, dann wußte er, daß sie auch für die schlafenden Zwölf sprechen konnten. Die ‚Magellan‘ mußte ihre Sternenreise beenden, hier auf Thalassa! 30. Krakans Kind An Bord wurde nicht viel gesprochen, als die ‚Calypso‘ mit bescheidenen zwanzig Stundenkilometern in Richtung Tarna zurückfuhr; die Passagiere hingen ihren Gedanken nach und grübelten, welche Folgen diese Bilder vom Meeresgrund wohl haben würden. Und Loren war immer noch von der Außenwelt abgeschnitten; er hatte die Vollsichtbrille aufbehalten und ließ noch einmal die Erforschung des unterseeischen Waldes durch den Unterwasserschlitten ablaufen. Der Roboter hatte sein Kabel ausgezogen wie eine mechanische Spinne ihren Faden und war langsam zwischen den großen Stämmen hindurchgefahren, die wegen ihrer gewaltigen Länge dünn wirkten, aber in Wirklichkeit dicker waren als der Körper eines Menschen. Es war jetzt offensichtlich, daß sie in gleichmäßigen, senkrechten und waagerechten Reihen angelegt waren, so daß es niemanden wirklich überraschte, als sie genau abgegrenzt aufhörten. Und hier gingen die Skorps in ihrem Dschungelcamp ihren Geschäften nach. Es war klug gewesen, die Scheinwerfer nicht anzuschalten; die Geschöpfe nahmen den stummen Beobachter, der nur ein paar Meter über ihnen im fast dunklen Wasser schwamm, überhaupt nicht wahr. Loren hatte Videofilme von Ameisen, Bienen und Termiten gesehen, und die Art, wie die Skorps arbeiteten, erinnerte ihn an diese. Auf den ersten Blick konnte man unmöglich glauben, daß eine so komplizierte Organisation ohne eine intelligente Kontrollinstanz existieren konnte — aber das Verhalten konnte auch völlig automatisch sein, wie im Fall der staatenbildenden Insekten auf der Erde. Einige Skorps pflegten die großen Stämme, die zur Oberfläche emporstrebten, um die Strahlen der unsichtbaren Sonne einzufangen; andere hasteten mit Steinen, Blättern — und, ja, primitiven, aber deutlich erkennbaren Netzen und Körben — auf dem Meeresboden umher. Die Skorps stellten also Werkzeuge her; aber auch das war noch kein Beweis für Intelligenz. Manche Vogelnester waren viel sorgfältiger gebaut als diese ziemlich plumpen Produkte, die offenbar aus Stämmen und Wedeln des allgegenwärtigen Tangs zusammengefügt waren. Ich komme mir vor wie ein Besucher aus dem Weltraum, dachte Loren, der über einem Steinzeitdorf auf der Erde schwebt, als der Mensch gerade den Ackerbau entdeckt. Hätte er — oder es — nach solch einer Beobachtung die menschliche Intelligenz korrekt einschätzen können? Oder hätte der Spruch: ‚rein instinktives Verhalten‘ gelautet? Die Sonde war jetzt so weit in die Lichtung vorgedrungen, daß der sie umgebende Wald nicht mehr zu sehen war, obwohl die nächsten Stämme nicht mehr als fünfzig Meter entfernt gewesen sein konnten. In diesem Moment prägte ein geistreicher Nordinsulaner den Namen, über den man von da an überall stolperte, sogar in wissenschaftlichen Berichten: ‚Skorpville‘. Es schien — man fand keinen besseren Ausdruck dafür — sowohl ein Wohnwie auch ein Geschäftsviertel zu sein. Eine vorspringende Felswand, etwa fünf Meter hoch, zog sich in Windungen quer über die Lichtung, ihre Fassade war von zahlreichen, dunklen Löchern durchsetzt, die gerade groß genug waren, um einen Skorp durchzulassen. Obwohl diese kleinen Höhlen in unregelmäßigen Abständen voneinander lagen, waren sie in ihrer Größe so ähnlich, daß sie kaum natürlich sein konnten, das Ganze wirkte wie ein von einem exzentrischen Architekten entworfenes Apartmenthaus. Durch die Eingänge kamen und gingen die Skorps — wie Büroangestellte in einer der alten Städte vor dem Zeitalter der Telekommunikation, dachte Loren. Ihr Treiben erschien ihm ebenso bedeutungslos, wie ihnen wahrscheinlich der Handelsverkehr der Menschen erschienen wäre. „Hallo!“ rief einer der anderen Beobachter auf der ‚Calypso‘. „Was ist das? Ganz rechts — könnt ihr mal näher ranfahren?“ Die Unterbrechung von außerhalb seiner Bewußtseinssphäre rüttelte Loren auf; sie zerrte ihn ruckartig vom Meeresgrund zurück auf die Welt der Oberfläche. Die Aussicht auf das Unterwasserpanorama kippte unvermittelt weg, als die Sonde ihre Lage änderte. Dann stand sie wieder gerade und trieb langsam auf eine allein aufragende Felspyramide zu, die etwa zehn Meter hoch war — nach den beiden Skorps an ihrem Fuß geschätzt — und in die nur ein einziger Höhleneingang gebohrt war. Loren konnte nichts Ungewöhnliches daran feststellen; dann fielen ihm allmählich gewisse Anomalien auf — störende Elemente, die nicht ganz in die inzwischen vertraute Szene von Skorpville paßten. Alle anderen Skorps waren geschäftig herumgeeilt. Diese beiden standen reglos da, nur gelegentlich schwenkten sie den Kopf vor und zurück. Aber da war noch etwas… Diese Skorps waren groß. Es war schwer, hier einen Maßstab zu finden, und erst als mehrere andere Tiere vorbeigehastet waren, war Loren ganz sicher, daß diese beiden fast fünfzig Prozent größer waren als der Durchschnitt. „Was machen sie?“ flüsterte jemand. „Das kann ich euch sagen“, antwortete eine andere Stimme. „Das sind Wachen — Posten.“ Sobald diese Schlußfolgerung ausgesprochen war, war sie so offensichtlich, daß niemand Zweifel anmeldete. „Aber was bewachen sie?“ „Die Königin, falls sie eine haben? Die Zentralbank von Skorpville?“ „Wie können wir das herausfinden? Der Schlitten ist zu groß, der paßt nicht hinein — selbst wenn sie es uns versuchen ließen.“ An diesem Punkt wurde die Diskussion akademisch. Die Robotsonde war inzwischen auf weniger als zehn Meter an die Spitze der Pyramide herangeschwommen, und der Mann, der sie steuerte, gab einen kurzen Stoß aus einer der Steuerdüsen ab, um ein weiteres Sinken zu verhindern. Das Geräusch oder die Vibration mußte die Posten alarmiert haben. Beide richteten sich gleichzeitig auf, und Loren sah plötzlich, wie in einem Alptraum, traubenförmig angeordnete Augen, wedelnde Greifarme und riesige Zangen vor sich. Ich bin froh, daß ich nicht wirklich dort bin, obwohl es genauso aussieht, dachte er bei sich. Und es ist ein Glück, daß sie nicht schwimmen können. Aber auch wenn sie nicht schwimmen konnten, so konnten sie doch klettern. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit hangelten sich die Skorps seitlich an der Pyramide hinauf und waren innerhalb von Sekunden an der Spitze, nur ein paar Meter unterhalb des Schlittens. „Wir müssen hier weg, ehe sie springen“, sagte der Mann, der den Schlitten steuerte. „Mit diesen Scheren können sie uns das Kabel abzwicken wie einen Baumwollfaden.“ Es war zu spät. Ein Skorp stieß sich vom Felsen ab, und Sekunden später erfaßte er mit seiner Zange eine der Kufen vom Fahrgestell des Schlittens. Die Reflexe des menschlichen Schlittenführers waren genauso schnell, und sie beherrschten eine überlegene Technik. Im gleichen Augenblick fuhr er mit voller Kraft rückwärts und schwang den Roboterarm zum Angriff nach unten. Und, was vielleicht noch entscheidender war, er schaltete die Scheinwerfer ein. Der Skorp mußte völlig geblendet gewesen sein. Seine Zangen öffneten sich in einer fast menschlichen Geste des Erstaunens, und er ließ sich auf den Meeresboden zurücksinken, ehe die mechanische Roboterhand ihn in einen Kampf verwickeln konnte. Einen Sekundenbruchteil lang war auch Loren blind, als seine Brille abschaltete. Dann paßten sich die automatischen Schaltkreise der Kamera der größeren Helligkeit an, und er bekam eine überraschend deutliche Nahaufnahme des verblüfften Skorps, kurz bevor er aus dem Blickfeld verschwand. Irgendwie war er nicht im mindesten überrascht, als er sah, daß der Skorp unter seiner rechten Zange zwei Metallbänder trug. Diese letzte Szene sah Loren sich noch einmal an, während die ‚Calypso‘ nach Tarna zurückfuhr, und seine Sinne waren noch immer so auf die Unterwasserwelt konzentriert, daß er die sanfte Druckwelle nicht spürte, die das Boot erfaßt hatte. Aber dann wurde er sich der Schreie und der Verwirrung um sich herum bewußt und spürte, wie sich das Deck schräg legte, als die ‚Calypso‘ plötzlich den Kurs änderte. Er riß sich die Brille ab und stand blinzelnd im strahlenden Sonnenlicht. Einen Augenblick lang war er völlig geblendet; als sich seine Augen dann an das Licht angepaßt hatten, sah er, daß sie nur ein paar hundert Meter von der palmenbestandenen Küste der Südinsel entfernt waren. Wir sind auf ein Riff aufgelaufen, dachte er. Das wird Brant ewig zu hören bekommen. Und dann sah er etwas über den östlichen Horizont heraufsteigen, das auf dem friedlichen Thalassa miterleben zu müssen er nie geglaubt hätte. Es war die Pilzwolke, die die Alpträume der Menschen zweitausend Jahre lang bevölkert hatte. Was hatte Brant denn vor? Er sollte doch wohl eigentlich auf das Land zuhalten; statt dessen wendete er die ‚Calypso‘ so eng wie möglich und fuhr aufs offene Meer hinaus. Aber er schien jedenfalls das Kommando übernommen zu haben, während alle anderen auf Deck mit offenem Munde nach Osten starrten. „Krakan!“ flüsterte einer der Wissenschaftler aus dem Norden, und einen Augenblick lang glaubte Loren, er verwende nur das überstrapazierte, lassanische Schimpfwort. Dann verstand er, und eine riesige Erleichterung überflutete ihn. Sie sollte aber nur von kurzer Dauer sein. „Nein“, sagte Kumar und schaute sehr besorgt drein. „Nicht Krakan — viel näher. Krakans Kind.“ Der Schiffsfunk stieß jetzt ständig piepsende Alarmsignale aus, unterbrochen von regelmäßigen Warnrufen. Loren hatte keine Zeit, etwas davon aufzunehmen, als er sah, daß mit dem Horizont etwas sehr Sonderbares passierte. Er war nicht da, wo er sein sollte! Das war alles sehr verwirrend; seine Gedanken waren zur Hälfte noch unten bei den Skorps, und auch jetzt mußte er ständig gegen die Helligkeit von Meer und Himmel anblinzeln. Vielleicht stimmte mit seinen Augen etwas nicht. Obwohl er ganz sicher war, daß die ‚Calypso‘ jetzt auf ebenem Kiel lief, sagten ihm seine Augen, daß sie steil nach unten tauchte. Nein; das Meer stieg herauf, mit einem Donnern, das jetzt alle anderen Geräusche übertönte. Er wagte nicht, die Höhe der Woge abzuschätzen, die auf sie herunterstürzte; jetzt verstand er, warum Brant auf tiefes Wasser hinaussteuerte, weg von den tödlichen Untiefen, an denen der Tsunami jetzt gleich seine Wut auslassen würde. Eine Riesenhand erfaßte die ‚Calypso‘, hob ihren Bug hoch hinauf, auf den Zenit zu. Loren begann hilflos über das Deck zu rutschen; er wollte nach einem Pfosten greifen, verfehlte ihn aber und fand sich im Wasser wieder. Denk an dein Katastrophentraining, sagte er sich wütend. Ob im Meer oder im Weltraum, das Prinzip ist immer das gleiche. Die größte Gefahr ist die Panik, also behalte einen klaren Kopf! Er war nicht in Gefahr zu ertrinken; dafür würde seine Schwimmweste sorgen. Aber wo war der Hebel zum Aufblasen? Seine Finger tasteten zitternd an den Taillengurten herum, und trotz aller Entschlossenheit spürte er kurz einen eiskalten Schauder, ehe er die Metallstange fand. Sie bewegte sich leicht, und er spürte höchst erleichtert, wie sich die Jacke um ihn herum ausdehnte und ihn in einer willkommenen Umarmung umschloß. Jetzt konnte nur noch von der ‚Calypso‘ selbst eine echte Gefahr ausgehen, wenn sie zurückkippte und ihm auf den Kopf krachte. Wo war das Schiff? Viel zu nahe für seinen Geschmack in diesem tobenden Wasser, und ein Teil ihres Decksgehäuses hing auch noch ins Meer. Unglaublicherweise schienen die meisten Besatzungsmitglieder noch an Bord zu sein. Jetzt deuteten sie auf ihn, und jemand schickte sich an, ihm einen Rettungsgurt zuzuwerfen. Das Wasser war voll herumschwimmender Trümmer — Stühle, Kisten, Geräteteile — und da ging der Schlitten dahin, versank langsam und sprudelte Blasen aus einem beschädigten Schwimmtank. Hoffentlich können sie ihn retten, dachte Loren. Wenn nicht, war das ein sehr teurer Ausflug, und es kann lange dauern, bis wir die Skorps wieder studieren können. Er war ziemlich stolz auf sich, weil er in Anbetracht der Umstände die Situation so ruhig einschätzte. Etwas streifte gegen sein rechtes Bein; mit einem automatischen Reflex wollte er es wegtreten. Obwohl es unangenehm ins Fleisch biß, war er eher verärgert als erschrocken. Er schwamm sicher, die Riesenwoge war vorüber, jetzt konnte ihm nichts mehr passieren. Er trat wieder danach, diesmal vorsichtiger. Und während er das tat, spürte er, wie sich sein rechter Fuß ebenso verhedderte. Und jetzt war es kein neutrales Streicheln mehr; trotz des Auftriebs, den ihm seine Schwimmweste gab, wollte ihn etwas unter Wasser ziehen. In diesem Augenblick spürte Loren Lorenson zum erstenmal wirkliche Panik, denn er erinnerte sich plötzlich an die suchenden Tentakel des großen Polypen. Aber die mußten doch weich und fleischig sein — das hier war unverkennbar ein Draht oder ein Kabel. Natürlich — es war die Nabelschnur des sinkenden Schlittens. Vielleicht hätte er sich immer noch freimachen können, wenn er nicht in einer unerwarteten Welle einen Mund voll Wasser geschluckt hätte. Würgend und hustend versuchte er, seine Lungen freizubekommen und sich gleichzeitig durch Tritte von dem Kabel zu lösen. Und dann war die Lebensgrenze zwischen Luft und Wasser — zwischen Leben und Tod — weniger als einen Meter über ihm; aber er hatte keine Möglichkeit, sie zu erreichen. In einem solchen Augenblick denkt der Mensch an nichts anderes als an sein eigenes Überleben. Es gab keine Rückblenden, kein Trauern um ein vergangenes Leben — nicht einmal ein flüchtiges Bild von Mirissa. Als er erkannte, daß alles vorüber war, verspürte er keine Angst. Sein letzter, bewußter Gedanke war reiner Zorn darüber, daß er fünfzig Lichtjahre weit gereist war, nur um ein so triviales, so wenig heldenhaftes Ende zu finden. Und so starb Loren Lorenson in den warmen Untiefen des thalassanischen Meeres zum zweitenmal. Er hatte aus der Erfahrung nichts gelernt; der erste Tod vor zweihundert Jahren war viel leichter gewesen. Fünfter Teil Das Bounty-Syndrom 31. Eine Bittschrift Obwohl Kapitän Sirdar Bey abgestritten hätte, auch nur ein Milligramm Aberglauben in sich zu haben, fing er immer an, sich Sorgen zu machen, wenn alles gut ging. Thalassa war bisher fast zu schön gewesen, um wahr zu sein; alles war nach den optimistischsten Planungen verlaufen. Der Schild wurde genau termingemäß gebaut, und es hatte bisher absolut keine Probleme gegeben, über die zu reden sich gelohnt hätte. Aber jetzt, alles innerhalb von vierundzwanzig Stunden… Natürlich hätte es viel schlimmer sein können. Kapitänleutnant Lorenson hatte sehr, sehr großes Glück gehabt — dank dieses Jungen. (Sie mußten etwas für ihn tun…) Nach den Aussagen der Ärzte war es äußerst knapp gewesen. Noch ein paar Minuten länger, und der Gehirnschaden wäre nicht mehr rückgängig zu machen gewesen. Verärgert, weil er sich von dem unmittelbar anstehenden Problem hatte ablenken lassen, las der Kapitän die Botschaft, die er jetzt schon auswendig kannte, noch einmal: SCHIFFSSENDER: OHNE DATUM UND ZEITANGABE AN: KAPITÄN VON: ANONYM Sir: Einige von uns möchten folgenden Vorschlag machen, über den Sie allen Ernstes nachdenken sollten. Wir beantragen, daß unsere Mission hier, auf Thalassa, ihr Ziel findet. Damit wären alle Pläne verwirklicht, ohne die zusätzlichen Risiken, die mit einer Weiterreise nach Sagan Zwei verbunden wären. Wir sind uns völlig im klaren darüber, daß sich daraus Probleme mit der bestehenden Bevölkerung ergeben werden, glauben aber, daß diese mit der Technologie gelöst werden können, die wir besitzen — insbesondere durch den Einsatz tektonischer Veränderungstechniken, um die zur Verfügung stehende Landfläche zu vergrößern. Unter Bezugnahme auf Reglement, Abschnitt 13, § 24(a), ersuchen wir mit allem Respekt darum, daß ein Schiffsrat einberufen wird, um diesen Antrag baldmöglichst zu diskutieren. „Nun, Kapitän Malina? Botschafter Kaldor? Haben Sie dazu etwas zu bemerken?“ Die beiden Gäste in der geräumigen, aber einfach möblierten Kapitänskajüte blickten sich gleichzeitig an. Dann nickte Kaldor dem Vizekapitän fast unmerklich zu und bestätigte, daß er auf sein Rederecht verzichtete, indem er noch einen langsamen, bewußten Schluck von dem ausgezeichneten thalassanischen Wein nahm, mit dem ihre Gastgeber sie versorgt hatten. Vizekapitän Malina, der sich viel eher in Gesellschaft von Maschinen als von Menschen wohlfühlte, betrachtete den Ausdruck mit unglücklicher Miene. „Wenigstens ist es sehr höflich formuliert.“ „Das will ich auch hoffen“, sagte Kapitän Bey ungeduldig. „Haben Sie eine Ahnung, wer das geschickt haben könnte?“ „Nicht die leiseste. Wenn wir uns drei ausschließen, haben wir, so fürchte ich, 158 Verdächtige.“ „157“, warf Kaldor ein. „Kapitänleutnant Lorenson hat ein ausgezeichnetes Alibi. Er war zur fraglichen Zeit bereits tot.“ „Das reduziert die Auswahl nicht allzusehr“, sagte der Kapitän und brachte ein freudloses Lächeln zustande. „Haben Sie irgendeine Theorie, Doktor?“ Die habe ich tatsächlich, dachte Kaldor. Ich habe zwei der langen Jahre auf dem Mars gelebt; ich würde auf die Sabras setzen. Aber das ist nur eine Vermutung, und ich kann mich auch täuschen… „Noch nicht, Kapitän. Aber ich werde die Augen offenhalten. Wenn ich etwas entdecke, werde ich es Ihnen mitteilen — soweit das möglich ist.“ Die beiden Offiziere verstanden vollkommen, was er damit sagen wollte. In seiner Rolle als Berater war Moses Kaldor nicht einmal dem Kapitän verantwortlich. Er kam an Bord der ‚Magellan‘ so etwas wie einem Beichtvater am nächsten. „Ich nehme an, Dr. Kaldor, daß Sie es mir sicherlich mitteilen werden — wenn Sie Informationen aufdecken, die unsere Mission gefährden könnten.“ Kaldor zögerte, dann nickte er kurz. Er hoffte, nicht in das traditionelle Dilemma des Priesters zu geraten, der einem Mörder die Beichte abnahm — der sein Verbrechen erst noch begehen wollte. Viel Unterstützung bekomme ich nicht, dachte der Kapitän verdrießlich. Aber ich habe absolutes Vertrauen zu diesen beiden Männern, und ich brauche jemanden, dem ich mich anvertrauen kann. Auch wenn die letzte Entscheidung bei mir liegen muß. „Die erste Frage ist, ob ich diese Botschaft beantworten oder ignorieren soll. Beides könnte riskant sein. Wenn es nur ein beiläufiger Vorschlag ist — vielleicht von einem einzelnen in einem psychologisch instabilen Augenblick gemacht —, könnte es unklug von mir sein, ihn zu ernst zu nehmen. Kommt er aber von einer entschlossenen Gruppe, dann mag ein Gespräch vielleicht nützlich sein. Es könnte die Situation entschärfen. Und es könnte auch die Betroffenen identifizieren.“ Und was würdest du dann tun? fragte sich der Kapitän. Sie in Ketten legen lassen? „Ich glaube, Sie sollten mit ihnen sprechen“, sagte Kaldor. „Probleme verschwinden nur selten, wenn man sie ignoriert.“ „Ich bin auch dieser Ansicht“, sagte Vizekapitän Malina. „Aber ich bin sicher, daß es niemand von der Antriebsoder Energiegruppe ist. Die kenne ich alle, seit sie Examen gemacht haben — oder noch länger.“ Da könntest du eine Überraschung erleben, dachte Kaldor. Wer kennt einen anderen schon wirklich? „Sehr schön“, sagte der Kapitän und stand auf. „So hatte ich auch schon entschieden. Und für den Fall der Fälle sollte ich wohl ein wenig Geschichte nachlesen. Ich kann mich erinnern, daß Magellan auch einige Schwierigkeiten mit seiner Besatzung hatte.“ „Die hatte er in der Tat“, antwortete Kaldor. „Aber ich hoffe, daß Sie niemanden aussetzen müssen.“ Oder einen Ihrer Kommandanten hängen lassen, fügte er für sich hinzu; es wäre sehr taktlos gewesen, diese historische Episode zu erwähnen. Und es wäre noch schlimmer, Kapitän Bey daran zu erinnern — obwohl er das bestimmt nicht vergessen haben konnte! — , daß der große Seefahrer getötet worden war, ehe er seine Mission vollenden konnte. 32. In der Klinik Diesmal war der Weg ins Leben zurück vorher nicht so sorgfältig vorbereitet worden. Loren Lorensons zweites Erwachen war nicht so angenehm wie sein erstes; ja, es war so unerfreulich, daß er manchmal wünschte, man hätte ihn nicht davon abgehalten, ins Vergessen zu sinken. Als er das Bewußtsein halbwegs wiedererlangte, bedauerte er das schnell. In seiner Kehle steckten Schläuche, und an seinen Armen und Beinen waren Drähte befestigt. Drähte! Er verspürte eine plötzliche Panik bei der Erinnerung an jenes tödliche Ziehen nach unten, brachte aber dann seine Gefühle unter Kontrolle. Jetzt mußte er sich noch um etwas anderes Sorgen machen. Er schien nicht zu atmen; er konnte nicht feststellen, daß sich sein Zwerchfell bewegte. Äußerst seltsam — ach so, vermutlich hat man mir einen LungenBypass gelegt… Eine Schwester mußte durch seine Bewegungen aufmerksam geworden sein, denn plötzlich klang eine sanfte Stimme an sein Ohr, und er spürte, wie ein Schatten über seine Augenlider fiel, die er vor Müdigkeit noch nicht öffnen konnte. „Ihr Zustand ist sehr gut, Mr. Lorenson. Kein Grund zur Sorge. In ein paar Tagen sind Sie dann wieder auf den Beinen. — Nein, bitte versuchen Sie nicht, zu sprechen.“ Das war auch nicht meine Absicht, dachte Loren. Ich weiß genau, was geschehen ist. Dann kam das leise Zischen einer Injektion, eine kurze, eisige Kälte auf seinem Arm, und wieder seliges Vergessen. Zu seiner großen Erleichterung war beim nächstenmal alles anders. Die Schläuche und Drähte waren verschwunden. Obwohl er sich sehr schwach fühlte, hatte er keine Beschwerden. Und er atmete wieder normal und regelmäßig. „Hallo“, sagte eine tiefe, männliche Stimme aus ein paar Metern Entfernung. „Willkommen unter den Lebenden.“ Loren drehte seinen Kopf nach der Stimme und erkannte undeutlich eine verbundene Gestalt in einem Bett neben dem seinen. „Ich nehme an, Sie erkennen mich nicht, Mr. Lorenson. Leutnant Bill Horton, Kommunikationsingenieur — und Ex-Surfbrettfahrer.“ „Ach, hallo, Bill — was haben Sie denn gemacht?“ flüsterte Loren. Aber da kam schon die Schwester und setzte dieser Unterhaltung mit einer weiteren, gut plazierten Injektion ein Ende. Beim nächsten Mal war er wieder völlig auf dem Damm und wollte nur noch, daß man ihm erlaubte, aufzustehen. Oberstabsärztin Newton glaubte, daß es insgesamt gesehen am besten war, ihren Patienten mitzuteilen, was mit ihnen geschah und warum. Selbst wenn sie es nicht verstanden, half es, sie ruhigzuhalten, so daß ihre lästige Anwesenheit den glatten Ablauf des medizinischen Betriebs nicht allzusehr störte. „Sie fühlen sich vielleicht gesund, Loren“, sagte sie, „aber Ihre Lungen sind noch dabei, sich zu regenerieren, und Sie müssen jede Anstrengung vermeiden, bis sie wieder ihre volle Kapazität erreicht haben. Wenn der Ozean von Thalassa so wäre wie der auf der Erde, dann wäre alles kein Problem gewesen. Aber der Salzgehalt ist viel niedriger — das Wasser ist trinkbar, Sie erinnern sich, und Sie haben ungefähr einen Liter davon getrunken. Da Ihre Körpersäfte salziger sind als das Meer hier, war das isotonische Gleichgewicht völlig durcheinander, und es gab ziemlich große Membranschäden durch osmotischen Druck. Wir mußten mit Höchstgeschwindigkeit in den Schiffsarchiven nachforschen, ehe wir Sie behandeln konnten. Schließlich und endlich ist Ertrinken kein normales Risiko im Weltraum.“ „Ich werde ein braver Patient sein“, versprach Loren. „Und ich weiß wirklich zu schätzen, was Sie alles für mich getan haben. Aber wann darf ich Besuch empfangen?“ „Da wartet gerade jemand draußen. Fünfzehn Minuten gestehe ich Ihnen zu. Dann wird die Schwester sie rauswerfen.“ „Und kümmern Sie sich nicht um mich“, sagte Bill Horton. „Ich schlafe tief und fest.“ 33. Gezeiten Mirissa fühlte sich ganz entschieden unpäßlich, und daran war natürlich nur Die Pille schuld. Aber wenigstens hatte sie den Trost, zu wissen, daß ihr das nur noch einmal passieren konnte — wenn (und falls!) man ihr das zweite Kind genehmigte. Es war unglaublich, wenn man sich vorstellte, daß praktisch alle Generationen von Frauen, die jemals existiert hatten, diese monatlichen Beschwerden ihr halbes Leben hatten ertragen müssen. War es reiner Zufall, so fragte sie sich, daß der Fruchtbarkeitszyklus annähernd mit dem des einzigen Riesenmondes der Erde zusammenfiel? Nur einmal angenommen, es wäre auf Thalassa mit seinen zwei dicht beieinanderstehenden Satelliten genauso gewesen! Vielleicht war es ganz gut, daß hier die Gezeiten kaum wahrnehmbar waren; der Gedanke von Fünfund Sieben-Tage-Zyklen, die in Dissonanzen aufeinanderprallten, war so komisch gräßlich, daß sie lächeln mußte, worauf sie sich sofort viel besser fühlte. Sie hatte Wochen gebraucht, um sich zu dem Entschluß durchzuringen, und sie hatte es Loren noch gar nicht gesagt — und Brant auch nicht, der drüben auf der Nordinsel voller Eifer die ‚Calypso‘ reparierte. Hätte sie das getan, wenn er sie nicht verlassen hätte — wenn er nicht, trotz seines großen Geschreis und seiner Prahlerei, kampflos davongelaufen wäre? Nein — das war unfair, eine primitive, sogar vormenschliche Reaktion. Aber solche Instinkte hielten sich zäh; Loren hatte ihr ein wenig verlegen erzählt, daß er und Brant einander manchmal in den Korridoren seiner Träume auflauerten. Sie konnte Brant keinen Vorwurf machen; im Gegenteil, sie sollte stolz auf ihn sein. Nicht aus Feigheit, sondern aus Rücksichtnahme war er nach Norden gegangen, bis sie beide sich über ihr Schicksal klargeworden waren. Sie hatte ihre Entscheidung nicht übereilt getroffen; sie erkannte jetzt, daß sie wohl schon seit Wochen unterhalb der Bewußtseinsschwelle gewartet hatte. Lorens zeitweiliger Tod hatte sie daran erinnert — als ob es einer Erinnerung bedurft hätte! — , daß sie bald für immer scheiden mußten. Sie wußte, was zu tun war, ehe er zu den Sternen aufbrach. Alle ihre Instinkte bestätigten ihr, daß es richtig war. Und was würde Brant dazu sagen? Wie würde er reagieren? Das war noch eines von den vielen Problemen, denen sie sich zu. stellen haben würde. Ich liebe dich, Brant, flüsterte sie. Ich möchte, daß du zurückkommst; mein zweites Kind wird von dir sein. Aber nicht mein erstes. 34. Über Schiffsfunk Wie sonderbar, dachte Owen Fletcher, daß ich den gleichen Namen trage wie einer der berühmtesten Meuterer aller Zeiten! Könnte ich ein Nachfahre von ihm sein? Mal überlegen — es ist mehr als zweitausend Jahre her, seit sie auf Pitcairn Island gelandet sind… sagen wir, hundert Generationen, dann ist es einfacher. Fletcher war auf naive Weise stolz auf seine Fähigkeiten im Kopfrechnen, die, obwohl sie elementar waren, weitaus die meisten Leute überraschten und beeindruckten; seit Jahrhunderten drückte der Mensch auf Knöpfe, wenn er vor dem Problem stand, zwei und zwei zusammenzuzählen. Wenn man noch ein paar Logarithmen und mathematische Konstanten im Kopf hatte, so war das eine enorme Hilfe, und es machte seine Leistung für diejenigen, die nicht wußten, wie das ging, noch geheimnisvoller. Natürlich wählte er nur Beispiele, die er auch bewältigte, und es kam sehr selten vor, daß sich jemand die Mühe machte, seine Antworten nachzurechnen. Hundert Generationen zurück — also zwei hoch hundert Vorfahren. Logarithmus zwei ist null Komma drei null eins null — das heißt, dreißig Komma eins… Olympus! — eine Million Million Million Million Millionen Menschen! Da stimmte etwas nicht — eine solche Zahl hatte doch seit Anbeginn der Zeiten niemals auf der Erde gelebt — natürlich setzt man dabei voraus, daß es niemals Überlappungen gab — der menschliche Stammbaum mußte hoffnungslos verschlungen sein — nach hundert Generationen mußte jedenfalls jeder mit jedem verwandt sein — ich werde es niemals beweisen können, aber Fletcher Christian muß ein Vorfahre von mir sein — über viele Linien hin. Alles sehr interessant, dachte er, als er das Bild abschaltete und die alten Aufzeichnungen vom Schirm verschwanden. Aber ich bin kein Meuterer. Ich bin ein… ein Bittsteller, mit einem völlig vernünftigen Anliegen. Karl, Ranjit, Bob, alle stimmen mir zu. Werner ist noch unsicher, aber verraten wird er uns nicht. Wie wünschte ich, daß wir mit den übrigen Sabras reden und ihnen von der herrlichen Welt erzählen könnten, die wir gefunden haben, während sie schlafen. Aber ich muß dem Kapitän antworten… Kapitän Bey empfand es als ausgesprochen beunruhigend, daß er den Schiffsangelegenheiten nachgehen mußte, ohne zu wissen, wer — oder wie viele — seiner Offiziere oder Besatzungsmitglieder sich auf dem anonymen Weg des SCHIFFSFUNKS an ihn wandten. Es gab keine Möglichkeit, diese nicht aufgezeichneten Eingaben zurückzuverfolgen — Vertraulichkeit war ja gerade ihr Zweck, diese Möglichkeit war als stabilisierender, gesellschaftlicher Mechanismus von den lange verstorbenen Genies eingebaut worden, die die ‚Magellan‘ konstruiert hatten. Er hatte seinen obersten Nachrichtenoffizier vorsichtig wegen eines Suchprogramms angesprochen, aber Kommandant Rocklynn war so schokkiert gewesen, daß er die Angelegenheit sofort hatte fallenlassen. Und so forschte er nun beständig in Gesichtern, achtete auf Gesichtsausdrücke, lauschte auf den Tonfall von Stimmen — und versuchte, sich so zu verhalten, als ob nichts geschehen wäre. Vielleicht reagierte er übertrieben, und es war wirklich nichts Besonderes geschehen. Aber er befürchtete, daß eine Saat ausgestreut worden war, und daß sie mit jedem Tag, den das Schiff im Orbit über Thalassa verbrachte, weiter aufgehen würde. Seine erste Erwiderung, die er nach der Beratung mit Malina und Kaldor aufgesetzt hatte, war ziemlich konziliant gewesen: VON: KAPITÄN AN: ANONYM Auf Ihre undatierte Mitteilung möchte ich antworten, daß ich gegen Gespräche auf den von Ihnen vorgeschlagenen Wegen, sei es über SCHIFFSFUNK oder formell im Schiffsrat, nichts einzuwenden habe. In Wirklichkeit hatte er sehr viel dagegen; er hatte fast sein halbes Leben als Erwachsener damit verbracht, sich auf die ungeheure Verantwortung vorzubereiten, eine Million Menschen hundertfünfundzwanzig Lichtjahre weit durch den Weltraum zu bringen und dann neu anzusiedeln. Das war sein Auftrag; wenn ihm das Wort ‚heilig‘ irgend etwas bedeutet hätte, dann hätte er es dafür gebraucht. Nichts außer einem katastrophalen Schaden am Schiff oder der unwahrscheinlichen Erkenntnis, daß die Sonne von Sagan Zwei kurz davor stand, zur Nova zu werden, konnte ihn von diesem Ziel abbringen. Im Augenblick gab es eine offensichtliche Vorgehensweise. Vielleicht wurde die Mannschaft — wie Blighs Leute — allmählich disziplinlos oder zumindest nachlässig. Die Reparaturen an der Eisanlage nach dem geringen Schaden, den der Tsunami angerichtet hatte, hatten doppelt so lange gedauert wie erwartet, und das war typisch. Auf dem ganzen Schiff wurde das Tempo langsamer; ja, es war Zeit, wieder mit der Peitsche zu knallen. „Joan“, sagte er zu seiner Sekretärin, die dreißigtausend Kilometer unter ihm war. „Geben Sie mir den letzten Bericht von der Schildmontage. Und sagen Sie Kapitän Malina, daß ich mit ihm über den Hebeplan sprechen möchte.“ Er wußte nicht, ob sie mehr als eine Schneeflocke pro Tag hochbefördern konnten. Aber versuchen konnten sie es. 35. Genesungszeit Leutnant Horton war ein amüsanter Zimmergenosse, aber Loren war froh, daß er ihn loswurde, sobald die Elektrofusionsströme seine gebrochenen Knochen zusammengeschweißt hatten. Wie Loren in ziemlich ermüdender Genauigkeit erfuhr, war der junge Ingenieur in die Gesellschaft einer Bande langhaariger Typen auf der Nordinsel geraten, deren zweitgrößtes Interesse im Leben offenbar das Surfen mit Mikrodüsenbrettern auf senkrechten Wellen war. Horton hatte auf die harte Tour herausgefunden, daß dieser Sport noch gefährlicher war, als er aussah. „Ich bin ganz überrascht“, hatte Loren einmal bei einer ziemlich wüsten Geschichte dazwischengeworfen. „Ich hätte geschworen, daß Sie neunzig Prozent hetero sind.“ „Zweiundneunzig, meinem Profil nach“, sagte Horton fröhlich. „Aber gelegentlich überprüfe ich meine Eichung ganz gerne einmal.“ Der Leutnant sagte das nur halb im Scherz. Er hatte irgendwo gehört, Hundertprozentige seien so selten, daß man sie als pathologisch einstufte. Nicht, daß er das wirklich geglaubt hätte, aber es beunruhigte ihn ein wenig bei den seltenen Gelegenheiten, zu denen er über die Sache nachdachte. Jetzt war Loren der einzige Patient, und er hatte die lassanische Krankenschwester davon überzeugen können, daß ihre ständige Anwesenheit völlig unnötig war — wenigstens während Mirissas täglicher Besuche. Oberstabsärztin Newton, die sich, wie die meisten Ärzte, peinlich unverblümt ausdrücken konnte, hatte ihm ganz schroff gesagt: „Sie brauchen noch eine Woche, um sich zu erholen. Wenn Sie unbedingt mit ihr kopulieren müssen, dann überlassen Sie gefälligst ihr die Arbeit.“ Natürlich kamen auch viele andere Besucher. Mit zwei Ausnahmen freute er sich über die meisten. Bürgermeisterin Waldron konnte seine kleine Krankenschwester so weit einschüchtern, daß sie zu jeder Zeit vorgelassen wurde; glücklicherweise fielen ihre Heimsuchungen nie mit Mirissas Besuchen zusammen. Als die Bürgermeisterin zum erstenmal kam, stellte Loren es so hin, als liege er fast im Sterben, aber diese Taktik zeigte katastrophale Auswirkungen, denn sie machte es ihm unmöglich, einige feuchte Zärtlichkeiten abzuwehren. Beim zweiten Besuch — glücklicherweise hatte er zehn Minuten vorher eine Warnung erhalten — saß er, von Kissen gestützt und bei vollem Bewußtsein da. Durch einen seltsamen Zufall wurde auch gerade ein komplizierter Atemfunktionstest durchgeführt, und der Atemschlauch in Lorens Mund machte jedes Gespräch unmöglich. Etwa dreißig Sekunden nach dem Abgang der Bürgermeisterin wurde der Test abgebrochen. Brant Falconers einziger Höflichkeitsbesuch war für beide Teile ziemlich anstrengend. Sie redeten höflich über die Skorps, über die Fortschritte der Gefrieranlage an der Mangrovenbucht, über die Politik auf der Nordinsel — praktisch über alles, nur nicht über Mirissa. Loren sah, daß Brant beunruhigt, ja sogar verlegen war, aber das allerletzte, womit er gerechnet hätte, war eine Entschuldigung. Die rang sein Besucher sich ab, kurz bevor er ging. „Wissen Sie, Loren“, sagte er zögernd, „wegen dieser Welle hätte ich nichts anderes tun können. Wenn ich auf Kurs geblieben wäre, wären wir auf das Riff geschleudert worden. Wirklich schade, daß die ‚Calypso‘ nicht rechtzeitig tiefes Wasser erreichen konnte.“ „Ich bin ganz sicher“, sagte Loren völlig aufrichtig, „daß niemand die Sache hätte besser machen können.“ „Hm — ich bin froh, daß Sie das so sehen.“ Brant war offensichtlich erleichtert, und Loren spürte, wie Sympathie — sogar Mitgefühl — für den anderen in ihm aufwallte. Vielleicht hatte jemand sein seemännisches Können kritisiert; für einen Menschen, der so stolz auf seine Fähigkeiten war wie Brant, mußte das unerträglich sein. „Ich habe gehört, daß man den Schlitten geborgen hat.“ „Ja — er wird bald repariert sein, dann ist er so gut wie neu.“ „Genau wie ich.“ In diesem Augenblick der Kameradschaft, als sie gemeinsam lachten, kam Loren plötzlich ein ironischer Gedanke. Brant mußte sich oft gewünscht haben, daß Kumar ein klein bißchen weniger mutig gewesen wäre. 36. Der Kilimandscharo Warum hatte er vom Kilimandscharo geträumt? Es war ein seltsames Wort; ein Name, da war er sicher — aber wofür? Moses Kaldor lag im grauen Licht der thalassanischen Dämmerung und wurde sich langsam der Geräusche von Tarna bewußt. Nicht, daß es zu dieser Stunde viele gegeben hätte; irgendwo schwirrte ein Sandschlitten, auf dem Weg zum Strand wahrscheinlich, um einen zurückkehrenden Fischer abzuholen. Kilimandscharo. Kaldor war kein Angeber, aber er bezweifelte, daß irgendein anderes, menschliches Wesen so viele alte Bücher über so viele verschiedene Themen gelesen hatte. Er hatte auch ein Gedächtnisimplantat von mehreren Terabyte erhalten, und obwohl auf diese Weise gespeicherte Informationen nicht wirklich Wissen waren, konnte man darüber verfügen, wenn man sich den Abrufkode ins Bewußtsein rief. Es war noch ein bißchen zu früh, um das zu versuchen, und er bezweifelte, ob die Sache so besonders wichtig war. Aber er hatte gelernt, Träume nicht zu vernachlässigen; der alte Sigmund Freud hatte vor zweitausend Jahren einige einleuchtende Aussagen dazu gemacht. Und außerdem würde er doch nicht wieder einschlafen können. Er schloß die Augen, löste den SUCH-Befehl aus und wartete. Obwohl das reine Einbildung war — der Vorgang spielte sich auf einer völlig unterbewußten Ebene ab — malt er sich aus, wie irgendwo in den Tiefen seines Gehirns Myriaden von Ks vorbeiflackerten. Jetzt passierte etwas mit den Phosphenen, die ständig in willkürlichen Mustern über die Netzhaut des fest geschlossenen Auges tanzen. Wie durch Zauber war in dem schwach leuchtenden Chaos ein dunkles Fenster erschienen; Buchstaben bildeten sich — und da war es: KILIMANDSCHARO: Vulkanischer Berg, Afrika. Höhe: 5,9 km. Standort des ersten Weltraumfahrstuhls auf der Erde. Tja. Was hatte das zu bedeuten? Er spielte in Gedanken mit dieser kargen Information. Hatte es etwas mit dem Krakan, dem anderen Vulkan zu tun, der in letzter Zeit sicher eine gewisse Rolle in seinem Denken gespielt hatte? Das schien ihm ziemlich weit hergeholt. Und er brauchte auch keine Warnung, daß Krakan — oder sein stürmischer Abkömmling — vielleicht erneut ausbrechen könnte. Der erste Weltraumfahrstuhl? Das war wirklich eine alte Geschichte; er markierte den ersten Anfang der Planetenkolonisierung, indem er der Menschheit praktisch freien Zugang zum Sonnensystem eröffnete. Und hier arbeiteten sie mit der gleichen Technik, sie verwendeten Kabel aus superstarkem Material, um damit die großen Eisblöcke zur ‚Magellan‘ hinaufzubefördern, während das Schiff im stationären Orbit über dem Äquator schwebte. Aber auch das war ein sehr weiter Weg von dem Berg in Afrika. Der Zusammenhang war zu entfernt; die Antwort, da war Kaldor sicher, mußte anderswo liegen. Der direkte Zugang hatte versagt. Die einzige Möglichkeit, das Verbindungsglied zu finden — wenn ihm das überhaupt je gelang — war, es dem Zufall, der Zeit und der rätselhaften Arbeitsweise des Unterbewußtseins zu überlassen. Er würde sich bemühen, den Kilimandscharo zu vergessen, bis der sich den günstigsten Zeitpunkt aussuchte, um in seinem Gehirn auszubrechen. 37. In Vino Veritas Nach Mirissa war Kumar der willkommenste — und häufigste Besucher Lorens. Trotz seines Spitznamens kam er Loren eher vor wie ein treuer Hund — oder vielmehr, ein freundlicher Welpe — als wie ein Löwe. Es gab ein Dutzend verhätschelter Hunde in Tarna — und eines Tages würde es vielleicht sogar auf Sagan Zwei wieder welche geben, die ihre lange Bekanntschaft mit dem Menschen erneuerten. Loren hatte nun erfahren, in welche Gefahr sich der Junge in der aufgewühlten See begeben hatte. Es war gut für sie beide gewesen, daß Kumar die Küste nie verließ, ohne sich ein Tauchermesser ans Bein zu schnallen; trotzdem war er länger als drei Minuten unter Wasser gewesen, um das Kabel durchzusägen, in das Loren sich verwickelt hatte. Die Mannschaft der ‚Calypso‘ war überzeugt gewesen, daß sie beide ertrunken waren. Trotz des Bandes, das sie jetzt zusammenschloß, fiel es Loren schwer, sich mit Kumar länger zu unterhalten. Immerhin konnte man nicht auf unendlich viele Arten sagen: Vielen Dank, daß du mir das Leben gerettet hast, Junge; und sie waren in ihrer Herkunft so völlig verschieden, daß sie nur sehr wenige gemeinsame Bezugssysteme hatten. Wenn Loren mit Kumar über die Erde oder über das Schiff sprechen wollte, mußte er alles mühselig bis in die kleinsten Einzelheiten erklären; und nach einer Weile sah er ein, daß er seine Zeit vergeudete. Anders als seine Schwester lebte Kumar in der Welt des unmittelbaren Erlebens; ihm waren nur das Hier und Heute auf Thalassa wichtig. „Wie ich ihn beneide!“ hatte Kaldor einmal bemerkt. „Er ist ein Wesen von heute — nicht von der Vergangenheit heimgesucht und ohne Angst vor der Zukunft.“ An dem Abend, der, wie er hoffte, sein letzter in der Klinik sein würde, wollte sich Loren gerade schlafenlegen, als Kumar mit einer sehr großen Flasche ankam und sie triumphierend hochhielt. „Rate!“ „Ich habe keine Ahnung“, sagte Loren, absolut nicht wahrheitsgemäß. „Der erste Wein des Jahres, von Krakan. Man sagt, es würde ein sehr gutes Jahr.“ „Wieso verstehst du denn etwas davon?“ „Unsere Familie hat seit mehr als hundert Jahren einen Weinberg dort. Die Löwen-Weine sind die berühmtesten auf der Welt.“ Kumar suchte so lange, bis er zwei Gläser gefunden hatte, dann schenkte er beide großzügig voll. Loren nippte vorsichtig; der Wein war ein wenig süß für seinen Geschmack, aber sehr, sehr lieblich. „Wie nennt ihr ihn?“ fragte er. „Krakan Spezial.“ „Soll ich das riskieren, nachdem Krakan mich schon einmal fast getötet hätte?“ „Du wirst nicht einmal einen Kater davon bekommen.“ Loren nahm einen zweiten, größeren Schluck, und in überraschend kurzer Zeit war das Glas leer. Noch schneller war es wieder voll. Loren fand, das sei eine ausgezeichnete Art, seine letzte Nacht im Krankenhaus zu verbringen, und er merkte, wie seine normale Dankbarkeit gegenüber Kumar sich auf die ganze Welt ausdehnte. Jetzt wäre ihm sogar ein Besuch von Bürgermeisterin Waldron nicht unwillkommen gewesen. „Übrigens, wie geht es Brant? Ich habe ihn seit einer Woche nicht mehr gesehen.“ „Er ist immer noch auf der Nordinsel, kümmert sich um die Reparaturen am Boot und redet mit den Meeresbiologen. Alle sind sehr aufgeregt wegen der Skorps. Aber niemand kann sich entscheiden, was man unternehmen soll. Wenn überhaupt.“ „Weißt du, so etwa geht es mir mit Brant.“ Kumar lachte. „Keine Sorge. Er hat ein Mädchen auf der Nordinsel.“ „Oh. Weiß Mirissa davon?“ „Natürlich.“ „Und es macht ihr nichts aus?“ „Warum denn? Brant liebt sie — und er kommt immer wieder zurück.“ Loren verarbeitete diese Information, aber ziemlich langsam. Es ging ihm auf, daß er eine neue Variable in einer ohnehin schon komplexen Gleichung war. Hatte Mirissa noch weitere Liebhaber? Wollte er es wirklich wissen? Sollte er danach fragen? „Jedenfalls“, fuhr Kumar fort, während er die beiden Gläser nachfüllte, „ist nur eines wirklich wichtig, daß nämlich ihre Genkarten genehmigt worden sind und daß sie für einen Sohn eingetragen wurden. Wenn er geboren ist, wird alles anders sein. Dann brauchen sie nur noch einander. War das auf der Erde nicht genauso?“ „Manchmal“, sagte Loren. Kumar weiß es also nicht; nur sie beide kannten immer noch allein das Geheimnis. Wenigstens werde ich meinen Sohn sehen, dachte Loren, wenn auch nur ein paar Monate lang. Und dann… Zu seinem Entsetzen spürte er, wie ihm die Tränen über die Wangen liefen. Wann hatte er zum letztenmal geweint? Vor zweihundert Jahren, als er auf die brennende Erde zurückschaute… „Was ist los?“ fragte Kumar. „Denkst du an deine Frau?“ Seine Besorgnis war so echt, daß Loren ihm seine Taktlosigkeit nicht übelnehmen konnte — auch nicht, daß er an etwas rührte, wovon in beiderseitigem Einvernehmen selten gesprochen wurde, weil es mit dem Hier und Jetzt nichts zu tun hatte. Vor zweihundert Jahren auf der Erde und in dreihundert Jahren auf Sagan Zwei, beides war zu weit weg von Thalassa, als daß seine Gefühle es hätten erfassen können, noch dazu in seinem gegenwärtigen, etwas benebelten Zustand. „Nein, Kumar, ich habe nicht an — meine Frau…“ „Wirst du ihr… jemals… von Mirissa… erzählen?“ „Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Ich bin sehr schläfrig. Haben wir die ganze Flasche ausgetrunken? Kumar? Kumar!“ Die Krankenschwester kam in der Nacht herein, verbiß sich ein Kichern und steckte die Laken so fest, daß die beiden nicht herausfielen. Loren erwachte als erster. Nach dem ersten Schrekken der Erkenntnis begann er zu lachen. „Was ist so komisch?“ fragte Kumar und wälzte sich ziemlich verschlafen aus dem Bett. „Wenn du es wirklich wissen willst — ich habe mich gerade gefragt, ob Mirissa wohl eifersüchtig wäre.“ Kumar grinste ironisch. „Ich war vielleicht ein wenig betrunken“, sagte er dann. „Aber ich bin ziemlich sicher, daß nichts passiert ist.“ „Ich auch.“ Aber er erkannte, daß er Kumar liebte — nicht, weil der ihm das Leben gerettet hatte oder weil er Mirissas Bruder war — sondern einfach, weil er Kumar war. Sex hatte damit absolut nichts zu tun; allein der Gedanke daran hätte sie beide nicht etwa in Verlegenheit gebracht, sondern erheitert. Das war auch gut so. Das Leben auf Tarna war schon kompliziert genug. „Und du hattest recht“, fügte Loren hinzu, „mit dem Krakan Spezial. Ich habe keinen Kater. Ich fühle mich sogar großartig. Kannst du ein paar Flaschen davon zum Schiff hinaufschicken lassen? Noch besser — ein paar hundert Liter.“ 38. Eine Debatte Es war eine einfache Frage, aber es gab keine einfache Antwort darauf: Was würde aus der Disziplin an Bord der ‚Magellan‘ werden, wenn das Ziel der Schiffsmission zum Gegenstand einer Abstimmung wurde? Natürlich würde das Ergebnis nicht bindend sein, und er konnte es, wenn nötig, aufheben. Das würde er sogar müssen, wenn die Mehrheit sich dafür entscheiden sollte, hierzubleiben (nicht, daß er auch nur einen Augenblick lang dachte). Aber ein solcher Ausgang wäre psychologisch verheerend. Die Mannschaft wäre in zwei Parteien gespalten, und das konnte zu Situationen führen, die er sich lieber nicht vorstellen wollte. Und doch — ein Kommandant mußte fest, durfte aber nicht stur sein. Der Vorschlag hatte durchaus vernünftige Seiten, und er hatte viele anziehende Aspekte. Schließlich hatte er selbst die Gastfreundschaft des Präsidenten genossen und wollte diese weiblichen Meister im Zehnkampf unbedingt wiedersehen. Diese Welt hier war schön; vielleicht konnte man den langsamen Prozeß des Kontinentalaufbaus, beschleunigen, so daß es Platz für die zusätzlichen Millionen gab. Das wäre unendlich viel einfacher, als Sagan Zwei zu kolonisieren. Außerdem würden sie Sagan Zwei vielleicht nie erreichen. Obwohl die Zuverlässigkeit der Schiffsfunktionen immer noch auf achtundneunzig Prozent geschätzt wurde, gab es Gefahren von außen, die niemand vorhersehen konnte. Nur ein paar seiner engsten Vertrauten unter den Offizieren wußten von dem Abschnitt des Eisschilds, der irgendwo um das Lichtjahr achtundvierzig herum verlorengegangen war. Wenn jener interstellare Meteorit oder was immer es gewesen war, damals nur ein paar Meter nähergekommen wäre… Jemand hatte gemeint, das Ding sei vielleicht eine alte Raumsonde von der Erde gewesen. Die Chancen standen in buchstäblich astronomischer Höhe dagegen, und natürlich konnte man eine solch ironische Hypothese niemals beweisen. Und jetzt nannten sich seine unbekannten Bittsteller die ‚Neu-Thalassaner‘. Sollte das heißen, fragte sich Bey, daß es viele waren, und daß sie im Begriff standen, sich zu einer politischen Bewegung zu organisieren? Wenn dem so war, wäre es vielleicht das Beste, sie so bald wie möglich ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Ja, es war Zeit, den Schiffsrat einzuberufen. Moses Kaldors Absage war schnell und höflich gekommen. „Nein, Kapitän; ich kann mich nicht in die Debatte einmischen — weder dafür, noch dagegen. Wenn ich das täte, hätte die Besatzung kein Vertrauen mehr zu meiner Unparteilichkeit. Aber ich bin bereit, als Vorsitzender zu fungieren, oder als Moderator — wie immer Sie es nennen möchten.“ „Einverstanden“, sagte Kapitän Bey prompt; das hatte er sich ja eigentlich erhofft. „Und wer wird die Anträge vorbringen? Wir können nicht erwarten, daß die Neu-Thalassaner an die Öffentlichkeit gehen, um ihre Sache zu vertreten.“ „Ich wünschte, wir könnten direkt abstimmen, ohne Streitgespräche und Diskussionen“, hatte Vizekapitän Malina gejammert. Insgeheim stimmte ihm Kapitän Bey zu. Aber er hatte es hier mit einer demokratischen Gesellschaft aus verantwortungsbewußten, hochgebildeten Menschen zu tun, und die Schiffsordnung erkannte diese Tatsache an. Die Neu-Thalassaner hatten um eine Ratsversammlung gebeten, um ihre Ansichten darzulegen; wenn er das ablehnte, handelte er seinem eigenen Anstellungsvertrag zuwider und verletzte das Vertrauen, das man ihm vor zweihundert Jahren auf der Erde entgegengebracht hatte. Es war nicht leicht gewesen, die Versammlung zu arrangieren. Da jeder ohne Ausnahme eine Chance zur Abstimmung bekommen mußte, mußten Termine und Dienstpläne geändert und Schlafzeiten unterbrochen werden. Die Tatsache, daß die Hälfte der Besatzung unten auf Thalassa war, stellte ein weiteres Problem dar, das noch nie vorher aufgetreten war — das der Sicherheit. Wie immer die Debatte ausgehen mochte, es war höchst unerwünscht, daß die Lassaner mithörten. Und so saß Loren Lorenson allein in seinem Büro in Tarna und hatte, zum erstenmal, soweit er sich erinnern konnte, die Tür abgeschlossen, als die Ratsversammlung begann. Wieder trug er eine Vollsicht-Brille; aber diesmal trieb er nicht durch einen unterseeischen Wald. Er befand sich an Bord der ‚Magellan‘, im vertrauten Sitzungssaal, und schaute in die Gesichter von Kollegen und, wenn er seinen Blickwinkel wechselte, auf den Bildschirm, auf dem ihre Äußerungen und ihr Votum erscheinen würden. Im Augenblick war darauf eine kurze Botschaft zu sehen: BESCHLUSS: Das Sternenschiff ‚Magellan‘ möge seine Mission auf Thalassa beenden, da alle seine wichtigsten Ziele hier erreicht werden können. Moses ist also oben auf dem Schiff, dachte Loren, als er über das Publikum hinblickte; ich habe mich schon gefragt, warum ich ihn in letzter Zeit nicht gesehen habe. Er sieht müde aus — und der Kapitän auch. Vielleicht ist die Sache ernster, als ich gedacht hätte. Kaldor verschaffte sich mit energischem Klopfen Aufmerksamkeit. „Kapitän, Offiziere, Besatzungsmitglieder — obwohl dies unsere erste Ratsversammlung ist, kennen Sie alle die Verfahrensregeln. Wenn Sie sprechen möchten, heben Sie die Hand, bis Sie aufgerufen werden. Wenn Sie eine schriftliche Stellungnahme abgeben wollen, tun Sie das mit Ihrem Tastenblock; die Adressen wurden verschlüsselt, um die Anonymität zu gewährleisten. In jedem Fall fassen Sie sich bitte so kurz wie möglich. Wenn es keine Fragen gibt, fangen wir mit Punkt Null Null Eins an.“ Die Neu-Thalassaner hatten noch ein paar Argumente hinzugefügt, aber im wesentlichen war 001 immer noch das Memorandum, das Kapitän Bey vor zwei Wochen so erschüttert hatte — er hatte in dieser Zeit bei der Ermittlung seiner Urheber nicht die geringsten Fortschritte gemacht. Vielleicht der aufschlußreichste Zusatzpunkt war die Behauptung, daß es ihre Pflicht sei, hierzubleiben; Lassa brauche sie, in technischer, kultureller und genetischer Hinsicht. Ich weiß nicht recht, dachte Loren, obwohl er versucht war, dem beizustimmen. Auf jeden Fall sollten wir die Lassaner erst um ihre Meinung fragen. Wir sind doch keine Imperialisten alten Stils — oder etwa doch? Jeder hatte Zeit gehabt, das Memorandum noch einmal zu lesen; Kaldor klopfte wieder, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. „Niemand hat… ah… um Genehmigung nachgesucht, zugunsten der Resolution sprechen zu dürfen; natürlich wird es dazu später noch Gelegenheit geben. Deshalb möchte ich jetzt Leutnant Elgar bitten, die Gegenargumente vorzutragen.“ Raymond Elgar war ein nachdenklicher, junger Ingenieur für Energieund Nachrichtentechnik, den Loren nur flüchtig kannte. Er war musikalisch begabt und behauptete, an einem epischen Gedicht über die Reise zu schreiben. Wenn man ihn aufforderte, auch nur einen einzigen Vers daraus vorzutragen, erwiderte er jedesmal: „Wartet bis Sagan Zwei plus ein Jahr.“ Es war offensichtlich, warum sich Leutnant Elgar freiwillig (wenn es wirklich freiwillig war) für diese Rolle gemeldet hatte. Seine dichterischen Ansprüche ließen ihm kaum eine andere Wahl. Und vielleicht arbeitete er wirklich an diesem Epos. „Kapitän — Schiffsgenossen — leiht mir euer Ohr…“ Das ist eine bemerkenswerte Wendung, dachte Loren. Ob sie wohl von ihm stammt? „Ich glaube, wir sind uns, im Herzen wie mit dem Verstand, alle einig, daß der Gedanke, auf Thalassa zu bleiben, sehr viel Anziehungskraft besitzt. Aber bedenkt auch folgende Punkte: Wir sind nur 161. Haben wir das Recht, für die Million Menschen, die noch schlafen, eine unwiderrufliche Entscheidung zu treffen? Und was ist mit den Lassanern? Es wird behauptet, wir würden ihnen helfen, wenn wir hierblieben. Aber stimmt das auch? Sie haben eine Lebensweise gefunden, die ihnen offenbar vollkommen zusagt. Bedenken Sie unsere Herkunft, unsere Ausbildung — das Ziel, dem wir uns vor Jahren verschrieben haben. Glauben Sie wirklich, eine Million von uns könnten Teil der lassanischen Gesellschaft werden, ohne sie völlig auseinanderzureißen? Und dann ist da die Frage der Pflicht. Generationen von Männern und Frauen haben sich geopfert, um diese Mission möglich zu machen — um der menschlichen Rasse eine bessere Überlebenschance zu geben. Je mehr Sonnen wir erreichen, desto besser sichern wir uns gegen Katastrophen ab. Wir haben gesehen, wozu die thalassanischen Vulkane fähig sind; wer weiß, was in den kommenden Jahrhunderten hier geschehen mag? Es wurde so leichthin von tektonischen Veränderungstechniken gesprochen, mit denen man Neuland schaffen könne, um Raum für die vergrößerte Bevölkerung zu gewinnen. Darf ich daran erinnern, daß das nicht einmal auf der Erde, nach Jahrtausenden von Forschung und Entwicklung, eine exakte Wissenschaft war? Erinnern Sie sich an die Katastrophe auf der Nazca-Platte im Jahre 3175! Ich kann mir nichts Tollkühneres vorstellen, als mit den Kräften herumzuspielen, die innerhalb von Thalassa aufgestaut sind. Mehr braucht nicht gesagt zu werden. Es kann in dieser Frage nur eine Entscheidung geben. Wir müssen die Lassaner ihrem eigenen Schicksal überlassen; wir müssen weiter nach Sagan Zwei.“ Loren war über den langsam anschwellenden Beifall nicht überrascht. Die interessante Frage war, wer hatte sich nicht daran beteiligt? Soweit er es beurteilen konnte, waren die Zuhörer in zwei fast gleiche Teile gespalten. Natürlich mochten einige auch applaudieren, weil sie die sehr wirkungsvolle Darstellung bewunderten — nicht unbedingt, weil sie dem Sprecher zustimmten. „Vielen Dank, Leutnant Elgar“, sagte Kaldor, der Vorsitzende. „Wir wissen besonders Ihre Kürze zu schätzen. Möchte nun jemand die Gegenmeinung vertreten?“ Eine gewisse Unruhe entstand, dann trat tiefe Stille ein. Mindestens eine Minute lang geschah nichts, dann erschienen auf dem Schirm Buchstaben. 002 WÜRDE DER KAPITÄN BITTE DIE LETZTE SCHÄTZUNG ÜBER DEN WAHRSCHEINLICHEN ERFOLG DER MISSION BEKANNTGEBEN. 003 WARUM WECKEN WIR NICHT EINE REPRÄSENTATIVE GRUPPE DER SCHLÄFER AUF, DAMIT SIE IHRE MEINUNG ABGEBEN KÖNNEN? 004 WARUM FRAGEN WIR NICHT DIE LASSANER, WAS SIE DAVON HALTEN. ES IST IHRE WELT? Unter völliger Geheimhaltung und Neutralität speicherte und bezifferte der Computer die Eingaben der Ratsmitglieder. In zweitausend Jahren hatte niemand eine bessere Möglichkeit erfunden, Meinungen stichprobenartig zu erfassen und eine Mehrheitsentscheidung zu erzielen. Überall auf dem Schiff — und unten auf Thalassa — tippten Männer und Frauen auf den sieben Knöpfen ihrer kleinen Einhandtastenblöcke Botschaften ein. Es war vielleicht die Fähigkeit, die sich jedes Kind als erste aneignete, alle notwendigen Kombinationen blind zu tippen, ohne auch nur darüber nachdenken zu müssen. Loren ließ seinen Blick über das Publikum schweifen und stellte belustigt fest, daß fast alle beide Hände so hielten, daß sie voll zu sehen waren. Er entdeckte niemanden mit dem typisch geistesabwesenden Blick, der darauf hindeutete, daß über einen verborgenen Tastenblock eine private Botschaft übermittelt wurde. Aber irgendwie meldeten sich doch eine Menge Leute zu Wort. 015 WIE WÄRE ES MIT EINEM KOMPROMISS? EINIGE VON UNS MÖCHTEN VIELLEICHT LIEBER HIERBLEIBEN. DAS SCHIFF KÖNNTE WEITERFLIEGEN. Kaldor verschaffte sich durch Klopfen Aufmerksamkeit. „Das ist nicht die Resolution, über die wir sprechen“, sagte er, „aber es wurde zur Kenntnis genommen.“ „Zu Antwort Null Null Zwei“, sagte Kapitän Bey und dachte gerade noch rechtzeitig daran, sich durch ein Nicken vom Vorsitzenden das Wort erteilen zu lassen, „die Zahl lautet achtundneunzig Prozent. Es würde mich nicht überraschen, wenn wir eine bessere Chance hätten, Sagan Zwei zu erreichen, als die Nordoder die Südinsel, über Wasser zu bleiben.“ 021 BIS AUF KRAKAN, GEGEN DEN SIE NICHT VIEL MACHEN KÖNNEN, HABEN DIE LASSANER KEINE ERNSTHAFTEN PROBLEME. VIELLEICHT SOLLTEN WIR IHNEN EIN PAAR HINTERLASSEN. KNR. Das mußte — mal sehen — natürlich, Kingsley Rasmussen sein. Offensichtlich hatte er nicht den Wunsch, inkognito zu bleiben. Er drückte eine Überlegung aus, die irgendwann fast alle einmal angestellt hatten. 022 WIR HABEN SCHON VORGESCHLAGEN, DASS SIE DIE TIEFENRAUMANTENNE AUF KRAKAN WIEDERAUFBAUEN UM MIT UNS IN KONTAKT ZU BLEIBEN. RMM. 023 ALLENFALLS ZEHN JAHRE ARBEIT. KNR. „Meine Herren“, sagte Kaldor ein wenig ungeduldig. „Wir kommen vom Thema ab.“ Habe ich etwas beizutragen? fragte sich Loren. Nein, ich werde diese Debatte aussitzen; für mich hat die Sache zu viele Seiten. Früher oder später muß ich zwischen Pflicht und Glück wählen. Aber jetzt noch nicht. Noch nicht… „Ich bin ziemlich überrascht“, sagte Kaldor, nachdem volle zwei Minuten lang nichts mehr auf dem Schirm erschienen war, „daß zu einer so wichtigen Sache sonst niemand mehr etwas zu sagen hat.“ Er wartete hoffnungsvoll noch eine Minute lang. „Schön. Vielleicht möchten Sie die Diskussion informell fortsetzen. Wir werden jetzt nicht abstimmen, aber Sie können während der nächsten achtundvierzig Stunden Ihre Ansicht auf dem üblichen Wege aufzeichnen. Vielen Dank.“ Er warf Kapitän Bey einen Blick zu, und der erhob sich mit einer Schnelligkeit, die seine unverkennbare Erleichterung verriet. „Danke, Dr. Kaldor. Die Schiffsratsversammlung ist hiermit beendet.“ Dann schaute er nervös zu Kaldor hinüber, der auf den Schirm starrte, als hätte er ihn soeben zum erstenmal gesehen. „Alles in Ordnung, Doktor?“ „Entschuldigen Sie, Kapitän — mir geht's gut. Ich habe mich nur eben an etwas Wichtiges erinnert, das ist alles.“ Und so war es wirklich. Zum tausendstenmal staunte er über die verschlungenen Wege, die das Unterbewußtsein nahm. Eintrag 021 hatte es geschafft. „Die Lassaner haben keine ernsthaften Probleme.“ Jetzt wußte er, warum er vom Kilimandscharo geträumt hatte. 39. Der Leopard im Schnee Entschuldige, Evelyn — es ist viele Tage her, seit ich zum letztenmal mit dir gesprochen habe. Bedeutet das, daß dein Bild in meinem Geist verblaßt, je mehr die Zukunft meine Energien und meine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt? Vermutlich ist es so, und logischerweise sollte ich mich darüber freuen. Sich so lange an die Vergangenheit zu klammern ist eine Krankheit — was du mir oft gesagt hast. Aber in meinem Herzen kann ich diese bittere Wahrheit noch immer nicht akzeptieren. In den letzten paar Wochen ist viel geschehen. Das Schiff wurde vom Bounty-Syndrom befallen, wie ich es nenne. Wir hätten darauf gefaßt sein müssen — ja, wir waren es sogar, aber nur im Scherz. Jetzt ist es Ernst, aber bisher nicht zu ernst — hoffentlich. Einige von der Besatzung möchten gerne auf Thalassa bleiben — wer kann es ihnen verübeln? — und haben das offen zugegeben. Andere wollen die ganze Mission hier beenden und Sagan Zwei vergessen. Wir wissen nicht, wie stark diese Gruppe ist, weil sie bisher nicht an die Öffentlichkeit getreten ist. Achtundvierzig Stunden nach der Ratsversammlung hatten wir das Abstimmungsergebnis. Obwohl die Stimmabgabe natürlich geheim war, weiß ich nicht, inwieweit man den Ergebnissen trauen kann. 151 waren für die Fortsetzung der Reise; nur 6 wollten die Mission hier beenden; und 4 waren unentschieden. Kapitän Bey war zufrieden. Er glaubt, die Situation unter Kontrolle zu haben, will aber einige Vorsichtsmaßnahmen treffen. Er weiß genau, je länger wir hierbleiben, desto größer wird der Druck werden, überhaupt nicht mehr fortzugehen. Ein paar Deserteure stören ihn nicht weiter — „Wenn sie gehen wollen, will ich sie bestimmt nicht halten“, wie er es ausgedrückt hat. Aber er befürchtet, daß die Unzufriedenheit auf den Rest der Besatzung übergreifen könnte. Deshalb will er den Bau des Schilds beschleunigen. Nachdem das System jetzt völlig automatisiert ist und reibungslos läuft, planen wir, zwei Eisblöcke pro Tag nach oben zu befördern, anstatt nur einen. Wenn das klappt, können wir in vier Monaten aufbrechen. Es ist noch nicht bekanntgegeben worden. Hoffentlich gibt es keine Proteste, wenn es verkündet wird, weder von den Neu-Lassanern, noch von sonst jemandem. Und nun noch eine Sache, die vielleicht völlig unwichtig ist, die ich aber faszinierend finde. Weißt du noch, wie wir einander Geschichten vorlasen, als wir uns kennenlernten? Es war eine großartige Methode, in Erfahrung zu bringen, wie die Menschen vor Tausenden von Jahren — lange, bevor Sensoroder auch nur Videoaufzeichnungen existierten — wirklich lebten und dachten… Einmal hast du mir — ich hatte nicht die leiseste, bewußte Erinnerung daran — eine Geschichte über einen großen Berg in Afrika mit dem seltsamen Namen ‚Kilimandscharo‘ vorgelesen. Ich habe im Schiffsarchiv nachgesehen, und jetzt verstehe ich, warum der Name mich verfolgt hat. Offenbar gab es hoch oben auf dem Berg, oberhalb der Schneegrenze, eine Höhle. Und in dieser Höhle lag der gefrorene Kadaver einer großen Raubkatze — eines Leoparden. Das ist das Rätsel: niemand erfuhr jemals, was der Leopard in dieser Höhle, so weit von seinem normalen Aufenthaltsgebiet entfernt, gewollt hatte. Du weißt, Evelyn, ich war immer stolz — viele Leute sagten eitel! — auf meine Intuition. Nun, mir scheint, daß hier etwas Ähnliches im Gange ist. Nicht nur einmal, sondern mehrmals hat man ein großes, starkes Meerestier entdeckt, weit entfernt von seinem natürlichen Lebensraum. Vor kurzem wurde das erste gefangen; es ist so etwas wie ein riesiges Krustentier, ähnlich den Meeresskorpionen, die einst auf der Erde lebten. Wir wissen nicht genau, ob diese Tiere intelligent sind, und vielleicht ist diese Frage sogar bedeutungslos. Aber sicher sind sie hochorganisierte, im Gesellschaftsverband lebende Tiere, die über primitive Technikkenntnisse — obwohl das vielleicht ein zu starkes Wort ist — verfügen. Soviel wir festgestellt haben, sind ihre Fähigkeiten nicht größer als die von Bienen, Ameisen oder Termiten, aber ihre Tätigkeiten spielen sich auf einer anderen und ziemlich eindrucksvollen Ebene ab. Am wichtigsten ist, daß sie das Metall entdeckt haben, obwohl sie es bisher offenbar nur als Schmuck verwenden und nur so viel Nachschub bekommen, wie sie von den Lassanern stehlen können. Das haben sie schon mehrmals getan. Und vor kurzem ist ein Skorp durch den Kanal mitten in unsere Gefrieranlage gekrochen. Die naive Annahme lautet, er habe nach Nahrung gesucht. Aber da, wo er herkam, aus mindestens fünfzig Kilometer Entfernung, gab es genug. Ich möchte wissen, was der Skorp so weit entfernt von zu Hause zu suchen hatte; ich glaube, die Antwort könnte für die Lassaner sehr wichtig sein. Ob wir sie wohl finden werden, ehe ich den langen Schlaf nach Sagan Zwei antrete? 40. Eine Auseinandersetzung Sobald Kapitän Bey in Präsident Farradines Büro trat, wußte er, daß etwas nicht stimmte. Normalerweise begrüßte ihn Edgar Farradine mit dem Vornamen und holte sofort die Weinkaraffe heraus. Diesmal gab es kein ‚Sirdar‘ und keinen Wein, aber wenigstens bekam er einen Stuhl angeboten. „Ich habe soeben eine beunruhigende Nachricht erhalten, Kapitän Bey. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich gerne den Premierminister dazubitten.“ Das war das erstemal, daß der Kapitän den Präsidenten direkt hatte zur Sache kommen hören — was immer die Sache war —, und auch das erstemal, daß er mit dem Premier in Farradines Büro zusammengetroffen war. „Herr Präsident, darf ich in diesem Falle Botschafter Kaldor dazubitten?“ Der Präsident zögerte nur einen Augenblick lang, dann antwortete er: „Sicher.“ Der Kapitän sah erleichtert den Anflug eines Lächelns, wie in Anerkennung dieser diplomatischen Feinheit. Dem Range nach mochten die Besucher unterlegen sein — aber nicht zahlenmäßig. Premierminister Bergman war, wie Kapitän Bey genau wußte, die eigentliche Macht hinter dem Thron. Hinter dem Premierminister stand das Kabinett, und hinter dem Kabinett stand die Jefferson Mark 3 Verfassung. Diese Konstellation hatte während der letzten paar hundert Jahre gut funktioniert; Kapitän Bey hatte eine Vorahnung, daß ihr jetzt eine größere Erschütterung bevorstand. Kaldor wurde schnell aus den Händen von Mrs. Farradine befreit, die ihn gerade als Versuchskaninchen für ihre Ideen bezüglich der Umgestaltung des Präsidentenhauses benützen wollte. Der Premierminister traf ein paar Sekunden später ein, wie üblich mit unergründlichem Gesicht. Als alle Platz genommen hatten, verschränkte der Präsident die Arme, lehnte sich in seinem pompösen Drehstuhl zurück und schaute seine Besucher vorwurfsvoll an. „Kapitän Bey — Dr. Kaldor — wir haben eine höchst beunruhigende Information erhalten. Wir möchten wissen, ob etwas Wahres an dem Bericht ist, daß Sie Ihre Mission hier — und nicht auf Sagan Zwei zum Abschluß bringen wollen.“ Kapitän Bey verspürte große Erleichterung — der sofort Verärgerung folgte. Es mußte einen schlimmen Bruch in der Geheimhaltung gegegeben haben; er hatte gehofft, daß die Lassaner nie von der Bittschrift und der Schiffsratsversammlung erfahren würden — aber das war vielleicht zuviel verlangt. „Herr Präsident — Herr Premierminister —, wenn Sie ein solches Gerücht gehört haben, so kann ich Ihnen versichern, daß daran kein Funken Wahrheit ist. Warum, glauben Sie, hieven wir täglich sechshundert Tonnen Eis hoch, um unseren Schild wiederaufzubauen? Würden wir uns diese Mühe machen, wenn wir vorhätten, hierzubleiben?“ „Vielleicht. Wenn Sie aus irgendeinem Grunde Ihre Pläne geändert hätten, würden Sie uns wohl kaum dadurch alarmieren, daß Sie die Arbeiten einstellten.“ Die schnelle Entgegnung versetzte dem Kapitän kurz einen Schock; er hatte diese liebenswürdigen Menschen unterschätzt. Dann begriff er, daß sie — und ihre Computer — schon alle offensichtlichen Möglichkeiten analysiert haben mußten. „Das ist richtig. Aber ich möchte Ihnen sagen — das ist noch vertraulich und wurde bisher nicht bekanntgegeben —, daß wir die Menge der Lasten verdoppeln wollen, um den Schild schneller als ursprünglich geplant zu vollenden. Wir wollen nicht hierbleiben, wir wollen, ganz im Gegenteil, sogar früher aufbrechen. Ich hätte Ihnen das lieber unter angenehmeren Umständen mitgeteilt.“ Selbst der Premierminister konnte seine Überraschung nicht völlig verhehlen; der Präsident versuchte es gar nicht erst. Ehe sie sich erholt hatten, ging Kapitän Bey erneut zum Angriff über. „Und es ist nur fair, Herr Präsident, daß Sie uns Belege für Ihre… ah… Anklage liefern. Wie können wir sie sonst entkräften?“ Der Präsident sah den Premierminister an. Der Premierminister sah die Besucher an. „Ich fürchte, das ist unmöglich. Damit würden wir unsere Informationsquellen preisgeben.“ „Dann stecken wir in einer Sackgasse. Wir werden Sie nicht überzeugen können, ehe wir wirklich aufbrechen — dem revidierten Zeitplan nach in einhundertdreißig Tagen.“ Ein nachdenkliches und ziemlich düsteres Schweigen entstand. Dann sagte Kaldor ruhig: „Könnte ich kurz unter vier Augen mit dem Kapitän sprechen?“ „Natürlich.“ Während sie draußen waren, fragte der Präsident den Premierminister: „Sagen sie die Wahrheit?“ „Kaldor würde nicht lügen, da bin ich sicher. Aber vielleicht kennt er nicht alle Fakten.“ Sie hatten keine Zeit, die Diskussion fortzusetzen, die Vertreter der Gegenseite kamen schon zurück, um sich ihren Anklägern zu stellen. „Herr Präsident“, sagte der Kapitän. „Dr. Kaldor und ich sind uns einig, daß es etwas gibt, was wir Ihnen mitteilen sollten. Wir hatten gehofft, es geheimhalten zu können — es war peinlich, und wir dachten, die Angelegenheit sei erledigt. Möglicherweise haben wir uns geirrt; in diesem Fall brauchen wir vielleicht Ihre Hilfe.“ Er faßte kurz die Vorgänge bei der Ratsversammlung und die Ereignisse zusammen, die dazu geführt hatten, und schloß: „Wenn Sie es wünschen, bin ich bereit, Ihnen die Aufzeichnungen zu zeigen — wir haben nichts zu verbergen.“ „Das wird nicht nötig sein, Sirdar“, sagte der Präsident, offensichtlich riesig erleichtert. Der Premierminister machte jedoch immer noch ein besorgtes Gesicht. „Hm — einen Augenblick, Herr Präsident. Das schafft die Berichte noch nicht aus der Welt, die wir erhalten haben. Sie waren sehr überzeugend, wie Sie sich vielleicht erinnern.“ „Ich bin sicher, daß der Kapitän sie erklären kann.“ „Nur, wenn Sie mir sagen, was es für Berichte sind.“ Wieder trat eine Pause ein. Dann bewegte sich der Präsident auf die Weinkaraffe zu. „Zuerst trinken wir ein Glas“, sagte er fröhlich. „Dann erzähle ich Ihnen, wie wir dahintergekommen sind.“ 41. Bettgeflüster Es war sehr glatt gegangen, sagte sich Owen Fletcher. Natürlich war er von der Abstimmung ein wenig enttäuscht, obwohl er sich fragte, wie genau sie die Meinung auf dem Schiff widerspiegelte. Schließlich hatte er zwei seiner Mitverschwörer angewiesen, mit Nein zu stimmen, damit die — immer noch bedauernswert geringe — Stärke der Neu-Thalassaner-Bewegung nicht offenkundig wurde. Das Problem war wie immer, was man als nächstes tun sollte. Er war Techniker, kein Politiker — obwohl er sich schnell in diese Richtung bewegte —, und er sah keine Möglichkeit, weitere Unterstützung zu sammeln, ohne an die Öffentlichkeit zu treten. Damit blieben ihm nur zwei Wege offen. Der erste, und einfachere, war, vorzeitig abzuheuern, so kurz vor dem Start wie nur möglich, indem man sich einfach nicht zurückmeldete. Kapitän Bey würde zu beschäftigt sein, um nach ihnen suchen zu lassen — selbst wenn er das wollte — und ihre lassanischen Freunde würden sie bis zum Abflug der ‚Magellan‘ verstecken. Aber das wäre eine zweifache Desertion — unerhört in der eng verbundenen Sabra-Gemeinde. Damit würde er seine schlafenden Kollegen im Stich lassen — ein schließlich seines eigenen Bruders und seiner Schwester. Was würden sie von ihm denken, in dreihundert Jahren, auf dem unwirtlichen Sagan Zwei, wenn sie erfuhren, daß er ihnen die Pforten des Paradieses hätte öffnen können, es aber versäumt hatte? Und die Zeit verrann; diese Computersimulationen von beschleunigten Transportplänen konnten nur eines bedeuten. Obwohl er noch nicht einmal mit seinen Freunden darüber gesprochen hatte, sah er keine andere Möglichkeit, als sofort zu handeln. Aber er scheute noch immer vor dem Wort ‚Sabotage‘ zurück. Rose Killian hatte nie von Delilah gehört und wäre entsetzt gewesen, wenn jemand sie mit ihr verglichen hätte. Sie war ein einfaches, ziemlich naives Mädchen von der Nordinsel, das — wie so viele junge Lassaner — von den glanzvollen Besuchern von der Erde überwältigt worden war. Ihre Affäre mit Karl Bosley war nicht nur für sie das erste, wirklich tiefgehende Gefühlserlebnis; für ihn galt das gleiche. Beide waren zutiefst betrübt bei dem Gedanken an die Trennung. Rose weinte eines nachts spät an Karls Schulter, bis er ihr Elend nicht länger ertragen konnte. „Versprich mir, daß du es niemandem erzählst“, sagte er und tändelte dabei mit den Haarsträhnen, die auf seiner Brust lagen. „Ich habe eine gute Nachricht für dich. Aber es ist ein großes Geheimnis — noch niemand weiß davon. Das Schiff wird nicht abfliegen. Wir bleiben alle hier auf Thalassa.“ Rose wäre vor Überraschung beinahe aus dem Bett gefallen. „Du sagst das nicht nur, weil du mich glücklich machen willst?“ „Nein — es ist wahr. Aber zu niemandem ein Wort! Es muß absolut geheimgehalten werden!“ „Natürlich, Liebling.“ Aber Roses beste Freundin Marion weinte ebenfalls um ihren Liebhaber von der Erde, deshalb mußte sie es erfahren… … und Marion gab die gute Nachricht weiter an Pauline… … die es sich nicht versagen konnte, es Svetlana zu erzählen… … die es wiederum Crystal anvertraute. Und Crystal war die Tochter des Präsidenten. 42. Die Überlebenden Das ist eine ganz unselige Geschichte, dachte Kapitän Bey. Owen Fletcher ist ein guter Mann. Ich war selbst einverstanden, als er ausgewählt wurde. Wie konnte er so etwas tun? Wahrscheinlich gab es keine einzelne Erklärung dafür. Wenn er nicht Sabra und auch noch in ein Mädchen verliebt gewesen wäre, wäre es vielleicht nie soweit gekommen. Was war der Ausdruck dafür, wenn eins und eins mehr als zwei ergaben? Etwas mit Sin… — ach ja, Synergie. Aber er wurde das Gefühl nicht los, daß da noch etwas dahintersteckte, etwas, das er wahrscheinlich nie erfahren würde. Er erinnerte sich an eine Bemerkung, die Kaldor, der ja für jede Gelegenheit einen Spruch parat hatte, ihm gegenüber einmal geäußert hatte, als sie über die Psychologie der Besatzung sprachen. „Wir sind alle verstümmelt, Kapitän, ob wir es nun zugeben oder nicht. Niemand, der während jener letzten Jahre auf der Erde das erlebt hat, was wir hinter uns haben, könnte davon unberührt bleiben. Und wir empfinden alle das gleiche Schuldgefühl.“ „Schuld?“ hatte er überrascht und indigniert gefragt. „Ja. Obwohl es nicht an uns liegt. Wir sind Überlebende — die einzigen Überlebenden. Und Überlebende fühlen sich immer schuldig, weil sie noch am Leben sind.“ Das war eine aufwühlende Feststellung, und sie mochte helfen, Fletcher — und vieles andere — zu erklären. Wir sind alle Verstümmelte. Ich frage mich, welche Verletzung du hast, Moses Kaldor — und wie du damit fertig wirst. Ich kenne die meine und war bisher in der Lage, sie zum Wohle meiner Mitmenschen nutzbar zu machen. Sie hat mich dahin gebracht, wo ich heute bin, und darauf kann ich stolz sein. In einer früheren Epoche wäre ich vielleicht ein Diktator oder ein Kriegsherr geworden. Statt dessen hat man mich sinnvollerweise als Chef der Kontinentalpolizei, als Kommandierenden General der Weltraumbaueinrichtungen — und schließlich als Kommandanten eines Sternenschiffes eingesetzt. Meine Machtgelüste wurden erfolgreich sublimiert. Er ging zum Kapitänstresor, zu dem er allein den Schlüssel hatte, und schob die kodierte Metallstange in den Schlitz. Die Tür schwang weich auf, und verschiedene Papierstapel, einige Medaillen und Trophäen und ein kleiner, flacher Holzkasten mit den in Silber eingelegten Buchstaben S.B. wurden sichtbar. Als der Kapitän den Kasten auf den Tisch stellte, spürte er erfreut die vertraute Unruhe in seinen Lenden. Er öffnete den Deckel und starrte auf das schimmernde Instrument der Macht hinunter, das sich in sein Samtbett kuschelte. Einst hatten Millionen seine Perversion geteilt. Gewöhnlich war sie recht harmlos — in primitiven Gesellschaften sogar wertvoll. Und oft hatte sie den Lauf der Geschichte verändert — zum Besseren oder zum Schlechteren. „Ich weiß, daß du ein Phallussymbol bist“, flüsterte der Kapitän. „Aber du bist auch eine Waffe. Ich habe dich schon benützt; ich kann es auch wieder tun.“ Die Rückblende konnte nicht mehr als den Bruchteil einer Sekunde gedauert haben, aber sie schien Jahre zu umfassen. Er stand noch immer an seinem Schreibtisch, als sie vorüber war; nur für einen Augenblick wurde all die sorgfältige Arbeit der Psychotherapeuten zunichte gemacht, und die Pforten des Gedächtnisses öffneten sich weit. Er blickte entsetzt — aber doch fasziniert — zurück auf jene letzten, turbulenten Jahrzehnte, die die besten und die schlimmsten Seiten der Menschen ans Licht gebracht hatten. Er erinnerte sich, wie er als junger Polizeiinspektor in Kairo zum erstenmal Befehl gegeben hatte, auf eine aufständische Menschenmenge zu feuern. Die Kugeln sollten eigentlich nur kampfunfähig machen. Aber zwei Menschen waren ums Leben gekommen. Weshalb war der Aufruhr entstanden? Er hatte es nie erfahren — es gab so viele politische und religiöse Bewegungen in jenen letzten Tagen. Und damals war auch die große Zeit der Superverbrecher; sie hatten nichts zu verlieren und keine Zukunft, auf die sie sich freuen konnten, daher waren sie bereit, jedes Risiko einzugehen. Die meisten von ihnen waren Psychopathen gewesen, aber einige waren fast Genies. Er dachte an Joseph Kidder, der fast ein Sternenschiff gestohlen hätte. Niemand wußte, was aus ihm geworden war, und manchmal fantasierte sich Kapitän Bey einen Alptraum zusammen: „Nur mal angenommen, einer meiner Schläfer wäre in Wirklichkeit…“ Die gewaltsame Reduzierung der Bevölkerung, das völlige Verbot jeglicher neuen Geburten nach dem Jahre 3600, die absolute Vorrangstellung, die der Entwicklung des Quantenantriebs und dem Bau von Schiffen der ‚Magellan‘-Klasse eingeräumt wurde — alle diese Zwänge, zusammen mit dem Wissen um das bevorstehende Verhängnis, hatten die irdische Gesellschaft solchen Belastungen unterworfen, daß es ihm immer noch wie ein Wunder vorkam, daß überhaupt jemand in der Lage gewesen war, aus dem Sonnensystem zu entkommen. Kapitän Bey erinnerte sich bewundernd und dankbar an jene, die ihre letzten Jahre für eine Sache geopfert hatten, von der sie nie erfahren würden, ob sie Erfolg hatte oder scheiterte. Er sah wieder die letzte Weltpräsidentin, Elisabeth Windsor, vor sich, wie sie erschöpft, aber stolz nach ihrer letzten Inspektionsrunde das Schiff verließ und auf einen Planeten zurückkehrte, der nur noch Tage zu leben hatte. Ihr war noch weniger Zeit geblieben; die Bombe in ihrem Raumtransporter war explodiert, kurz bevor die Maschine in Port Canaveral landen sollte. Bei dieser Erinnerung überlief es den Kapitän immer noch eiskalt; jene Bombe war für die ‚Magellan‘ bestimmt gewesen, und nur durch einen Fehler in der Zeitplanung war das Schiff gerettet worden. Die Ironie war, daß jeder der rivalisierenden Kulte behauptet hatte, dafür verantwortlich zu sein. Jonathan Cauldwell und seine schwindende, aber immer noch lautstarke Bande von Anhängern verkündeten immer verzweifelter, daß alles gutgehen würde, und daß Gott die Menschheit nur prüfen wolle, wie Er einst Hiob geprüft hatte. Trotz allem, was mit der Sonne geschah, sie würde bald wieder zu ihrem normalen Zustand zurückkehren, und die Menschheit würde gerettet sein — es sei denn, jene, die nicht an Seine Gnade glaubten, forderten Seinen Zorn heraus. Dann freilich könnte Er Seine Meinung im letzten Moment ändern… Der ‚Wille-Gottes-Kult‘ glaubte genau das Gegenteil. Der Jüngste Tag war endlich gekommen, und man sollte keinen Versuch unternehmen, ihm zu entgehen. Ja, man sollte ihn willkommen heißen, denn nach dem Gericht würden jene, die einer Rettung wert waren, in ewiger Glückseligkeit leben. Und so kamen die Cauldwelliten und der WGK von völlig entgegengesetzten Voraussetzungen ausgehend zu demselben Schluß: Die menschliche Rasse sollte nicht versuchen, ihrem Schicksal zu entgehen. Alle Sternenschiffe mußten vernichtet werden. Vielleicht war es ein Glück, daß die beiden gegnerischen Kulte so bitter verfeindet waren, daß sie nicht einmal zu einem Zweck, von dem sie beide überzeugt waren, zusammenzuarbeiten vermochten. Ja, nach dem Tod von Präsidentin Windsor war ihre Feindseligkeit in mörderische Gewalttätigkeit umgeschlagen. Jemand — wahrscheinlich war es das Weltsicherheitsbüro, obwohl Beys Kollegen das ihm gegenüber niemals zugegeben hatten — setzte das Gerücht in Umlauf, die Bombe sei vom WGK gelegt und der Zeitzünder von den Cauldwelliten demoliert worden. Auch die genau entgegengesetzte Version wurde gerne verbreitet; eine von beiden hätte sogar wahr sein können. All das war Geschichte, war jetzt außer ihm selbst nur noch einer Handvoll Menschen bekannt und würde bald vergessen sein. Aber es war doch sonderbar, daß die ‚Magellan‘ nun wieder von Sabotage bedroht wurde. Anders als der WGK und die Cauldwelliten waren die Sabras sehr kompetent und hatten nicht vor lauter Fanatismus den Verstand verloren. Sie könnten daher ein größeres Problem darstellen, aber Kapitän Bey glaubte zu wissen, wie er damit fertigwerden konnte. Du bist ein guter Mann, Owen Fletcher, dachte er grimmig. Aber ich habe schon bessere getötet. Und wenn es keine andere Möglichkeit gab, habe ich auch zur Folter gegriffen. Er war ziemlich stolz darauf, daß er das nie genossen hatte; und diesmal gab es eine bessere Möglichkeit. 43. Ein Verhör Und nun gab es auf der ‚Magellan‘ ein neues Besatzungsmitglied, das vorzeitig aus dem Schlaf geholt worden war und sich erst noch an die Realitäten der Situation anpassen mußte — genau wie Kaldor vor einem Jahr. So ein Vorgehen war nur durch einen Notfall zu rechtfertigen. Aber den Computerunterlagen nach besaß nur Dr. Marcus Steiner, einst Chefwissenschaftler der Terranischen Ermittlungsbehörde das Wissen und die Fähigkeiten, die jetzt leider gebraucht wurden. Unten auf der Erde hatten ihn seine Freunde oft gefragt, warum er sich dafür entschieden hätte, Professor für Kriminologie zu werden. Und er hatte immer die gleiche Antwort gegeben: „Die einzige Alternative war, Krimineller zu werden.“ Steiner hatte fast eine Woche gebraucht, um die enzephalographische Standardausrüstung des Krankenreviers abzuändern und die Computerprogramme zu überprüfen. Inzwischen durften die vier Sabras ihre Unterkunft nicht verlassen, und sie weigerten sich hartnäckig, irgendein Schuldgeständnis abzulegen. Owen Fletcher machte kein sehr fröhliches Gesicht, als er sah, welche Vorbereitungen man für ihn getroffen hatte; da gab es zu viele Ähnlichkeiten mit elektrischen Stühlen und Foltergeräten aus der blutigen Geschichte der Erde. Dr. Steiner vermittelte ihm, mit der synthetischen Vertraulichkeit des guten Vernehmungsbeamten, schnell ein Gefühl der Sicherheit. „Es gibt nichts, wovor Sie erschrecken müßten, Owen — ich verspreche Ihnen, Sie werden überhaupt nichts spüren. Sie werden sich der Antworten, die Sie mir geben, nicht einmal bewußt sein — aber Sie haben keine Möglichkeit, die Wahrheit zu verbergen. Weil Sie ein intelligenter Mensch sind, werde ich Ihnen genau erklären, was ich vorhabe. Überraschenderweise hilft mir das bei meiner Arbeit; ob Sie wollen oder nicht, Ihr Unterbewußtsein wird mir vertrauen — und mit mir zusammenarbeiten.“ Was für ein Unsinn, dachte Leutnant Fletcher; er glaubt doch wohl nicht, daß er mich so leicht übertölpeln kann! Aber er gab keine Antwort, als er in den Stuhl gesetzt wurde und die Sanitäter Lederriemen locker um seine Unterarme und seine Taille befestigten. Er versuchte nicht, Widerstand zu leisten; zwei seiner größten Ex-Kollegen standen verlegen im Hintergrund und wichen seinem Blick sorgfältig aus. „Wenn Sie etwas zu trinken haben wollen oder auf die Toilette müssen, brauchen Sie es nur zu sagen. Die erste Sitzung wird genau eine Stunde dauern; vielleicht brauchen wir später noch ein paar kürzere. Wir möchten, daß Sie entspannt sind und sich wohlfühlen.“ Unter den gegebenen Umständen war dies eine höchst optimistische Bemerkung, aber niemand schien sie im mindesten komisch zu finden. „Tut mir leid, daß wir Ihnen den Kopf rasieren mußten, aber Schädelelektroden haben etwas gegen Haare. Und wir müssen Ihnen die Augen verbinden, damit wir keine visuellen Inputs auffangen, die nur Verwirrung stiften… Sie werden jetzt allmählich schläfrig, aber Sie bleiben voll bei Bewußtsein… Wir werden Ihnen eine Reihe von Fragen stellen, auf die es nur drei mögliche Antworten gibt — ‚Ja‘, ‚Nein‘ oder ‚Ich weiß nicht‘. Aber nicht Sie müssen antworten; das wird Ihr Gehirn für Sie tun, und das trinärlogische System des Computers wird verstehen, was es sagt. Es gibt absolut keine Möglichkeit, wie Sie uns anlügen können; Sie dürfen es sehr gerne versuchen! Glauben Sie mir, einige der besten Köpfe auf der Erde haben diese Maschine erfunden — und sie konnten sie nie täuschen. Wenn sie zweideutige Antworten bekommt, formuliert der Computer einfach die Fragen anders. Sind Sie bereit? — Schön… Aufzeichnungsgerät bitte an… Zunahme auf Kanal 5 überprüfen… Programm läuft.“ SIE HEISSEN OWEN FLETCHER… ANTWORTEN SIE JA… ODER NEIN… SIE HEISSEN JOHN SMITH… ANTWORTEN SIE JA… ODER NEIN… SIE WURDEN IN LOWELL CITY, MARS GEBOREN… ANTWORTEN SIE JA… ODER NEIN… SIE HEISSEN JOHN SMITH… ANTWORTEN SIE JA… ODER NEIN… SIE WURDEN IN AUCKLAND, NEUSEELAND GEBOREN… … ANTWORTEN SIE JA… ODER NEIN… SIE HEISSEN OWEN FLETCHER… SIE WURDEN AM 3. MÄRZ 3585 GEBOREN… SIE WURDEN AM 31. DEZEMBER 3584 GEBOREN… Die Fragen kamen in so kurzen Abständen, daß Fletcher, selbst wenn er nicht unter dem Einfluß leichter Beruhigungsmittel gestanden hätte, keine falschen Antworten hätte geben können. Und es hätte auch nichts ausgemacht, wenn er es getan hätte; innerhalb von wenigen Minuten hatte der Computer das Muster seiner automatischen Reaktionen auf alle Fragen aufgestellt, auf die die Antworten schon bekannt waren. Von Zeit zu Zeit wurde die Kalibrierung überprüft (SIE HEISSEN OWEN FLETCHER… SIE WURDEN IN CAPETOWN, ZULULAND GEBOREN…) und gelegentlich wurden Fragen wiederholt, um schon gegebene Antworten zu bestätigen. Das ganze Verfahren lief völlig automatisch ab, sobald die physiologische Konstellation von JA-NEIN-Reaktionen einmal festgestellt war. Die primitiven ‚Lügendetektoren‘ hatten das auch versucht und recht gute Erfolge erzielt — aber selten vollständige Sicherheit. Es hatte nicht mehr als zweihundert Jahre gedauert, um die Technik zu vervollkommnen und damit die Rechtspraxis im Strafrecht wie im Zivilrecht so weit zu revolutionieren, daß nur wenige Prozesse noch länger als ein paar Stunden dauerten. Es war nicht so sehr ein Verhör als eine computerisierte — und betrugssichere — Version des alten Spiels ‚Zwanzig Fragen‘. Im Prinzip konnte jede Information mit einer Serie von JA-NEIN-Fragen schnell lokalisiert werden, und es war erstaunlich, wie selten man mehr als zwanzig dieser Fragen brauchte, wenn ein menschlicher Fachmann mit einer sachverständigen Maschine zusammenarbeitete. Als Owen Fletcher genau eine Stunde später ziemlich betäubt aus dem Stuhl taumelte, hatte er keine Ahnung, wonach man ihn gefragt und wie er geantwortet hatte. Er war jedoch ziemlich zuversichtlich, daß er nichts verraten hatte. Es überraschte ihn ein wenig, als Dr. Steiner fröhlich sagte: „Das war's, Owen. Wir brauchen Sie nicht mehr.“ Der Professor war stolz auf die Tatsache, daß er niemals jemandem Schmerzen zugefügt hatte, aber ein guter Vernehmungsbeamter mußte stets etwas von einem Sadisten an sich haben — wenn auch nur im psychologischen Sinne. Außerdem trug es zu seinem Ruf der Unfehlbarkeit bei, und damit war die Schlacht schon halb gewonnen. Er wartete, bis Fletcher das Gleichgewicht wiedergefunden hatte und zur Arrestzelle zurückgebracht werden konnte. „Ach übrigens, Owen — der Trick mit dem Eis hätte niemals funktioniert.“ In Wirklichkeit wäre es durchaus möglich gewesen, aber darauf kam es jetzt nicht an. Der Ausdruck auf dem Gesicht von Leutnant Fletcher belohnte Dr. Steiner aus reichend für die Anwendung seiner beträchtlichen Fähigkeiten. Jetzt konnte er sich bis Sagan Zwei wieder schlafenlegen. Aber zuerst wollte er sich entspannen und amüsieren und aus diesem unerwarteten Zwischenspiel soviel wie möglich herausholen. Morgen würde er sich Thalassa ansehen und vielleicht an einem dieser schönen Strände baden. Aber im Augenblick wollte er das Zusammensein mit einem geliebten, alten Freund genießen. Das Buch, das er ehrfürchtig aus seiner Vakuumverpackung zog, war nicht nur eine Erstausgabe; es war jetzt die einzige Ausgabe. Er öffnete es irgendwo; schließlich kannte er praktisch jede Seite davon auswendig. Er begann zu lesen, und fünfzig Lichtjahre von den Trümmern der Erde entfernt wogte wieder der Nebel die Baker Street hinunter. „Die Gegenprobe hat bestätigt, daß nur die vier Sabras in die Sache verwickelt waren“, sagte Kapitän Bey. „Wir können froh sein, daß es nicht notwendig ist, noch jemanden zu verhören.“ „Ich verstehe immer noch nicht, wie sie hoffen konnten, damit durchzukommen“, sagte Vizekapitän Malina unglücklich. „Ich glaube auch nicht, daß sie es geschafft hätten, aber es ist ein Glück, daß es nicht versucht wurde. Auf jeden Fall waren sie noch unentschlossen. Zu Plan A gehörte die Beschädigung des Schildes. Wie Sie wissen, war Fletcher bei der Montagegruppe und arbeitete an einem raffinierten Plan, nach dem die letzte Stufe der Hebeprozedur umprogrammiert werden sollte. Wenn man einen Eisblock nur mit ein paar Metern pro Sekunde aufprallen lassen konnte — Sie verstehen, was ich meine? Man konnte es so hindrehen, daß es wie ein Unfall aussah, aber es bestand die Gefahr, daß eine nachfolgende Untersuchung bald beweisen würde, daß es nichts dergleichen war. Und selbst wenn der Schild beschädigt wurde, konnte man ihn reparieren. Fletcher hoffte, daß die Verzögerung ihm Zeit geben würde, weitere Leute anzuwerben. Vielleicht hätte er recht gehabt; noch ein Jahr auf Thalassa… Zu Plan B gehörte die Sabotage der lebenserhaltenden Systeme, so daß das Schiff evakuiert werden müßte. Auch hier die gleichen Einwände. Plan C war der beunruhigendste, weil er tatsächlich das Ende der Mission bedeutet hätte. Glücklicherweise war niemand von den Sabras beim Antrieb beschäftigt; es wäre sehr schwierig für sie gewesen, an die Triebwerke heranzukommen…“ Alle machten schockierte Gesichter — aber niemand mehr als Kommandant Rocklyn. „Das wäre überhaupt nicht schwierig gewesen, Sir, wenn sie genügend Entschlossenheit besessen hätten. Das große Problem wäre gewesen, etwas zu arrangieren, was den Antrieb außer Betrieb setzte — auf Dauer —, ohne das Schiff zu beschädigen. Ich bezweifle sehr, ob sie dazu das notwendige technische Wissen besitzen.“ „Sie arbeiteten daran“, sagte der Kapitän grimmig. „Ich fürchte, wir müssen unsere Sicherheitsmaßnahmen überprüfen. Wir werden morgen darüber eine Konferenz für alle höheren Offiziere abhalten — hier, mittags.“ Und dann stellte Oberstabsärztin Newton die Frage, mit der kein anderer herausrücken wollte. „Wird es ein Kriegsgerichtsverfahren geben, Kapitän?“ „Das ist nicht nötig; die Schuld ist ja erwiesen. Laut Schiffsordnung ist das Urteil das einzige Problem.“ Alle warteten. Und warteten. „Vielen Dank, meine Damen und Herren“, sagte der Kapitän, und seine Offiziere verließen schweigend den Raum. Als er allein in seinem Quartier war, fühlte er sich zornig und verraten. Aber wenigstens war es vorüber; die ‚Magellan‘ hatte den von Menschenhand entfachten Sturm überstanden. Die drei anderen Sabras waren — vielleicht — harmlos; aber was war mit Owen Fletcher? Seine Gedanken wanderten zu dem tödlichen Spielzeug in seinem Tresor. Er war der Kapitän; es wäre ganz einfach, einen Unfall zu arrangieren… Er schob den Wunschtraum beiseite; das konnte er natürlich niemals tun. Und überhaupt hatte er schon einen Entschluß gefaßt und war sicher, daß der allgemeine Zustimmung finden würde. Jemand hatte einmal gesagt, daß es für jedes Problem eine Lösung gäbe, die einfach, ansprechend — und falsch war. Aber diese Lösung, da war er sicher, war einfach, ansprechend — und völlig richtig. Die Sabras wollten auf Thalassa bleiben; das konnten sie tun. Er zweifelte nicht daran, daß sie zu wertvollen Bürgern werden würden — vielleicht sogar von genau dem aggressiven kraftvollen Typus, den diese Gesellschaft brauchte. Wie seltsam, daß die Geschichte sich wiederholte, wie Magellan würde auch er einige von seinen Männern aussetzen. Aber ob das eine Strafe oder eine Belohnung für sie war, das würde er erst in dreihundert Jahren erfahren. Sechster Teil Die Wälder des Meeres 44. Die Beobachtungskugel Im Meereslabor auf der Nordinsel war man nicht gerade begeistert gewesen. „Wir brauchen immer noch eine Woche, um die ‚Calypso‘ zu reparieren“, sagte der Direktor, „und wir hatten Glück, daß der Schlitten überhaupt gefunden wurde. Es ist der einzige auf Thalassa, und wir wollen ihn nicht noch einmal aufs Spiel setzen.“ Die Symptome kenne ich, dachte Wissenschaftsoffizier Varley; auch während der letzten Tage auf der Erde gab es immer noch ein paar Laborleiter, die ihre schönen Geräte nicht durch tatsächlichen Einsatz beschmutzen lassen wollten. „Falls Krakan Junior — oder Senior — sich nicht wieder danebenbenimmt, sehe ich da kein Risiko. Und die Geologen haben doch versprochen, daß die beiden nun wenigstens fünfzig Jahre lang wieder Ruhe geben werden, oder nicht?“ „Darüber habe ich eine kleine Wette mit ihnen laufen. Aber nun mal ehrlich — warum halten Sie diese Sache für so wichtig?“ Welche Scheuklappen! dachte Varley. Auch wenn der Mann Physikalischer Ozeanograph ist, würde man doch erwarten, daß er sich ein wenig für das Leben im Meer interessiert. Aber vielleicht habe ich ihn falsch eingeschätzt; vielleicht will er mich nur aushorchen… „Wir sind an der Sache stark emotional beteiligt, seit Dr. Lorenson getötet wurde — glücklicherweise nicht unwiderruflich. Aber davon ganz abgesehen finden wir die Skorps faszinierend. Alles, was wir über Fremdintelligenzen herausfinden können, mag eines Tages von lebenswichtiger Bedeutung sein. Und für Sie noch mehr als für uns, da sie ja vor Ihrer Tür leben.“ „Das kann ich nachvollziehen. Vielleicht ist es ein Glück, daß wir so verschiedene ökologische Nischen besetzen.“ Wie lange noch? dachte der Wissenschaftsoffizier. Wenn Moses Kaldor recht hat… „Sagen Sie mir doch, was eine Beobachtungskugel genau tut. Der Name macht einen jedenfalls neugierig.“ „Sie wurden vor ein paar tausend Jahren für den Sicherheitsund Spionagebereich entwickelt, hatten aber viele andere Anwendungsmöglichkeiten. Manche waren nicht viel größer als Stecknadelköpfe — die, die wir einsetzen werden, hat die Größe eines Fußballs.“ Varley breitete die Zeichnungen auf dem Tisch des Direktors aus. „Die hier wurde besonders für den Unterwassereinsatz konstruiert — es wundert mich, daß sie Ihnen nicht bekannt ist — die erste Erwähnung datiert ins Jahr 2045. Wir haben eine vollständige Beschreibung im Technikspeicher gefunden und sie in den Kopierer eingegeben. Das erste Exemplar hat nicht funktioniert — wir wissen immer noch nicht, warum — aber Nummer zwei macht sich gut in den Tests. Hier sind die akustischen Generatoren — zehn Megahertz — wir haben also Millimeterauflösung. Natürlich keine Videoqualität, aber ausreichend. Der Signalprozessor ist so konstruiert, daß er, wenn die Beobachtungskugel eingeschaltet ist, einen einzigen Impuls ausschickt, der von allem, was innerhalb von zwanzig oder dreißig Metern liegt, ein akustisches Hologramm aufbaut. Diese Information sendet er auf einem zweihundert Kilohertz-Schmalband an die Boje, die oben schwimmt, und die funkt es zur Basis. Es dauert zehn Sekunden, bis sich das erste Bild aufgebaut hat; dann schickt die Beobachtungskugel einen neuen Impuls. Wenn sich am Bild nichts verändert hat, schickt sie ein Nullsignal. Wenn aber etwas geschieht, dann überträgt sie die neue Information, so daß ein auf den letzten Stand gebrachtes Bild erzeugt wird. Danach bekommen wir alle zehn Sekunden einen Schnappschuß, was für die meisten Zwecke ausreicht. Wenn sich natürlich schnell etwas ereignet, verschmieren die Bilder stark. Aber man kann nicht alles haben: das System funktioniert überall, auch in völliger Dunkelheit — es ist nicht leicht zu entdecken — und es ist wirtschaftlich.“ Der Direktor war offensichtlich interessiert, gab sich aber alle Mühe, seine Begeisterung nicht zu verraten. „Das ist ein raffiniertes Spielzeug — könnte für unsere Arbeit nützlich sein. Würden Sie uns die Beschreibung überlassen — und noch ein paar Modelle?“ „Die Beschreibung — sicher, und wir werden auch nachprüfen, ob sie mit Ihrem Kopierer kompatibel ist, damit Sie soviele Exemplare anfertigen können, wie Sie wollen. Das erste funktionierende Modell — und vielleicht auch die nächsten zwei oder drei — wollen wir in Skorpville absetzen. Und dann warten wir einfach ab und sehen, was passiert.“ 45. Der Köder Das Bild war körnig und manchmal schwer zu interpretieren, trotz der Falschfarbenkodierung, die Einzelheiten sichtbar machte, welche das Auge sonst nicht hätte unterscheiden können. Es war ein abgeflachtes 360-Grad-Panorama des Meeresbodens, links sah man in der Ferne Tang, in der Mitte ein paar Felsvorsprünge und rechts wieder Tang. Obwohl es wie ein Standfoto aussah, verrieten die fortlaufenden Zahlen in der linken, unteren Ecke, daß Zeit verging; und gelegentlich wechselte die Szene mit einem plötzlichen Ruck, wenn eine Bewegung das gesendete Informationsmuster veränderte. „Wie Sie sehen werden“, sagte Kommandantin Varley zu den eingeladenen Zuhörern im Hörsaal von Terra Nova, „waren keine Skorps in der Nähe, als wir kamen, aber sie könnten den Aufprall, mit dem unser… hm… Paket landete, gehört — oder gespürt — haben. Hier kommt der erste zum Nachsehen, nach einer Minute und zwanzig Sekunden.“ Das Bild wechselte nun nach jedem Zehn-SekundenIntervall ruckartig, und auf jedem Bild waren mehr Skorps zu sehen. „Das hier halte ich jetzt an“, sagte der Wissenschaftsoffizier, „damit Sie die Einzelheiten genau betrachten können. Sehen Sie diesen Skorp auf der rechten Seite? Beachten Sie seine linke Zange — nicht weniger als fünf von diesen Metallbändern! Und er scheint eine einflußreiche Position zu haben — in den nächsten Bildern gehen ihm die anderen Skorps aus dem Weg — jetzt untersucht er den rätselhaften Schrotthaufen, der da gerade von seinem Himmel gefallen ist — das ist eine besonders gute Aufnahme — sehen Sie nur, wie er Zangen und Palpi gemeinsam einsetzt — die einen zur Kraftanwendung, die anderen für genaues Arbeiten — jetzt zieht er am Draht, aber unser kleines Geschenk ist zu schwer, er kann es nicht bewegen — sehen Sie sich seine Haltung an — ich möchte schwören, daß er jetzt Befehle erteilt, obwohl wir kein Signal aufgefangen haben — vielleicht ist es unterhalb der Schallgrenze — hier kommt noch einer von den großen Burschen…“ Das Bild rutschte plötzlich weg und kippte in einem verrückten Winkel. „Und jetzt geht's los; sie schleppen uns mit — und Sie hatten recht, Dr. Kaldor — sie wollen zu der Höhle in der Felsenpyramide — das Paket ist zu groß, es paßt nicht hinein — genau, wie wir es geplant hatten, natürlich — das ist jetzt der wirklich interessante Teil…“ Man hatte sich über das Geschenk an die Skorps viele Gedanken gemacht. Obwohl es hauptsächlich aus Gerümpel bestand, hatte man dieses Gerümpel sorgfältig ausgewählt. Da gab es Stangen aus Stahl, Kupfer, Aluminium und Blei; Holzbretter; Rohre und Scheiben aus Plastik; Stücke einer Eisenkette; einen Metallspiegel — und mehrere Spulen Kupferdraht verschiedener Stärke. Die ganze Masse wog mehr als hundert Kilogramm und war sorgfältig so zusammengefügt worden, daß sie nur im Ganzen bewegt werden konnte. Die Beobachtungskugel war unauffällig an einer Seite eingebettet und mit vier einzelnen, kurzen Kabeln befestigt. Die beiden großen Skorps griffen nun den Gerümpelhaufen entschlossen und, wie es schien, nach einem genauen Plan an. Ihre starken Zangen wurden schnell mit den Drähten fertig, die das Ganze zusammenhielten, die Holzund Plastikstücke sonderten sie sofort aus; es war unverkennbar, daß sie nur am Metall interessiert waren. Der Spiegel ließ sie zögern. Sie hielten ihn hoch und starrten auf ihre Abbilder — die natürlich im akustischen Bild der Beobachtungskugel nicht zu erkennen waren. „Wir hätten eigentlich erwartet, daß sie angreifen — man kann herrlich Kämpfe auslösen, wenn man einen Spiegel in ein Fischbecken steckt. Vielleicht erkennen sie sich. Das deutet dann wohl auf ein ganz ansehnliches Intelligenzniveau hin.“ Die Skorps ließen von dem Spiegel ab und begannen die übrigen Trümmer über den Meeresboden zu schleppen. Auf den nächsten paar Aufnahmen herrschte ein hoffnungsloses Durcheinander. Als sich das Bild wieder stabilisierte, zeigte es eine völlig andere Szene. „Wir hatten Glück — alles ist genauso gelaufen, wie wir gehofft hatten. Sie haben die Beobachtungskugel in diese bewachte Höhle geschleppt. Aber das ist nicht der Thronsaal der Skorpkönigin — falls es überhaupt eine Skorpkönigin gibt, was ich sehr bezweifle… Hat jemand eine Theorie?“ Lange Zeit herrschte Schweigen, während die Zuschauer das fremdartige Spektakel betrachteten. Dann bemerkte jemand: „Das ist eine Rumpelkammer.“ „Aber sie muß doch einen Zweck erfüllen…“ „Seht mal — das ist ein Zehn-Kilowatt-Außenbordmotor — den muß jemand verloren haben!“ „Jetzt wissen wir endlich, wer ständig unsere Ankerketten stiehlt!“ „Aber warum — das gibt doch keinen Sinn.“ „Offensichtlich doch — für sie.“ Moses Kaldor ließ sein Aufmerksamkeit heischendes Hüsteln ertönen, das selten seine Wirkung verfehlte. „Das ist bisher nur eine Theorie“, begann er, „aber immer mehr Fakten scheinen sie zu stützen. Sie werden bemerkt haben, daß hier alles aus Metall ist, sorgfältig aus den verschiedensten Quellen zusammengetragen… Nun muß für ein intelligentes Meereswesen Metall etwas sehr Geheimnisvolles sein, sehr verschieden von all den anderen natürlichen Produkten des Ozeans. Die Skorps scheinen noch in der Steinzeit zu stecken — und sie haben keine Möglichkeit, aus ihr herauszukommen, wie wir Landtiere auf der Erde. Ohne Feuer sitzen sie in einer technologischen Sackgasse fest. Ich glaube, wir könnten hier eine Neuauflage von Vorgängen sehen, die sich vor langer Zeit auf unserer eigenen Welt ereignet haben. Wissen Sie, woher der prähistorische Mensch seine ersten Eisenvorräte bekam? Aus dem Weltraum! Ich nehme es Ihnen nicht übel, daß Sie überraschte Gesichter machen. Aber reines Eisen kommt in der Natur nie vor — es rostet zu leicht. Die einzige Bezugsquelle für den primitiven Menschen waren Meteoriten. Kein Wunder, daß man sie verehrte; kein Wunder, daß unsere Vorfahren an übernatürliche Wesen jenseits des Himmels glaubten… Passiert hier die gleiche Geschichte noch einmal? Ich möchte Sie dringend darum bitten, dies ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Vielleicht sammeln sie die Metalle aus reiner Neugier und weil sie von ihren — soll ich sagen, magischen? — Eigenschaften fasziniert sind. Aber werden sie herausfinden, daß man sie nicht nur als Schmuck verwenden kann? Wie weit können sie fortschreiten — solange sie unter Wasser bleiben? Werden sie dort bleiben? Meine Freunde, ich glaube, Sie sollten soviel über die Skorps in Erfahrung bringen, wie Sie nur irgend können. Vielleicht teilen Sie Ihren Planeten mit einer zweiten, intelligenten Rasse. Wollen Sie mit ihr zusammenarbeiten oder sie bekämpfen? Selbst wenn die Skorps nicht wirklich intelligent sind, könnten sie eine tödliche Bedrohung sein — oder ein nützliches Werkzeug. Vielleicht sollten Sie Beziehungen zu ihnen pflegen? Übrigens, sehen Sie in Ihren Historischen Speichern unter dem Stichwort ‚Cargo-Kult‘ nach… ich buchstabiere: C-A-RG-O — K-U-L-T. Ich wüßte zu gerne, wie das nächste Kapitel dieser Geschichte lautet. Sammeln sich jetzt schon die SkorpPhilosophen in den Tangwäldern — um darüber nachzudenken, was sie mit uns anfangen sollen? Ich bitte Sie deshalb, reparieren Sie die Tiefenraumantenne, damit wir in Kontakt bleiben können! Der Computer der ‚Magellan‘ wird Ihren Bericht erwarten — während er auf dem Weg nach Sagan Zwei über uns wacht.“ 46. Welche Götter es auch geben mag… „Was ist Gott?“ wollte Mirissa wissen. Kaldor seufzte und schaute von dem jahrhundertealten Computerbild auf, das er gerade überflog. „O je. Warum fragen Sie das?“ „Weil Loren gestern sagte: ‚Moses meint, die Skorps suchen vielleicht nach Gott.‘“ „Hat er das wirklich gesagt? Ich werde später mit ihm sprechen. Und Sie, junge Dame, wollen, daß ich Ihnen etwas erkläre, wovon Millionen von Menschen Tausende von Jahren lang besessen waren und was mehr Worte hervorgebracht hat als j eder andere Einzelbereich in der Geschichte. Wieviel Zeit können Sie heute vormittag erübrigen?“ Mirissa lachte. „Oh, mindestens eine Stunde. Haben Sie nicht einmal gesagt, daß alles, was wirklich wichtig ist, in einem einzigen Satz ausgedrückt werden kann?“ „Hm… Nun, ich bin schon auf einige äußerst langatmige Sätze gestoßen. Nun, wo soll ich anfangen…?“ Er ließ seinen Blick über die Lichtung vor dem Bibliotheksfenster und über den stummen — und doch so beredten — Rumpf des Mutterschiffs wandern, der sie überragte. Hier hat auf diesem Planeten das menschliche Leben begonnen; kein Wunder, daß er mich oft an Eden erinnert. Soll ich die Schlange sein, die seine Unschuld zerstören will? Aber ich werde einem Mädchen, das so klug ist wie Mirissa, nichts erzählen, was sie nicht schon weiß — oder errät. „Die Schwierigkeit mit dem Wort ‚Gott‘ ist“, begann er langsam, „daß es noch niemals für zwei Menschen das gleiche bedeutet hat — besonders, wenn es Philosophen waren. Deshalb ist es im Laufe des dritten Jahrtausends allmählich aus dem Sprachgebrauch verschwunden, außer als Kraftausdruck — in einigen Kulturen, so obszön, daß man es in anständiger Gesellschaft nicht verwenden konnte. Statt dessen wurde es von einer ganzen Ansammlung von Spezialausdrücken ersetzt. Dadurch wurde wenigstens erreicht, daß die Leute nicht mehr aneinander vorbeireden konnten, wodurch in der Vergangenheit neunzig Prozent der Probleme entstanden waren. Der Persönliche Gott, manchmal Gott Eins genannt, wurde zu Alpha. Er war die hypothetische Entität, von der man annahm, daß sie über das tägliche Leben wache — über jedes Individuum, jedes Tier sogar! — und daß sie das Gute belohne und das Böse bestrafe, gewöhnlich in einer vage beschriebenen Existenz nach dem Tode. Man verehrte Alpha, man betete zu ihm, führte komplizierte, religiöse Zeremonien durch und baute riesige Kirchen zu seinen Ehren… Dann gab es den Gott, der das Universum geschaffen und seither etwas damit zu tun gehabt hatte oder auch nicht. Das war Omega. Als die Philosophen damit fertig waren, Gott zu sezieren, hatten sie auch alle weiteren ungefähr zwanzig Buchstaben des altgriechischen Alphabets verbraucht, aber für heute vormittag sind Alpha und Omega völlig ausreichend. Ich würde schätzen, daß die Menschen mehr als zehn Milliarden Lebensjahre damit verbracht haben, über die beiden zu diskutieren. Alpha war unentwirrbar mit Religion verstrickt — und das war sein Verderben. Er hätte sich bis zur Zerstörung der Erde halten können, wenn sich die Myriaden miteinander konkurrierender Religionen in Ruhe gelassen hätten. Aber dazu waren sie nicht fähig, weil jede behauptete, die Eine und Einzige Wahrheit zu besitzen. Deshalb mußten sie ihre Rivalen vernichten — und das bedeutete letzten Endes, nicht nur jede andere Religion, sondern auch Abweichler innerhalb des eigenen Glaubens. Das ist jetzt natürlich eine grobe Vereinfachung: gute Männer und Frauen wuchsen oft über ihren Glauben hinaus, und es ist durchaus möglich, daß für die frühen menschlichen Gesellschaften die Religion wesentlich war. Ohne übernatürliche Sanktionen, die sie im Zaum hielten, hätten die Menschen vielleicht nie in größeren Verbänden als einem Stamm zusammengearbeitet. Erst als die Religion durch Macht und Privilegien korrumpiert wurde, wurde sie eine im Innersten antisoziale Kraft, und all das Gute, das sie geleistet hatte, wurde durch die noch größeren Missetaten verdunkelt. Sie haben hoffentlich nie von der Inquisition, von Hexenjagden und von Heiligen Kriegen gehört. Würden Sie glauben, daß es bis weit ins Raumzeitalter hinein Nationen gab, in denen man Kinder offiziell hinrichten konnte, weil ihre Eltern einer ketzerischen Teilmenge der besonderen Alpha-Marke dieses Staates anhingen? Sie machen ein schockiertes Gesicht, aber diese Dinge - und noch schlimmere — geschahen, während unsere Vorfahren begannen, das Sonnensystem zu erforschen. Zum Glück für die Menschheit verschwand Alpha zu Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts mehr oder weniger elegant von der Bildfläche. Er wurde das Opfer einer faszinierenden Entwicklung, die man ‚Statistische Theologie‘ nannte. Wieviel Zeit habe ich noch? Wird Bobby nicht ungeduldig werden?“ Mirissa schaute aus dem großen Panoramafenster. Der Palomino rupfte ganz fröhlich das Gras um das Mutterschiff herum ab und war sichtlich vollauf zufrieden. „Er wird nicht weglaufen — solange es hier etwas zu fressen gibt. Was war die Statistische Theologie?“ „Das war der letzte große Ansturm auf das Problem des Bösen. Was zur Entscheidung führte, war die Entstehung eines sehr exzentrischen Kults — seine Anhänger nannten sich die Neo-Manichäer; bitte fragen Sie mich nicht, warum! — um das Jahr 2050. Übrigens war es die erste ‚orbitale‘ Religion; obwohl auch alle anderen Glaubensrichtungen mit Nachrichtensatelliten gearbeitet hatten, um ihre Lehren weltweit zu verbreiten, stützten sich die NM ausschließlich auf sie. Sie hatten keinen Versammlungsort außer dem Fernsehschirm. Trotz dieser Abhängigkeit von der Technik war ihre Tradition eigentlich sehr alt. Sie glaubten, daß Alpha zwar existierte, aber völlig böse sei — und daß es die letzte Bestimmung der Menschheit sei, sich ihm zu stellen und ihn zu vernichten. Um ihren Glauben zu stützen, ließen sie eine gewaltige Reihe abscheulicher Tatsachen aus der Geschichte und der Zoologie aufmarschieren. Ich glaube, es waren wohl ziemlich kranke Menschen, denn es schien ihnen ein morbides Vergnügen zu bereiten, solches Material zu sammeln. Ein Beispiel — man begründete die Existenz von Alpha gerne mit dem sogenannten teleologischen Gottesbeweis. Wir wissen heute, daß das ein Trugschluß war, aber die NM brachten ihn so vor, daß er völlig überzeugend und zwingend klang. Wenn man ein gut durchkonstruiertes System vorfindet — ihr Lieblingsbeispiel war eine Digitaluhr — dann muß ein Planer, ein Schöpfer dahinterstehen. Man sehe sich deshalb die Welt der Natur an… Und das taten sie, mehr als ausgiebig. Ihr Spezialgebiet war die Parasitologie — übrigens wissen Sie gar nicht, wie gut Sie es auf Thalassa haben! Ich will Sie nicht anekeln mit der Beschreibung der unglaublich raffinierten Methoden und Anpassungsformen, mit denen verschiedene Geschöpfe in andere Organismen — besonders in Menschen — eindrangen und sie auszehrten, bis sie zerstört waren. Ich will nur ein besonderes Schoßtier der NM erwähnen, die Ichneumon-Fliege. Dieses entzückende Geschöpf legte seine Eier in andere Insekten, die es vorher paralysiert hatte, damit ihre Larven, wenn sie ausschlüpften, einen reichlichen Vorrat an frischem — lebendigem! — Fleisch hatten. In dieser Richtung konnten die NM stundenlang weitermachen und die Wunder der Natur als Beweis dafür anführen, daß Alpha, wenn schon nicht abgrundtief böse, so doch menschlichen Maßstäben von Moral und Güte gegenüber völlig gleichgültig war. Keine Angst — ich kann sie nicht nachmachen und werde es auch nicht tun. Aber einen anderen ihrer Lieblingsbeweise muß ich noch erwähnen — den Katastrophenbeweis. Ein typisches Beispiel, das man unzähligemale vervielfachen könnte: Alpha-Gläubige versammeln sich im Angesicht eines Unglücks, um Hilfe zu erflehen — und alle werden durch den Zusammenbruch des Gebäudes, in dem sie Zuflucht gesucht haben, getötet, wohingegen die meisten von ihnen gerettet worden wären, wenn sie sich zu Hause aufgehalten hätten. Wieder sammelten die NM ganze Bände solcher Schreckensfälle — brennende Krankenhäuser und Altersheime, Kindergärten, die von Erdbeben vernichtet wurden, Vulkane oder Flutwellen, die ganze Städte zerstörten — die Liste ist endlos. Natürlich nahmen rivalisierende Alpha-Gläubige das nicht unwidersprochen hin. Sie sammelten ebensoviele Gegenbeispiele — die wunderbaren Dinge, die immer wieder geschehen waren, um fromme Gläubige vor Katastrophen zu retten. Diese Debatte war in verschiedener Form über mehrere tausend Jahre geführt worden. Aber im einundzwanzigsten Jahrhundert erlaubten es die neuen Informationstechnologien und die Methoden statistischer Analyse, sowie ein besseres Verständnis der Wahrscheinlichkeitstheorie, sie beizulegen. Es dauerte ein paar Jahrzehnte, bis die Antworten hereinkamen, und noch ein paar weitere, bis sie von praktisch allen intelligenten Menschen akzeptiert wurden: Schlimmes ereignete sich genauso oft wie Gutes; wie man schon lange vermutet hatte, gehorchte das Universum einfach den Gesetzen der mathematischen Wahrscheinlichkeit. Keinesfalls gab es Zeichen für irgendein übernatürliches Eingreifen, weder zum Guten noch zum Bösen. Also hat das Problem des Bösen niemals wirklich existiert. Zu erwarten, daß das Universum wohlwollend war, das war genauso, wie sich einzubilden, daß man bei einem reinen Glücksspiel immer gewinnen könne. Einige Kultanhänger versuchten die Lage noch zu retten, indem sie die Religion ‚Alphas des völlig Gleich gültigen‘ ausriefen und die glockenförmige Kurve der Normalverteilung als Symbol ihres Glaubens verwendeten. Unnötig zu sagen, daß eine so abstrakte Gottheit nicht zu viel Frömmigkeit anregte. Und wenn wir schon beim Thema Mathematik sind, sie hat Alpha im einundzwanzigsten — oder war es das zweiundzwanzigste? — Jahrhundert noch einen vernichtenden Schlag versetzt. Ein brillanter Terraner namens Kurt Gödel bewies, daß dem Wissen bestimmte, absolut fundamentale Grenzen gesetzt waren, und daß daher die Vorstellung eines vollständig allwissenden Wesens — eine der Definitionen für Alpha — logisch absurd war. Die Entdeckung ist in einem jener unvergeßlichen schlechten Wortspiele auf uns gekommen: ‚Gödel strich Gott‘. Studenten kritzelten damals die Buchstaben G.O. mit dem griechischen Delta auf die Mauern; und natürlich gab es auch Versionen, die lauteten: ‚Gott strich Gödel.‘ Aber zurück zu Alpha. Bis zur Mitte des Jahrtausends war er aus dem Interesse der Menschen mehr oder weniger verschwunden. Praktisch alle denkenden Menschen hatten sich schließlich dem harten Urteil des großen Philosophen Lukretius angeschlossen: Alle Religionen waren im Grunde unmoralisch, weil die Formen des Aberglaubens, die sie an den Mann bringen wollten, mehr Schaden als Nutzen brachten. Aber ein paar der alten Glaubensrichtungen schafften es, wenn auch in drastisch veränderter Form, bis zum Ende der Erde zu überleben. Die ‚Mormonen der Letzten Tage‘ und die ‚Töchter des Propheten‘ brachten es sogar soweit, daß sie eigene Saatschiffe bauten. Ich frage mich oft, was wohl aus ihnen geworden ist. Nachdem Alpha in Mißkredit gekommen war, blieb noch Omega übrig, der Schöpfer von allem. Es ist nicht so einfach, Omega abzutun; das Universum braucht gewisse Erklärungen. Oder nicht? Es gibt einen alten, philosophischen Witz, der viel subtiler ist, als es zunächst den Anschein hat. Frage: Warum ist das Universum hier? Antwort: Wo sollte es denn sonst sein? Und ich glaube, das reicht jetzt wirklich für einen Vormittag.“ „Danke, Moses“, antwortete Mirissa mit leicht glasigem Blick. „Sie haben das alles schon früher erzählt, nicht wahr?“ „Natürlich — schon oft. Und eines müssen Sie mir versprechen!“ „Was ist es?“ „Glauben Sie nichts von dem, was ich Ihnen gesagt habe, nur weil ich es gesagt habe. Kein ernsthaftes philosophisches Problem wird jemals gelöst. Omega ist immer noch da — und bei Alpha bin ich manchmal gar nicht sicher… Siebter Teil Die Funken fliegen hoch 47. Himmelfahrt Sie hieß Carina; sie war achtzehn Jahre alt, und obwohl sie an diesem Tag zum erstenmal nachts in Kumars Boot draußen war, war es keineswegs das erstemal, daß sie in seinen Armen lag. Sie hatte vielleicht sogar am ehesten Anspruch auf den vielumstrittenen Titel, seine Favoritin zu sein. Wenn auch die Sonne vor zwei Stunden untergegangen war, der innere Mond — soviel heller und näher als der verlorene Mond der Erde — war fast voll und übergoß den Strand in einem halben Kilometer Entfernung mit seinem kalten, blauen Licht. Gleich vor der Reihe der Palmen, wo die Party noch im Gange war, brannte ein kleines Feuer. Und von Zeit zu Zeit war leise Musik über das sanfte Murmeln des Düsenantriebs zu hören, der auf allerkleinster Stufe lief. Kumar hatte sein Hauptziel schon erreicht und hatte es nicht sehr eilig, anderswohin zu kommen. Trotzdem machte er sich als guter Seemann gelegentlich frei, um dem Autopiloten ein paar Anweisungen zu geben und schnell einen Blick auf den Horizont zu werfen. Kumar hatte die Wahrheit gesprochen, dachte Carina ganz selig. Der gleichmäßige, sanfte Rhythmus eines Bootes hatte etwas sehr Erotisches, besonders, wenn er durch das Luftbett, auf dem sie lagen, noch verstärkt wurde. Würde sie nach diesem Erlebnis jemals wieder damit zufrieden sein, die Liebe auf dem festen Land zu genießen? Und Kumar war anders als so einige andere junge Tarnaner, von denen sie hätte erzählen können, überraschend zärtlich und rücksichtsvoll. Er war keiner von den Männern, die nur auf ihre Befriedigung bedacht waren; sein Vergnügen war erst vollständig, wenn er es mit jemandem teilen konnte. Wenn er in mir ist, dachte Carina, glaube ich, daß ich das einzige Mädchen in seinem Universum bin — obwohl ich ganz genau weiß, daß das nicht wahr ist. Carina nahm undeutlich wahr, daß sie sich noch immer vom Dorf entfernten, aber das kümmerte sie nicht. Sie wünschte, daß dieser Augenblick ewig dauern möge, und es hätte ihr kaum etwas ausgemacht, wenn das Boot mit voller Geschwindigkeit auf den leeren Ozean hinausgefahren wäre, wo es kein Land mehr gab, bis man den Globus umschifft hatte. Kumar wußte, was er wollte — in mehr als einer Beziehung. Ein Teil ihres Vergnügens kam aus dem absoluten Vertrauen, das er ihr einflößte; in seinen Armen wußte sie nichts von Sorgen oder Problemen. Die Zukunft existierte nicht; es gab nur die zeitlose Gegenwart. Aber die Zeit verging, und jetzt stand der innere Mond viel höher am Himmel. Im Nachspiel der Leidenschaft erforschten ihre Lippen immer noch träge die Zonen der Liebe, als die Hydrodüse zu pulsieren aufhörte und das Boot zum Stehen kam. „Wir sind da“, sagte Kumar mit einem Hauch von Erregung in der Stimme. Und wo mag ‚da‘ wohl sein? dachte Carina träge, während sie sich voneinander lösten. Es schienen Stunden vergangen, seit sie das letztemal einen Blick auf die Küstenlinie geworfen hatte… vorausgesetzt, sie war noch in Sicht. Sie kam langsam auf die Füße, stemmte sich gegen das Schaukeln des Bootes — und starrte mit großen Augen auf das Märchenland, das vor nicht allzu langer Zeit noch ein öder Sumpf gewesen war, den man hoffnungsvoll aber unzutreffend Mangrovenbucht getauft hatte. Natürlich war das nicht das erstemal, daß sie mit Hochtechnologie in Berührung kam; die Kernfusionsanlage und der Hauptkopierer auf der Nordinsel waren viel größer und eindrucksvoller. Aber als sie dieses strahlend hell erleuchtete Labyrinth von Rohren und Lagertanks, Kränen und Bedienungsmechanismen sah — diese geschäftige Kombination aus Werft und chemischer Fabrik, wo alles lautlos und gut funktionierend unter den Sternen lag, ohne daß ein einziges, menschliches Wesen in Sicht gewesen wäre — war das ein richtiger visueller und psychologischer Schock. Plötzlich platschte etwas erschreckend laut in der Stille der Nacht, Kumar warf den Anker aus. „Komm!“ sagte er verschmitzt. „Ich möchte dir etwas zeigen.“ „Ist es auch nicht gefährlich?“ „Natürlich nicht — ich war schon so oft hier.“ Und bestimmt nicht allein, dachte Carina. Aber er war schon über die Bootswand gesprungen, ehe sie etwas bemerken konnte. Das Wasser reichte ihnen kaum weiter als bis zur Taille und hatte noch soviel von der Hitze des Tages zurückbehalten, daß es fast unangenehm warm war. Als Carina und Kumar Hand in Hand auf den Strand zugingen, fanden sie es erfrischend, die kühle Nachtbrise am Körper zu spüren. Sie tauchten aus dem regellosen Kräuseln winziger Wellen auf wie ein neuer Adam und eine neue Eva, die die Schlüssel zu einem mechanisierten Eden bekommen hatten. „Keine Angst!“ beruhigte sie Kumar. „Ich kenne mich hier aus. Dr. Lorenson hat mir alles erklärt. Aber ich habe etwas gefunden, was er sicher nicht weiß.“ Sie gingen an einer Reihe von dick isolierten Röhren entlang, die auf Stützen einen Meter über den Boden ruhten, und nun konnte Carina zum erstenmal deutlich ein Geräusch hören — das Pochen von Pumpen, die durch das sie umgebende Labyrinth von Rohren und Wärmeaustauschern Kühlflüssigkeit drückten. Schließlich kamen sie zu dem berühmten Becken, in dem man den Skorp gefunden hatte. Jetzt war nur sehr wenig Wasser zu sehen; die Oberfläche war fast völlig mit einer verfilzten Tangmasse bedeckt. Auf Thalassa gab es keine Reptilien, aber die dicken, biegsamen Stengel erinnerten Carina an umeinandergewickelte Schlangen. Sie gingen eine Reihe von Kanälen entlang, an kleinen Schleusentoren vorbei, die im Augenblick alle geschlossen waren, bis sie, weit abseits von der Hauptanlage, eine große, offene Fläche erreichten. Als sie den Hauptkomplex verließen, winkte Kumar fröhlich in die Linse einer Überwachungskamera. Später konnte niemand mehr feststellen, warum sie im kritischen Augenblick ausgeschaltet gewesen war. „Die Gefriertanks“, sagte Kumar. „Jeder faßt sechshundert Tonnen. Fünfundneunzig Prozent Wasser, fünf Prozent Tang. Was findest du so komisch?“ „Nicht komisch — aber sehr sonderbar“, sagte Carina, immer noch lächelnd. „Stell dir doch nur vor — sie tragen einen Teil unseres Ozeanwaldes bis zu den Sternen hinauf. Wer käme je auf so etwas? Aber deshalb hast du mich doch nicht hierhergebracht.“ „Nein“, gestand Kumar leise. „Schau…!“ Zuerst konnte sie nicht sehen, worauf er zeigte. Dann interpretierte ihr Geist das Bild, das ganz am Rand ihres Blickfeldes flackerte, und sie verstand. Natürlich war es ein altes Wunder. Seit mehr als tausend Jahren schon hatten Menschen so etwas auf vielen Welten gemacht. Aber als sie es jetzt mit eigenen Augen sah, war es mehr als atemberaubend, es war ehrfurchteinflößend. Als sie näher an den letzten Tank herangegangen waren, konnte sie es deutlicher erkennen. Der dünne Lichtfaden — er konnte nicht mehr als ein paar Zentimeter breit sein! — zog sich hinauf zu den Sternen, absolut gerade wie ein Laserstrahl. Ihre Augen folgten ihm, bis er immer schmaler und schließlich unsichtbar wurde und sie reizte, die Stelle, wo er verschwand, genau zu bestimmen. Und immer noch ging ihr Blick weiter, schwindelerregend, bis sie direkt in den Zenit starrte und auf den einzelnen Stern, der bewegungslos dort schwebte, während alle seine blasseren, natürlichen Gefährten stetig an ihm vorbei nach Westen wanderten. Wie eine kosmische Spinne hatte die ‚Magellan‘ einen Faden heruntergelassen und würde bald das kostbare Gut hinaufziehen, das sie von der Welt unter sich begehrte. Jetzt, wo sie direkt am Rande des wartenden Eisblocks standen, erlebte Carina noch eine Überraschung. Seine Oberfläche war völlig von einer glitzernden Schicht Goldfolie bedeckt und erinnerte sie an die Geschenke, die man Kindern an ihrem Geburtstag oder beim alljährlichen Landefest machte. „Isolierung“, erklärte Kumar. „Und es ist wirklich Gold — ungefähr zwei Atome dick. Ohne das würde das Eis halb wegschmelzen, bis es zum Schild hinaufkäme.“ Ob Isolation oder nicht, Carina spürte, wie die Kälte beißend durch ihre bloßen Füße drang, als Kumar sie auf die gefrorene Platte hinausführte. Nach einem Dutzend Schritten erreichten sie ihr Zentrum, und da leuchtete sonderbar nichtmetallisch das straffe Band, das sich, wenn nicht zu den Sternen, so doch wenigstens die dreißigtausend Kilometer bis hinauf zu dem stationären Orbit spannte, in dem die ‚Magellan‘ sich befand. Es endete in einer zylindrischen, mit Instrumenten und Steuerdüsen gespickten Trommel, die eindeutig als beweglicher, intelligenter Kranhaken diente, der nach seinem langen Sinkflug durch die Atmosphäre seine Ladung ansteuerte. Die ganze Anordnung wirkte überraschend einfach, sogar simpel — was, wie bei den meisten Produkten reifer, fortgeschrittener Techniken, eine Täuschung war. Carina schauderte plötzlich, und zwar nicht von der Kälte unter ihren Füßen, die sie jetzt kaum noch bemerkte. „Bist du sicher, daß es hier nicht gefährlich ist?“ fragte sie ängstlich. „Natürlich. Sie ziehen immer um Mitternacht hoch, auf die Sekunde — und bis dahin sind es noch Stunden. Es ist ein großartiger Anblick, aber ich glaube nicht, daß wir so lange bleiben werden. Jetzt kniete Kumar nieder und legte sein Ohr an das unglaubliche Band, das Schiff und Planet zusammenhielt. Wenn es zerriß, fragte sie sich ängstlich, würden sie dann auseinandergeschleudert werden? „Hör zu!“ flüsterte sie… Sie hatte nicht gewußt, was ihr bevorstand. Manchmal, in späteren Jahren, als sie es ertragen konnte, hatte sie versucht, den Zauber dieses Augenblicks zurückzurufen. Sie konnte nie sicher sein, ob es ihr gelungen war. Zuerst schien es ihr, als höre sie den tiefsten Ton einer Riesenharfe, deren Saiten zwischen den Welten gespannt waren. Schauder jagten ihr das Rückgrat hinunter, und sie spürte, wie sich die kleinen Haare in ihrem Nacken sträubten, in jener uralten Angstreaktion, die dem Menschen in den Urwäldern der Erde unauslöschlich eingeprägt worden war. Dann, als sie sich daran gewöhnt hatte, nahm sie ein ganzes Spektrum wechselnder Untertöne wahr, über den ganzen Bereich bis zur Hörbarkeitsgrenze hin — und zweifellos noch weit darüber hinaus. Die Töne verzerrten sich und verschmolzen miteinander, so unbeständig und doch sich stetig wiederholend wie die Geräusche des Meeres. Je mehr sie lauschte, desto mehr wurde sie an das endlose Schlagen von Wellen an einen einsamen Strand erinnert. Sie glaubte, das Meer des Weltraums an die Küsten all seiner Welten branden zu hören — ein in seiner sinnlosen Vergeblichkeit erschreckender Laut, der durch die schmerzende Leere des Universums hallte. Und jetzt nahm sie noch weitere Elemente in dieser ungeheuer komplexen Symphonie wahr. Es gab plötzliche, näselnde, klagende Klänge, als hätten Riesenfinger irgendwo entlang der Tausende von Kilometern an dem straff gespannten Band gezupft. Meteoriten? Sicher nicht. Vielleicht eine elektrische Entladung in der brodelnden Ionosphäre von Thalassa? Und — war das reine Einbildung, irgendwie von ihren eigenen, unbewußten Ängsten erzeugt? — ihr war, als höre sie von Zeit zu Zeit schwach das Heulen dämonischer Stimmen oder die geisterhaften Schreie all der kranken, verhungernden Kinder, die während der alptraumhaften Jahrhunderte auf der Erde gestorben waren. Plötzlich konnte sie es nicht länger ertragen. „Ich habe Angst, Kumar“, flüsterte sie und griff nach seiner Schulter. „Laß uns gehen!“ Aber Kumar war noch in die Sterne versunken, sein Mund war halb geöffnet, und er drückte den Kopf gegen dieses klingende Band, hypnotisiert von seinem Sirenengesang. Er bemerkte es nicht einmal, als Carina, zornig, aber auch verängstigt, über das folienbedeckte Eis stapfte und auf dem vertrauten, warmen, trockenen Land stehenblieb, um auf ihn zu warten. Denn er hatte jetzt etwas Neues wahrgenommen — eine Reihe ansteigender Töne, die seine Aufmerksamkeit zu verlangen schienen. Es war wie eine Fanfare für Saiteninstrumente, wenn man sich so etwas vorstellen konnte, und es klang unsäglich traurig und fern. Aber es kam näher, wurde lauter. Es war der erregendste Klang, den Kumar jemals gehört hatte, und er stand wie gelähmt vor Staunen und Ehrfurcht. Er konnte sich fast vorstellen, daß etwas über das Band herunter auf ihn zugerast kam… Sekunden zu spät erkannte er die Wahrheit, als der erste Schlag der Vorläuferwelle ihn flach gegen die Goldfolie schmetterte und der Eisblock sich unter ihm regte. Dann erblickte Kumar Leonidas zum allerletztenmal die zerbrechliche Schönheit seiner schlafenden Welt und das entsetzte, nach oben gewandte Gesicht des Mädchens, das sich an diesen Augenblick bis zu seinem Todestag erinnern würde. Schon war es zu spät, um abzuspringen. Und so fuhr der Kleine Löwe zu den schweigenden Sternen empor — nackt und allein. 48. Die Entscheidung Kapitän Bey hatte ernstere Probleme im Kopf und war sehr froh, diese Aufgabe jemand anderem übertragen zu können. Man hätte ohnehin keinen geeigneteren Abgesandten finden können als Loren Lorenson. Er hatte die alten Leonidas nie kennengelernt und fürchtete sich vor der Begegnung. Obwohl Mirissa ihm angeboten hatte, ihn zu begleiten, ging er lieber alleine. Die Lassaner verehrten ihre Alten und taten ihr möglichstes, damit sie bequem und glücklich leben konnten. Lal und Nikri Leonidas wohnten in einer der kleinen, selbständigen Ruhestandskolonien an der Südküste der Insel. Sie hatten ein Sechszimmerhäuschen mit allen arbeitssparenden Einrichtungen, die man sich nur vorstellen konnte, einschließlich des einzigen AllzweckHausroboters, den Loren bisher auf der Südinsel gesehen hatte. Nach irdischer Zählung hätte er sie auf Ende der Sechzig geschätzt. Nach der nicht gerade überschäumenden Begrüßung am Anfang setzten sie sich auf die Veranda und schauten aufs Meer hinaus, während der Roboter mit Getränken und Platten mit verschiedenem Obst herumfuhrwerkte. Loren zwang sich, ein paar Bissen zu essen, dann nahm er seinen Mut zusammen und ging an die schwerste Aufgabe seines Lebens. „Kumar…“ Der Name blieb ihm im Halse stecken, und er mußte noch einmal anfangen. „Kumar ist noch auf dem Schiff. Ich verdanke ihm mein Leben; er hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, um das meine zu retten. Sie können verstehen, wie mir zumute ist — ich würde alles tun…“ Wieder mußte er um seine Fassung ringen. Dann fing er noch einmal von vorne an und versuchte, so forsch und wissenschaftlich zu sprechen, wie er nur konnte — wie Oberstabsärztin Newton, als sie ihre Anweisungen erteilt hatte. „Sein Körper ist fast unversehrt, weil die Dekompression langsam vor sich ging und der Gefrierprozeß sofort einsetzte. Aber natürlich ist er klinisch tot — genau wie ich vor ein paar Wochen… Die beiden Fälle unterscheiden sich jedoch stark voneinander. Mein — Körper — wurde geborgen, ehe es zu einem Hirnschaden kommen konnte, deshalb war die Wiederbelebung ein ziemlich unkomplizierter Vorgang. Bis man Kumar bergen konnte, dauerte es Stunden. Physisch ist sein Gehirn unverletzt — aber es zeigt keine Spur von Aktivität. Trotzdem könnte eine Wiederbelegung mit extrem fortgeschritten, technischen Mitteln möglich sein. Unseren Aufzeichnungen nach — in denen die gesamte Geschichte der medizinischen Wissenschaft auf der Erde erfaßt ist — hat man sie in ähnlichen Fällen schon durchgeführt — mit einer Erfolgsquote von sechzig Prozent. Und das bringt uns in ein Dilemma, und Kapitän Bey hat mich gebeten, es Ihnen ganz offen zu erklären. Wir verfügen weder über das Können noch über die Geräte, die für so eine Operation erforderlich sind. Aber vielleicht — in dreihundert Jahren… Unter den Hunderten von medizinischen Experten, die an Bord des Schiffes schlafen, gibt es ein Dutzend Gehirnspezialisten. Es gibt Techniker, die jedes nur vorstellbare chirurgische und lebenserhaltende Gerät zusammenbauen und bedienen können. Alles, was die Erde jemals besessen hat, wird auch uns wieder zur Verfügung stehen — nachdem wir Sagan Zwei erreicht haben…“ Er machte eine Pause, damit die Bedeutung seiner Worte klar werden konnte. Diesen ungünstigen Augenblick nützte der Roboter, um seine Dienste anzubieten; Loren winkte ab. „Wir wären bereit — nein, erfreut, denn das ist das allermindeste, was wir tun können — Kumar mitzunehmen. Obwohl wir nichts garantieren können, vielleicht lebt er eines Tages wieder. Wir möchten, daß Sie darüber nachdenken; Sie haben genügend Zeit, sich die Entscheidung zu überlegen.“ Die beiden alten Leute sahen sich lange schweigend an, während Loren aufs Meer hinausstarrte. Wie ruhig und friedlich es doch war! Er wäre froh, wenn er seine letzten Jahre hier verbringen könnte, von Zeit zu Zeit von Kindern und Enkeln besucht… Wie so oft in Tarna hätte man fast glauben können, auf der Erde zu sein. Vielleicht war es bewußt so eingerichtet, daß man nirgends lassanische Vegetation sah; alle Bäume waren unheimlich vertraut. Und doch fehlte etwas Wesentliches; er erkannte, daß er schon lange darüber nachgegrübelt hatte — eigentlich schon, seitdem er auf diesem Planeten gelandet war. Und plötzlich, als hätte dieser Augenblick der Trauer in seinem Gedächtnis einen Schalter umgelegt, wußte er, was er vermißt hatte. Es gab keine Seemöwen, die über den Himmel sausten und die Luft mit den traurigsten und die meisten Erinnerungen heraufbeschwörenden Lauten der Erde erfüllten. Lal Leonidas und seine Frau hatten immer noch kein Wort gesprochen, aber irgendwie wußte Loren, daß sie sich entschieden hatten. „Wir wissen Ihr Angebot zu schätzen, Kommandant Lorenson; bitte übermitteln Sie Kapitän Bey unseren Dank. Aber wir brauchen keine Bedenkzeit. Was auch geschieht, Kumar ist für uns auf immer verloren. Selbst wenn Sie Erfolg haben — und wie Sie sagen, gibt es dafür keine Garantie — wird er in einer fremden Welt aufwachen und wissen, daß er seine Heimat nie wiedersehen wird und daß all jene, die er geliebt hat, seit Jahrhunderten tot sind. Man darf gar nicht daran denken. Sie meinen es gut, aber es wäre keine Wohltat für ihn. Wir wissen, was er gewollt hätte und was geschehen muß. Geben Sie ihn uns zurück! Wir werden ihn dem Meer übergeben, das er geliebt hat.“ Weiter gab es nichts mehr zu sagen. Loren verspürte eine überwältigende Traurigkeit, aber auch eine gewaltige Erleichterung. Er hatte seine Pflicht getan. Es war die Entscheidung, mit der er gerechnet hatte. 49. Feuer auf dem Riff Jetzt würde das kleine Kajak niemals fertiggestellt werden; aber es würde seine erste und seine letzte Reise antreten. Bei Sonnenuntergang war es am Rand des Wassers gelegen, und die sanften Wellen der gezeitenlosen See hatten an ihm geleckt. Loren war gerührt, aber nicht überrascht, als er sah, wieviele Menschen gekommen waren, um Kumar die letzte Ehre zu erweisen. Ganz Tarna war hier, aber auch von der ganzen Südinsel waren viele gekommen — und sogar von der Nordinsel. Obwohl einige vielleicht von morbider Neugier hergetrieben worden waren — denn die ganze Welt war erschüttert von dem einzigartig sensationellen Unfall — hatte Loren noch nie einen so echten Ausbruch von Trauer erlebt. Er hatte nicht gewußt, daß die Lassaner solch tiefer Gefühle fähig waren, und im Geiste kostete er noch einmal eine Bezeichnung aus, die Mirissa gefunden hatte, als sie in den Archiven nach Trost suchte. ‚Kleiner Freund aller Welt.‘ Woher dieses Wort kam, war nicht mehr bekannt, und niemand konnte erraten, welcher lang verstorbene Gelehrte es in welchem Jahrhundert für kommende Zeiten aufgespart hatte. Nachdem Loren Mirissa und Brant in wortlosem Mitgefühl umarmt hatte, ließ er sie mit der Familie Leonidas allein, bei der sich zahlreiche Verwandte von beiden Inseln zusammengefunden hatten. Er wollte keine Fremden treffen, denn er wußte, was viele von ihnen wohl dachten: „Er hat dich gerettet — aber du konntest ihn nicht retten.“ Das war eine Last, die er für den Rest seines Lebens mit sich herumschleppen würde. Er biß sich auf die Unterlippe, um die Tränen zurückzuhalten, die sich für einen höheren Offizier des größten Sternenschiffes, das jemals gebaut worden war, nicht ziemten, und spürte, wie ihm ein Verteidigungsmechanismus des Denkens zu Hilfe kam. In Augenblicken tiefer Trauer kann man manchmal nur dadurch verhindern, daß man die Fassung verliert, indem man etwas völlig Unpassendes — sogar Komisches — aus den Tiefen des Gedächtnisses heraufbeschwört. Ja — das Universum hatte einen sonderbaren Sinn für Humor. Loren mußte fast ein Lächeln unterdrücken; wie hätte Kumar diesen letzten Streich genossen, den es ihm gespielt hatte! „Seien Sie nicht überrascht“, hatte Kommandantin Newton gewarnt, als sie die Tür der Leichenkammer des Schiffes öffnete und ihnen ein Schwall eiskalter, formalingeschwängerter Luft entgegenquoll. „Es passiert öfter, als man glaubt. Manchmal ist es ein letzter Kampf — fast wie ein unbewußter Versuch, dem Tod zu trotzen. Diesmal wurde es vermutlich durch den Verlust des Außendruckes und das darauffolgende Gefrieren ausgelöst.“ Wären da nicht die Eiskristalle gewesen, die die Muskeln des herrlichen, jungen Körpers nachzeichneten, Loren hätte glauben können, Kumar schliefe nicht nur, sondern schwelge in den schönsten Träumen. Denn im Tode wirkte der Kleine Löwe sogar noch weit männlicher, als er es im Leben jemals gewesen war. Die Sonne war hinter den niedrigen Hügeln im Westen verschwunden, und ein kühler Abendwind stieg vom Meer her auf. Kaum die Wellen kräuselnd glitt das Kajak ins Wasser, gezogen von Brant und drei anderen von Kumars engsten Freunden. Zum letzten Mal erhaschte Loren einen Blick auf das ruhige, friedvolle Gesicht des Jungen, dem er sein Leben verdankte. Bis jetzt war nicht viel geweint worden, aber als die vier Schwimmer das Boot langsam vom Ufer wegschoben, erhob sich von der versammelten Menge ein lautes Klagegeheul. Jetzt konnte auch Loren die Tränen nicht länger zurückhalten, und es war ihm egal, ob sie jemand sah. Das kleine Kajak fuhr unter dem kraftvollen Zug seiner Begleiter rasch und gleichmäßig auf das Riff zu. Die schnelle, thalassanische Nacht senkte sich schon hernieder, als es zwischen den zwei blitzenden Leuchttürmen hindurchglitt, die die Fahrrinne ins offene Meer hinaus markierten. Es verschwand hinter ihnen und wurde einen Augenblick lang von der weißen Linie der Brandungswellen verdeckt, die träge von außen gegen das Riff schäumten. Das Klagen verstummte; alle warteten. Dann loderte es plötzlich hell vor dem dunklen Himmel auf, und eine Feuersäule stieg aus dem Meer. Sie brannte sauber und wild, fast ohne Rauch; wie lange es dauerte, konnte Loren nicht sagen, denn auf Tarna war die Zeit stehengeblieben. Dann fielen die Flammen plötzlich zusammen; die Feuerkrone schrumpfte und sank zurück ins Meer. Alles war dunkel; aber nur einen Augenblick lang. Als Feuer und Wasser sich trafen, schoß eine Fontäne von Funken in den Himmel hinauf. Der größte Teil der glühenden Asche fiel ins Meer zurück, aber Teilchen davon schwebten weiter nach oben, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Und so stieg Kumar Leonidas ein zweitesmal zu den Sternen auf. Achter Teil Das Lied der fernen Erde 50. Der Eisschild Das Hochziehen der letzten Schneeflocke hätte ein freudiges Ereignis sein sollen; jetzt war es nur Anlaß zu düsterer Befriedigung. Dreißigtausend Kilometer über Thalassa wurde das letzte Sechseck aus Eis an Ort und Stelle bugsiert, und dann war der Schild komplett. Zum erstenmal in fast zwei Jahren wurde der Quantenantrieb aktiviert, aber nur mit minimaler Leistung. Die ‚Magellan‘ löste sich aus ihrem stationären Orbit und beschleunigte, um die Ausgewogenheit und die Haltbarkeit des künstlichen Eisbergs zu testen, den sie mit hinaus zu den Sternen nehmen wollte. Es gab keine Probleme; es war gute Arbeit geleistet worden… Kapitän Bey war deshalb sehr erleichtert, er hatte nie vergessen können, daß Owen Fletcher (der jetzt ausreichend streng bewacht auf der Nordinsel lebte) einer der Hauptkonstrukteure des Schilds gewesen war. Und er fragte sich, was wohl in Fletcher und den anderen Sabras vorgegangen war, als sie der Einweihungszeremonie zusahen. Es hatte mit einem Video-Rückblick angefangen, der den Bau der Gefrieranlage und das Hochziehen der ersten Schneeflocke zeigte. Dann hatte man ein faszinierendes Weltraumballett in Zeitraffertechnik vorgeführt, das zeigte, wie die großen Eisblöcke an die richtige Stelle geschoben und in den stetig wachsenden Schild eingefügt wurden. Es hatte in Normalzeit angefangen und war dann stark beschleunigt worden, bis zum Schluß alle paar Sekunden ein Abschnitt eingefügt wurde. Thalassas führender Komponist hatte eine fröhliche Begleitmusik dazu geschrieben, die mit einer langsamen Pavane begann, in einer atemlosen Polka gipfelte und schließlich ganz am Ende, als der letzte Eisblock an Ort und Stelle bugsiert wurde, wieder in ein normales Tempo fiel. Dann war auf eine Live-Kamera umgeschaltet worden, die einen Kilometer vor der ‚Magellan‘, deren Bahn im Schatten des Planeten lag, im Raum schwebte. Die große Sonnenschutzwand, die das Eis während des Tages abschirmte, war zur Seite gerückt worden, so daß jetzt zum erstenmal der gesamte Schild sichtbar war. Die riesige, grünlich-weiße Scheibe glitzerte kalt unter den Scheinwerfern; bald würde sie noch viel kälter sein, wenn sie hinauskam in die paar Grad über dem absoluten Nullpunkt der galaktischen Nacht. Dort würde sie nur von der Hintergrundbeleuchtung der Sterne, von der aus dem Schiff austretenden Strahlung — und gelegentlich von einem seltenen Energieschwall aufprallenden Staubes erwärmt werden. Die Kamera schwebte, begleitet von Moses Kaldors unverwechselbarer Stimme, langsam über den künstlichen Eisberg hinweg. „Menschen von Thalassa, wir danken euch für euer Geschenk. Hinter diesem Eisschild hoffen wir sicher zu der Welt zu gelangen, die auf uns wartet, in fünfundsiebzig Lichtjahren Entfernung, dreihundert Jahre in der Zukunft. Wenn alles gutgeht, werden wir immer noch mindestens zwanzigtausend Tonnen Eis mitführen, wenn wir Sagan Zwei erreichen. Das kann dann auf den Planeten stürzen und wird durch die Hitze beim Eintritt in den ersten Regen verwandelt, den diese Eiswelt jemals erlebt hat. Eine kleine Weile wird er, ehe auch er wieder gefriert, der Vorläufer noch ungeborener Ozeane sein. Und eines Tages werden unsere Nachkommen Meere haben wie die euren hier, wenn auch nicht so groß und so tief. Wasser von unseren beiden Welten wird sich miteinander vermischen und unserer neuen Heimat Leben bringen. Und wir werden euer in Liebe und Dankbarkeit gedenken.“ 51. Eine Reliquie „Es ist schön“, sagte Mirissa voller Bewunderung. „Ich kann verstehen, warum Gold auf der Erde so hoch geschätzt wurde.“ „Das Gold ist das Unwichtigste daran“, antwortete Kaldor und schob die silberne Glocke aus ihrem mit Samt ausgeschlagenen Behälter. „Können Sie erraten, was das ist?“ „Offensichtlich ein Kunstwerk. Aber für Sie muß es noch viel mehr sein, wenn Sie es über fünfzig Lichtjahre hinweg mitgenommen haben.“ „Sie haben natürlich recht. Es ist das maßstabsgetreue Modell eines großen Tempels, der mehr als hundert Meter hoch war. Ursprünglich gab es sieben dieser Kästchen, von der Form her völlig identisch, eines paßte in das andere — das hier war das innerste und enthielt die Reliquie selbst. Ich bekam es von einigen lieben, alten Freunden an meinem allerletzten Abend auf der Erde. ‚Alles ist vergängliche erinnerten sie mich. ‚Aber das hier haben wir mehr als viertausend Jahre lang gehütet. Nimm es mit dir zu den Sternen, unser Segen begleitet dich!‘ Wie konnte ich eine so unschätzbare Gabe ablehnen, auch wenn ich ihren Glauben nicht teilte? Und nun will ich es hierlassen, wo die Menschen erstmals diesen Planeten betraten — noch ein Geschenk von der Erde — vielleicht das letzte.“ „Sagen Sie das nicht“, wehrte Mirissa ab. „Sie haben uns so viele Geschenke hinterlassen — wir werden sie niemals alle zählen können.“ Kaldor lächelte wehmütig, schwieg einen Augenblick lang und ließ seine Augen auf der vertrauten Aussicht vor dem Bibliotheksfenster ruhen. Hier war er glücklich gewesen, hatte die Geschichte von Thalassa zurückverfolgt und vieles erfahren, was vielleicht einmal von unschätzbarem Wert sein konnte, wenn die neue Kolonie auf Sagan Zwei aufgebaut wurde. Leb wohl, altes Mutterschiff, dachte er. Du hast gute Arbeit geleistet. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns; möge die ‚Magellan‘ uns ebenso treu dienen, wie du den Menschen gedient hast, die wir liebengelernt haben. „Ich bin sicher, meine Freunde hätten es gutgeheißen — ich habe meine Pflicht getan. Die Reliquie wird hier, im Erdenmuseum, sicherer sein als an Bord des Schiffes. Es kann schließlich auch sein, daß wir Sagan Zwei niemals erreichen.“ „Natürlich werden Sie es erreichen. Aber Sie haben mir noch nicht gesagt, was sich im Innersten dieses siebten Kästchens befindet.“ „Alles, was von einem der größten Menschen aller Zeiten übrigblieb; er hatte den einzigen Glauben gegründet, der niemals mit Blut befleckt wurde. Ich bin sicher, es hätte ihn sehr amüsiert, wenn er erfahren hätte, daß man vierzig Jahrhunderte nach seinem Tod einen seiner Zähne zu den Sternen bringen würde.“ 52. Das Lied der fernen Erde Jetzt war die Übergangszeit, die Zeit des Abschieds gekommen — die Zeit der Trennungen, die so tief gingen wie der Tod. Aber trotz aller Tränen, die vergossen wurden — auf Thalassa wie auf dem Schiff — machte sich auch ein Gefühl der Erleichterung breit. Obwohl es nie wieder ganz so sein würde wie früher, konnte das Leben jetzt in seine normalen Bahnen zurückkehren. Die Besucher waren wie Gäste, die ein wenig zu lange geblieben waren; jetzt war es Zeit zu gehen. Sogar Präsident Farradine akzeptierte das inzwischen und hatte seinen Traum von einer interstellaren Olympiade aufgegeben. Er war reichlich entschädigt worden; die Gefrieranlagen in der Mangrovenbucht wurden schon auf die Nordinsel verlegt, und die erste Eislaufbahn auf Thalassa würde rechtzeitig zu den Spielen fertig sein. Ob dann auch Teilnehmer aus dieser Disziplin bereitstehen würden, war eine andere Frage, aber schon schauten viele junge Lassaner stundenlang ungläubig einigen der großen Eisläufer der Vergangenheit zu. Inzwischen waren sich alle einig, daß aus Anlaß des Abflugs der ‚Magellan‘ eine Abschiedszeremonie veranstaltet werden sollte. Leider konnten sich nur wenige darüber einig werden, welche Form diese Feier haben sollte. Es gab unzählige Privatparties, die alle Beteiligten beträchtlichen geistigen und körperlichen Strapazen unterwarfen, aber keine offizielle, öffentliche Veranstaltung. Bürgermeisterin Waldron, die für Tarna den Vorrang beanspruchte, war der Meinung, die Zeremonie sollte auf dem Ersten Landeplatz stattfinden. Edgar Farradine vertrat den Standpunkt, der Präsidentenpalast sei, trotz seiner bescheidenen Größe, geeigneter. Ein Witzbold schlug Krakan als Kompromiß vor und erklärte, seine berühmten Weingärten seien ein angemessener Platz für die Abschiedstoasts. Die Sache war noch nicht entschieden, als die Thalassanische Rundfunkgesellschaft — eine der unternehmungslustigeren Bürokratien des Planeten — das gesamte Projekt in aller Stille an sich riß. Das Abschiedskonzert sollte noch generationenlang im Gedächtnis bleiben und wiederholt werden. Es gab keine Video, das die Sinne abgelenkt hätte — nur Musik und ganz kurze Texte. Man plünderte das Erbe von zweitausend Jahren, um an die Vergangenheit zu erinnern und Hoffnung für die Zukunft zu wecken. Es war nicht nur ein Requiem, sondern auch ein Wiegenlied. Trotzdem schien es ein Wunder, daß die Komponisten, nachdem ihre Kunst technische Perfektion erreicht hatte, noch etwas Neues zu sagen fanden. Seit zweitausend Jahren konnten sie dank der Elektronik über wirklich jeden für das menschliche Ohr hörbaren Ton verfügen, und man hätte glauben können, alle Möglichkeiten des Mediums seien schon lange erschöpft. In der Tat hatte es ungefähr hundert Jahre lang nur gepiept, gezwitschert und elektronisch gerülpst, bis die Komponisten ihre jetzt unbegrenzten Möglichkeiten beherrscht und Technik und Kunst noch einmal erfolgreich miteinander verbunden hatten. Niemand hatte Beethoven oder Bach jemals übertroffen; aber einige waren ihnen nahegekommen. Für die Legionen von Zuhörern war das Konzert eine Erinnerung an Dinge, die sie nie gekannt hatten — Dinge, die allein zur Erde gehörten. Das langsame Dröhnen mächtiger Glocken, das wie unsichtbarer Rauch aus alten Kathedralentürmen emporstieg; der Gesang geduldiger Fischer, wenn sie im letzten Tageslicht gegen den Strom nach Hause ruderten, in Sprachen erklingend, die nun auf ewig verloren waren; die Lieder von Armeen auf ihrem Marsch in Schlachten, denen die Zeit allen Schmerz und alles Böse genommen hatte; das Murmeln von zehn Millionen Stimmen, mit dem die größten Städte des Menschen erwachten und die Dämmerung begrüßten; der kalte Tanz der Morgenröte über endlosen Eismeeren; das Brüllen gewaltiger Motoren, die auf der Straße zu den Sternen nach oben stiegen. All das vernahmen die Zuhörer in der Musik, die aus der Nacht kam — das Lied der fernen Erde über Lichtjahre hinweg… Zum Abschluß hatten die Produzenten das letzte, große Werk in der symphonischen Tradition ausgewählt. Es war erst in den Jahren entstanden, als Thalassa schon den Kontakt mit der Erde verloren hatte, und daher für das Publikum völlig neu. Aber sein ozeanisches Thema machte es für diesen Anlaß besonders geeignet — und es beeindruckte die Zuhörer so, wie es sich der lange verstorbene Komponist nicht besser hätte wünschen können. „Als ich vor fast dreißig Jahren die ‚Klage um Atlantis‘ schrieb, sah ich keine spezifischen Bilder vor mir; ich befaßte mich nur mit emotionalen Reaktionen, nicht mit differenzierten Szenen; die Musik sollte ein Gefühl des Geheimnisvollen vermitteln, der Traurigkeit — des überwältigenden Verlustes. Ich wollte kein Klangporträt zerstörter Städte voller Fische zeichnen. Aber jedesmal, wenn ich jetzt das ‚Lento lugubre‘ höre, wie ich es im Geiste gerade in diesem Augenblick tue, geschieht etwas Sonderbares… Es beginnt bei Takt 136, wo die Serie von Akkorden bis hinunter zum tiefsten Register der Orgel auf die wortlose Arie der Sopranstimme trifft, die aus den Tiefen aufsteigt und sich immer höher und höher schwingt… Sie wissen natürlich, daß ich dieses Thema an den Gesang der großen Wale angelehnt habe, jener mächtigen Minnesänger der Meere, mit denen wir zu spät, viel zu spät, Frieden geschlossen haben… ich schrieb es für Olga Kondraschin, und niemand sonst konnte diese Passagen jemals ohne elektronische Unterstützung singen. Wenn der Gesangspart beginnt, ist es mir, als sähe ich etwas, was wirklich existiert. Ich stehe auf einem großen Stadtplatz, fast so groß wie der Markusoder der Petersplatz. Ringsum sehe ich halb verfallene Gebäude, wie griechische Tempel, und umgestürzte Statuen, in Seetang mit langsam hinund herschwingenden, grünen Wedeln gehüllt. Alles ist teilweise mit einer dicken Schicht Schwemmsand bedeckt. Zuerst scheint der Platz leer zu sein; dann bemerke ich etwas, was mich stört. Fragen Sie mich nicht, warum ich jedesmal aufs neue überrascht bin, warum ich es immer zum erstenmal sehe… Im Zentrum des Platzes ist ein niedriger Hügel, von dem ein Linienmuster strahlenförmig ausgeht. Ich frage mich, ob es eingestürzte, zum Teil im Schwemmsand vergrabene Mauern sind. Aber die Anordnung ergibt keinen Sinn, und dann sehe ich, daß der Hügel — pulsiert. Und einen Augenblick später bemerke ich zwei riesige, starre Augen, die mich unverwandt anschauen. Das ist alles: nichts geschieht. Hier ist seit sechstausend Jahren nichts geschehen, seit jener Nacht, als die Landbrücke nachgab und die See durch die Säulen des Herkules hereinströmte. Das ‚Lento‘ ist mein Lieblingssatz, aber ich konnte die Symphonie nicht so tragisch und verzweifelt ausklingen lassen. Daher das Finale ‚Wiedererstehung‘. Ich weiß natürlich, daß Platos Atlantis niemals wirklich existiert hat. Und genau aus diesem Grunde kann es auch niemals sterben. Es wird immer ein Ideal sein — ein Traum von der Vollkommenheit — ein Ziel, das die Menschen in allen kommenden Epochen begeistern wird. Deshalb endet die Symphonie mit einem triumphierenden Marsch in die Zukunft. Ich weiß, der Marsch wird populärerweise so interpretiert, daß ein Neues Atlantis aus den Wogen auftaucht. Das ist zu wörtlich aufgefaßt; für mich schildert das Finale die Eroberung des Weltraums. Sobald ich dieses Schlußthema gefunden und umrissen hatte, brauchte ich Monate, bis ich wieder davon loskam. Diese verdammten fünfzehn Noten hämmerten Tag und Nacht in meinem Kopf herum… Jetzt existiert die ‚Klage‘ ziemlich getrennt von mir; sie hat ein Eigenleben angenommen. Selbst wenn die Erde nicht mehr ist, wird sie auf die Andromeda-Galaxis zurasen, getrieben von fünfzigtausend Megawatt aus dem Tiefenraumsender im Ziolkowski-Krater. Eines Tages, in Jahrhunderten oder Jahrtausenden, wird man sie auffangen — und verstehen.“ Gesprochene Memoiren Sergei Di Pietro (3411–3509) 53. Die Goldene Maske „Wir haben immer so getan, als ob es sie nicht gäbe“, sagte Mirissa. „Aber jetzt möchte ich sie gerne sehen — nur einmal.“ Loren schwieg eine Weile. Dann antwortete er: „Du weißt, daß Kapitän Bey niemals Besuche auf dem Schiff gestattet hat.“ Natürlich wußte sie das; sie verstand auch die Gründe dafür. Obwohl zuerst einiger Unmut entstanden war, sah jetzt jedermann auf Thalassa ein, daß die kleine Besatzung der ‚Magellan‘ viel zu beschäftigt war, um Fremdenführer — oder Kindermädchen — zu spielen für die unvorhersehbaren fünfzehn Prozent, denen in den Nullschwerkraftabteilungen des Schiffes übel werden würde. Sogar Präsident Farradine hatte eine taktvolle Absage erhalten. „Ich habe mit Moses gesprochen — und er hat mit dem Kapitän gesprochen. Es ist alles arrangiert. Aber es muß geheimbleiben, bis das Schiff fort ist.“ Loren starrte sie verblüfft an; dann lächelte er. Mirissa überraschte ihn immer wieder; das war ein Teil ihrer Anziehungskraft. Und er sah mit einem kurzen Stich der Trauer ein, daß niemand auf Thalassa mehr Anrecht auf dieses Privileg hatte; ihr Bruder war der einzige Lassaner außer ihr, der diese Reise unternommen hatte. Kapitän Bey war ein fairer Mann und bereit, falls es nötig war, die Vorschriften zu ändern. Und wenn das Schiff einmal fort war — bis dahin waren es jetzt nur noch ganze drei Tage, dann würde es nichts mehr ausmachen. „Und wenn du raumkrank wirst?“ „Ich bin bisher noch nie seekrank geworden…“ „… das beweist gar nichts…“ „. und ich war bei Kommandantin Newton. Sie hat mich auf fünfundneunzig Prozent eingestuft. Und sie schlägt vor, daß wir die Mitternachtsfähre nehmen — um diese Zeit sind keine Dorfbewohner in der Nähe.“ „Du hast an alles gedacht, wie?“ sagte Loren mit unverhohlener Bewunderung. „Wir treffen uns am Landepunkt Nummer Zwei, fünfzehn Minuten vor Mitternacht.“ Er zögerte, dann fügte er stockend hinzu: „Ich komme nicht mehr mit herunter. Bitte sag Brant von mir Lebwohl.“ Das war eine Feuerprobe, der er sich nicht stellen konnte. Er hatte tatsächlich keinen Fuß mehr in das Haus der Leonidas gesetzt, seit Kumar seine letzte Reise angetreten hatte und Brant zurückgekehrt war, um Mirissa zu trösten. Schon jetzt war es fast so, als sei Loren nie in ihr Leben getreten. Und er verließ es auch unerbittlich, denn er konnte jetzt Mirissa ansehen und Liebe zu ihr empfinden, ohne sie zu begehren. Ein tieferes Gefühl — einer der schlimmsten Schmerzen, die er je erlebt hatte — füllte jetzt sein Denken aus. Er hatte sich danach gesehnt und gehofft, sein Kind zu sehen — aber der neue Terminplan der ‚Magellan‘ machte das unmöglich. Er hatte zwar die Herzschläge seines Sohnes gehört, vermischt mit denen seiner Mutter, aber er würde ihn nie in seinen Armen halten. Der Treffpunkt der Fähre mit der ‚Magellan‘ lag auf der Tagseite des Planeten, daher war das Schiff immer noch fast hundert Kilometer entfernt, als Mirissa es zum erstenmal sah. Obwohl sie wußte, wie groß es in Wirklichkeit war, sah es aus wie ein Kinderspielzeug, wie es da im Sonnenlicht glitzerte. Aus zehn Kilometern Entfernung erschien es auch nicht größer. Mirissas Gehirn und ihre Augen ließen sich nicht davon abbringen, daß jene dunklen Kreise um den Mittelabschnitt nur Bullaugen seien. Erst als der endlose, gewölbte Rumpf des Schiffes direkt neben ihnen aufragte, wollte ihr Geist eingestehen, daß es Ladeund Andockluken waren, und daß die Fähre soeben in eine davon einfahren wollte. Loren schaute Mirissa ängstlich an, als sie ihren Sicherheitsgurt losschnallte; das war der gefährliche Augenblick, wenn der übermäßig selbstbewußte Fahrgast, zum erstenmal von allen Fesseln frei, plötzlich erkannte, daß die Nullschwerkraft doch nicht so genußvoll war, wie es aussah. Aber Mirissa schien sich völlig wohlzufühlen, als sie, von ein paar sanften Stößen Lorens angetrieben, durch die Luftschleuse schwebte. „Glücklicherweise besteht kein Anlaß, in die 1 g-Station zu gehen, deshalb entkommst du dem Problem, dich zweimal umstellen zu müssen. Um Schwerkraft brauchst du dich erst wieder zu kümmern, wenn du auf den Boden zurückgekehrt bist.“ Es wäre interessant gewesen, dachte Mirissa, die Wohnräume in dem Abschnitt des Schiffes zu besuchen, der sich drehte — aber das hätte zu endlosen höflichen Unterhaltungen und persönlichen Kontakten geführt, und das war das letzte, was sie jetzt brauchte. Sie war ganz froh, daß Kapitän Bey noch unten auf Thalassa war; so brauchte sie ihm nicht einmal einen Höflichkeitsbesuch abzustatten, um sich zu bedanken. Sobald sie die Luftschleuse verlassen hatten, kamen sie in einen röhrenförmigen Korridor, der sich über die ganze Länge des Schiffes zu erstrecken schien. Auf einer Seite war eine Leiter angebracht, auf der anderen glitten zwei Reihen flexibler Schlingen, gut erreichbar für Hände und Füße, in beiden Richtungen in parallelen Rillen langsam vorbei. „Hier ist es nicht sehr gemütlich, wenn wir beschleunigen“, sagte Loren. „Dann wird der Gang zu einem zwei Kilometer tiefen, senkrechten Schacht. Und da braucht man die Leiter und die Handgriffe wirklich. Jetzt packst du einfach diese Schlinge und überläßt ihr die Arbeit.“ Sie wurden mehrere hundert Meter weit gezogen, dann wechselten sie in einen Korridor, der im rechten Winkel zum Hauptgang lag. „Laß die Schlaufen los!“ sagte Loren nach ein paar Dutzend Metern. „Ich möchte dir etwas zeigen.“ Mirissa ließ ihren Handgriff fahren, sie schwebten neben ein langes, schmales Fenster, das in die Seitenwand des Tunnels eingelassen war und kamen zum Stillstand. Sie spähte durch das dicke Glas in eine riesige, strahlend hell erleuchtete Höhle aus Metall. Obwohl sie die Orientierung ziemlich verloren hatte, schätzte sie, daß diese große, zylindrische Kammer fast über die gesamte Breite des Schiffs gehen mußte — und daß jene Mittelstange daher entlang der Achse lag. „Der Quantenantrieb“, sagte Loren stolz. Er versuchte gar nicht erst, die verhüllten Metallund Kristallformen zu benennen, die seltsam aussehenden Strebenbögen, die aus den Wänder der Kammer hervorragten, die pulsierenden Lichterkonstellationen, die vollkommen schwarze Kugel, die, obwohl sie völlig ohne Erhebungen war, sich doch irgendwie zu drehen schien… Aber nach einer Weile sagte er: „Die größte Leistung des menschlichen Geistes — das letzte Geschenk der Erde an ihre Kinder. Eines Tages wird er uns zu Herren der Galaxis machen.“ In diesen Worten lag eine Arroganz, die Mirissa zusammenzucken ließ. Das war wieder der alte Loren, ehe ihn Thalassa umgänglicher gemacht hatte. Laß gut sein, dachte sie; ein Teil von ihm ist doch endgültig verändert. „Glaubst du“, fragte sie sanft, „daß die Galaxis das überhaupt bemerken wird?“ Aber sie war doch beeindruckt und starrte lange die riesigen, für sie bedeutungslosen Formen an, die Loren über die Lichtjahre hinweg zu ihr getragen hatten. Sie wußte nicht, ob sie sie für das, was sie ihr gebracht hatten, segnen oder für das, was sie ihr bald wegnehmen würden, verfluchen sollte. Loren führte sie weiter durch das Labyrinth, tiefer ins Herz der ‚Magellan‘ hinein. Kein einzigesmal begegnete ihnen jemand; eine Erinnerung daran, wie groß das Schiff war — und wie klein seine Mannschaft. „Wir sind fast da“, sagte Loren, und seine Stimme klang jetzt gedämpft und feierlich. „Und das ist der Hüter.“ Völlig überrumpelt schwebte Mirissa auf das goldene Gesicht zu, das ihr aus der Nische entgegenstarrte, bis sie fast damit zusammengestoßen wäre. Sie streckte die Hand aus und spürte kaltes Metall. Es war also wirklich — und nicht, wie sie zuerst gedacht hatte, ein Holobild. „Was… wer ist das?“ flüsterte sie. „Wir haben viele der größten Kunstschätze der Erde an Bord“, erklärte Loren mit düsterem Stolz. „Das hier war einer der berühmtesten. Ein König, der sehr jung starb — ein Knabe noch…“ Lorens Stimme verklang, als sie beide den gleichen Gedanken hatten. Mirissa mußte ihre Tränen wegblinzeln, ehe sie die Inschrift unterhalb der Maske lesen konnte. TUT ANCH AMON ca. 1350–1333 v. Chr. (Tal der Könige, Ägypten, A.D. 1922) Ja, er war fast im gleichen Alter gewesen wie Kumar. Das Goldgesicht starrte sie über die Jahrtausende und die Lichtjahre hinweg an — das Gesicht eines jungen Gottes, dahingerafft in der Blüte seiner Jahre. Hier waren Macht und Zuversicht, aber noch nicht die Anmaßung und Grausamkeit, die die verlorenen Jahre gebracht hätten. „Warum hier?“ fragte Mirissa, obwohl sie die Antwort halb erriet. „Es schien uns ein passendes Symbol. Die Ägypter glaubten, wenn sie die richtigen Zeremonien ausführten, würden die Toten in irgendeiner Jenseitswelt von neuem existieren. Reiner Aberglaube natürlich — doch wir haben ihn hier wahrgemacht.“ Aber nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte, dachte Mirissa traurig. Als sie in die pechschwarzen Augen des Königsknaben blickte, die sie aus der Maske aus unzerstörbarem Gold heraus anschauten, war es schwer zu glauben, daß das nur ein wundervolles Kunstwerk und keine lebende Person sein sollte. Sie konnte ihre Augen nicht von diesem ruhigen, aber doch hypnotischen Blick über die Jahrhunderte hinweg losreißen. Noch einmal streckte sie die Hand aus und streichelte eine goldene Wange. Das kostbare Metall erinnerte sie plötzlich an ein Gedicht, das sie in den Archiven des Ersten Landeplatzes gefunden hatte, als sie den Computer daransetzte, die Literatur der Vergangenheit nach Worten des Trostes zu durchforschen. Die meisten der Hunderten von Zeilen hatten nicht gepaßt, aber diese eine („Autor unbekannt —? 1800–2100“) war genau richtig gewesen: Sie tragen strahlend hell zum Münzer zurück die menschlichen Prägstücke, Die Jungen, die sterben im Glanz, die nie im Alter verwelken. Loren wartete geduldig, bis Mirissas Gedanken ihren Weg vollendet hatten. Dann schob er eine Karte in einen fast unsichtbaren Schlitz neben der Totenmaske, und lautlos öffnete sich eine kreisrunde Tür. Es kam einem verrückt vor, wenn man in einem Raumschiff einen Garderobenraum voll schwerer Pelze betrat, aber Mirissa sah ein, daß man sie brauchte. Schon jetzt war die Temperatur um viele Grade gefallen, und sie merkte, daß sie in der ungewohnten Kälte fröstelte. Loren half ihr in den Thermoanzug — bei Nullschwerkraft ging das nicht ohne Schwierigkeiten — und sie schwebten auf einen Kreis aus Milchglas zu, der in die entgegengesetzte Wand der kleinen Kammer eingelassen war. Die kristallene Falltür schwang auf sie zu wie ein sich öffnendes Uhrglas, und heraus wirbelte ein Schwall eisiger Luft, wie ihn sich Mirissa nie vorgestellt, geschweige denn je erlebt hatte. Dünne Schwaden von Feuchtigkeit kondensierten in der eiskalten Luft und umtanzten sie wie Geister. Sie schaute Loren an, als wolle sie sagen: ‚Du erwartest doch sicher nicht, daß ich da hineingehe!‘ Er nahm beruhigend ihren Arm und sagte: „Keine Angst — der Anzug wird dich schützen, und nach ein paar Minuten spürst du die Kälte auf dem Gesicht gar nicht mehr.“ Es fiel ihr schwer, das zu glauben, aber er hatte recht. Als sie ihm, zunächst nur vorsichtig atmend, durch die Falltür folgte, stellte sie überrascht fest, daß die Kälte überhaupt nicht unangenehm war. Ja, sie war richtiggehend stimulierend; zum erstenmal konnte sie verstehen, warum Menschen freiwillig in die Polargebiete der Erde gegangen waren. Sie konnte sich ganz leicht vorstellen, selbst dort zu sein, denn sie schien in einem frostigen, schneeweißen Universum zu schweben. Ringsum waren glitzernde Waben, die aus Eis hätten sein können, und die Tausende von sechseckigen Zellen bildeten. Sie sahen fast aus wie eine kleinere Ausgabe des Schilds der ‚Magellan‘ nur daß die Einzelelemente hier nicht mehr als einen Meter im Durchmesser hatten und mit Büscheln von Leitungen und Kabelbündeln zusammengeschnürt waren. Hier waren sie also, hier schliefen sie überall — Hunderttausende von Kolonisten, die sich an die Erde buchstäblich immer noch so erinnerten, als sei es erst gestern gewesen. Was träumten sie, fragte sie sich, die ihren fünfhundertjährigen Schlaf noch nicht einmal zur Hälfte hinter sich hatten? Träumte das Gehirn überhaupt in diesem dämmrigen Niemandsland zwischen Leben und Tod? Wenn man Loren Glauben schenkte, nicht; aber wer konnte wirklich sicher sein? Mirissa hatte Videos gesehen über Bienen, die in einem Stock herumflitzten und emsig ihren geheimnisvollen Geschäften nachgingen; hier kam sie sich vor wie eine menschliche Biene, als sie Loren, Hand über Hand das Gitterwerk von Geländern entlang folgte, das sich kreuz und quer über die Fassade der großen Bienenwabe zog. Sie fühlte sich jetzt bei Nullschwerkraft völlig zu Hause und nahm nicht einmal mehr die bittere Kälte wahr. Ja, sie war sich kaum ihres Körpers bewußt und mußte sich manchmal selbst überzeugen, daß das nicht alles ein Traum war, aus dem sie gleich erwachen würde. Die Zellen trugen keine Namen, waren aber alle mit einem alphanumerischen Kode markiert. Loren ging ohne zu zögern auf H-354 zu. Auf einen Knopfdruck glitt der sechseckige Behälter aus Metall und Glas auf Teleskopschienen heraus und gab den Blick auf die schlafende Frau in seinem Innern frei. Sie war nicht schön — aber es war auch unfair, eine Frau zu beurteilen, der die krönende Zierde ihres Haares fehlte. Ihre Haut hatte eine Farbe, wie Mirissa sie noch nie gesehen hatte und wie sie, das wußte sie, auf der Erde sehr selten geworden war — ein so tiefes Schwarz, daß fast ein Stich Blau darin zu sein schien. Und sie war so makellos, daß Mirissa einen Anfall von Eifersucht nicht unterdrücken konnte; ein flüchtiges Bild schoß ihr durch den Sinn, ineinander verschlungene Körper, Ebenholz und Elfenbein — ein Bild, das sie, dessen war sie sicher, in den kommenden Jahren verfolgen würde. Sie schaute wieder in das Gesicht. Selbst in dieser jahrhundertelangen Ruhe zeigte es Entschlossenheit und Intelligenz. Wären wir Freunde geworden? fragte sich Mirissa. Ich bezweifle es; wir sind uns zu ähnlich. Du bist also Kitani, und du trägst Lorens erstes Kind hinaus zu den Sternen. Aber wird es wirklich das erste sein, da es ja Jahrhunderte nach dem meinen geboren werden wird? Erstes oder zweites, ich wünsche ihm Glück… Sie war immer noch ganz starr, aber nicht nur von der Kälte, als sich die Kristalltür hinter ihnen schloß. Loren steuerte sie sanft zurück, den Korridor entlang, am Hüter vorbei. Noch einmal strich sie mit den Fingern über die Wange des unsterblichen Goldknaben. Einen erschreckenden Augenblick lang fühlte sie sich warm an; dann begriff sie, daß ihr Körper noch dabei war, sich an die Normaltemperatur anzupassen. Das würde nur Minuten dauern; aber wie lange würde es dauern, fragte sie sich, bis das Eis um ihr Herz geschmolzen war? 54. Abschiedsworte Nun werde ich zum letztenmal mit dir sprechen, Evelyn, ehe ich meinen längsten Schlaf beginne. Ich bin noch auf Thalassa, aber in ein paar Minuten wird die Fähre abheben und mich zur ‚Magellan‘ bringen; für mich gibt es nichts mehr zu tun — bis wir in dreihundert Jahren den Planeten erreichen… Ich verspüre eine große Traurigkeit, denn soeben habe ich Mirissa Leonidas, meiner besten Freundin hier, Lebewohl gesagt. Wie hätte es dir gefallen, sie kennenzulernen! Sie ist vielleicht der intelligenteste Mensch, der mir auf Thalassa begegnet ist, und wir hatten viele lange Gespräche — wenn ich auch befürchte, daß manche davon mehr den Monologen ähnelten, für die du mich so oft kritisiert hast… Sie hat natürlich nach Gott gefragt; aber ihre scharfsinnigste Frage war vielleicht eine, die ich überhaupt nicht beantworten konnte. Bald nachdem ihr geliebter jüngerer Bruder ums Leben kam, fragte sie mich: „Welchen Zweck hat der Kummer? Hat er irgendeine biologische Funktion?“ Wie sonderbar, daß ich mir darüber niemals ernsthaft Gedanken gemacht hatte! Man könnte sich eine perfekt funktionierende, intelligente Spezies vorstellen, in der der Toten ohne Gefühle gedacht würde — wenn ihrer überhaupt gedacht würde. Es wäre eine völlig unmenschliche Gesellschaft, aber sie könnte mindestens genauso erfolgreich sein, wie es die Termiten und die Ameisen auf der Erde waren. Könnte der Kummer ein zufälliges — sogar pathologisches — Nebenprodukt der Liebe sein, die natürlich durchaus eine wesentliche, biologische Funktion hat? Das ist ein seltsamer, verwirrender Gedanke. Aber es sind doch unsere Gefühle, die uns zu Menschen machen; wer würde sie aufgeben wollen, selbst wenn er wüßte, daß jede neue Liebe nur eine weitere Geisel für jene terroristischen Zwillinge Zeit und Schicksal ist? Sie hat oft mit mir über dich gesprochen, Evelyn. Sie konnte nicht verstehen, daß ein Mann sein ganzes Leben lang nur eine Frau lieben sollte und sich keine andere suchte, wenn sie nicht mehr war. Einmal habe ich sie geneckt und gesagt, den Lassanern sei Treue fast ebenso fremd wie Eifersucht; sie erwiderte, sie hätten gewonnen, indem sie beides verloren hätten. Man ruft mich; die Fähre wartet. Jetzt muß ich Thalassa für immer Lebewohl sagen. Und auch dein Bild beginnt zu verblassen. Obwohl ich gut darin bin, anderen Ratschläge zu erteilen, habe ich mich vielleicht zu lange an meinen eigenen Kummer geklammert, und das erweist der Erinnerung an dich keinen Dienst. Thalassa hat geholfen, mich zu heilen. Jetzt kann ich mich mehr darüber freuen, dich gekannt zu haben, als daß ich trauere, dich verloren zu haben. Eine seltsame Ruhe ist über mich gekommen. Zum erstenmal habe ich das Gefühl, die Vorstellung meiner alten buddhistischen Freunde von der Loslösung wirklich zu verstehen — sogar das Nirwana… Und wenn ich auf Sagan Zwei nicht mehr aufwache, dann mag es so sein. Meine Arbeit hier ist getan, und ich bin es zufrieden. 55. Der Abflug Der Trimaran erreichte den Rand der Tanggründe kurz vor Mitternacht, und Brant warf in dreißig Meter Wassertiefe Anker. Wenn es dämmerte, würde er anfangen, die Beobachtungskugeln auszuwerfen, bis der Zaun zwischen Skorpville und der Südinsel geschlossen war. Sobald er stand, würde man alles beobachten, was da unten vorging. Wenn die Skorps eine der Beobachtungskugeln fanden und sie als Trophäe nach Hause trugen, um so besser. Sie würde weiterfunktionieren und zweifellos sogar noch nützlichere Informationen liefern als im offenen Meer. Jetzt hatte er nichts mehr zu tun, als in dem sanft schaukelnden Boot zu liegen und der leisen Musik von Radio Tarna zuzuhören, die heute abend ungewöhnlich gedämpft war. Von Zeit zu Zeit kam eine Durchsage, eine Bekundung der Freundschaft oder ein Gedicht zu Ehren der Besucher. Auf beiden Inseln würden heute nacht wohl nur wenige Menschen schlafen; Mirissa fragte sich flüchtig, welche Gedanken wohl Owen Fletcher und seinen Mitverbannten durch den Kopf gingen, die für den Rest ihres Lebens auf einer fremden Welt ausgesetzt waren. Als sie sie das letztemal in einer Videosendung von der Nordinsel gesehen hatte, hatten sie überhaupt nicht unglücklich gewirkt und ganz fröhlich über örtliche Geschäftsmöglichkeiten gesprochen. Brant war so still, daß sie gedacht hätte, er schliefe, wenn seine Hand die ihre nicht so fest wie immer umfaßt hätte, als sie so Seite an Seite lagen und zu den Sternen hinaufschauten. Er hatte sich verändert — vielleicht noch mehr als sie. Er war weniger ungeduldig, rücksichtsvoller. Und was das Beste war, er hatte das Kind schon akzeptiert, mit Worten, deren Freundlichkeit sie zu Tränen gerührt hatte: „Er wird zwei Väter haben.“ Jetzt begann Radio Tarna mit dem letzten und ganz unnötigen Start-Countdown — dem ersten, den die Lassaner jemals erlebt hatten, abgesehen von historischen Aufzeichnungen aus der Vergangenheit. Werden wir überhaupt etwas sehen, fragte sich Mirissa? Die ‚Magellan‘ ist auf der anderen Seite der Welt, schwebt hoch im Zenit über einer Wasserhalbkugel. Wir haben die Masse des ganzen Planeten zwischen uns… „… Null…“, sagte Radio Tarna — und wurde im gleichen Augenblick von einem aufbrüllenden, weißen Rauschen ausgelöscht. Brant griff nach dem Lautstärkeregler und hatte das Geräusch gerade abgeschaltet, als der Himmel explodierte. Um den ganzen Horizont zog sich ein Feuerring. Norden, Süden, Osten, Westen — überall das gleiche. Lange Flammenbänder stiegen aus dem Ozean auf, griffen hoch bis halb zum Zenit, in einer prachtvollen Morgenröte, wie Thalassa sie nie zuvor erlebt hatte und auch nie wieder zu sehen bekommen würde. Es war schön, aber ehrfurchteinflößend. Jetzt verstand Mirissa, warum man die ‚Magellan‘ zum Start auf der anderen Seite der Welt postiert hatte; aber das war nicht der Quantenantrieb selbst, sondern nur die überschüssigen Energien, die er abgab und die, ohne Schaden anzurichten, von der Ionosphäre absorbiert wurden. Loren hatte ihr etwas Unverständliches über Superraum-Schockwellen erzählt und hinzugefügt, daß nicht einmal die Erfinder des Antriebs dieses Phänomen jemals verstanden hätten. Sie fragte sich kurz, was wohl die Skorps von diesem himmlischen Feuerwerk halten mochten; eine Spur dieses aktinischen Tobens mußte doch auch durch die Tangwälder nach unten dringen und die Winkel ihrer versunkenen Städte erleuchten. Vielleicht war es Einbildung, aber die strahlenförmigen, vielfarbigen Lichtstreifen, aus denen die alles umspannende Lichtkrone bestand, schienen langsam über den Himmel zu kriechen. Die Quelle ihrer Energie gewann an Tempo und beschleunigte auf ihrer Umlaufbahn, als sie Thalassa für immer verließ. Es dauerte viele Minuten, bis Mirissa sich ganz sicher sein konnte, eine Bewegung wahrzunehmen, in der gleichen Zeit hatte auch die Intensität des Leuchtens merklich nachgelassen. Dann hörte es plötzlich auf. Radio Tarna kam, ziemlich atemlos, wieder auf Sendung. „… alles nach Plan… die Position des Schiffes wird jetzt korrigiert… später weitere Lichterscheinungen, aber nicht so spektakulär… alle Stufen der Anfangsstarts finden auf der anderen Seite der Welt statt, aber in drei Tagen können wir die ‚Magellan‘ direkt sehen, wenn sie das System verläßt…“ Mirissa hörte die Worte kaum, sie starrte hinauf in den Himmel, wo jetzt die Sterne wiederkehrten — die Sterne, die sie nie wieder ansehen konnte, ohne an Loren zu denken. Sie fühlte jetzt gar nichts; wenn sie Tränen hatte, würden sie erst später kommen. Sie spürte Brants Arme um sich und war froh um den Trost, den sie ihr gegen die Einsamkeit des Weltraums gaben. Hier gehörte sie hin; ihr Herz würde nicht mehr vom Wege abweichen. Denn endlich verstand sie: wenn sie auch Loren um seiner Stärke willen geliebt hatte, Brant liebte sie wegen seiner Schwäche. „Leb wohl, Loren“, flüsterte sie, „mögest du glücklich werden auf jener fernen Welt, die du und deine Kinder für die Menschheit erobern werden. Aber denke manchmal an mich, dreihundert Jahre hinter dir auf der Straße, die von der Erde kommt.“ Als Brant ihr mit ungeschickter Zärtlichkeit übers Haar strich, wünschte er sich, Worte zu finden, mit denen er sie trösten konnte, aber er wußte, daß Schweigen das beste war. Er fühlte sich nicht als Sieger; obwohl Mirissa wieder ihm gehörte, war ihre alte, sorglose Kameradschaft unwiderruflich vorbei. An jedem Tag seines Lebens, soviel wußte Brant, würde Lorens Geist zwischen sie treten — der Geist eines Mannes, der keinen Tag älter sein würde, wenn sie schon Staub im Wind waren. Als die ‚Magellan‘ drei Tage später im Osten über den Horizont stieg, war sie ein blendender Stern, zu hell, als daß man sie mit bloßen Augen hätte ansehen können, obwohl der Quantenantrieb sorgfältig so ausgerichtet worden war, daß der größte Teil der austretenden Strahlung an Thalassa vorbeigehen würde. Woche um Woche, Monat um Monat wurde der Stern langsam blasser, obwohl er, sogar als er wieder am Taghimmel erschien, immer noch leicht zu finden war, wenn man genau wußte, wo man ihn suchen mußte. Und bei Nacht war er jahrelang oft der hellste Stern. Mirissa sah die ‚Magellan‘ ein letztesmal, kurz bevor sie ihr Augenlicht verlor. Der Quantenantrieb — inzwischen durch die Entfernung unschädlich — mußte ein paar Tage lang direkt auf Thalassa gerichtet gewesen sein. Damals war das Schiff fünfzehn Lichtjahre entfernt, aber ihre Enkel hatten keine Schwierigkeit, den blauen Stern dritter Größenordnung aufzuzeigen, der über den Wachtürmen der elektrifizierten Skorp-Barriere schien. 56. Unterhalb der Grenzfläche Sie waren noch nicht intelligent, aber sie waren neugierig — und das war der erste Schritt auf der endlosen Straße. Wie viele der Krustentiere, die einst die Meere der Erde bevölkert hatten, konnten sie unbegrenzt lange an Land überleben. Vor den letzten paar hundert Jahren hatte es dazu jedoch wenig Anreiz gegeben; die großen Tangwälder versorgten sie mit allem, was sie brauchten. Von den langen, schmalen Blättern ernährten sie sich, die zähen Stengel waren das Rohmaterial für die primitiven Werkzeuge, die sie herstellten. Sie hatten nur zwei natürliche Feinde. Der eine war ein riesiger, aber sehr seltener Tiefseefisch — kaum mehr als ein beutehungriges Maul, das mit einem nie zufriedenen Magen verbunden war. Der andere war eine giftige, pulsierende Qualle — die frei bewegliche Form des Riesenpolypen — die manchmal den Meeresboden mit Tod bedeckte und eine ausgebleichte Wüste hinter sich zurückließ. Abgesehen von den gelegentlichen Ausflügen durch die Grenzfläche zwischen Luft und Wasser hätten die Skorps ihr ganzes Leben durchaus im Meer zubringen können, so perfekt waren sie an ihre Umgebung angepaßt. Aber — anders als die Ameisen und die Termiten — waren sie noch in keine Sackgasse der Evolution geraten. Sie konnten noch auf Veränderungen reagieren. Und Veränderungen — wenn auch bisher nur in sehr kleinem Ausmaß, waren in der Tat über diese Ozeanwelt gekommen. Wundersame Dinge waren vom Himmel gefallen. Wo diese herkamen, mußte es noch mehr geben. Wenn die Skorps so weit waren, würden sie aufbrechen und danach suchen. Sie hatten es nicht besonders eilig in der zeitlosen Welt des thalassanischen Meeres; es würde noch Jahre dauern, bis sie zum erstenmal versuchten, das fremde Element zu erstürmen, von dem ihre Kundschafter so seltsame Berichte mitgebracht hatten. Sie würden nie erraten, daß andere Kundschafter über sie berichteten. Und wenn sie sich schließlich aufmachten, würden sie einen höchst unglücklichen Zeitpunkt wählen. Sie würden das Pech haben, während Präsident Owen Fletchers ziemlich verfassungswidriger, aber höchst kompetenter zweiter Regierungsperiode an Land aufzutauchen. Neunter Teil Sagan Zwei 57. Die Stimmen der Zeit Das Sternenschiff ‚Magellan‘ war immer noch nicht mehr als ein paar Lichtstunden entfernt, als Kumar Lorenson geboren wurde, aber sein Vater schlief schon und hörte die Nachricht erst dreihundert Jahre später. Die Tränen kamen ihm bei dem Gedanken, daß sein traumloser Schlaf über die gesamte Lebenszeit seines ersten Kindes hinweggegangen war. Sobald er es ertragen konnte, würde er die Aufzeichnungen abrufen, die in den Datenbanken auf ihn warteten. Er würde zusehen, wie sein Sohn zum Manne heranwuchs, und hören, wie seine Stimme über die Jahrhunderte Grüße herüberrief, die er nie beantworten konnte. Und er würde (es gab keine Möglichkeit, es zu vermeiden) sehen, wie das lange verstorbene Mädchen, das er — vor Wochen erst — liebevoll in den Armen gehalten hatte, alterte. Ihr letztes Lebewohl würde aus runzligen Lippen zu ihm kommen, die in Wirklichkeit schon lange zu Staub zerfallen waren. Sein Kummer, war er auch schmerzlich, würde langsam vergehen. Das Licht einer neuen Sonne füllte den Himmel vor ihm; und bald würde es wieder eine Geburt geben, auf der Welt, die schon jetzt das Sternenschiff ‚Magellan‘ in seine letzte Umlaufbahn zog. Eines Tages würde der Schmerz vorüber sein; aber die Erinnerung nie. * * * ANHANG CHRONOLOGIE (TERRANISCHE JAHRE) ERDE 1956 Entdeckung des Neutrinos 1967 Entdeckung der solaren Neutrino-Anomalie 2000 Schicksal der Sonne bestätigt 2100 Interstellare Sonden 2200 2300 Planung der Saatroboter 2400 Beginn der Aussaat (Embryos) 2500 2600 (DNS-Kodes) 2700 2751 SAATSCHIFF STARTET NACH THALASSA 2800 2900 2999 LETZTES JAHRTAUSEND 3000 3100 3200 — Herrn der letzten Tage 3500 Quantenantrieb 3600 Letzter Exodus 3617 Sternschiff ‚Magellan‘ 3620 Ende der Erde THALASSA 3109 Erste Landung 0 Entstehung d. 100 Nation, Kontakt mit der Erde 200 Ausbruch des Mt. Krakan; 300 Kontakt geht Verloren 400 Stasis 3827 Ankunft 718 der ‚Magellan‘ 3829 Abreise d. ‚Magellan‘ 4135 SAGAN ZWEI 1026 BIBLIOGRAPHISCHE ANMERKUNG Die erste Version dieses Romans, eine Kurzgeschichte von 12500 Wörtern, wurde von Februar bis April 1957 geschrieben und in dem amerikanischen Magazin „IF“ (Juni 1958) und im englischen Magazin „Science Fantasy“ (Juni 1959) veröffentlicht. Einfacher findet man sie vielleicht in meinen bei Harcourt, Brace, Jovanovich erschienenen Sammlungen ‚The Other Side of the Sky‘ (1958) und ‚From the Ocean, Front the Stars‘ (1962). 1979 entwickelte ich das Thema in einem kurzen Filmentwurf, der im Magazin „Omni“ (Bd. 3, No. 12, 1980) erschienen ist. Seither wurde diese Version in der illustrierten Sammlung meiner Kurzgeschichten ‚The Sentinel‘ bei Byron Preiss/Berkley (1984) veröffentlicht, zusammen mit einer Einführung, die erklärt, wie sie entstanden ist und wie sie völlig unerwartet dazu führte, daß ‚2010: Odyssee Zwei‘ geschrieben und verfilmt wurde. Dieser Roman, die dritte und endgültige Fassung, wurde im Mai 1983 begonnen und im Juni 1985 fertiggestellt. 1. Juli 1985 Colombo, Sri Lanka DANKSAGUNGEN Der erste Hinweis, daß Vakuumenergien zum Antrieb genützt werden könnten, wurde offenbar von Shinichi Seike im Jahre 1969 gegeben. („Quantum Electric Space Vehicle“; 8. Symposium über Weltraumtechnologie und Naturwissenschaften, Tokio). Zehn Jahre später stellte H. D. Froning von McDonnell Douglas Astronautics diesen Gedanken bei der Konferenz für interstellare Studien der ‚British Interplanetary Society‘ in London (September 1969) vor und ließ ihm zwei Thesenpapiere folgen: „Propulsion Requirements for a Quantum Interstellar Ramjet“ (JBIS, Vol. 33, 1980) und „Investigation of a Quantum Ramjet for Interstellar Flight“ (AIAA Preprint 81-1534, 1981). Wenn man die zahllosen Erfinder unspezifizierter ‚Weltraumantriebe‘ außer acht läßt, war der erste, der diesen Gedanken literarisch verwendete, wohl Dr. Charles Sheffield, der Chefwissenschaftler der ‚Earth Satellite Corporation‘; er diskutiert die theoretische Basis für den „Quantenantrieb“ (oder, wie er ihn nennt: „Vakuum-Energie-Antrieb“) in seinem Roman „The McAndrew Chronicles“ („Analog: Science Fact — Science Fiction“ 1981; Nachdruck Tor Books, 1983). Richard Feynman behauptet, nach einer zugegebenermaßen naiven Berechnung enthalte jeder Kubikzentimeter Vakuum genügend Energie, um alle Ozeane der Welt zum Sieden zu bringen. Eine andere Schätzung von John Wheeler ergibt einen Wert, der nicht weniger als neunundsiebzig Größenordnungen höher liegt. Wenn zwei der größten Physiker der Welt um eine Kleinigkeit von neunundsiebzig Nullen voneinander abweichen, so mag man uns übrigen ein wenig Skepsis verzeihen; aber es ist zumindest ein interessanter Gedanke, daß das Vakuum in einer einzigen, ganz gewöhnlichen Glühbirne genügend Energie enthält, um die gesamte Galaxis zu zerstören… und vielleicht, wenn es sich noch ein wenig mehr anstrengt, den ganzen Kosmos. In einem Aufsatz, den man hoffentlich einmal als historisch bezeichnen kann („Extracting Electrical Energy front the Vacuum by Cohesion of Charged Foliated Conductors“, in „Physical Review“, Vol. 30B, pp. 17001702, August 15, 1984) hat Dr. Robert L. Forward von den Hughes Research Labs aufgezeigt, daß zumindest ein winziger Bruchteil dieser Energie angezapft werden kann. Wenn ihn irgend jemand außer Science FictionAutoren zum Antrieb nutzbar machen kann, wären die rein technischen Probleme des interstellaren — oder sogar des intergalaktischen — Flugs gelöst. Aber vielleicht auch nicht. Ich bin Dr. Alan Bond äußerst dankbar für seine eingehende mathematische Analyse der für die in diesem Roman beschriebene Mission notwendigen Abschirmung und für den Hinweis, daß ein stumpfer Kegel die vorteilhafteste Form wäre. Es kann sich durchaus herausstellen, daß der Faktor, durch den interstellare Flüge mit hohen Geschwindigkeiten begrenzt werden, nicht die Energie ist, sondern der Abrieb der Schildmasse durch interstellare Materie und die Verdampfung durch Protonen. Die Geschichte und die Theorie des Weltraumfahrstuhls sind in meiner Rede an den Dreißigsten Kongreß der Internationalen Astronauten-Föderation, München 1979 nachzulesen: „The Space Elevator: ‚Thought Experiment or Key to the Universe?“ (Nachdruck in: „Advances in Earth Orientated Applications of Space Technology“, Vol. I, No. 1, 1981, pp. 39–48 und in: „Ascent to Orbit“ hrsg. v. John Wiley, 1984). Ich habe die Idee auch in dem Roman „The Fountains of Paradise“ (Del Rey, Gollancz, 1978) ausgeführt. Die ersten Experimente in dieser Richtung mit Frachten, die an hundert Kilometer langen ‚Stricken‘ aus der Raumfähre in die Atmosphäre herabgelassen werden, dürften etwa um die Zeit beginnen, zu der dieser Roman veröffentlicht wird. Ich möchte mich bei Jim Ballard und J. T. Frazer dafür entschuldigen, daß ich den Titel ihrer beiden ganz an dersartigen Bände für mein Schlußkapitel gestohlen habe. Mein besonderer Dank gilt Diyawadane Nilame und seinem Personal im Tempel des Zahns, Kandy dafür, daß sie so freundlich waren, mich zu einer unruhigen Zeit ins Reliquienkapitel einzuladen. ÜBER DEN AUTOR Arthur C. Clarke wurde 1917 in Minehead, Somerset, England geboren und graduierte am Kings College London, wo er es in Physik und Mathematik zu ‚First Class Honors‘ brachte. Er war Vorsitzender der British Interplanetary Society und ist Mitglied der ‚Academy of Astronautics‘, der ‚Royal Astronomical Society‘ und vieler anderer wissenschaftlicher Organisationen. Während des Zweiten Weltkrieges war er als Luftwaffenoffizier der Royal Air Force in der Erprobungsphase für das erste Radargerät verantwortlich. Sein einziger NichtScience Fiction-Roman „Glide Path“ basiert auf dieser Arbeit. Er hat fünfzig Bücher geschrieben, von denen etwa zwanzig Millionen Exemplare oder mehr in über dreißig Sprachen gedruckt wurden, seine zahlreichen Auszeichnungen schließen den ‚Kalinga-Preis‘ 1961, den ‚AAASWestinghouse Science Writing Prize‘, den ‚Bradford Washburn Award‘ und den ‚Hugo‘, ‚Nebula‘ und John W. Campbell Award‘ ein — die er alle drei mit seinem Roman „Rendezvous with Rama“ gewann. 1968 wurde er zusammen mit Stanley Kubrick für „2001: A Space Odyssey“ für den Oscar nominiert; und seine dreizehnteilige Fernsehserie „Arthur C. Clarkes geheimnisvolle Welt“ wurde inzwischen in vielen Ländern ausgestrahlt. Bei der CBS-Berichterstattung über die Apollo-Missionen arbeitete er mit Walter Cronkite zusammen. Die Erfindung des Kommunikationssatelliten 1945 brachte ihm zahlreiche Ehrungen ein, z. B. 1982 die ‚Marconi International Fellowship‘, eine Goldmedaille des ‚Franklin Institute‘, die ‚Vikram Sarabhai‘-Professur am ‚Physical Research Laboratory‘, Ahmedabad, und eine Fellowship des ‚King's College‘, London. Vor kurzem hat ihn der Präsident von Sri Lanka zum Kanzler der Universität Moratuwa in der Nähe von Colombo ernannt. Arthur C. Clarkes erster Roman seit „Odyssee 2010“: Zum erstenmal nimmt die Menschheit Kontakt mit einer außerirdischen Intelligenz auf! Thalassa war ein echtes Paradies, ein paar unberührte Inseln in einem warmen, planetenweiten Ozean, die Heimat einer jener kleinen Kolonien, die schon vor Jahrhunderten von den Roboter-Mutterschiffen gegründet wurden. Die Thalassier lebten glücklich in dieser paradiesischen Welt. Hypnotisiert von der Schönheit Thalassas und überwältigt von den schier unerschöpflichen Ressourcen, ahnten die Kolonisten freilich nichts von dem ungeheuren evolutionären Ereignis, das sich jenseits ihrer schützenden Meere vollzog. Eines Tages erschien die Magellan aus dem All, ein riesiges Raumschiff, das eine Million überlebende Flüchtlinge von der Erde an Bord hatte. Im Zusammenprall zweier ungleicher Kulturen drohte das paradiesische Idylle zu zerbrechen…